28.08.2000

ENERGIETeurer Winter

Die Gaspreise ziehen kräftig an - und das ist erst der Anfang: Die Verbraucher werden sich an höhere Heizkosten gewöhnen müssen.
Für Installateure war es ein Bombengeschäft. Millionen Hausbesitzer motteten in den vergangenen Jahren für einige tausend Mark ihre Heizöltanks ein und ließen Erdgaskessel einbauen. Die neue Energiequelle schien ihnen sauber, bequem und günstig zu sein.
Nach der nächsten Heizkostenrechnung werden viele diesen Schritt vermutlich bereuen. Überall im Land kündigen Stadtwerke und Energieversorger derzeit an, die Preise für Erdgas drastisch zu erhöhen. In Berlin verlangt die Gasag seit Anfang August 10 Prozent mehr, in Essen heben die Stadtwerke den Preis ab Oktober um 12 bis 15 Prozent an, in Hamburg hat Hein Gas in acht Monaten Erdgas dreimal verteuert - insgesamt fast 35 Prozent mehr.
"Verbraucher, zieht euch schon mal gaaaanz warm an", warnt die "Bild"-Zeitung ihre Leser, "für viele von uns wird's ein irre teurer Winter."
Eine Trendwende ist praktisch ausgeschlossen, im Gegenteil: Die rund 15 Millionen Gasheizungsnutzer in Deutschland müssen sich auf einiges gefasst machen.
Mit einigen Monaten Verzögerung folgen die Gaspreise üblicherweise den Preisen von Öl, und die sind in den vergangenen Wochen auf ein Zehnjahreshoch gestiegen. Inzwischen kostet das Barrel gut 30 Dollar, dreimal mehr als vor 18 Monaten: Die Förderländer halten den Rohstoff knapp, die Vorräte vor allem in den USA schmelzen dahin.
Das Seltsame daran: Die Gaspreise sind von jeher an den Ölpreis gekoppelt, obwohl das eine Geschäft mit dem anderen nicht allzu viel zu tun hat. Während die herausragenden Ölproduzenten Saudi-Arabien, Iran, Vereinigte Arabische Emirate und Kuweit heißen, liegen die mit Abstand weltgrößten Gasfelder in Russland. Auch in der Förderung, im Transport und in der Veredelung unterscheiden sich beide Rohstoffe grundsätzlich voneinander - und dennoch gilt die Ölpreisbindung.
Der Grund für diese Abhängigkeit liegt gut eine Generation zurück. Als Anfang der sechziger Jahre die ersten größeren Gasfelder erschlossen wurden, war Energie noch gleichbedeutend mit Kohle und vor allem Rohöl - Gas spielte so gut wie keine Rolle. Für die Versorgerwirtschaft bedeutete es damals ein erhebliches Risiko, in einen neuen Energieträger mit ungewisser Zukunft zu investieren. Immerhin musste ein internationales Versorgungsnetz aufgebaut werden. Um mit halbwegs sicheren Preisen kalkulieren zu können, koppelte man in den Verträgen mit den Lieferanten also kurzerhand den Preis für Gas an den für Öl.
Diese Behelfslösung erweist sich heute als Segen für die Gaswirtschaft. Die Investitionen ins Versorgungsnetz haben sich längst amortisiert, doch an der lukrativen Preisbindung halten die Unternehmen weiter fest. "Damit ist die Gaswirtschaft bislang hervorragend gefahren", sagt Dieter Schmitt, Energiewissenschaftler in Essen.
Kein Wunder, denn der tradierte Preismechanismus funktioniert nur in eine Richtung: Sobald der Ölpreis steigt, zieht der Gaspreis nach, fällt dagegen der Preis für Öl, sinkt der Preis für Gas allenfalls geringfügig (siehe Grafik). "Der liegt dann fest wie ein Balken", wundert sich Günther Jäckel, Geschäftsführer des Brennstoff- und Mineralölhandelsverbands.
Nun aber soll Bewegung in den Markt kommen, der bislang noch keiner war. Die Europäische Union hat den Ländern der Gemeinschaft auferlegt, das Geschäft mit Gas zu liberalisieren. Nach Telekommunikation und Strom soll eine weitere Bastion fallen, die bislang von einem Oligopol beherrscht wurde.
Doch mehr als ein schöner Wunsch ist das - noch - nicht. Anstatt die Vorgaben der EU ernst zu nehmen und verbindliche Regelungen für den Wettbewerb zu schaffen, legte Deutschland vor wenigen Tagen lediglich eine schwammige Vereinbarung vor, die überdies auch noch von den Interessenvertretern der Gasversorger und der Industrie ausgehandelt wurde.
In dieser so genannten Verbändevereinbarung wird zwar festgeschrieben, dass die heutigen Monopolisten ihre Leitungen auch Wettbewerbern zur Verfügung stellen müssen. Anders jedoch als auf dem boomenden Telefonmarkt, auf dem eine eigenständige Regulierungsbehörde Preise und Verfahren für die Nutzung von Telekom-Leitungen durch Wettbewerber vorschreiben und überwachen kann, müssen Neulinge auf dem Gasmarkt diese Konditionen nach einem hochkomplizierten Regelwerk und Verteilerschlüssel mit jedem einzelnen der rund 700 Gasversorgungsbetriebe in Deutschland selber aushandeln.
"Ein Martyrium", räumt selbst ein hochkarätiger Manager eines Gaskonzerns aus dem Ruhrgebiet ein, "dem sich wohl kaum ein Angreifer unterziehen wird."
Zwar will die EU die eigenwillige Vereinbarung nicht hinnehmen. Aber bis auf dem deutschen Gasmarkt wirklich Wettbewerb herrscht, wird noch viel Zeit vergehen. FRANK DOHMEN, ALEXANDER JUNG
Von Frank Dohmen und Alexander Jung

DER SPIEGEL 35/2000
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