28.08.2000

RUSSLAND„Krieg gegen das Volk“

Auf die U-Boot-Katastrophe im Eismeer reagierten Präsident und Admirale nach den erlernten Regeln der Sowjetzeit: mit Geheimniskrämerei und Lügen, Menschenverachtung und Realitätsverlust. Doch Medien und Menschen wehren sich.
Es gab Freibier und Geschenke, Musik und Karussells, da brach plötzlich Panik aus. Man schrieb den 18. Mai 1896, Nikolai II. und Gattin Alexandra hatten das Volk anlässlich ihrer Krönungsfeier auf das Chodynka-Feld am Moskauer Stadtrand geladen.
Binnen Minuten waren 1400 Menschen tot - zertrampelt oder im Gedränge erstickt. Nikolai aber setzte, seinen Beratern gehorchend, den Krönungsball fort. Erst nach dem Tanz fand er den Weg zum Unglücksort. Zu spät: Gleichgültigkeit verzeihen die Russen ihren Zaren nicht. Das Vertrauen in den Landesvater war dahin, für immer.
Gut hundert Jahre später hat Russen-Herrscher Wladimir Putin auf ähnliche Weise sein Image ramponiert. Die Katastrophe des Atom-U-Boots "Kursk", der Ikone einer längst verblichenen Macht, geriet zum persönlichen Debakel des neuen Kreml-Herrn. Auf 69 Grad 40 Minuten nördlicher Breite und 37 Grad 35 Minuten östlicher Länge, so befand die Moskauer "Nesawissimaja gaseta", wurde "eine politische Krise der russischen Führung ausgelöst".
Alles hatten die Russen dem dynamischen Blitzaufsteiger und KGB-Oberst a. D. bisher nachgesehen: den neuerlichen Krieg am Kaukasus, die Hilflosigkeit nach den Terrorakten in Moskau letzten Herbst, die Zähmung von Parlament und Gouverneuren und dass der KGB-Nachfolger FSB mit Putins Hilfe wieder mächtiger wird.
Das grausame Sterben von 118 Soldaten auf dem Grund der Barentssee aber wühlte die Untertanen auf. Dass Putin das
U-Boot-Unglück aus der fernen Sommerfrische am Schwarzen Meer kommentierte, dass Admirale ihren Oberbefehlshaber täuschen und dass dessen Kreml-Apparat wiederum das Volk hemmungslos belügt - das war zu viel.
Wehmütig erinnerten sich die Russen plötzlich früherer Herrscher. Stalin sei, als die Deutschen 1941 auf Moskau marschierten, demonstrativ in der belagerten Stadt geblieben, obwohl er selbst nichts auszurichten vermochte. Gorbatschow habe eine Amerika-Visite abgebrochen, als 1988 das verheerende Erdbeben in Armenien geschah. Damals funktionierte noch der "Instinkt der Solidarität mit dem Volk, die uns auch im Kriege siegen half", glaubt Diplomat Karen Chatschaturow. Die jetzige Macht sei von "kaltschnäuziger Gewissenlosigkeit".
Da half es auch nichts, dass Präsident Putin letzten Mittwoch im Fernsehen endlich von einem "Gefühl der vollen Verantwortung" für den Untergang des U-Bootes sprach. Die Einsicht kam recht spät.
24 Stunden zuvor war der Präsident doch noch in die Flottenbasis Widjajewo nordwestlich von Murmansk gekommen, um sich im blau getünchten Offiziersclub den Hinterbliebenen zu stellen. Geheimdienstler und Omon-Spezialpolizei hatten vorher ganze Müllberge, lästige Journalisten und ungebetene Augenzeugen beiseite geräumt.
Doch der Versuch, mit der brodelnden Menge ins Gespräch zu kommen, misslang. Die wütenden Witwen, die verzweifelten Mütter und Väter verlangten nur eins: Bergung der Verunglückten.
"Ich will die Leiche meines Sohnes", schrie ein 73-Jähriger den Staatschef an: "Du sollst uns nicht mit Geld kaufen, hol uns unsere Kinder hoch." Hysterisch kreischende Frauen wurden von Sanitätern aus dem Saal geführt. "Katastrophenmedizin" stand auf ihren Jacken.
Tage zuvor an gleicher Stelle hatte solch eine Katastrophenhelferin einer Frau heimlich von hinten eine Spritze zur Ruhigstellung in die Schulter gestoßen, als sie den Vizepremier Ilja Klebanow und Offiziere anschrie: "Haben Sie Kinder? Reißen Sie sich Ihre Schulterklappen runter!" Dann verlor die Frau die Besinnung.
Draußen im Land hielt sich das Fernsehen an die vom Kreml ausgerufene Staatstrauer, es strahlte rührselige und patriotische Kriegsfilme aus. Deren banale Botschaft: Romantik und Tragödie liegen auf dem Meer nun mal dicht beisammen.
Die Veranstaltung im Kasino von Widjajewo geriet zur Lotterie der Verlierer: Es ging um Wohnungen, Entschädigungen, Ausbildungskosten der Waisen. In seiner Bürokratensprache tönte Putin: "Wir werden jeder Familie das arithmetische Mittel des Monatsgehalts eines U-Boot-Seemanns zahlen, für zehn Jahre im voraus." Die Besatzung des kostbaren Technikwunders waren zur Hälfte Offiziere mit je rund 200 Mark Monatssold, die Mannschaften mit weit weniger. Ihnen war der Staat sogar Lohn schuldig geblieben, der nun nachgezahlt wird. Kommandant Gennadij Ljatschin, der mit seinen Raketen den Dritten Weltkrieg hätte auslösen können, verdiente 390 Mark.
Pathetisch verklärte die Regierung die Opfer zu "heldenhaft Gefallenen". Warum aber das Atom-Unterseeboot "Kursk" in der Barentssee sank, bleibt ein russisches Staatsgeheimnis. Die Admirale verharren bei der ihnen angenehmsten Erklärung, ein ausländisches U-Boot habe die "Kursk" gerammt. Erst hieß es nebulös, ein "schwimmendes Objekt bedeutender Größe" habe die "Kursk" auf den Grund gebohrt. Dann wurden die Admirale konkreter: Plötzlich wollten sie Teile der Turmverkleidung, auch Rettungsbojen eines fremden U-Boots gesichtet haben. Er würde sein Leben dafür hingeben, in die Augen jenes Menschen zu sehen, der "diese Katastrophe organisiert hat", donnerte Wjatscheslaw Popow, Chef der Nordflotte. Die grün-roten Bojen waren Kohlköpfe, die vom Deck des Atomkreuzers "Peter der Große" gekullert waren.
Kollisionen hatte es schon häufiger gegeben, auch in der Barentssee, sie wurden auch vom Westen geheim gehalten. Im Juni 1970 zerstörte im Pazifik das sowjetische Atom-U-Boot "K-108" den Turm des amerikanischen Atom-U-Boots "Tautog". Dessen Kommandant vermutete den Untergang des Sowjetschiffs (er irrte sich); auf Weisung seines Flottenkommandos fälschte er seine Patrouillenberichte, die Mannschaft musste sich schriftlich zum Schweigen verpflichten, die "Tautog" lief bei Nacht und getarnt in Pearl Harbor ein.
Im Fall "Kursk" beteuern westliche Beobachter, ihre hochsensiblen Sonargeräte hätten die für einen Zusammenstoß charakteristischen Frequenzverläufe nicht aufgezeichnet. Und Kreml-Berater Gleb Pawlowski ließ erkennen, die Crash-Version sei eher für den inneren Gebrauch gedacht: Sie erkläre, warum so spät erst westliche Bergungshilfe gestattet wurde, denn man könne sich ja nicht an eine Macht wenden, der womöglich das schuldige U-Boot gehört.
Die Unterwasserhorchgeräte des Westens zeichneten zur Unglückszeit keine Torpedoübungen auf. Außerdem ist der massive Rumpf der Oskar-2-Klasse so konstruiert, dass er dem Treffer eines solchen Jagdgeschosses standhalten sollte.
Auch für die "Walsprung"-Theorie, die deutsche U-Boot-Fahrer diskutieren, fehlen bislang bestätigende Hinweise aus den Unterlagen der Nato-Beobachter: Die deutschen Tauchbootfahrer halten es für möglich, dass die "Kursk" einen Alarmaufstieg aus großer Tiefe geübt habe. Dabei schießt das Boot mit hoher Geschwindigkeit wie ein Wal aus dem Wasser, klatscht zurück und sackt dann in rasanter Fahrt wieder in die Tiefe. Dabei könnte die 154 Meter lange "Kursk" in untiefes Wasser geraten und in rund hundert Metern auf den Meeresboden geknallt sein, was dann die Folgeexplosion ausgelöst habe.
Was immer die Ursache war: Die ganze Katastrophe war 135 Sekunden nach der ersten Explosion vorbei, als Seismografen den zweiten, zehnmal stärkeren Ausschlag registrierten. Die zweite Explosion war nach Meinung des Leiters der norwegischen Rettungsaktion, Admiral Einar Skorgen, weit stärker auch als selbst die - "unwahrscheinliche" - gleichzeitige Detonation des gesamten Torpedovorrats an Bord.
Sie hat vermutlich allein durch ihre Druckwelle das meiste Leben an Bord in Sekundenbruchteilen ausgelöscht. Die Gase treiben den Innendruck des Bootes auf eine nicht mehr überlebensfähige Höhe, ehe sie die stählerne Röhre an ihrer schwächsten Stelle aufsprengen.
Dass den norwegischen Rettern beim Öffnen der hinteren Ausstiegsluke fast reines Kohlendioxid, ein Verbrennungsrückstand, entgegensprudelte, stützt die These von einer Explosion, die das ganze Boot erfasste.
Durch die russischen Medien geisterten andere Theorien: General a. D. Alexander Ruzkoi, Gouverneur des Gebiets Kursk, brachte aus Murmansk den geheimen Tipp mit, das Boot habe selbst einen neuen Torpedo erprobt. Die Militärs seien so verwirrt, höhnte Reformpolitiker Boris Nemzow, dass sie die Wahrheit nicht mehr von ihren Lügen unterscheiden könnten (siehe Interview Seite 154).
Schließlich meldeten sich noch Trittbrettfahrer: Die tschetschenischen Rebellen verkündeten auf ihrer Internet-Seite (Kav-kaz.org), die "Kursk" sei durch "die Aktion eines Selbstmordattentäters" aus Dagestan "vernichtet" worden. An Bord befanden sich tatsächlich ein Obermaat und zwei Waffenexperten aus Dagestan.
Auf einen anderen, einen inneren Feind schoss sich Putin in seinem halbstündigen Interview-Auftritt im staatlichen Fernsehkanal RTR Mittwoch voriger Woche ein. Ohne Namen zu nennen, attackierte der Präsident die beiden Medienzaren Wladimir Gussinski und Boris Beresowski, deren Zeitungen und TV-Stationen ihm in den Tagen zuvor hart zugesetzt hatten.
Es gebe Leute, so Putin mit einem Blick voller Verachtung, die jahrelang "den Zerfall von Armee, Flotte und Staat" vorangetrieben und überdies "Millionen zusammengerafft" hätten. Sie sollten "lieber ihre Villen in Südfrankreich oder in Spanien verkaufen". Dann tauche allerdings die Frage auf, woher sie das Geld hätten. Im Gegensatz zu diesen Leuten sei er, Putin, eins "mit Armee, Flotte und Volk".
Solche populistischen Rundumschläge kommen bei vielen Russen an. Sie geben die Richtung an, wie sich Putin aus der Affäre ziehen will. Zwar hat er - eine Kopie westlicher Gepflogenheiten - öffentlich "Verantwortung und Schuld" auf sich genommen. Doch die Rücktrittsgesuche vom Verteidigungsminister, dem Flottenchef und dem Chef der Nordmeerflotte will er so lange nicht annehmen, bis nicht alle Umstände des U-Boot-Unglücks geklärt sind.
Bei aller demonstrierten Weltläufigkeit: Vorsicht scheint dem Kreml-Chef offenbar geboten. Nirgendwo in der Gesellschaft verfügt Putin über solch einen Rückhalt wie beim Geheimdienst und eben beim Militär. Dessen internen Streit über Russlands künftige Atomstrategie hatte Putin vor Tagen erst auf einer Sitzung des Sicherheitsrats halbherzig geschlichtet.
Nach der Präsidentenentscheidung soll die Zahl der bodengestützten Interkontinentalraketen verringert werden. Daraus folgt eine Stärkung der Flotte, deren Atom-U-Boote künftig die wichtigsten Träger der Nuklearbewaffnung werden sollen. Doch nach dem Unglück in der Barentssee steht Putin vor einem Dilemma: Eine wirkliche Modernisierung der Seestreitkräfte kostet weit mehr Geld, als der Verteidigungshaushalt mit seinen 206 Milliarden Rubel (16 Milliarden Mark) verspricht.
Parlamentarischen Widerstand gegen eine nachträgliche Erhöhung des Wehretats braucht Putin aber gerade jetzt nicht zu fürchten. Sein Intimus und Duma-Statthalter Boris Gryslow hat bereits vergangene Woche neue Millionen für die Flotte verlangt. Selbst bislang eher oppositionelle Politiker wie Ex-Premier Jewgenij Primakow und auch Wladimir Lukin von der liberalen "Jabloko"-Partei sekundierten artig, sie würden der schimmernden Wehr alle nötigen Mittel bewilligen.
Geht es um Russlands Macht und Größe, sind auch die Kommunisten keine fundamentale Opposition. Zwar wetterte KP-Chef Gennadij Sjuganow, "der verhängnisvolle Kurs der liberalen ökonomischen Reformen der letzten zehn Jahre" sei an dem Bootsuntergang schuld. Doch sein Anhang wird sich schwerlich dem Kreml verweigern, wenn es an die Aufstockung des Militäretats geht.
Der Tanker Russland nimmt Kurs in Richtung Restauration. So wie Putin redete vorige Woche auch die nationale und nationalkommunistische Opposition. In einem Aufruf, veröffentlicht im nationalpatriotischen Wochenblatt "Sawtra", beschrieben Admiral der Flotte a. D. Tschernawin, Schriftsteller und Solschenizyn-Preisträger Walentin Rasputin, KP-Chef Sjuganow und mehrere Gouverneure den Untergang der "Kursk" als Ergebnis eines "zehn Jahre dauernden groß angelegten Krieges gegen das Volk".
Als Konsequenz fordern die Unterzeichner des Appells, Russlands Bürger müssten sich nach dem Schiffsdebakel im Nordmeer erst recht "geistig mobilisieren und vereinen", für den "unvermeidlichen russischen Sieg".
Das ist ganz nach dem Geschmack des angeschlagenen Präsidenten. "Unsere Ahnen haben schon schwerere Katastrophen überlebt", beschwor er ein Millionen-Fernsehpublikum: "Solche Ereignisse sollten das Volk nicht trennen, sondern vereinen." SIEGESMUND VON ILSEMANN,
UWE KLUSSMANN, FRITJOF MEYER,
CHRISTIAN NEEF
* Irina Ljatschina (M.), Witwe des U-Boot-Kommandanten; in Widjajewo am 22. August.
Von Siegesmund von Ilsemann, Uwe Klussmann, Fritjof Meyer und Christian Neef

DER SPIEGEL 35/2000
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