28.08.2000

„Es gibt schon genügend Witwen im Land“

Die Angehörigen der tödlich verunglückten Seeleute empören sich über Kreml-Chef Putin.
118 Seeleute kamen bei der Katastrophe des Atom-U-Bootes "Kursk" ums Leben. Die meisten hinterließen Familien, 55 Kinder wurden zu Waisen. Viele der Offizierswitwen lehnten vorige Woche eine gemeinsame Trauerfeier mit Präsident Putin in der Flottenbasis Widjajewo ab. -------------------------------------------------------------------
IRINA BELOSOROWA, Ehefrau des Kapitäns Dritten Ranges, Nikolai Belosorow: Ich weigere mich, schwarze Trauerkleidung anzulegen, bevor man uns die Leichen gezeigt hat. Die "Kursk" ist das modernste und sicherste Boot, in ihm kann man lange überleben. Wir sind davon überzeugt, dass es dort unten noch Überlebende gibt. Sie sollen die Suche in der Barentssee fortsetzen. Viele Angehörige würden Präsident Putin wohl am liebsten ins Gesicht spucken. Ich auch.
IRINA SCHUBINA, Ehefrau des stellvertretenden Kommandeurs für Ausbildung, Alexander Schubin: Ich bin empört, wie man uns acht Tage lang hingehalten hat. Hätten sie die Rettungsarbeiten gleich am ersten Tag begonnen, hätte mein Mann noch eine Chance gehabt, lebend herauszukommen. Alle sagen jetzt, dass unsere Männer ungewöhnliche Menschen gewesen seien, Helden. Dabei habe ich 20 Jahre wie hinter einer Mauer gelebt, sie haben uns am Leben der Männer gar nicht teilhaben lassen.
Ich habe zwei prima Kinder: Alina und Alexandra. Es ist meine Schuld, ich hätte meinem Mann nicht erlauben sollen, auf der "Kursk" zu dienen. Ich wusste doch, dass unser Staat Krieg führt, ich wusste, es gibt schon so genügend Witwen im Land. Ich wusste, wozu jene Familien verdammt sind, die ohne Ernährer bleiben. Ich hätte ihn zurückhalten müssen. Früher hatte ich eine Chance, meinen Kindern eine Zukunft zu sichern. Ich brauche monatlich für meine 18-jährige Tochter Alina, die in St. Petersburg im ersten Studienjahr am Optisch-Mechanischen Institut studiert, 1500 Rubel. Und das nur dafür, dass sie nicht hungern muss. Ich selbst arbeite in einer Hausverwaltung im ukrainischen Sewastopol, diese 1500 Rubel - das ist mein gesamter Verdienst. Wie die Tochter weiterlernen soll? Ich weiß es nicht. Auch nicht, wie ich die Zwölfjährige auf die Beine stellen soll. Das letzte Mal hatten die Kinder Anfang August von ihrem Vater gehört. Er schrieb: "Ich versuche, euch in jedem Fall bald zu treffen."
Oxana Poljanskaja, Ehefrau des Obermaats Andrej Poljanski: Als ich in unserer Heimat Tichorezk (Region Krasnodar) von der Katastrophe hörte, habe ich in der Liste jene Männer gesucht, die ich durch Andrej in Widjajewo kenne. Und plötzlich fand ich den Namen Poljanski, Obermaat, 2. Sektion. Das konnte nicht sein! Andrej dient doch auf der "Woronesch", nicht auf der "Kursk". Wie wild habe ich telefoniert, dann haben sie mir das Unfassbare gesagt: Andrej und noch ein Kamerad von der "Woronesch" waren kurzfristig auf die "Kursk" abkommandiert worden, weil zwei andere nicht mit ins Manöver konnten. Wenn es Glückliche gibt, die der Tod verschont, so muss es auch welche geben, die dafür vorzeitig den Tod auf sich nehmen.
Ich hab mir Geld geborgt, mit Zinsen, um nach Widjajewo zu kommen. Weder die Administration noch das Militärkommissariat in Tichorezk haben geholfen. Es gab keine Fahrkarte, schließlich bekam ich eine für zwei: Ich hatte unseren eineinhalb Monate alten Säugling Nikita dabei. Andrej hat seinen Sohn nicht mehr gesehen. Dass irgendwelche Gehirnlosen seine 18-jährige Schwester dieser Tage erschlagen haben, hat er auch nicht mehr erfahren müssen. Was sind das für Schicksale hier!
LJUBOW KALININA, Ehefrau des Obermaats Sergej Kalinin: Ich war bei den Eltern meines Mannes in Rostow, als es passierte. Wollte gerade nach Murmansk fahren, zu Sergej. Ich habe bei ihm angerufen, aber er nahm nicht den Hörer ab. Da habe ich bei den Nachbarn nachgefragt, sie wussten es schon. Sergej hat immer von seinem schweren Job gesprochen, für den er gerade mal 100 Dollar erhielt. Ein Jahr blieb noch bis zu seinem Ausscheiden aus dem Dienst, wir wollten uns eventuell in meiner Heimat niederlassen, in der Ukraine. Mit 26 anderen habe ich einen offenen Brief an Putin geschickt. Unsere Forderungen: sofortige Bergung der Besatzung, Wohnungen für die Hinterbliebenen, kostenlose Ausbildung der zu Waisen gewordenen Kinder - und sie sollen Marschall Sergejew und die Flottenchefs vor Gericht stellen.
TATJANA TYLIKA, Ehefrau des Steuermanns Sergej Tylik: Der Herr Präsident soll uns genau sagen, wann er uns unsere Jungs wieder rausgibt. Geld hat er versprochen, aber wir wollen kein Geld. Wir wollen die Männer beerdigen. Der will uns kaufen, aber wir wollen einfach menschliche Worte von ihm. Jahrelang haben die Jungs bei der Flotte gedient, in stählernen, verrotteten Kästen. Nichts gab's, keine Wohnung, nichts. Wer von uns wusste denn, dass man erst sterben muss, um aus dem Dreck rauszukommen und wenigstens etwas Geld zu kriegen?

DER SPIEGEL 35/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Es gibt schon genügend Witwen im Land“

  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"
  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS