28.08.2000

RAUSCHGIFT„Viele glauben, sie könnten fliegen“

Immer mehr Kinder und Jugendliche experimentieren mit biogenen Drogen. Häufig enden die Selbstversuche im Krankenhaus, manchmal tödlich. Die meisten Biodrogen sind legal - und allerorten zu ernten.
Die Asservate sehen harmlos aus, ein jedes Kraut steckt in seinem Glas, penibel beschriftet, sorgsam verschlossen. Sassafrasbaum, Aztekensalbei, Engelstrompete - vor fremdem Zugriff gut geschützt, lagern die Substanzen im Labor von Klaus Berkefeld, Diplombiologe im Landeskriminalamt Mainz. "Ein wenig nur zu viel davon in der Blutbahn", sagt er, "und wenn man Pech hat, ist man tot."
Über die Symptome nach der Einnahme der "Datura suaveolens" oder "Brugmansia" beispielsweise, im Volksmund Engelstrompete genannt, klären Giftinformationsblättchen auf: "Erbrechen und Durchfall, heiße Haut, Gesichtsröte", auch "Pupillenerweiterung, Sehstörungen, Herzbeschwerden" und "Sedierung, Halluzinationen". Im schlimmsten Fall, so Berkefeld, ende der Trip im "Tod, herbeigeführt durch zentrale Atemlähmung".
Die biogenen Drogen, die der LKA-Mann vorsichtig mit Pinzette und Lupe in Augenschein nimmt, sind unter experimentierfreudigen Kindern und Jugendlichen der letzte Schrei: Die Pflanzen können zwar töten - aber sie sind völlig legal und vielerorts zu finden. Ihr Effekt - die meisten aphrodisieren und verursachen Halluzinationen - ist dem von Haschisch und Marihuana mindestens ebenbürtig.
Eine bundesweite Statistik über Missbrauchsfälle gibt es nicht, aber seit einigen Jahren sammelt das Landeskriminalamt Mainz die Zahlen von Opfern biogener Drogen für das Land Rheinland-Pfalz. Da kann Klaus Mohr, Leiter der Rauschgiftabteilung, dann regelmäßig ablesen, was er bereits weiß: Die Fallzahlen steigen.
1996 waren es 35 Vergiftungen in dem kleinen Bundesland, 1997 dann 40, 1998 schon 51 und im vergangenen Jahr 109. Und das sei in Wahrheit nur ein Bruchteil der Fälle, sagt Mohr, "denn nur die wenigsten rennen, wenn ihnen übel ist, zur Klinischen Toxikologie, die uns die Zahlen bekannt gibt". Mit Warnungen vor der Gefahr und ihren Info-Blättern dringen die Kriminalisten kaum zu den Jugendlichen vor. Die informieren sich offenbar lieber auf diversen Internet-Seiten, wo es von Ernte-anleitungen bis zu Rezepten alles gibt, was Konsumenten für den Trip brauchen.
Sommerzeit ist Erntezeit, deshalb häufen sich jetzt die Fälle. So mussten acht 14- bis 16-jährige Hauptschüler aus Pfaffenhofen an der Ilm vor sechs Wochen auf verschiedene Krankenhäuser verteilt werden, nachdem sie sich mit Engelstrompete vergiftet hatten. Der neunte wurde bewusstlos nach München geflogen und gerade noch gerettet.
Einen Tag später teilten zwei neugierige 14-Jährige aus Aichach-Friedberg das Schicksal ihrer bayerischen Leidensgenossen. Einer der beiden erwachte nach dem Konsum eines Engelstrompetensuds erst wieder auf der Intensivstation.
Zur gleichen Zeit hatten sich sechs junge Leute aus Darmstadt eine Party-Bowle aus Engelstrompete und Ecstasy gemixt. Geschüttelt von heftigen Krämpfen, beendeten sie ihren Rausch ebenfalls auf der Intensivstation.
Was die forschende Jugend in Träumen und Alpträumen erlebt, teilt sie sich später stolz in Internet-Foren mit. Das hört sich
dann am Beispiel Engelstrompete so an: "Es ist ein Eintauchen in eine völlig irreale Welt, in der alles seinen normalen Weg zu gehen scheint, aber doch irgendwie absurd und grotesk scheint." Der Autor nennt sich im Netz "Phoenix" und verschweigt auch Details seiner Erfahrungen nicht: "Nachdem ich mich ausgezogen hatte, ist dann eine Meerjungfrau aus dem Spiegel getreten und hat mich gefragt, wann ich sie denn endlich ficken wolle." Nebenan, "auf der Waschmaschine", hätten sich derweil zwei "Sado-Maso-Leute" vergnügt.
Ein anderer weiß über die Tollkirsche: "Der Mund wird trocken, Übelkeit tritt ein, später fangen die sehr starken Hallus an. Mein Freund sprach mit Leuten, die nicht da waren."
So haben sich im Dunstkreis der Esoterik- und Schamanenszene im Netz Foren für Drogenexperimente entfaltet, die kaum noch Fragen zu Rezepten, Fundorten oder Wirkungen offen lassen. "Im November 1998", berichtet etwa ein Georg Müller auf einer psychogenen Pilzen gewidmeten Seite, "fand ich in der Nähe von Karlsruhe eine stattliche Kolonie von kleinen Blätterpilzen." Was er mit den schwammigen Waldbewohnern (Wirkstoff: Psilocybin) dann angestellt hat, wird minutiös beschrieben: Müller bereitete sich flugs eine "modrig-bitterlich schmeckende Flüssigkeit", trank und "spülte mit Wasser nach".
Ihn fröstelte, ihm wurde übel, und dann, plötzlich, schienen seine "an der Wand hängenden Poster ... in der Wand zu versinken": "Verwundert starrte ich die Wände an." Später, "das Gesicht meiner Freundin war von farbigen Schlieren überzogen", überkamen ihn Angstgefühle, dann versank er "im wirbelnden Strom der Eindrücke". Warum die Indianer, schließt der Naturfreund, den Pilzen Zauberkräfte nachsagten, sei ihm "nun sehr eindrucksvoll klar geworden".
Frank Löhrer, Leiter der Riedener "Klinik am Waldsee", spezialisiert auf die Therapie junger Abhängiger klassischer Drogen, hat als einer der ersten Fachleute das Gefahrenpotenzial der leicht zugänglichen Feld-, Wald- und Wiesendrogen erkannt. Aufmerksam wurde er, als die ersten seiner Schützlinge "völlig stoned durch die Gegend liefen". Die Antwort auf die Frage, was sie da schon wieder angestellt hätten, brachte auch den Drogenexperten aus der Fassung: Der juvenile Tross hatte sich zuvor über handelsübliches Vogelfutter hergemacht und erklärte dem ratlosen Fachmann nun, dass den Körnern Stechapfelsamen beigemengt würden - genug für einen Ausflug ins Irreale.
Eine Umfrage unter seinen Patienten brachte dann ans Licht, dass bereits fast ein Drittel über einschlägige Erfahrungen mit Biodrogen verfügte - und das Konsu-
mentenalter sinkt: "Die Akquise", so Löhrer, "findet bereits an Grundschulen statt."
Trotz der Gefährlichkeit der Substanzen scheint der Kampf gegen den Missbrauch fast aussichtslos, weil Konsum und Besitz nicht strafbar sind. Nachtschattengewächse (Wirkstoffe: Scopolamin und Atropin) wie die Engelstrompete sind nicht nur beliebt bei unternehmungslustigen Heranwachsenden, sondern gleichermaßen bei Garten- oder Balkonfreunden, die den gelben Blütenkelch so schätzen und den süßlichen Duft.
Für ein paar Mark ist die Pflanze eingetopft in jedem besseren Blumengeschäft erhältlich - und gänzlich kostenfrei in vielen Botanischen Gärten der Republik. Der Mainzer Gärtnermeister Günter Schmidt kennt das schon: Mit unschöner Regelmäßigkeit entpuppt sich ein harmloser Schulausflug als Drogenkommando im Ernteeinsatz. Dass der Hanf aus dem Botanischen Garten in Mainz verschwindet, daran hatte sich Schmidt schon gewöhnt. Aber jetzt findet er auch immer öfter Stechapfel, Engelstrompete und Mohn zerrupft vor - und manchmal sei nun gar das Bilsenkraut ganz abgegrast.
"Im Moment sind die Nachtschattengewächse groß in Mode", klagt Klinikleiter Löhrer, "während es vor einiger Zeit noch Pilze waren." So genannte "Magic Mushrooms" oder high machende Fliegenpilze gelten seit den sechziger Jahren und den Schriften des Drogengurus Carlos Castaneda als Dauerbrenner erst der Hippie-, dann auch der Technoszene. Sie lassen sich, so Löhrer, auf "jeder Pferdekoppel" finden - oder im Versandhandel.
So kann der Kunde beim Internet-"Pilzversand" problemlos "Zauberpilze der Art Stropharia cubensis" bestellen, zu neun Schweizer Franken das Gramm. "Wir liefern auch innerhalb einer Woche ins Ausland", werben die Betreiber, nicht ohne scheinheilig darauf hinzuweisen, dass die Pilze "auf keinen Fall" eingenommen werden dürften - schließlich seien sie ja auch als "Altargegenstände verwendbar".
Verglichen mit den Nachtschattengewächsen erscheinen halluzinogene Pilze, deren Anbau immerhin seit 1998 verboten ist, allerdings geradezu harmlos. 1997 veröffentlichte Klinikchef Löhrer eine Aufklärungsschrift - kurz darauf erhielt der Mediziner einen Anruf von einer skandinavischen Universitätsklinik. Erst nach der Lektüre, erklärte der Kollege am Telefon, habe man rund vierzig mysteriöse Todesfälle aufklären können.
Noch immer haben aber zu wenig Ärzte die Nachtschattendrogen im Visier, wenn es gilt, einen Todesfall zu untersuchen. Nach Meinung des LKA-Experten Berkefeld müsse die Dunkelziffer beträchtlich sein: "Viele, die Engelstrompete konsumieren, glauben, sie könnten fliegen." Mancher Selbstmord könnte in Wahrheit ein Drogentod sein.
Dabei macht in erster Linie das Dosierungsproblem die Biodrogen so gefährlich. "Die Engelstrompete", so Berkefeld, "hat eine enorm geringe therapeutische Breite." So braucht die Dosis, die zum Rausch führt, nur unwesentlich geringer zu sein als eine, die tödlich wirkt - ein Vabanquespiel. Zudem könne der Giftanteil zweier Engelstrompeten sehr unterschiedlich ausfallen. Und nicht selten hat auch schon jemand immer mehr Blüten in seinen Tee gestopft, weil keine Wirkung eintrat - nicht wissend, dass der Rausch bisweilen erst Stunden nach der Einnahme beginnt.
Immerhin hat sich bei einigen Konsumenten die Gefährlichkeit herumgesprochen. Zur Vorsicht rät deshalb auch der Autor des Internet-Erfahrungsberichts, in dem die Meerjungfrau eine so unschickliche Rolle spielt: "Es ist lebensgefährlich, und es gibt Todesfälle." Er selbst habe es freilich schon ungefähr "20-mal überlebt".
Um dann hinzuzufügen: "Ich werde es wieder tun." THILO THIELKE
* "Hanf-Parade", am 19. August. * Mit Engelstrompete im Botanischen Garten Mainz.
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 35/2000
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