28.08.2000

ITALIENEiner von uns

Unterstützt von Postfaschisten und Freunden Jörg Haiders will Medien-Mogul Berlusconi wieder Regierungschef werden. Eine Tour des Charmes soll Ängste in Europa abbauen.
Im Unterhemd steht Nicola Cucullo am Waschbecken der Rathaustoilette und reibt sich Rasiercreme ins Gesicht. Cucullo ist 70 und Bürgermeister von Chieti, einem Städtchen in Mittelitalien mit 55 000 Einwohnern.
Cucullo hat eine hitzige Debatte im Rathaussaal hinter sich, gleich soll er fotografiert werden. Dazwischen ist gerade noch Zeit für eine Magentablette und eine Rasur.
Der Bürgermeister hat ein paar Begleiter mitgebracht. Ausführlich referiert Cucullo nun über Italiens Diktator Benito Mussolini ("ein ganz großer Mann"), dessen deutschen Freund Adolf ("hat Fehler gemacht, aber alles war nicht schlecht") und den aktuellen Hoffnungsträger aus Kärnten, Jörg Haider: "Ein wahrer Demokrat".
Der Mann aus Chieti, dreimal mit großer Mehrheit gewählt, ist einer jener Provinzpolitiker, die derzeit überall in Italien von sich reden machen - mit rechten Parolen und bizarren Aktionen. Cucullo hat in einem offenen Brief Roms Bürgermeister Francesco Rutelli zur Homosexuellen-Parade ("World Gay Pride") gedroht, er werde einen Freiwilligentrupp echter Männer aufmarschieren lassen, der "alle Gays glücklich macht (auch ohne Vaseline ...)". Sein Amtskollege aus San Genesio bei Pavia lässt das Dorf abends mit Gittern verschließen, um Fremde fern zu halten. Der Lokalchef in Acqui Terme im Piemont überlegt, die Ortschaft mit Stacheldraht einzuigeln, um sie so vor "albanischen Flüchtlingen" zu schützen. In Treviso ließ Bürgermeister Giancarlo Gentilini (genannt "der Sheriff") Parkbänke abräumen, damit sich unerwünschte Ausländer nicht auf ihnen niederlassen können.
Italien rutscht nach rechts. Das zeigten die Regionalwahlen vor ein paar Wochen, das belegen demoskopische Umfragen. Im April nächsten Jahres stehen Parlamentswahlen an. Aber die regierende Mittelinks-Koalition ist so zerstritten und handlungsunfähig, dass die Italiener womöglich noch in diesem Jahr eine neue Volksvertretung bestimmen müssen. Das liefe, nach heutigem Stand, auf einen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi hinaus, den reichsten Mann des Landes, Herr über große Zeitungsverlage und Fernsehsender.
Vorigen Donnerstag enthüllte der Medien-Milliardär sein Regierungsprogramm. Er versprach mehr Sicherheit und bessere Schulen, überhaupt "ein besseres Italien". Denen, die heute in Rom regieren, allesamt "Protagonisten des Kommunismus", schmetterte er seinen Schlachtruf "Mehr Freiheit" entgegen - und fast 20 000 kirchlich-konservative Jugendliche, die sich alljährlich für ein paar Tage zu Diskussionen und Gebeten in Rimini versammeln, jubelten ihm begeistert zu.
Seine Mehrparteienallianz "Casa delle Libertà" ist eine bunte Mischung aus bürgerlichen Gruppen und katholischen Aktivisten, Postfaschisten und der Partei Lega Nord, die von der autonomen Südalpenregion "Padanien" schwärmt. Bei den europäischen Nachbarn weckt diese Berlusconi-Truppe wenig Begeisterung.
Darum will der Anführer des Parteienbündnisses in den kommenden Wochen durch Europas Hauptstädte tingeln und Charme verbreiten. Berlusconi will sich eine Wiederholung der demütigenden Erfahrung aus dem Jahr 1994 ersparen, als er von EU-Kollegen demonstrativ geschnitten wurde. Nach neun Monaten zerbrach damals sein Regiment im Koalitionsgezänk.
Für die Mehrheit der Italiener scheint das alles vergessen und vergeben. Vor allem die Furcht vor Gewalt und Verbrechen treibt die Wähler an Po und Tiber ins konservative Lager. Drei von vier Italienern glauben, dass die Kriminalität zunimmt, wenn mehr Fremde ins Land drängen.
Dabei blieb die Verbrechensrate nahezu konstant, während sich die Ausländerzahl binnen acht Jahren verdoppelte. Außerdem ist der Fremdenanteil auch heute noch, mit 2,2 Prozent, weit unter europäischem Durchschnitt. In Belgien und Deutschland liegt er über 9 Prozent.
Doch Angst ist stärker als Statistik: Viele Italiener sehen sich von Albanern bedroht, von Schwarzen belästigt, von Asiaten überschwemmt. "Angst", so der Soziologe Ilvo Diamanti, sei heute das "wichtigste politische Kriterium".
Dabei ist das, was zwischen Bari und Bozen passiert, nicht vergleichbar mit dem Neonazi-Terror, der in deutschen Städten wütet. Einstweilen beschränken sich "Ausländer raus"-Parolen unter Hakenkreuzen auf einige Fußballstadien. Angriffe gegen farbige Ausländer sind selten. Noch ist Italien durch sein kollektives Bewusstsein, Generationen von Gastarbeitern in alle Welt geschickt zu haben, vor aggressiver Ausländerfeindlichkeit geschützt.
Aber das Unbehagen über die Fremden wird geschürt von Politikern, etwa vom Berlusconi-Alliierten, dem Lega-Nord-Chef Umberto Bossi. Die europäische Linke, tönte der gerade erst, sei "wie Hitler oder schlimmer". Der habe die Juden ausgerottet. Jene "roten Nazis" aber wollten "alle Völker Europas durch Einwanderung ausrotten".
Solche Koalitionspartner wie Bossi - oder auch Gianfranco Fini, Vorsitzender der Alleanza Nazionale, der Nachfolgepartei von Mussolinis Faschistenverband - verstärken die Vorbehalte in Paris, Berlin und London gegen eine Regierung Berlusconi. Hinzu kommt, dass der immer gebräunte Strahlemann seit Jahren in Korruptionsprozesse verstrickt ist. Zu unklar blieb bis heute die Quelle seines Reichtums.
Mitarbeiter Tony Blairs ließen gegenüber Italiens größter Tageszeitung "Corriere della Sera" durchblicken, mit einer Berlusconi-Regierung "wäre die Realisierung einer Achse London-Madrid-Rom unwahrscheinlich", wie sie mit der amtierenden Mitte-links-Regierung diskutiert wird.
Italien würde im Falle eines Berlusconi-Sieges zwar kaum mit der Ächtung durch die Nachbarn rechnen müssen, wie sie Österreich widerfuhr, auch wenn der deutsche Kanzler und der französische Präsident das schon einmal anklingen ließen. Tatsächlich will derzeit in Europa niemand das Modell Wien neu auflegen. Doch Nicht-Ächtung heißt nicht Achtung. Italien könnte schnell zum zweiten Schmuddelkind der Gemeinschaft werden.
Gleich nach der Sommerpause will Berlusconi versuchen, die offene außenpolitische Flanke zu schließen. Weil die linken Regierungen ihm die kalte Schulter zeigen, will er über die konservativen Parteien Europas Reputation gewinnen. Angela Merkel soll dabei helfen, Helmut Kohl und der britische Oppositionsführer William Hague.
Der Spanier José María Aznar, derzeit einflussreichster Rechter unter den EU-Regierungschefs, soll sich bemühen, seinem englischen Freund Tony Blair den Widerwillen gegen den Mailänder zu nehmen. Mit gleichem Auftrag ist der Alt-Star der italienischen Christdemokraten, der siebenfache Premier in Rom, Giulio Andreotti, 81, bald unterwegs in Euroland.
Herzstück der Charme-Operation soll eine Visite bei Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac werden, möglichst gleich im September. Mit dem gaullistischen Schwergewicht auf seiner Seite könnte Berlusconi ein negatives Votum des sozialistischen Premiers Jospin parieren und, so das Kalkül, Berlin pazifizieren. Nur, hämen Diplomaten in Rom, sei die begehrte Einladung bislang nicht eingetroffen. Für Berlusconi wird die Sache umso schwieriger, je offener seine Gefolgsleute dem Kärntner Rechtspopulisten Jörg Haider zujubeln. Denn der protzt nicht zu Unrecht damit, er fände in Italien "viele Freunde und Sympathien".
Im Adria-Ort Jesolo wurde ihm feierlich der Stadtschlüssel überreicht, in Udine durfte er die Bürger per Großleinwand ansprechen, einen großen Auftritt gab es in Venedig. Die "Bombe Haider" zeige auch südlich der Alpen Wirkung, kommentierte die konservative Zeitung "Libero".
Vor allem Bossis Lega Nord ist politisch ganz nah bei dem Nachbarn aus dem Norden, auch wenn ihr Boss das derzeit auf Berlusconis Wunsch eher vertuschen soll. Auf eine Reporterfrage, ob Haider für ihn eher "Neonazi oder Demokrat" sei, polterte Bossi grob zurück: "Ich komme rüber und haue Ihnen eine runter."
Dabei hatte Bossi sich schon vorigen Herbst mit Haider getroffen. Gemeinsam klagten sie in Vicenza über die EU-Bürokratie, über den Werteverfall eines globalisierten Kapitalismus und über "Kommunisten, Bankiers und Freimaurer", die laut Bossi Europa regieren und mit dem Import fremder Arbeitskräfte "die Identität der Völker zerstören". Der Berlusconi-Partner stellte damals fest: "Haider will in Österreich dieselben Dinge verändern wie wir in Italien."
Man verstand sich so gut, dass Bossi den Untertitel der Parteizeitung "la Padania" ändern ließ. Dort heißt es nun "Mitteleuropäischer Norden".
Auch in Berlusconis Partei Forza Italia schlagen manche Herzen für den Mann aus Österreich. Antonio Martino, Berlusconis Außenminister 1994 und womöglich auch dessen nächster Chefdiplomat, befand vor Parteifreunden: "Jörg ist einer von uns." HANS-JÜRGEN SCHLAMP
Von Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 35/2000
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