28.08.2000

KONJUNKTUR„Mühelos torpediert“

Der Wirtschaftsweise Horst Siebert über Euro-Schwäche, Wachstumsprognosen und Reformstau
Siebert, 62, ist Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.
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SPIEGEL: Herr Professor Siebert, die Konjunktursignale sind höchst widersprüchlich. Die Bundesbank meldet ein Wachstumsplus. Eine Umfrage des Ifo-Instituts hingegen besagt, dass sich die Zukunftserwartungen der Firmen verdüstern. Wie passt das zusammen?
Siebert: Die Wahrheit liegt in der Mitte. Es sieht so aus, dass die Wachstumsdynamik ihren Scheitelpunkt erreicht hat. Die Konjunktur geht nun in eine Seitwärtsbewegung über.
SPIEGEL: Ist der Aufschwung demnach vorbei, ehe er richtig begonnen hat?
Siebert: Zumindest wird der Stimulus durch die Weltkonjunktur nicht weiter zunehmen. Die Exporte steigen nicht mehr so stark, die Ölpreise ziehen an. Wir erwarten, dass die Wirtschaft dieses Jahr um 2,7 Prozent wächst, nächstes Jahr ebenfalls.
SPIEGEL: Die Wachstumshoffnungen, die mit der Steuerreform verknüpft waren, erweisen sich also als übertrieben?
Siebert: Nein. Wenn die Reform nicht gekommen wäre, hätte das mit Sicherheit eine bremsende Wirkung gehabt. Allerdings wird oft nicht beachtet, dass die Regierung zwar Bürger und Unternehmen um über 60 Milliarden Mark entlastet, zugleich aber auch die Abschreibungsbedingungen für Firmen verschlechtert. Das bremst natürlich die Investitionsfreude.
SPIEGEL: Sparkurs und Steuerreform allein reichen aber offenbar nicht aus, um die Wirtschaft in Gang zu bringen?
Siebert: Ganz gewiss nicht. Das Grundproblem ist, dass wir im Gegensatz zu den USA noch nicht auf einen dauerhaft höheren Wachstumspfad eingeschwenkt sind. Die USA hatten in den letzten fünf Jahren ein durchschnittliches Wachstum von vier Prozent, Deutschland dagegen musste sich mit 1,5 Prozent begnügen.
SPIEGEL: Wie ließe sich das ändern?
Siebert: Erstens muss die Rentenreform gelingen; das ist keineswegs ausgemacht. Zweitens ist eine Strukturreform auf dem Arbeitsmarkt nötig. Bei uns werden Arbeitslose immer noch diskriminiert: Die Gesetze schützen Job-Besitzer vor Wettbewerb durch Außenstehende. Drittens ist ein umfassender Umbau der Hochschulen nötig.
SPIEGEL: Erwarten Sie noch in dieser Legislaturperiode eine Reform des Arbeitsmarktes in Ihrem Sinne?
Siebert: Die Pläne für das Betriebsverfassungsgesetz gehen eher in die entgegengesetzte Richtung: mehr Regulierung, nicht weniger. Wenn die Bundesregierung nur den Einfluss der Betriebsräte stärken will, hilft das nicht der New Economy.
SPIEGEL: Was passiert, wenn diese Reformen nicht angepackt werden?
Siebert: Dann müssen wir uns im Vergleich mit den USA mit einem niedrigeren Wachstumspfad begnügen. Und das ist ungünstig für den Euro.
SPIEGEL: Warum ist die Europäische Zentralbank derzeit nicht in der Lage, den Kursverfall zu stoppen?
Siebert: Die Geldpolitik kann durch Fehler und unbedachte Äußerungen der Politik mühelos torpediert werden; schließlich reagieren die Finanzmärkte sehr sensibel. Wenn etwa der französische Finanzminister Laurent Fabius jetzt vorschlägt, die Regierungen sollten sich stärker in die Geldpolitik einmischen, erweist er dem Euro einen Bärendienst. Ein wenig erinnert das an Oskar Lafontaine.
SPIEGEL: Sollte die EZB die Zinsen erhöhen, um den Euro zu stabilisieren?
Siebert: Der Außenwert der Währung sollte nicht als Anker der Geldpolitik dienen, das können nur kleine Länder wie Estland machen. Entscheidend ist der Binnenwert. Da sich im Euro-Raum aber gewisse Inflationsgefahren ausmachen lassen, ist eine neuerliche Zinserhöhung bald notwendig.
SPIEGEL: Könnte das nicht den Aufschwung in Europa abwürgen?
Siebert: Nein. Denn wir sollten eines bedenken: Wenn die Geldpolitik heute reagiert, wirkt das erst mit einer Verzögerung von zwei bis drei Jahren auf die Inflation. Die EZB muss sich um die Preise von morgen kümmern. Nur dann haben wir auch in zwei Jahren noch stabiles Geld in Europa. INTERVIEW: ULRICH SCHÄFER
Von Ulrich Schäfer

DER SPIEGEL 35/2000
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