28.08.2000

* 6. Technik: Werkstätten der Zukunft * 6.1. Vorstoß in die MikroweltEINE WELT WIE IM DISNEY-FILM

Wie werden Computer und Nanotechnik unser Leben verändern? Ist technischer Fortschritt vorhersagbar? Der amerikanische Physiker MICHIO KAKU hält menschliche Unsterblichkeit und künstliche Intelligenz für machbar, sieht aber darin weder Anlass zur Euphorie noch Grund zur Angst.
SPIEGEL: Herr Professor Kaku, in Ihren Büchern sind Sie so eine Art Berufsvisionär. Leiden Sie darunter, dass manche Zukunftstechnik am Horizont sichtbar ist, aber unseren Alltag nicht erreicht?
Kaku: Der Fortschritt der Technik wird gegenwärtig von dem berühmten Mooreschen Gesetz bestimmt, nach dem sich die Leistungsfähigkeit von Computern alle 18 Monate verdoppelt. Das bedeutet mit der Zeit einen gewaltigen Zuwachs. Der Fortschritt von Tag zu Tag ist jedoch unmerklich klein. Unser Gehirn arbeitet linear, es kann mit exponentiellen Wachstumskurven nicht umgehen. Erst im Rückblick über Jahre sind wir überrascht, wie sehr sich die ganze Welt um uns verändert hat. Dieses Gesetz wird bis etwa zum Jahr 2020 seine Gültigkeit behalten, und in diesem Rahmen können wir ziemlich genau vorhersagen, wie die Zukunft aussehen wird.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Kaku: Unsere Welt wird wie ein Walt-Disney-Film sein. Im Zeichentrickfilm sind wir daran gewohnt, dass Gegenstände ein Eigenleben haben. Man kann sich mit Spiegeln oder Tischen unterhalten. Genauso wird das Internet der Zukunft aussehen. So wie wir heute ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass es in jedem Raum Elektrizität gibt, werden wir in Zukunft überall Computerintelligenz vorfinden. Unsere Kinder werden nicht verstehen, wie wir jemals in einer passiven Welt leben konnten.
SPIEGEL: Wie wird sich das in den nächsten Jahrzehnten entwickeln?
Kaku: Bis zum Jahr 2020 werden Computer so billig werden wie Papier. Ihr Schreibblock wird Notizen per Internet verschicken, wenn Sie wollen, Ihre Brille wird Ihnen jeden Film vorspielen, den Sie sehen möchten. In der Zeit danach werden Computer eine ganz neue Architektur brauchen, die mit einzelnen Atomen arbeitet.
SPIEGEL: Wann kommt die Nanotechnologie ins Spiel?
Kaku: Die Nanotechnologie ist noch ein ganzes Stück weit weg. Was wir heute auf diesem Gebiet sehen, ist ja noch sehr primitiv. In zehn Jahren gibt es vielleicht funktionsfähige Getriebe von der Größe einiger Atome. Der Traum, Nanomaschinen zu bauen, die etwas herstellen - eine neue industrielle Revolution -, wird sich frühstens in 50 bis 100 Jahren realisieren lassen.
SPIEGEL: Viele Forscher meinen, diese Revolution stehe unmittelbar bevor.
Kaku: Dann müsste ich dieses Glas nehmen können und ihm befehlen, eine andere Form anzunehmen. Wie soll das gehen? Ich müsste mit jedem Atom des Glases kommunizieren. Es müsste eine Möglichkeit geben, die Bauanleitung an die Siliziumatome zu übermitteln. Forscher sprechen von Nanomaschinen, die sich selbst replizieren, aber zeigen Sie mir erst mal eine makroskopische Maschine, zum Beispiel von der Größe eines Tisches, die eine Kopie ihrer selbst herstellen kann. Das ist verdammt schwierig. So etwas in der Größe von Molekülen zu bewerkstelligen ist noch eine Million Mal schwieriger.
SPIEGEL: Die Natur macht es uns vor. Das Erbgutmolekül DNS kopiert sich selbst.
Kaku: Ja, und es ist gut vorstellbar, dass man auf dieser Basis einen DNS-Computer bauen kann. Aber die Herstellung makroskopischer Gegenstände? Physikalisch spricht nichts dagegen, Moleküle zusammenzusetzen. Das Problem ist aber: Wie können wir die unglaubliche Informationsmenge übermitteln, die nötig ist, um den Bauplan eines Gegenstandes für jedes Molekül zu beschreiben?
SPIEGEL: Sie halten demnach die Nanotechnik für ein Hirngespinst?
Kaku: Nein. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich zum Beispiel intelligente Sensoren mit der Rechenleistung eines heutigen PC entwickeln lassen, die in unserem Körper das Blut analysieren. Es gibt schon heute Kameras, die klein genug sind, um sie zu schlucken, und Bilder von Magen und Verdauungstrakt nach draußen übermitteln. In Zukunft werden wir Kameras so klein wie Blutzellen bauen können, die durch unsere Adern kreisen und Bilder von unseren Organen liefern.
SPIEGEL: Wird der Mensch auf diese Weise auch seinen eigenen Körper verändern?
Kaku: Innerhalb der nächsten 100 Jahre werden wir jeden Teil unseres Körpers biologisch ersetzen können. Ich vermute, dass es in 5 bis 10 Jahren die erste neu gezüchtete Leber geben wird. In 50 Jahren, so sagen mir die Forscher, werden wir jedes Organ mit Hilfe von Stammzellen wachsen lassen können.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, die besten Ideen hat man zwischen 30 und 50 Jahren, danach kann man nur noch Memoiren schreiben. Was machen dann all die regenerierten Menschen zwischen 100 und 200?
Kaku: Das ist wirklich ein Problem. Den Körper unsterblich zu machen reicht nicht. Wenn es uns nicht gelingt, den Alterungsprozess aufzuhalten - idealerweise irgendwann zwischen 35 und 40 -, wird die Gesellschaft von ideenlosen Greisen in den Chefetagen beherrscht und stagniert. Aber ich glaube, die Biotechnologie wird es uns ermöglichen, das Altern zu besiegen.
SPIEGEL: Vielleicht kommen gute Ideen in Zukunft auch von Maschinen. Halten Sie Künstliche Intelligenz für möglich?
Kaku: Im Moment gibt es zwei Ansätze in der Forschung, die beide nicht so richtig funktionieren. Der so genannte Top-down-Ansatz versucht, ein Programm für Intelligenz zu schreiben. Dann hätten wir eine CD-Rom, die wir in einen Computer einlegen, und plötzlich sagt der Rechner "Ich denke!" Aber es gibt keine Möglichkeit, gesunden Menschenverstand, Bewusstsein und Witzeerzählen in ein Programm zu pressen. Der Bottom-up-Ansatz versucht, eine Art elektronisches Baby zu programmieren, das von allein lernen kann, sich in der Welt zurechtzufinden. Dazu muss es zum Beispiel sehen und Schmerz empfinden können. Ich glaube, in etwa 40 Jahren wird es möglich sein, beide Ansätze zu verbinden und den Durchbruch zu schaffen.
SPIEGEL: Der Forscher Bill Joy hat für Furore gesorgt mit seiner Warnung vor intelligenten Robotern, die den Menschen eines Tages den Lebensraum streitig machen könnten. Haben Sie auch solche Befürchtungen?
Kaku: Bill Joy übertreibt. Ich glaube, ich kann als Physiker die Grenzen der Technik besser einschätzen. Er tut so, als gäbe es selbst replizierende Nanoroboter schon in zehn Jahren - Maschinen, die dann unsere Welt auffressen. Wenn er gefährliche Nanomaschinen sehen will, sollte er sich mit dem Aidsvirus befassen - ein winziges Stück DNS mit einer Proteinhülle genügt, einen Menschen zu zerstören. Wenn es dieses Virus schaffen sollte, sich so zu verändern, dass es über die Luft übertragen wird, wäre die menschliche Rasse am Ende.
SPIEGEL: Könnte es gelingen, Hybridorganismen aus Elektronik und Biologie herzustellen?
Kaku: Es gibt solche Ansätze. Zum Beispiel den "Darwin-Chip", der seine Schaltkreise in einer Art Evolution ständig verändert. Aber das ist von der Natur noch weit entfernt. Unser Gehirn hat so viel Neuronen, wie es Sterne in der Milchstraße gibt, und ständig entwickelt es neue Verbindungen. Ein Computerchip, der diese Komplexität erreicht, ist nicht in Sicht. Es waren die Phantasien von Ray Kurzweil, die Bill Joy zum Technikpessimisten gemacht haben. Kurzweil glaubt, dass Moores Gesetz ewig weiter gilt und so zwangsläufig ein Computer mit den Fähigkeiten unseres Gehirns entsteht. Das hat Joy in Panik versetzt. Diese Leute verstehen nicht, dass es physikalische Grenzen gibt.
SPIEGEL: Was nicht heißt, dass es nicht geht.
Kaku: Niemand weiß, wie es nach 2020 weitergehen wird. Auch der "Quantencomputer" funktioniert derzeit mit gerade mal fünf Atomen, und niemand weiß, wie man weiterkommt. Bill Joy hat sich mit Nanotechnologen unterhalten. Und diese Leute sind euphorische Erfinder, Verrückte. Sie haben keine Ahnung, wie sie ihre Nanoroboter programmieren sollen. Solche Objekte unterliegen der Quantenphysik, und die zugehörigen Gleichungen sind zu kompliziert, um sie zu lösen.
Bill Joy mag in vielem Recht haben, aber seine Zeitvorstellungen sind völlig überzogen. Einstweilen haben Roboter die Intelligenz einer Kakerlake. Bevor sie mit dem Menschen konkurrieren, muss es welche auf dem Niveau einer Maus, eines Hundes und eines Affen geben, und bis das so weit ist, haben wir eine Menge Zeit, darüber nachzudenken, wie wir verhindern, dass uns diese Kreaturen gefährlich werden.
SPIEGEL: Gibt es in Ihren Vorhersagen denn gar keinen Raum für unvorhersehbare Entdeckungen?
Kaku: Um 1900 glaubten Visionäre, wir würden uns mit riesigen Ballons fortbewegen. Sie nahmen die ihnen bekannte Technologie und multiplizierten sie mit dem Faktor 1000. Wir sind heute in einer ganz anderen Position, denn wir kennen die Gesetze der Physik und der Biologie. Wir verstehen den genetischen Code noch nicht, aber wir wissen im Prinzip, wie er funktioniert.
Eine Strahlenkanone wie im Science-Fiction ist im Prinzip denkbar, aber die Physik verlangt zur Energieversorgung ein Großkraftwerk - keine Chance also, so etwas im Taschenformat zu entwickeln. Ähnlich ist es mit dem - theoretisch vorstellbaren - Elementarteilchenbeschleuniger, der ein Loch im Raum-Zeit-Gefüge öffnen könnte: Um ihn zu bauen, müsste man das gesamte Bruttosozialprodukt der Welt einsetzen.
SPIEGEL: Herr Professor Kaku, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Jürgen Scriba und Gerald Traufetter. * "Enterprise"-Crew beim Beamen. IM NÄCHSTEN HEFT: * 6.2. Wege aus dem Stau Automobile: Mit Elektronik ferngesteuert sicherer ans Ziel Verkehr: Eine Stadt als Computersimulation SPIEGEL-Gespräch: Ferdinand Panik über das Brennstoffzellen-Auto Schiffbau: Die größten Containerschiffe der Welt DIE KAPITEL IN DER ÜBERSICHT: 1. Medizin von morgen 2. Bevölkerungswachstum und knappe Ressourcen 3. Das Informationszeitalter 4. Planet Erde - gefährdeter Reichtum 5. Die Zukunft der Wirtschaft 6. Technik: Werkstätten der Zukunft 7. Globale Politik 8. Die Zukunft der Kultur 9. Künftige Lebenswelten 10. Die Grenzen der Erkenntnis
Von Jürgen Scriba und Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 35/2000
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