28.08.2000

GRÜNEDie Fünferbande

Ein Quintett grüner Politikerinnen bildet eine erfolgreiche Seilschaft in Berlin. Eine will nun Staatssekretärin werden, stößt in der SPD aber auf Widerstand.
Wenn Politiker in Ruhe kungeln wollen, dann verziehen sie sich gemeinhin in ein Penthouse abseits des Berliner Regierungsviertels. Mit Hilfe einer Batterie besserer Bordeaux-Weine wird bis zum frühen Morgen über anstehende Posten, Pläne und Intrigen palavert.
Die Fünferbande tagt ganz anders. Zuletzt trafen sich die grünen Frauen am helllichten Tag, um den Säugling einer von ihnen, Simone Probst, zu bestaunen.
Dennoch bildet das Quintett grüner Parlamentarierinnen derzeit eine bemerkenswert erfolgreiche Seilschaft in Berlin. Ob am Kabinettstisch, im Koalitionsausschuss, ob in Fraktion, Partei, wichtigen Ausschüssen oder großen Ministerien - überall hat eine der fünf Einblick und Einfluss.
Simone Probst, 32, ist Parlamentarische Staatssekretärin beim grünen Umweltminister Jürgen Trittin, Kristin Heyne, 48, ist Fraktionsgeschäftsführerin und gehört dem Parteivorstand an. Andrea Fischer, 40, hat es gar bis zur Gesundheitsministerin gebracht. Sozialexpertin Katrin Göring-Eckardt, 34, die von Arbeitsminister Walter Riester konsultiert wird, wenn ihn die verbohrten Verbände mal wieder piesacken, ist Stellvertreterin von Kristin Heyne im Fraktionsvorstand. Margareta Wolf, 43, kam jetzt als Parlamentarische Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium ins Gespräch.
Bisher hat das Erfolgsrezept der verschworenen fünf Grünen ziemlich gut funktioniert: Sie bedienen nicht das zählebige Frauenbild der herrschenden Herren, dem zufolge sich Politikerinnen mit sich selbst zu befassen haben, mit Karitativem oder Randgruppen, eben dem, was Bundeskanzler Gerhard Schröder "Gedöns" nennt.
Anders als ihre Kolleginnen aus den großen Volksparteien haben die fünf keine glatte Partei- oder Verbandskarriere hinter sich, sondern richtige Arbeit: Göring-Eckardt hat Theologie studiert, Heyne war Krankenpflegerin und Lehrerin, Probst ist Diplom-Physikerin, Wolf hat wie Fischer, die zuvor als Druckerin in Kreuzberg gearbeitet hatte, Volkswirtschaft studiert. Bis auf die Ministerin ziehen alle Kinder auf und lassen ihre meist wohlerzogenen Männer daheim die Familie organisieren. Sie reden nicht viel über Gleichberechtigung, sie nehmen sie sich einfach.
Zudem widerlegt die Fünferbande ein scheinbar ehernes Grundgesetz der Politik: dass Frauen nicht zur Seilschaft fähig seien, weil sie, quasi genetisch bedingt, immer gleich heulen und stets im falschen Moment entweder eifer- oder harmoniesüchtig sind. "Wir sind wohl etwas untypisch für den Bundestag", sagt Göring-Eckardt.
Die Erfolgstruppe fand sich bereits zu Oppositionszeiten. Als die West-Grünen 1994 wieder in den Bundestag durften, achtete der damalige Fraktionschef Joschka Fischer penibel darauf, dass seine Leute nicht nur für Frieden und Umwelt kämpften, sondern auch die harten politischen Themen lernten.
Bis zum Machtwechsel 1998 reifte Andrea Fischer zur Renten- und Gesundheitsexpertin, Wolf zur Wirtschaftskennerin mit Schwerpunkt Mittelstand, Heyne zur Fraktionsmanagerin und Probst zur Umweltspezialistin. Göring-Eckardt, damals noch nicht im Bundestag, übte schon mal als Fraktionsmitarbeiterin von Wolf. Treffpunkt war das Bonner Café Ludwig, Zusammenhalt schuf der "gemeinsame Spaß", erinnert sich Probst: "Bis heute sind wir zum Neid unfähig."
Als Anschauung diente den Damen dabei der klassische lila Block der Ökopartei, Frauen wie Fraktionschefin Kerstin Müller, die ihre Autorität allenfalls aus der Quote ableiteten. Zwar lassen sich nur drei - Wolf, Heyne, Göring-Eckardt - dem Realo-Flügel zuordnen, Fischer mehr der Mitte, Probst eher der Linken, aber in einem waren sie einig: "Lila und zickig", sagt eine von ihnen, wollten sie bestimmt nicht werden. Als abschreckend gilt auch das so genannte Hexenfrühstück, wo sich Hohepriesterinnen der Betroffenheit wie Antje Vollmer oder Marieluise Beck treffen.
Die seltene Mischung aus grün und pragmatisch, weiblich und kompetent in entscheidenden Themen bescherte der Fünferbande mit dem Regierungswechsel einen Karriereschub. Während sich Müller oder die schrille Claudia Roth unentwegt für große Posten ins Spiel brachten, kam das Quintett auch so zum Zuge.
Auch Wolfs Aufstieg war eigentlich von langer Hand geplant. Bereits seit einem Jahr bemüht sich Wirtschaftsminister Werner Müller um die Frankfurterin, die sich eher unspektakulär, aber eifrig um die Reform der Industrie- und Handelskammern oder den Aufbau eines Risikokapitalmarktes in Deutschland kümmerte.
Wolf bietet dem parteilosen Ressortchef und der Regierung gleich mehrere Vorteile. Zum einen wird die Kompetenz der Grünen auf dem Feld der Ökonomie gestärkt, dazu möchte Müller ein Bekenntnis für Rot-Grün abgeben.
Vor allem aber möchte er endlich einmal seinen ungeliebten Staatssekretär Siegmar Mosdorf (SPD) deckeln. Der Funktionär aus Schwaben, der gern den agilen Macher gibt, ist seit seiner herben Niederlage um die Spitzenkandidatur für die baden-württembergische Landtagswahl gegen Ute Vogt schwer angeschlagen. Falls Mosdorf nun eine grüne Frau beigeordnet würde, würde das seinen Plan erschweren, Müller eines Tages nachzufolgen.
Die Vorstellung, ganz nebenbei einen Sozialdemokraten zu treffen, gefiel der grünen Fünferbande prächtig: "Wir sind ja keine Feministinnen", sagt eine, "aber Mitleid mit Männern gibt's auch nicht."
Diesmal haben sich die grüne Seilschaft und ihr freundlicher Förderer, der parteilose Minister Müller, aber womöglich zu früh gefreut. SPD-Fraktionschef Peter Struck erteilte ihnen eine Lektion im Strippenziehen für Fortgeschrittene. Er ließ das Kanzleramt wissen, dass er bei der Nummer nicht mitspielen werde. Entweder bekomme ein SPD-Abgeordneter den Staatssekretärssessel bei Müller - der Berliner Wirtschaftspolitiker Ditmar Staffelt oder die junge Birgit Roth -, oder aber die Grünen müssten anderswo in der Regierung, zum Beispiel bei Umweltminister Trittin, einen grünen Staatssekretärsposten für einen SPD-Mann räumen.
Struck hat gute Argumente: Der Zuschnitt des Kabinetts ist im Koalitionsvertrag festgeschrieben. Er kann nur mit der Zustimmung beider Partner verändert werden.
Eine andere Überlegung dürfte den Kanzler noch stärker überzeugen. Die wegen der umstrittenen Rentenreform ohnehin grummelnden SPD-Abgeordneten könnten womöglich die Gelegenheit ergreifen, um auf einem Nebenschauplatz ihren Unmut loszuwerden. Viele SPD-Abgeordnete folgen den Vorgaben von oben, weil sie hoffen, irgendwann mit einem hoch dotierten Posten als Parlamentarischer Staatssekretär belohnt zu werden. Falls die Grünen mit dem Sahnejob abzögen, würde es Proteste hageln.
So wird Wolfs Beförderung diese Woche bei einem Dreiergipfel Schröders mit Struck und Müller wohl auf Eis gelegt, mindestens bis die Rentenreform im Bundestag verabschiedet ist. Eine rasche Lösung gäbe es nur nach bekanntem Muster: Schröder spendiert zwei neue Staatssekretärsposten - für SPD und Grüne je einen.
HAJO SCHUMACHER
Von Hajo Schumacher

DER SPIEGEL 35/2000
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