28.08.2000

Dirty Dreams

Die moderne Massenmediengesellschaft des 21. Jahrhunderts macht es uns nicht leicht. Gott ist tot, und jetzt sollen wir ganz alleine unterscheiden zwischen Gut und Böse, Gehtgeradeebennoch und Jetztabernichtmehr - und wissen es doch selber nicht. Ob bei "Big Brother" oder der Gentechnologie, Libero oder Viererkette, Gesundheitsreform, rechtsextrem oder rechtsradikal - die feinen Unterschiede sind entscheidend.
Nach dem Streit in der Löffler-Affäre über Sex in der Literatur geht es nun um Pornografie im Fernsehen. RTL II, Deutschlands Rubbelsender Nummer eins, wehrt sich mit einer Klage vor dem Verwaltungsgericht Kassel gegen einen "Untersagungsbescheid" der hessischen Landesmedienanstalt. Die hatte bei sieben von RTL II ausgestrahlten "Erotikfilmen" mit Titeln wie "Intime Ekstasen", "Dirty Dreams" und "Paradies der Lust" moniert, sie erfüllten den Tatbestand der Pornografie, da sie "überwiegend auf die Aufreizung des Sexualtriebs" zielten und denselben "verabsolutierten". Nun herrscht Ratlosigkeit auch im schönen Kassel: Was also sind "zulässige Erotikfilme" (bei denen Sex auch im Mittelpunkt steht) und was pornografische Streifen (bei denen "austauschbare Sexualobjekte" vorgeführt werden)? Sind Sexualobjekte nicht immer irgendwie und wenigstens ein Stück weit austauschbar (selbst Literaturkritikerinnen sind es ja)? Ist bei Filmkunstwerken mit Titeln wie "Intime Ekstasen" und "Spiele der Wollust" die Verabsolutierung des Geschlechtstriebs nicht doch einigermaßen vorhersehbar? Und was ist eigentlich schlimm an der "Aufreizung des Sexualtriebs" in dieser kalten, gefühllosen Gesellschaft? Schließlich: Was genau ist eigentlich Pornografie auf der nach unten offenen Alice-Schwarzer-Skala? Maßlose Obszönität oder das Ausmaß innerer Erregung in der hessischen Landesmedienanstalt? Unabweisbar: Wir brauchen eine autonome Bundesmedienerotikbehörde. Herr Kulturstaatsminister, übernehmen Sie!

DER SPIEGEL 35/2000
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