28.08.2000

TV-SERIENGruselfahrt durchs Jahr 3000

Seine „Simpsons“ feierten die Unmoral. Nun zeigt ProSieben den neuen Streich des Amerikaners Matt Groening: die Zukunftsserie „Futurama“.
Im New York von übermorgen stehen an jeder Straßenecke Selbstmordzellen. Wer eine 25-Cent-Münze einwirft, darf seine Todesart wählen: "Schnell und schmerzlos oder langsam und grausam?"
Die zum Leben Entschlossenen haben die Wahl auch nur in engen Grenzen. Die oberste Staatsmaxime lautet "Du musst tun, was du tun musst", prügelsüchtige Polizisten nutzen jede Gelegenheit, verdächtige Mitbürger durchzuknüppeln, und vor dem Terror der Kommunikation gibt es kein Entkommen: Durch in ihren Körper integrierte Funktelefone sind alle Menschen jederzeit erreichbar.
"Futurama" heißt die böse Zukunftswelt des Jahres 3000, die der amerikanische Trickfiguren-Schöpfer Matt Groening entworfen hat. In den USA ist die Serie, im März 1999 gestartet, so beliebt, dass sogar Präsidentschaftskandidat Al Gore darum bat, eine Gastrolle übernehmen zu dürfen - prompt wurde er hineingezeichnet.
In Deutschland, wo "Futurama" von September an auf ProSieben gezeigt wird (montags 21.45 Uhr), ist Matt Groening vor allem als Zeichner der Cartoon-Familie "Die Simpsons" bekannt. Auch dort durften reale Stars wie Paul McCartney als Gäste mitspielen; vor allem aber präsentierten die Simpsons eine derart verkommene Welt, dass sich 1992 der damalige US-Präsident George Bush erboste, er wünsche sich, dass Amerikas Familien sich nicht die Simpsons zum Vorbild nehmen, sondern die heile Welt der Siebziger-Jahre-Familienserie "Die Waltons".
Groening, 46, ein bekennender Hippie, jubelt über derlei Reaktionen auf seine gezeichneten Subversions-Attacken. In den "Simpsons" trampelte er die Werte politischer Korrektheit in den Schmutz, in "Futurama" schickt er nach bewährter Science-Fiction-Manier einen Zeitreisenden in eine böse neue Zukunftswelt.
Zentraler Held von "Futurama" ist der Pizza-Bote Fry, der in der Silvesternacht des Jahres 1999 in eine Tiefkühlkammer für menschliche Körper stolpert und erst tausend Jahre später wieder aufgetaut wird. Zeichner Groening, der Philosophie und Film studiert hat und Kierkegaard "ziemlich lustig" findet, nutzt diesen Einfall, um ebenso witzige wie finstere Visionen zu entwerfen. Mit seinen neuen Freunden, der einäugigen Außerirdischen Leela und dem kleptomanischen Roboter Bender, erkundet der Pizza-Hermes Fry den Alptraum der Zukunft.
Auf seiner Gruselfahrt durchs Jahr 3000 begegnet Fry vielen bekannten Gesichtern des 20. Jahrhunderts. In einem Kopfmuseum etwa finden sich die sprechenden Häupter von Richard Nixon (der mal wieder die Weltherrschaft anstrebt), von Enterprise-Spock Leonard Nimoy oder Badenixe Pamela Anderson. Auch die US-Band Beastie Boys tritt im Jahr 3000 immer noch auf.
Schon optisch erinnert der "Futurama"-Held Fry an den liebenswürdigen Trottel Homer Simpson. Auch die Physiognomie der anderen Hauptdarsteller - fliehendes Kinn, Stupsnase, ein bis fünf Kulleraugen - wirkt mitunter wie ein Groening-Selbstzitat. "Egal, was ich zeichne", klagt Groening, "immer kommen Glupschaugen und Münder mit Überbiss dabei heraus."
Ansonsten benehmen sich in "Futurama" sogar die Roboter ziemlich menschlich: Bender zum Beispiel, ein ehemaliger Eisenbieger-Automat, trinkt, raucht, stiehlt und pflegt eine bedenkliche Vorliebe für Pornografie.
Groening wehrt sich mit solchen Details gegen unerwünschte Umarmungen: Früher oder später seien alle Aufrührer wider den Anstand wie etwa Jerome D. Salinger kanonisiert worden - deshalb wollte er etwas derart Abstoßendes und Beleidigendes schaffen, dass es auf keinen Fall jemals als Schulbuch-Lehrstoff herhalten kann. TITUS ARNU, JÖRG BÖCKEM
Von Titus Arnu und Jörg Böckem

DER SPIEGEL 35/2000
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