28.08.2000

Orgie am 14. Juli 2002 um 14 Uhr

Erfolg nach 20 Jahren Umweltschutz: Deutschlands Flüsse haben sich erholt.
Horrorbilder verschreckten das Fernsehpublikum: Aus Elbaalen wucherten Geschwulste ("Blumenkohlkrankheit"), Flundern waren entstellt durch Fäulnisflecken ("Himbeerkrankheit"). Und wann immer der trübe Strom wegen Sauerstoffmangels umkippte, trieben tonnenweise tote Fische ans Ufer.
Ungeklärte Abwässer hatten die Elbe Anfang der achtziger Jahre in eine Kloake verwandelt. Die letzten Berufsfischer landeten fast nur noch Aale und Stinte an, die nach Phenol stanken und mit Quecksilber und Pestiziden vergiftet waren. Wer die eklige Ware dennoch vermarktete, riskierte Ordnungsstrafen bis zu 50 000 Mark.
Nach einer Umfrage war die Elbverschmutzung damals in Hamburg das Ärgernis Nummer eins, weit vor Arbeitslosigkeit und Luftverpestung. Demonstranten riefen: "Alle woll'n dasselbe - baden in der Elbe."
Kaum 20 Jahre nach der Protestwelle hat sich in den Fluten des Flusses ein blaues Wunder vollzogen. "In der Elbe ist wieder Leben drin wie vor 100 Jahren", meldet Werner Hentschel, Chef des Landschaftsschutzgebietes Elbsandsteingebirge.
Insgesamt 93 Fischarten tummeln sich wieder zwischen Quelle und Mündung. "Die Patientin Elbe hat die Intensivstation längst verlassen", bestätigt Professor Heinrich Reincke, Leiter der Wassergütestelle Hamburg. Jüngst hat Reincke 5 seiner 17 Messstationen schließen lassen: Gifte wie Chlorkohlenwasserstoffe oder Quecksilber im Elbwasser sind um 98 Prozent reduziert worden - teils bis unter die Nachweisgrenze.
Zurückzuführen ist die Genesung der Elbe nicht allein auf die Schließung umweltverpestender DDR-Kombinate, die nach der Wende platt gemacht wurden. Seit 1990 sind entlang dem Fluss mehr als 160 Kläranlagen entstanden, 36 davon in Tschechien. Gülle- und Pestizid-Einträge wurden reduziert, und auch die 222 Schutzgebiete, die den Fluss mittlerweile zwischen Riesengebirge und Nordsee säumen und in denen Storch und Biber gedeihen, tragen zur Erholung bei.
Ähnlich erstaunliche Erfolge wie an der Elbe sind überall in Deutschland erzielt worden. Wo einst aus verborgenen Rohren schillernde Brühe quoll, sind mit enormem Aufwand (pro Jahr bis zu 8,5 Milliarden Mark) Abwässer geklärt und Ufer renaturiert worden.
Beispiel Rhein: Seit eine Ministerkonferenz der Anliegerstaaten 1987 ein umfangreiches Aktionsprogramm beschlossen hat, stieg die Sauerstoffsättigung von 60 auf 94 Prozent, die Artenzahl bei Fischen von 23 auf 45, bei Kleinstlebewesen von 27 auf 150.
Selbst die übelsten Abwasserkanäle haben sich erholt. Die Ruhr im gleichnamigen Gebiet liefert heute Trinkwasser für fünf Millionen Menschen. Einst transportierte der Fluss Zeitgenossen zufolge eine "trübe braunschwarze Brühe, aus der überall Gasblasen aufsteigen".
Die Werra, in die DDR-Kaliwerke früher pro Sekunde bis zu 180 Kilogramm Chlorid leiteten, speist dank moderner Filtertechnik wieder Süßwasser in die Weser. Salzpflanzen, die sich dort angesiedelt hatten, sterben aus.
Entwarnung mögen Gewässerexperten trotz alledem nicht geben. An der Elbe sind sommerliche Fischsterben durch Sauerstofflöcher nach wie vor nicht auszuschließen. Tschechiens Industrie, so die Spol-Chemie in Aussig, emittiert noch immer gefährliche Chlorverbindungen. Und obwohl Hamburgs grüner Umweltsenator Alexander Porschke den "gelegentlichen Verzehr" selbst geangelter Fische mittlerweile für vertretbar hält, bereiten ihm Gifte wie Tributylzinn, das in Schiffsfarben enthalten ist, weiterhin Sorgen.
Dennoch überwiegt bei den Gewässerschützern der Optimismus; schon bald soll überall gebadet werden können wie bisher schon in der Stör und anderen Elbnebenflüssen. Das Ökoprojekt "Lebendige Elbe", getragen von der Deutschen Umwelthilfe und dem Verlag Gruner+Jahr, plant bereits einen "Ersten Internationalen Elbe-Volksschwimm- und Badetag": Am 14. Juli 2002 sollen "10 000 Menschen um 14 Uhr gemeinsam in die kühlen Fluten springen" - als "Zeichen für die Versöhnung mit der dann endgültig sauberen Elbe".
Projektleiter Roberto Epple freut sich schon: "Das wird eine Orgie des Badens."

DER SPIEGEL 35/2000
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