28.08.2000

KOSOVOFröhliche Armut

In Deutschland geriet Rupert Neudecks Hilfsorganisation Cap Anamur in die Kritik - doch auf dem Balkan überwiegt das Lob.
Die wichtigsten Dinge, die in seinem Leben passiert sind, hat der 40jährige Veterinär Ragip Kovagi in DIN-A5-Kladden festgehalten. Die kleinen blauen Schulheftchen passen nicht zu ihm, denn Kovagi ist ein bulliger Typ. Wenn er mit dem Bleistift einträgt, was heute wieder passiert ist im Kosovo, wundert man sich, dass die Spitze nicht abbricht.
Kovagi steht vor den Trümmern seines Hauses. Serbische Panzer haben es im April 1999 in Brand geschossen, alle Kladden verbrannten damals zusammen mit Büchern, Möbeln, dem Spielzeug seiner Kinder. Er floh und versteckte sich mit seiner Familie in Kosovo Polje bei Freunden. Am 18. August schrieb Kovagi in dicken Buchstaben "Zurück in Batllavë" in sein Tagebuch. Nun lebt er mit seinen Kindern und seiner Frau in einem Zelt. Gekocht wird auf einem Campingherd, auf der Ruine weht die albanische Flagge.
Doch Kovagi ist kein Albaner und die Fahne weniger Ausdruck seines Nationalstolzes als vielmehr die aufs Dach gepflanzte Bitte an die albanischen Dorfbewohner, ihm und seiner Familie nichts zu tun. Kovagi gehört zur Kosovo-Minderheit der Aschkali, die vor langer Zeit angeblich aus Ägypten auf den Balkan kamen. Menschen wie er gelten im Kosovo als Zigeuner und werden von extremistischen Albanern verfolgt und umgebracht. "Ich habe niemandem was getan", sagt Kovagi laut, "meine Nachbarn wissen das."
Kovagi wurde von Mitarbeitern der Kfor und der OSZE zur Rückkehr ermuntert, die im übersichtlichen Straßendorf Batllavë einen Laborversuch "multi-ethnisches Kosovo" wagen. Ohne Alexandra von der Heide wäre er trotzdem nicht gekommen. Die Elektromeisterin aus Köln hat ihn nicht mit Worten gelockt, sondern mit Dachbalken, Ziegelsteinen und Dachpfannen, dem Baumaterial für sein zerstörtes Haus. Aufbauen muss er es selbst.
Alexandra von der Heide wohnt in der Nähe bei einem albanischen Bauern, ohne Miete zu zahlen. Das ist selten im Kosovo, denn Mitarbeiter humanitärer Organisationen werden von den Albanern oft ausgequetscht wie Zitronen. Die internationalen Helfer stehen unter Generalverdacht, über unbegrenzte Spesenmittel zu verfügen und diese sorglos unters Volk zu jubeln.
Doch Alexandra von der Heide arbeitet bei Cap Anamur. Sie bekommt nur 2000 Mark brutto im Monat und könnte sich von ihrem Gehalt gerade mal eine Woche lang leisten, im von NGO-Vertretern gern besuchten Grand Hotel von Pristina zu wohnen. Dann wäre sie pleite.
Jeden Donnerstag fährt sie in die Hauptstadt, um ihre Kollegen zu treffen. Das Büro von Cap Anamur in Pristina ist ein trister Raum in einem hässlichen Hochhaus der Leninstraße, ohne Klimaanlage und Kühlschrank. Solche Dinge machen die Arbeit zwar angenehmer, "aber wir sind nicht zum Vergnügen hier", sagt Andreas Herr, der in den Bergen bei Orahovac Dörfer wieder aufbaut.
Für 300 Mark, so viel kostet ein Kühlschrank, könnten Herr und Alexandra von der Heide schon wieder eine Ladung Dachbalken bestellen. Und einer alten Frau noch ein Paar Schuhe kaufen, wie dieser ausgemergelten Albanerin in Prizren, die sich am Silvesterabend mit Lumpen an den Füßen durch den Schnee kämpfte.
Herr und von der Heide sahen die Alte, führten sie ins Geschäft, kauften ihr neue Stiefel und ließen sich eine Quittung geben. "Das ist Nothilfe", sagt Herr, der die Effektivität seiner Organisation unterstreichen will. Doch der Verzicht im Büro auf gekühlte Getränke bei 40 Grad im Schatten lässt ahnen: Ohne Helfersyndrom hält man hier kaum durch.
Die 68-jährige Ärztin Elisabeth Nieman arbeitet im Krankenhaus Malisevo sogar ganz ohne Gage. Außerdem hütet sie die Kosovo-Finanzen von Cap Anamur. Wenn sie erklärt, man habe im Büro nicht mal einen Kopierer, sondern renne für jedes Blatt zum Copyshop um die Ecke ("ist viel billiger"), dann leuchten ihre Augen.
Freiwilliger Verzicht und ein gegen null gehender Verwaltungskostenanteil gehörten zum Glaubensbekenntnis von Cap Anamur. Gerade deshalb treffen die in Deutschland erhobenen Vorwürfe die in fröhlicher Armut lebenden Kosovo-Helfer, bei ihnen herrsche Finanzchaos und keine Übersicht bei der Projektarbeit.
Rupert Neudeck, der Gründer von Cap Anamur, hat die Anschuldigungen als "Versuch der Verfolgung und Ermordung" bezeichnet, als seien seine Mitarbeiter einem Genozid ausgesetzt.
"Der Kerl nervt ungeheuer", seufzt Tom Koenigs, Uno-Verwalter in Pristina, "aber ich werde den immer verteidigen." Denn ohne Hilfsorganisationen wie Cap Anamur wäre das öffentliche Leben im Kosovo längst restlos zusammengebrochen.
Was die Unmik-Verwaltung zehn Monate nicht geschafft hat - eine Müllabfuhr in den Städten zu organisieren -, regelte Neudeck in ein paar Tagen. Über 50 Reinigungsfahrzeuge und mehr als tausend Container verschenkte Cap Anamur im April an die Gemeinden des Kosovo. Seitdem sind die Straßen sauberer und das Amselfeld sieht nicht mehr aus wie ein Schuttabladeplatz.
Den Vorwurf, die Spendengelder von insgesamt 57 Millionen Mark seien von Cap Anamur noch nicht vollständig ausgegeben worden, gut 20 Millionen lagerten noch auf Festgeldkonten, findet der ehemalige Banker Tom Koenigs absurd. "Ich bin froh, dass der Neudeck noch Geld übrig hat", sagt er. Tatsächlich kann keine Rede davon sein, dass es im Kosovo nichts mehr zu tun gäbe.
Erst vergangene Woche entdeckten Neudecks Mitarbeiter ein zerstörtes Dorf in den Bergen. 200 Menschen leben dort in Ruinen, denn die Serben äscherten die Siedlung im April vergangenen Jahres praktisch ein. Die Funktionäre der Kfor und der Uno haben das nur schwer erreichbare Dorf einfach vergessen.
Jetzt müssen Häuser gebaut werden, denn in den Bergen kommt der Winter schnell. Andreas Herr bezweifelt, dass andere Hilfsorganisationen so rasch auf eine Notlage reagieren können: "Die müssen erst mal drei Anträge schreiben."
Der Schreiner aus Bamberg muss bloß bei der Zentrale in Köln anrufen und Bescheid geben, wozu er das Geld braucht. Das Okay kommt telefonisch, dann bestellt Herr das Material und markiert einen grünen Punkt auf der riesigen Landkarte im Büro. Drei Dutzend andere Stellen sind bereits gekennzeichnet, jeder Fleck steht für ein Dorf, ein Schul- oder Ausbildungsprojekt, mehr als 3000 neue oder renovierte Häuser verbergen sich dahinter. Der Punkt rechts oben steht für Batllavë, für das Dorf, in dem Ragip Kovagi wohnt. Nächste Woche kommen die Ziegel. Der Aschkali ist Cap Anamur sehr dankbar für die Hilfe, trotzdem gibt es Streit. Er will sein Haus wieder dort aufbauen, wo die Ruinen stehen; direkt an der Straßenkurve. Die Mitarbeiter der Kfor, der OSZE und von Cap Anamur raten in seltener Eintracht davon ab.
Die Kurve sei ein Unfallschwerpunkt, heißt die offizielle Begründung, weshalb Kovagi sein neues Heim 30 Meter nach hinten rücken soll.
Ein Unfall würde ihn dann nicht mehr treffen. Und Handgranaten, die Extremisten im Kosovo aus fahrenden Autos auf Häuser von Serben und Zigeunern schleudern, vermutlich auch nicht.
CLAUS CHRISTIAN MALZAHN
Von Claus Christian Malzahn

DER SPIEGEL 35/2000
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