28.08.2000

TV-MANAGER„Cool bin ich auch so“

Nach dem zügigen Zusammenschluss der Fernsehsender ProSieben und Sat.1 hat der mächtige Konzernchef Urs Rohner nur noch ein Problem: sein Image.
Nur einmal hat er kurz gedacht: Was mach ich hier eigentlich? Da betrat er im Berliner Hotel Adlon einen Konferenzraum voller Journalisten, die nur die eine Frage umtrieb: Wer ist eigentlich Urs Rohner?
Bekannt waren allenfalls vage Eckdaten: Wirtschaftsanwalt aus der Schweiz, im glitzernden Fernsehgeschäft eher unerfahren - dafür aber mit besten Kontakten zum Filmhändler Leo Kirch. Die Vehemenz, mit der der neue ProSieben-Vorstandschef das bestritt, machte ihn umso verdächtiger.
Zumal Rohner genau so aussah, wie man sich einen Schattenmann vorstellt, der gekommen ist, um das hiesige TV-Business kalten Herzens auf Rendite zu trimmen: graue, gescheitelte Haare, gestreiftes Hemd und auf den schmalen Lippen ein Zitat von der Wucht einer Ad-hoc-Meldung: "Ich bin nicht für die 'Biene Maja' zuständig, sondern für den Aktienkurs."
Damit erwies er sich als emotionslos genug, um zum uninspirierten Controller-Typ gestempelt zu werden. Zu einem, dem es eigentlich egal ist, ob er nun Toilettenpapier verkauft oder die Werbeblöcke zwischen den "Simpsons" und "Akte X".
Dabei hatte Rohner ja Recht: Mit der "Biene Maja" kann man im heutigen Fernsehen nicht mehr weit kommen. Die Werbezeiten der großen Privatkanäle sind so gut wie ausgebucht, zusätzliche Gewinne lassen sich in Zukunft vor allem mit der Senkung der Kosten erreichen. Also zum Beispiel mit der Wieder- und Immerwiederverwertung der Programme innerhalb einer Senderfamilie.
Um die zu gründen, wurde Rohner von Leo Kirch im Sommer vergangenen Jahres aus der Schweiz geholt, wo er in der Zürcher Kanzlei Lenz&Staehelin auch mit dem Zusammenschluss von Unternehmen zu tun hatte. Bis ihn der Ruf an die Spitze der ProSieben Media AG ereilte - mit dem Spezialauftrag, die Kirch-Sender ProSieben, Sat.1, Kabel 1 und N24 zu einem schlagkräftigen Unternehmensungetüm zu verschmelzen, das neben der konkurrierenden RTL-Gruppe (RTL, RTL II, Super RTL und Vox) bestehen kann (SPIEGEL 27/2000).
"So eine Chance bekommt man nie wieder", sagt Rohner rückblickend - immer noch berauscht von der Erkenntnis, diesmal der Oberfusionierer zu sein und nicht bloß der Rechtsbeistand. "Es macht mir einfach Spaß, den Prozess der Integration aktiv mitgestalten zu können", sagt er und lässt seine Hände während all der Ausführungen über die zu erwartenden Synergieeffekte in unzähligen Varianten ineinander greifen.
In der Finanzbranche der Schweiz gilt Rohner schon als neuer Nationalheld. Angesichts des Wechsels aus der Kanzlei an die Spitze eines Konzerns mit 3000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 4 Milliarden Mark bescheinigt ihm das Schweizer Wirtschaftsmagazin "Bilanz" einen "filmreifen Aufstieg". Andere Blätter fragten halb respekt-, halb sorgenvoll: "Haben Sie nicht Angst nach Deutschland zu gehen?"
Wovor denn? Höchstens davor, im Vergleich zu notorischen Charismatikern wie dem vor sich hin grantelnden Ex-RTL-Chef Helmut Thoma oder dem Branchen-Womanizer Fred Kogel als Langweiler zu wirken. "Das Fachliche habe ich mir von Anfang an zugetraut, aber mir war klar, dass es eine Umstellung wird, plötzlich in der Öffentlichkeit zu stehen."
Akribisch hat er sich daher auf seine Rolle vorbereitet und schon vor seiner offiziellen Ernennung in eigener Sache herumspioniert. Quasi inkognito tauchte er auf Medienpartys und Messen auf - unter anderem, um RTL-Chef Gerhard Zeiler dabei zu beobachten, wie der sein Programm den Werbetreibenden schmackhaft macht.
Von solch virtuoser Marktschreierei ist Rohner auch nach einem halben Jahr im Amt noch weit entfernt: Als er in der vergangenen Woche auf der Düsseldorfer Telemesse eine Ansprache hielt, klebte er förmlich am Teleprompter und mischte ohne Unterlass die mitgebrachten Karteikarten. Prompt attestierte ihm der anschließend auftretende ProSieben-Star Stefan Raab das Zeug zum "Top-Comedian".
Dabei will er es endlich loswerden - das Image des drögen Schweizers. "Am Anfang ist es vielleicht von Vorteil, weil die Erwartungen dann nicht so hoch sind. Auf Dauer aber darf sich das Bild nicht zementieren", sagt er. Und wenn das "Handelsblatt" schroff befindet, er passe "nicht so recht in die glitzernde Fernsehbranche", dann tut das immer noch weh. "Es überrascht mich, weil ich in der Schweiz immer als einer der bunteren Vögel galt."
Damit es auch hier zu Lande ein wenig schillert, düst Rohner zuweilen mit einem modischen Kickboardroller durch die Bürogänge und - können Lachtränen lügen? - outet sich als großer Fan romantischer Komödien wie "Notting Hill".
Doch bei allem Sinn für die Gepflogenheiten des Business gibt es für ihn auch klare Grenzen der Assimilation. "Ich brauche keinen Dolce&Gabbana-Anzug, um cool zu sein", sagt Rohner, "cool bin ich auch so." Es ist ja in der Tat gerade sein bescheidenes Auftreten, das ihn inmitten all der Großsprecher der bunten Senderwelt zu einem Exoten macht und ihn für den schwierigen Job prädestiniert. "In der Sache hart, aber mit äußerstem Feingefühl" habe Rohner den Zusammenschluss der Kanäle vorangetrieben, lobt ein Sat.1-Manager, "und mit einer großen Portion Charme und Ironie."
In Rekordzeit verschmolz Rohner die Kirch-Sender zur ProSiebenSat.1 Media AG - allein der sperrige Name macht deutlich, dass um jedes Detail der Fusion hart gerungen wurde. Erfolgreich vermied Rohner in den Verhandlungsrunden den Eindruck einer feindlichen Übernahme, obwohl der von der Zuschauerzahl kleinere Sender ProSieben nun Sat.1 dominiert und entscheidende Posten mit ProSieben-Leuten besetzt wurden.
Noch auf der Telemesse am vergangenen Dienstag sorgte sich Rohner um falsche Zwischentöne. Als Stefan Raab vor einem Fachpublikum die Verschmelzung der Sender als eine Art Wiedervereinigung pries - wobei ProSieben Westdeutschland sei und Sat.1 die DDR - da befand Rohner knapp: "Das war zu scharf."
Die Laune konnte es ihm freilich nicht verderben, schließlich kam er gerade von der Hauptversammlung der Aktionäre, die die Fusion mit einem Rekordergebnis von 99,43 Prozent abnickten. Dabei hatte sich eine 40-köpfige Mannschaft auf eine Marathonsitzung und nervige Fragen querulanter Kleinaktionäre vorbereitet - etwa zur Meinungsmacht von Leo Kirch.
Doch den mitgebrachten Proviant konnte Rohner wieder einpacken. Wer will angesichts des steil gestiegenen Börsenkurses schon groß mäkeln? Obwohl nach wie vor unklar ist, wie gut sich die Sender wirklich ergänzen. Schließlich haben sich ProSieben und Sat.1 in der Vergangenheit als Vollprogramme etabliert und hart gegeneinander konkurriert. "Denen fehlt plötzlich der Ansporn, ein besseres Programm zu machen", warnt ein Sat.1-Manager.
Auch sonst gestaltet sich die Zusammenarbeit im täglichen Geschäft zunächst mühsam. So mäkeln bereits die ersten Redakteure darüber, dass sie in endlosen Strategiesitzungen über das Programm der nächsten Wochen reden müssen. "Da erlahmt jede Kreativität", sagt ein ProSieben-Mitarbeiter. Für zusätzlichen Ärger sorgt, dass Rohner viele Leitungsposten mit ehemaligen Mitarbeitern des Klein-Senders Kabel 1 besetzt hat. "Die haben ja früher jede Mark dreimal umgedreht."
Dabei ist Kreativität in der Senderfamilie derzeit gefragt wie nie. Sowohl bei ProSieben als auch bei Sat.1 ist der Marktanteil im ersten Halbjahr im Vergleich zu 1999 zurückgegangen, Programminnovationen wie "Big Brother" fanden andernorts statt. Genervt ist Rohner auch vom wenig erfolgreichen ProSieben-Wirtschaftsmagazin "Bizz", das ihm zu kühl und steril erscheint.
Da klingt es fast wie ein Rückruf, wenn der Konzernboss dem scheidenden Sat.1-Chef Kogel hinterherlobt: "Ich kenne ganz wenige, die so ein fundiertes Wissen über Programmierung und Vermarktung haben wie Fred Kogel." Doch leider wollte der sich mit der Rolle des Oberkreativen unter Rohner nicht zufrieden geben.
Dem Eindruck, dass er selbst vom Fernsehprogramm wenig Ahnung hat, versucht Rohner derzeit mit verschärftem TV-Konsum entgegenzutreten. Jede Sendung auf ProSieben und Kabel 1 hat er sich angeschaut, seit einiger Zeit zappt er sich durch das Programm von Sat.1. Am liebsten sieht er dort Harald Schmidt. "Der darf das gar nicht wissen, sonst schreibt der mir noch ein paar Nullen in den Vertrag." OLIVER GEHRS
Von Oliver Gehrs

DER SPIEGEL 35/2000
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