28.08.2000

UNTERHALTUNGSommercamp für Lachsäcke

Der Comedy-Boom im Fernsehen nimmt kein Ende: Die Sender setzen auf neue Crossover-Formate, in denen sie Frohsinn mit Reality-TV, Drama und Spielshows mischen - und ziehen in einer eigenen Komikerschule neue Künstler heran.
Die Königin trägt Leggings und ein voluminöses T-Shirt. Ihr langes Haar ist zerwühlt, nicht mal eine Krone hat sie auf dem Kopf. Dennoch sitzt die Zausel-Queen hoheitsvoll auf einem Klappstuhl und hält Hof. Neun Männer wieseln um sie herum und machen sich für sie zum Narren. Sie müssen sich, so will es die Spielregel, Ihrer Majestät so untertänig wie möglich nähern und sie - bestenfalls - zum Lachen bringen.
Die Männer bitten und betteln, machen Witzchen, kriechen auf dem Boden oder schneiden Grimassen. Das Ganze wirkt wie ein Freizeitspaß für Spätinfantile oder das Rollenspiel einer Managertruppe auf der Suche nach verschütteten Kindergartenphantasien - und ist doch harte Arbeit.
In der Studiobühne des Kaiserhof-Theaters am Kölner Hohenzollernring lernen zehn Kleinkünstler beim "Königin-Spiel" die hohe Kunst der Komik. Die Köln Comedy Schule hat für ihre "Sommerakademie" John Hudson engagiert, einen der renommiertesten Improvisationstrainer der Welt. Der Neuseeländer soll mit der Gruppe, allesamt schon professionelle und mehr oder weniger erfolgreiche Kleinkünstler, die Grundlagen des Humor-Handwerks pauken.
Mit dem Majestäten-Mumpitz etwa will Hudson bei seinen Seminaristen das Gespür für hohen und niederen Sozialstatus wecken. Denn im Spiel mit der gesellschaftlichen Fallhöhe, so erklärt er, stecke immer komisches Potenzial. Wenn ein arroganter Anzugträger auf einer Bananenschale ausrutsche, sei das komisch, stürze ein sozialer Niemand, sei es höchstens traurig.
Der Sommerkurs der Köln Comedy Schule ist bei Profi-Spaßmachern höchst beliebt - als Kaderschmiede fürs Komische und als Sprungbrett für eine TV-Karriere. Allerdings hat sich auch ein Fernseh-Profi wie Guido Cantz, in vielen Karnevalssitzungen humoristisch aktiv und längst bei RTL unter Exklusiv-Vertrag, angemeldet. Wie alle anderen musste er ein strenges Casting überstehen, bevor er zum kostenlosen, zehntägigen Seminar zugelassen wurde.
Träger des didaktischen Komödien-Stadls sind neben dem Land Nordrhein-Westfalen die ortsansässigen TV-Firmen RTL und Endemol Deutschland - nicht ohne Eigennutz. Denn nach dem ungebremsten Comedy-Boom der letzten Jahre, in dem sich jeder halbwegs talentierte Witzeerzähler vor eine Kamera stellen durfte, brauchen die Sender nun Comedians mit handwerklicher Grundausbildung. Den Entertainer-Nachschub soll ihnen die kölsche Komik-Schule frei Haus liefern.
"Gelacht wird immer", behauptet die Kölner Comedy-Agentin Susanne Buhr, deshalb hungerten Publikum und Produzenten auf immer neue Spaßartisten. Und die Hauptstadt des sendefähigen Frohsinns sei nun mal Köln. Hier, im karnevalistischen Jecken-Paradies, residieren nicht nur die TV-Humoristen RTL und Endemol, hier produziert auch Harald Schmidt seinen "Nighttalk" und Sat.1 die "Wochenshow".
"Rund 300 bis 400 Comedians, die von ihren Auftritten leben können", schätzt Agentin Buhr, gebe es in Deutschland. Die meisten von ihnen sind schon beim alljährlichen Köln Comedy Festival aufgetreten, einer Leistungsschau der Lach-Branche.
Doch ohne die Ochsentour durch die Provinz, durch Stadtteilzentren, Schulaulen und auf Schützenfesten kommt bis heute kaum einer aus. Da sammeln die Spaßmacher mit selbst gebastelten Programmen Bühnenerfahrung, probieren Pointen und Sketche aus und hoffen insgeheim aufs große Geld.
Das aber verdient nur, wer sich im Fernsehen einen Namen macht, etwa in Sendungen wie "Quatsch Comedy Club" (ProSieben), der "Wochenshow" (Sat.1) oder "7 Tage - 7 Köpfe" (RTL). Dort, in der wöchentlichen Senioren-Talkrunde um Rudi Carrell, kam auch Piet Klocke als skurriler Stammler groß heraus. Der Schlaks mit dem schütteren Rotschopf und den nie vollendeten Sätzen ("Herrschaften! Das geht alles von Ihrer Zeit ab") haspelte sich zum komischen Markenartikel hinauf, verließ die TV-Show und füllte schließlich auch große Hallen.
Die Granden der Branche - Zoten-König Ingo Appelt, Medien-Clown Michael Mittermeier etwa oder Westfalen-Schalk Rüdiger Hoffmann -, so rechnet Buhr hoch, schaffen mit ihren Comedy-Tourneen leicht ein Millionen-Einkommen.
Aber auch die kleinen Krauter kommen auf ihre Kosten. Viele verdienen, so Buhr, immerhin schon "2000 bis 3000 Mark am Abend und bringen es auf rund 200 Gigs im Jahr."
Nur das Fernsehen allerdings steigert auf Dauer Bekanntheitsgrad und Einkommen. Im Moment sind besonders weibliche Comedians gefragt. Buhr bekommt "fast täglich Anfragen von Sendern, die Moderatorinnen für irgendwelche Internet-Shows suchen, "so in der Art von Carrells abgesetzter Sendung ,Rudis Suchmaschine' - nur besser". Die Sender werden erfinderisch, weil die meisten klassischen Comedy-Formate wie die "Wochenshow" langsam, aber stetig an Zuschauern verlieren (siehe Grafik). Der Klamauk hat erst mal ausgedient.
"Crossover" heißt deshalb der neueste Trend. So prophezeit es jedenfalls Ingo Nowak, Komik-Chef von RTL. Comedy pur reiche nicht mehr. Die Lachsäcke schleichen sich jetzt in andere Sendeformen ein.
Bestes Beispiel: "Ihr seid wohl wahnsinnig". In der RTL-Show machen die blonde Talk-Pasionaria Bärbel Schäfer und Prollkomiker Kalle Pohl ("7 Tage - 7 Köpfe") bislang unbescholtene Bürger zu "Helden des Alltags" (Nowak).
Mit der verhängnisvollen Frage "Wollen Sie das Abenteuer Ihres Lebens erleben?" stürzt sich einer der beiden Moderatoren auf die vorher diskret auf Tauglichkeit getesteten Kandidaten und fordert sie auf, unverzüglich zu waghalsigen Expeditionen aufzubrechen. Dabei treten die Moderatoren ebenfalls zum spielerischen Wettstreit an. Wer am meisten Kandidaten überredet, hat gewonnen. Beim Verbal-Gerangel zwischen Pohl und Schäfer ergäben sich, so glaubt Nowak bemerkt zu haben, ähnlich zündende Comedy-Effekte wie zwischen den rentenbedrohten ZDF-Streithammeln Hauser und Kienzle ("Frontal").
Noch unverfrorener, den vermeintlichen Crossover-Zeitgeist immer im Visier, gehen zurzeit alle Privatsender einen bislang schmählich vernachlässigten Teil ihrer unterhaltungssüchtigen Konsum-Klientel an.
Nachdem in den USA Macho-Shows wie "Shasta McNasty" und "The Man Show" reüssierten, in denen Männer frauenfeindliche Witze machen und Kampftrinken praktizieren (SPIEGEL 3/2000), soll nun auch bundesdeutschen Emanzipationsopfern zünftiger Stammtischersatz vorm heimischen TV-Gerät geboten werden.
Axel Beyer, Ex-Unterhaltungschef beim ZDF und nun Deutschland-Programmdirektor beim holländischen "Big Brother"-Produzenten Endemol, hat längst Quoten-Witterung aufgenommen: "An dem Format sind alle dran, wir auch."
Beyer kann sich beispielsweise eine Testosteron-Show vorstellen, bei der "zwei männliche Moderatoren vor rein männlichem Publikum" hemmungslos über Frauen herziehen. Im Sinne der humoristischen Gleichberechtigung sei nach gleichem, simplem Strickmuster auch eine reine Frauenshow denkbar, wöchentlich alternierend zum Macho-TV auf demselben Sendeplatz.
Zusätzlich können sich deutsche Frauen vielleicht auch bald mit einer deutschen Version der britischen Erfolgs-Sitcom "Smack the Pony" trösten, in der die Absurdität der Welt und ihrer Bewohner aus rein weiblicher Humor-Perspektive abgebildet wird: hintergründiger, differenzierter und komischer als im Macho-TV.
Aber der universale "Trend zum Entertainigen" (Beyer) macht auch vor den letzten Dingen nicht Halt. "Dramedy" heißt da das Kunstwort der Stunde. Es steht für eine kuriose Mischung aus Drama und Comedy, wie sie die britische BBC mit der Serie "Cold Feet" praktiziert, und könnte, so Trend-Schnüffler Beyer, demnächst auch deutsche Gemüter bewegen.
In der englischen Vorlage würden "dramatische Geschichten wie Tod, Verlust des Arbeitsplatzes" und ähnliches Ungemach "unglaublich leicht erzählt".
Die Fernsehwelt, in der guten alten Schwarzweiß-Ära noch unglaublich schwer in seriös und heiter zweigeteilt, werde sich immer weiter verflachen, die klassischen Genres lösen sich immer mehr auf: "Ernst und Komödie", prognostiziert Beyer, werden sich gegenseitig "nivellie-ren". Und was sei Zlatko, der Big Brother aus dem Reality-Volk, denn "anderes als Comedy", springt ihm Kollege Nowak bei.
Doch Endemol ist für den Ernstfall gerüstet. Die Firma bastelt an einer Diät-Version von "Big Brother", in der Übergewichtige "nicht unter 100 Kilo" (Beyer) öffentlich zur Gaudi der Zuschauer unter fachlicher Anleitung den Hüftspeck schmelzen lassen. Das Drama der Dicken - eine saukomische Volksbelustigung nach uraltem Rummelplatz-Prinzip. Nur liefert das Fernsehen das Panoptikum heutzutage frei Haus.
Im Grunde, doziert Beyer, gebe es seit Jahrtausenden ohnehin nur wenige Grundmuster im Unterhaltungsbusiness: "Ich erzähle oder singe etwas, und die anderen hören zu. Oder ich messe mich mit anderen, weil ich etwas besser kann als sie, oder wir machen alle zusammen etwas Lustiges."
Nach dieser auch bei Kindergeburtstagen zündenden Dramaturgie bemüht sich Beyer mit Endemol um immer neue Ablenkungs-Formate. Seit 1998, als er bei Endemol antrat, hat er den Deutschland-Output von 540 Sendestunden im Jahr fast vervierfacht (Wiederholungen inklusive).
Beyers Unterhaltungsmotto ist denn auch so simpel (und offenbar erfolgreich) wie die Konzepte seiner Formate: "Wir tun, was wir können".
Dieses Credo klingt vielen noch so lachwilligen TV-Konsumenten wie eine blanke Drohung. Sie flüchten wieder zur Keimzelle aller Kommerz-Komik, den Spaßmachern im Theater.
Und auch da gibt es eigentlich nur zwei Archetypen des Spaßgewerbes. Die einen reden witzig, die anderen benehmen sich witzig. "Funny words und funny bones", beschreibt Renate Kampmann von der Köln Comedy Schule die Pointen-Pole. Natürlich existieren jede Menge Mischformen.
Doch womit werden die Clowns des frühen 21. Jahrhunderts noch punkten? Comedy-Agentin Susanne Buhr, die einige von ihnen unter Vertrag hat, wagt eine mutige Prognose. In Zeiten, in denen "Tabus gebrochen und alle Grenzen überschritten" sind, habe das Publikum langsam die Nase voll von Zoten: "Die Leute fangen an, sich zu wehren."
Der Comedian von morgen, so ihre Vision von der sauberen Kleinkunst-Bühne, werde wieder "intellektueller - mehr Hirn, weniger Hose". JOACHIM KRONSBEIN
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 35/2000
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