28.08.2000

VERKEHRErheblicher Effekt

Die Autofahrer klagen über den Benzinpreis. Doch Fahrkurse mit Tipps zum Spritsparen stoßen kaum auf Interesse.
Gerade kochte die "Benzin-Wut" ("Bild") auf den "Benzin-Wahnsinn" ("Bild") am höchsten, machte die "Benzin-Walze" mit neuer "Benzin-Abzocke" ("Bild", "Bild") das deutsche Autofahrerland so richtig platt. Da wollte auch der ADAC nicht länger tatenlos zusehen.
Anfang Juni bot die Lenker-Lobby in ihrer Hauspostille "ADAC-Motorwelt" einen Spritsparkursus in Potsdam an, mit dem geschröpfte Mitglieder den Durst ihrer Autos ganz leicht um 25 Prozent reduzieren könnten. Das Ergebnis: Von rund einer Million angeblich Abgezockter im ADAC-Gau Berlin-Brandenburg meldete sich genau einer.
Kein Einzelfall, sondern die Regel: Während in der schönen neuen Wut über die Ölmultis jeder Pfennig Preiserhöhung als Kriegserklärung angenommen wird, will von den Sparkursen kaum ein Motzki etwas wissen. Ob große Autohersteller wie Ford, BMW oder Mercedes, ob der ADAC oder die Deutsche Verkehrswacht: Alle bieten sie inzwischen ein so genanntes Eco-Training an, im günstigsten Fall schon für 90 Mark. Aber anders als die Schleuderkurse, die fast immer ausverkauft sind, laufen die Sparlehrgänge als Orchideenfach. Oder gleich ins Leere: Audi hat aufgegeben - auf eine Offerte an 60 000 Kunden kamen nur vier Rückmeldungen.
Dabei ist der Erfolg der Methode unbestritten, der Effekt so erheblich, dass damit die nächste Stufe der Steuerreform - sechs Pfennig mehr je Liter ab Januar 2001 - ebenso leicht wegzustecken wäre wie eine neue Preisrunde der Mineralölkonzerne.
Denn moderne Motoren, das garantieren alle Autohersteller, lassen sich schon unter 2000 Umdrehungen hoch schalten und bei Tempo 30 im vierten, bei Tempo 50 bis 60 im fünften Gang fahren. "Das geht, und dann verbrauchen sie am wenigsten", predigt der Heidelberger Eco-Trainer Ulrich Pfeiffer, der jetzt die Bonner Fahrer des Umweltministeriums auf Sparkurs brachte.
Weitere Tipps für 20 bis 30 Prozent weniger Spritverbrauch: bergauf im höchstmöglichen Gang; bergab nie mit dem Motor, sondern per Pedal bremsen; Pufferabstand zum Vordermann halten; bei Kurzstopps, auch an Ampeln, die Zündung aus.
Landläufige Warnungen vor Motorinfarkt oder Mordsverschleiß bei dieser Fahrweise nennt der Geschäftsführer der Deutschen Verkehrswacht, Rainer Hessel, "dummes Zeug". Peter Glowalla, Vize der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände, die 114 Mitglieder aufs Sparfahren geschult hat, versichert außerdem, dass die Eco-Tour kaum langsamer ist: "Wir sind ja keine Umweltspinner."
Trotzdem ist das Interesse der Autofahrer "mückeklein", wie Glowalla zugibt. BMW kommt im Jahr auf 600 Teilnehmer, Mercedes auf 800. Ford könnte im Jahr sogar mehr als 150 000 Fahrer durch sein neues Programm schleusen; binnen zwei Monaten meldeten sich aber nur etwa 50. Dabei hat sich gerade Ford Mühe gegeben und in der ersten Studie dieser Art festgestellt, dass der Lerneffekt solcher Kurse bei zwei Dritteln aller Teilnehmer auch ein Jahr danach noch den Fahrstil prägt.
"Offenbar ist der Leidensdruck beim Autofahrer noch nicht hoch genug", resigniert Kay Schulte, Referent beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat. In München waren 14 Autohäuser Ende 1998 sogar auf Gratiskursen für Kunden sitzen geblieben.
Schuld daran haben nicht nur die Anbieter, die zu wenig für ihr Fahrtraining werben, und die Gasfuß-Fetischisten mit dem Heckaufkleber "Follow me - if you can", die sich von keinem Spritpreis stoppen lassen. Auch die Politik patzt: Noch bis Ende 1998 mussten Fahrschüler in der Theorie-Prüfung ankreuzen, dass ein Auto im mittleren Drehzahlbereich am wenigsten verbraucht - völlig falsch.
Selbst Umweltminister Jürgen Trittin steht nicht für die Energiewende auf Deutschlands Straßen. Zwar lobte Trittin das Eco-Fahren jetzt als praktizierten Klimaschutz und würdigte das Training für seine Bonner Chauffeurtruppe in 23 blumigen Zeilen. Noch im April 1999 war der Minister aber weniger begeistert: Damals hatte die Deutsche Verkehrswacht angefragt, ob Trittin von Amtsvorgängerin Angela Merkel die Schirmherrschaft über die Eco-Aktion "Fahr und spar mit Sicherheit" übernehmen werde. Die Absage war zweizeilig. JÜRGEN DAHLKAMP
Von Jürgen Dahlkamp

DER SPIEGEL 35/2000
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