28.08.2000

ATOMKRAFTProjekt von vorgestern

Nahe der bayerisch-tschechischen Grenze geht ein neuer Reaktor in Betrieb - deutsche Experten halten die Anlage für ein Sicherheitsrisiko.
Der Haupteingang des nationalen Tschechischen Energie Unternehmens (CEZ) an der Jungmannova 29 in der Prager Innenstadt sieht beeindruckend aus: polierter Marmor, ausladende Treppen, schwere Sicherheitsdrehkreuze - alles sehr solide.
Wesentlich weniger Vertrauen erweckt dagegen das jüngste Großprojekt der CEZ, der südböhmische Nuklearreaktor Temelín I. Der Abschlussbericht der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln über den russischen 981-Megawatt-Meiler vom Typ WWER 1000 kommt zu einem vernichtenden Urteil. Das Kraftwerk - nur 70 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt - ist demzufolge ein Risiko für Mensch und Umwelt. Trotzdem wollen die Betreiber den Reaktor in den nächsten Tagen hochfahren; vor allem deutsche Anbieter von Billigstrom sorgen für reichlich Nachfrage.
Die Kölner Atomexperten hatten sich den Meiler im Auftrag des Bundesumweltministeriums angesehen. Ihr Bericht zählt diverse "offene Sicherheitsfragen" auf. So sei:
* die Zuverlässigkeit wichtiger Sicherheitsventile nicht nachgewiesen;
* keine ausreichende Vorsorge gegen den Bruch von Speisewasser- und Dampfleitungen getroffen worden;
* die Batteriekapazität für die Notstromversorgung im Pannenfall unzureichend.
Angesichts dieser Sicherheitsbedenken sei das geplante Anfahren des Reaktors nicht vertretbar. "Dieses Projekt von vorgestern trägt nicht dazu bei, eine zukunftsweisende Energieversorgung in Tschechien aufzubauen", urteilt Bundesumweltminister Jürgen Trittin. Der Grüne hat die Tschechen gebeten, noch einmal die Argumente der deutschen Atomaufsicht abzuwägen.
Zu spät. "Der Reaktor Temelín ist eine gute und billige Energiequelle, an der es keine Zweifel gibt", urteilt CEZ-Chef Jaroslav Mil. Die deutschen Bedenken seien "nicht verständlich".
Mil ließ bereits die 163 Brennelemente installieren. Mitte des Monats hatte die Atombehörde die Prüfungen für Primärkreislauf, Sicherheitsbehälter sowie die Umleitungen zum Dampferzeuger abgeschlossen. "Die erste Kettenreaktion erwarten wir in diesen Tagen", sagt Temelín-Manager Milan Nebesár.
Damit geht erstmals seit rund zehn Jahren in Grenznähe wieder ein Atommeiler ans Netz. Der russische Oldie, Baubeginn 1987, wurde freilich mit West-Technik für fast fünf Milliarden Mark nachgerüstet. Die US-Firma Westinghouse lieferte unter anderem die Leittechnik und den Reaktorkern samt der Brennelemente. Damit sei Temelín I eines "unserer modernsten Kernkraftwerke" geworden, sagt CEZ-Manager Ladislav Kriz. Westinghouse-Nuklearkonkurrent Siemens, erfahren im Nachrüsten russischer Reaktoren, sieht das etwas kritischer: GRS-Beanstandungen habe es bei Siemens-Projekten im Osten nie gegeben. "Mit unserer Technik wäre das nicht passiert", sagt Siemens-Mann Wolfgang Breyer.
Seit 1990 hat ein Dutzend internationaler Nuklearkommissionen aus den USA, Großbritannien, Italien, Frankreich, Japan sowie Deutschland den ost-westlichen Nuklearzwitter Temelín besucht. Über eine Videokamera überwacht auch die Internationale Atomaufsichtsbehörde IAEA in Wien den Sicherheitsbereich.
Ernsthafte Sorgen machten sich bislang nur die Fachleute aus den Nachbarländern Österreich und Deutschland: Der Kölner GRS-Sprecher Heinz-Peter Butz urteilt, dass "ohne die Beseitigung der ermittelten Defizite das Kernkraftwerk in Deutschland nicht genehmigungsfähig" wäre. Ausgerechnet bei der Inspektion durch die tschechische Atomaufsicht am vergangenen Donnerstag fiel im Betrieb der Strom aus - ein Notaggregat musste den Meiler versorgen.
Nach Einschätzung von Greenpeace wird Temelín für den tschechischen Strombedarf keineswegs gebraucht. Es gehe vor allem um Geld, unterstellt Greenpeace-Atomexperte Veit Bürger, um "lukrative Stromexporte aus Risikomeilern zu Dumpingpreisen".
Der Verdacht liegt nahe. So verdreifachten die deutschen Energiekonzerne wie das Bayernwerk, jüngst fusioniert mit der PreußenElektra zum Konzern E.on, in diesem Jahr ihre Strombezüge aus Tschechien. Auch finanzieren deutschen Stromversorger eine neue Trasse, die künftig mehr Billig-Energie aus der Ukraine - Standort des Reaktors Tschernobyl - und anderen osteuropäischen Ländern herbeischaffen kann.
Bayernwerk-Direktor Dieter Brosche, für den die "Kernkraft vor einer Renaissance steht", hatte bei einer Visite in Temelín Anfang August einen "guten Eindruck" von dem Reaktor. Alles andere wäre auch unschön für seine Pläne.
Denn dass die Zukunft der Atomwirtschaft nach dem Ausstiegsbeschluss der Regierung Schröder jenseits der Grenzen liegt, ist für Brosche ausgemacht: Man suche sich bis 2020 im Ausland Partner für neue Nuklearprojekte, "das kann uns die Regierung nicht verbieten". SEBASTIAN KNAUER
Von Sebastian Knauer

DER SPIEGEL 35/2000
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