28.08.2000

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Vanya on 42nd Street Montag, 22.55 Uhr, Arte
Der knubbelige, kurzbeinige Kerl, dem ein Kugelkopf zwischen den Schultern sitzt, wirkt beinahe wie ein Stadtstreicher, wenn er in den ersten Bildern dieses Films die schmuddelige 42nd Street hinabstiefelt. Man wundert sich nicht, wenn er sich in ein düsteres Bauwerk schiebt und sich dort auf eine Holzbank zu einem Nickerchen bettet. Doch während er noch zu träumen scheint, ist man schon woanders, auf einem russischen Landgut vor hundert Jahren, denn unversehens hat schon das Stück begonnen, das einzige der Weltliteratur, für dessen Titelrolle Wallace Shawn wie gemacht ist: Tschechows "Onkel Wanja", die Geschichte vom Pechvogel, der sein Leben lang auf eigene Ambitionen verzichtet hat, um als Gutsverwalter für den Lebensstil seines blind verehrten Schwagers zu ackern. Seit 1989 hatte Shawn sich mit seinem alten Freund Andre Gregory als Regisseur in langen Proben an das Stück herangearbeitet, dann wurde es in einem kleinen Haus vor wenigen Zuschauern gezeigt und gewann rasch den Ruhm eines Theaterwunders. Mit Demut und Emphase verewigte 1994 der französische Filmemacher Louis Malle das Theaterereignis für die Leinwand - es war Malles letztes Werk.
Ein Tag im September Donnerstag, 20.15 Uhr, ARD
Am 5. September 1972 überfielen acht palästinensische Terroristen die israelische Olympiamannschaft und schockten die Welt, die bis dahin die friedlichen und bunten Spiele von München bewundert hatte. Arthur Cohn, Produzent dieser englisch-schweizerischen Dokumentation, erinnert an die schrecklichen Tage. Erstaunlich erscheint von heute aus gesehen die totale Hilflosigkeit der deutschen Polizei, die nicht verhindern konnte, dass bei einem längeren Schusswechsel auf dem Flugplatz von Fürstenfeldbruck alle Geiseln starben. Positiv fällt auf, dass dieser Film den Opfern ein Gesicht verleiht. Ein paar melodramatische Effekte wie die übertrieben sentimentale Musik hätte sich der sehenswerte Bericht allerdings sparen können.
Kurz und schmerzlos Freitag, 23.20 Uhr, ZDF
Dem deutsch-türkischen Regisseur Fatih Akin, 27, gelang ein eindrucksvolles Debüt: ein Multikulti-Thriller ohne platte Sozialkritik, stattdessen voller Witz und Lakonie.
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Liebestod Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD
Der Fluch der bösen Tat sei, bemerkt Schiller, dass sie "fortzeugend immer Böses muss gebären". Die Autoren Bernd Schadewald und Donald Kraemer halten sich streng an dieses Wort des Dramatikers: Aus dem Fehltritt der jungen verheirateten Frau Julia (Ina Weisse) mit einem Maler wird eine immer größere Katastrophe. Der Selbstmord einer anderen Geliebten des Künstlers ruft Julias Ehemann Robert (Henry Hübchen) auf den Plan: Der ermittelt mit seinem Assistenten Völkl (Leonard
Lansink) in dem Suizidfall. Robert kommt allmählich hinter die Affäre seiner Frau, die von dem Maler ein Kind erwartet. Der Kommissar, von blinder Wut getrieben, bringt seinen Nebenbuhler und eine weitere Frau um, die er versehentlich für seine eigene gehalten hat. Nach einer Wiederannäherung mit Julia begeht der Gesetzeshüter weitere Morde, um die erste Tat zu vertuschen. Der hochdramatisch fotografierte Film (Regie: Stephan Wagner) scheitert, weil seine Figuren bloße Behauptungen sind. Warum der melancholische Kommissar zum Berserker wird, vermögen weder Hübchen noch das Drehbuch glaubhaft zu zeigen. Voller Wehmut denkt der Zuschauer an Schadewalds glanzvolle Regiearbeit beim "Hammermörder" zurück, in der ein Polizist aus Geldnot mordet - eine ungleich subtilere TV-Tragödie.
Helden und andere Feiglinge
Samstag, 20.15 Uhr, Sat.1
Auf den Nummernschildern der Polizeiautos steht "BUL-LE 110" oder BÖ-SE", ständig wird durch geschlossene Türen geballert oder mit einem Schwert gestoßen, und die Darsteller, unter ihnen solche Sympathieträger wie der schöne Ralf Bauer oder die schöne Carin C. Tietze, müssen schwach kalauernde Dialoge wie den sprechen: "Ich heiße Alex", worauf die Frau antwortet: "Ich nicht". Der Film von Dennis Satin (Buch und Regie) versucht sich als Gaunerkomödie vom großsprecherischen Gernegroß, der leidvoll erfahren muss, was es heißt, sich in eine professionelle Räuberin zu verknallen. Leider bleiben alle Schauspieler ebenso konturlos wie die Orte, an denen die wirre Handlung spielt - von überall grüßen die Kulissen. Zu Recht fragt "epd", von welchen guten Geistern die Filmförderungsanstalten verlassen waren, als sie für dieses Movie Geld gaben.

DER SPIEGEL 35/2000
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