28.08.2000

STADIEN„Diktat der Vandalen“

Politiker und Vereinspräsidenten scheinen sich einig: Das Münchner Olympiastadion wird umgebaut in einen reinen Fußballtempel - eine Niederlage für die Architektur.
Der Aufstieg war beschwerlich, aber die Mühe hat sich gelohnt. Keuchend und doch schwer ergriffen, steht eine Reisegruppe aus Wien auf dem Aussichtshügel im Münchner Olympiapark.
Der Fremdenführer lenkt das Interesse auf das berühmte Stadion, dessen noch berühmteres Zeltdach sich so harmonisch in die weitläufige Grünanlage füge. Dann bittet er zur Andacht: "Atmen Sie diese einmalige Architektur."
Kulturdenkmal - mit diesem Titel darf sich das wegen seiner luftigen Konstruktion gepriesene Münchner Olympiastadion schmücken. Wie kaum ein anderes Bauwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte gilt die Arena als Symbol für das demokratische Deutschland, zeugend "vom Geist unseres Volkes im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts". So steht es in einer Urkunde geschrieben, die im Fundament der Sportstätte schlummert.
Doch pünktlich zum Beginn des neuen Millenniums scheint das Wahrzeichen dramatisch an Bedeutung zu verlieren. Ausgerechnet die Münchner Fußballprofis wollen ihrer langjährigen Heimstatt an die Substanz. Am liebsten wäre ihm, so grollte Franz Beckenbauer in seiner Funktion als Präsident des FC Bayern, das Gemäuer würde gesprengt: "Es wird sich doch ein Terrorist finden, der für uns diese Aufgabe übernimmt."
Mit derlei breitbeinigen Einlassungen garniert derzeit Münchens Kicker-Prominenz eine Debatte, die in der bayerischen Kapitale die Bevölkerung allmählich in zwei Lager spaltet. Vordergründig rankt sich der Streit um den Plan, den Austragungsort der Olympischen Spiele von 1972 in eine Fußballarena umzurüsten, in der keine Laufbahn Distanz zum Geschehen schafft, jeder Sitzplatz überdacht ist und VIP-Logen neue Einnahmequellen ermög-
lichen. Zunehmend wirft das Vorhaben jedoch die eher prinzipielle Frage auf, ob sich die Metropole noch als Kulturstadt versteht - oder nur als Fußballstadt.
Zuletzt drängte sich zumindest der Eindruck auf, das Zentrum des Freistaats werde neuerdings von einer Clique von Banausen gelenkt. Die Stadt sei einem "Diktat der Vandalen" unterworfen, so lautet die weit verbreitete Meinung Münchner Architekturstudenten. Dümpelte die Diskussion um den Stadionumbau lange Zeit auf den Sportseiten der Gazetten, läuft das Thema plötzlich im Feuilleton. Von einer "historischen Groteske" schäumt die "Süddeutsche Zeitung" und beklagt eine "fatale Gesinnungs-Koalition" aus Politik und Sport.
Anlass für die Eruptionen war der Ausgang eines so genannten Stadiongipfels, zu dem unlängst Ministerpräsident Edmund Stoiber den Münchner Oberbürgermeister Christian Ude und Vertreter der Bundesligavereine FC Bayern und TSV 1860 in die Staatskanzlei geladen hatte.
Was auch immer bei dem Meeting besprochen wurde: Fest steht seither, dass der Ballsport in München auf eine beeindruckende Lobby vertrauen kann. Während in den Kammerspielen seit Anfang des Jahres der Betrieb ruht und sich die Stadt auf kein Finanzierungskonzept einigen kann, stehen die gewählten Würdenträger in Sachen Fußball Gewehr bei Fuß.
Zwar erklärte Oberbürgermeister Ude noch einen Tag vor der Zusammenkunft tapfer, er werde nur einem sanften Umbau des Stadions zustimmen. Dann aber ließ sich der SPD-Mann doch vom Landesvater eintüten. Stoiber, Mitglied des Verwaltungsbeirats des FC Bayern, gab zu erkennen, dass das Land nur dann 100 Millionen Mark für den Umbau zuschieße, wenn aus der oft mäßig besuchten Leichtathletikgruft eine proppenvolle Fußballoper werde.
Und so soll es jetzt sein: "Ring", so lautet der Name des Projekts, mit dem das prestigeträchtige Bauwerk ein für alle Mal ausgelöscht wird.
Die Schöpfer des Münchner Olympiaparks, im Kern eine begrünte Schutthalde, modelliert aus 10,85 Millionen Kubikmeter Bombentrümmern, verstanden ihr Werk als ein "säkulares Ereignis". Vor allem das Stadion, eine sanft geschwungene Betonwanne im Oberwiesenfeld, sollte im Kontrast stehen zu der monumental aufragenden Architektur des olympischen Pendants in Berlin, wo 1936 die Nazis zum Weltjugendsportfest geladen hatten.
Die "Ring"-Lösung sieht nun vor, aus der Mulde einen "Hexenkessel" zu machen - eine Stadionform mit steil ansteigenden Tribünen und einem kreisförmigen Oberrang. So mutiert die einstmals geduckte Sportstätte zu einem Bollwerk, das dem Betrachter von außen einen ähnlichen optischen Genuss bescheren wird wie eine überdimensionierte Lärmschutzwand.
Lange tobte der Unmut über den geplanten Protzbau allenfalls auf Architekten-Feten und in Studentenkneipen der Stadt. Doch nun soll der Widerstand die breite Masse erreichen.
Prominentestes Mitglied der Bürgerinitiative "Rettet das Olympiastadion" ist Hans-Jochen Vogel, der 1969 als Oberbürgermeister den Grundstein für das Monument legte. Zwar formuliert der versierte Sozialdemokrat seine Kommentare mit Rücksicht auf den Parteigenossen Ude vorsichtig, grundsätzlich aber ist Vogel fest: "Ich fordere Rücksicht für das Meisterwerk."
Die Gruppe will die Pläne von Stoiber, Beckenbauer und Co. mittels eines Bürgerbegehrens kippen. Christian Felix, ein Physiker, der die Initiative gründete, betont, "nichts gegen Fußball zu haben". Wie zum Beweis halten die Aktivisten deshalb einen Gegenvorschlag parat: An der Stelle des ehemaligen olympischen Radstadions soll eine Arena nach Art des futuristischen Amsterdamer Kickerpalastes entstehen.
Vielleicht wird das Engagement der Denkmalpfleger sogar von Erfolg gekrönt. Denn allmählich dämmern auch den Abrissbetreibern Zweifel: nicht nur, dass der Umbau 385 Millionen Mark kosten soll, eine Summe, für die auch ein neues Stadion errichtet werden könnte. Insider wie der Architekt Frei Otto, Konstrukteur des Münchner Zeltdaches, gehen sogar davon aus, die Arbeiten würden in Wahrheit weit mehr Geld verschlingen: "Unter 500 Millionen geht nix."
Vor allem bei den Clubs ist die Stimmung ob der aktuellen Gemengelage gedämpft. In Gelsenkirchen baut sich der FC Schalke 04 gerade einen Hightech-Tempel, in dem sich der Rasen rein- und rausfahren lässt. Und wenn es regnet, geht das Dach zu. So was hätten die Münchner eigentlich auch gern.
Ein Umbau zöge zudem das Problem nach sich: wo spielen, wenn die Bagger anrücken? Für ein oder zwei Jahre müssten die Bayern und die Sechziger ins Augsburger Rosenaustadion oder nach Nürnberg ins Frankenstadion ausweichen.
So könnte es gut sein, dass im Bajuwarischen bald niemand mehr so recht weiß, wieso die historische Sportschüssel eigentlich abgetragen werden sollte. Der Mann, der dafür zuständig ist, weiß es schon jetzt nicht: Der Bau des Olympiastadions brach-
te dem Architekten Günter Behnisch, 78, Weltruhm. Im Umgang mit seinem Meisterstück offenbart der Stuttgarter dennoch Züge einer diffusen Persönlichkeit.
Drohte der Schwabe anfänglich jedwede Veränderung des Denkmals kraft seines Urheberrechts zu verhindern, macht sich der Kreative nun höchstselbst daran, sein Wunderwerk zu ramponieren: "Ich würde ungern andere rummurksen lassen."
Bislang existieren von dem neuen Stadion nur Vorentwürfe und Computersimulationen. Dass sich Behnisch bei der Bekanntgabe von Details zurückhält, hat einen Grund: Bislang weiß auch er nicht so genau, was er da eigentlich bauen soll.
Der Meister hat es ja auch nicht leicht mit diesen Fußballern. Neuerdings redet ihm sogar Multitalent Franz Beckenbauer rein. Offenkundig beklommen von der Vorstellung, Mitschuld an der Demontage eines Denkmals zu tragen, fordert der Kickerfürst jetzt, den "Ring" zum "Soft-Ring" abzumildern. Seither spricht Behnisch von seinem Auftrag in einem Ton, als habe jemand von ihm verlangt, einen Plattenbau in Eisenhüttenstadt zu renovieren: "Dieses Projekt passt in eine Gesellschaft, die anscheinend nichts Vernünftiges mehr zu tun hat."
Dass Behnisch erkennbar auf Distanz zu seinem Auftrag geht, liegt zudem an bautechnischen Unwägbarkeiten. Um die Fans näher an das Spektakel heranzubringen, müssen die Ränge steiler konzipiert werden. Dazu soll wiederum der Rasen um bis zu sechs Meter abgesenkt werden. Doch schon bei einer Tiefe von 1,70 Metern quillt Grundwasser hervor. Auch der neue Oberrang sieht zwar als Entwurf schick aus. Wie das wuchtige Objekt abgestützt werden soll, ist im Einzelnen noch nicht geklärt.
Sicher scheint im Grunde nur, dass bis zum 3. November alle Probleme gelöst sein müssen. Denn dann tritt abermals der Stadiongipfel zusammen, um endgültig über das Schicksal der umstrittenen Immobilie zu beschließen.
Am liebsten wäre Behnisch, die Herren in Bayern würden die Sache einfach abblasen und sich für einen Neubau an anderer Stelle entscheiden: "Von mir aus in Buxtehude." GERHARD PFEIL
* Während der Olympischen Spiele 1972. * Mit FC-Bayern-Präsident Franz Beckenbauer, Oberbürgermeister Christian Ude, Ministerpräsident Edmund Stoiber und TSV-1860-Präsident Karl-Heinz Wildmoser in der Staatskanzlei am 20. Juli.
Von Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 35/2000
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