28.08.2000

KALIFORNIENRevolte in Rot

Seit über 200 Jahren wird an der Westküste Wein angebaut und jüngst zu aberwitzigen Preisen verkauft. Nun keltert Patrick Campbell einen preiswerten Tropfen für die Massen.
Das Manifest steckt im Flaschenhals. Patrick Campbell schneidet die Stanniolkapsel auf, dreht den Korkenzieher ein und hebelt den Stopfen vorsichtig nach oben: Über dem Glasrand erscheint - mit einem leichten Plop - das in Naturkork gebrannte Konterfei von Ur-Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin.
Während der Winzer aus Sonoma einen Schluck Roten ausschenkt, wird auch der Aufdruck auf der Rückseite des Kommunistenporträts sichtbar: "Reds" heißt der Name des würzig duftenden Tropfens, darunter folgt in kleinen Lettern: "Ein Wein für das Volk."
Agitprop im Rebensaft? Polit-Propaganda für dürstende Massen? Oder nur ein überdrehter Werbegag, um im harten Wettbewerb einer Millionenindustrie Aufmerksamkeit zu erregen?
Die Korkenparole ist zugleich ironische Anspielung an die eigene Vergangenheit wie ernst gemeinte Marketingstrategie: Der Slogan richtet sich nicht an linke Ideologen oder die Hand voll verbliebener US-Kommunisten - er zielt auf die wachsenden Massen Wein trinkender US-Konsumenten.
Für die produziert Campbell einen grundsoliden kalifornischen Qualitätswein zu annehmbaren Preisen. Eine Flasche "Reds" kostet im Laden nicht mehr als neun Dollar.
Damit wurde der Wein zu einem Verkaufsschlager, vor allem an der Westküste. Kunden strömten in die Supermärkte, die mit dem Auffüllen der Regale kaum nachkamen. Eine Revolution.
Denn bisher konnten Käufer fast nur zwischen billigstem Fusel und teuerstem Edeltropfen auswählen. Vor allem an der Ostküste wächst das Marktsegment der 20- bis 50-Dollar Weine. Kein Wunder, dass in den Traditionsanbaugebieten der ameri-
kanischen Westküste der Trend zu immer teureren Spitzengewächsen geht.
Angeschoben von der boomenden US-Wirtschaft sind die Preise für exklusiven Cabernet Sauvignon aus Napa und Sonoma auf weit über hundert Dollar gestiegen. Auf Auktionen werden für ältere Jahrgänge auch tausend Dollar und mehr bezahlt; ein Weinliebhaber erwarb auf einer Auktion Anfang des Jahres eine Sechsliterflasche Cabernet von 1992 für ein Spitzengebot von einer halben Million.
"Der Markt spielt verrückt", schimpft Campbell, "das hat mit Qualität nichts mehr zu tun, das ist reine Spekulation." 1999 erbrachten Weine über 14 Dollar pro Flasche ein Viertel der Gesamteinnahmen von 5,3 Milliarden Dollar für die kalifornischen Winzer.
Der Professorensohn aus Baltimore wuchs in Australien und Kalifornien auf, studierte in den "wilden Sechzigern" Religionsphilosophie mit Abschluss in Harvard. Doch dann empfand er seine Ausbildung als zu lebensfremd. "Es war die Zeit der Protestbewegung für die Bürgerrechte und gegen den Vietnamkrieg", erinnert sich Campbell.
So versuchte er sich als Polit-Aktivist und Sozialarbeiter, war Lehrer und Orchestergeiger. Dann zog er sich in der Nähe von Sonoma in ein Zen-Kloster zurück, das auch über einen kleinen Weinberg verfügte: Campbell entdeckte die Meditation und seine Leidenschaft für die "Kunst des Weinmachens".
Mit einem Freund erwarb er 1977 die ersten 1,2 Hektar Weinberg unweit vom "Jack London State Park". In der Gegend zwischen Eichen und Redwood-Riesen oberhalb des "Valley of the Moon", wo der US-Autor Anfang des Jahrhunderts viele seiner Bestseller schrieb, fand Campbell seine önologische Berufung.
"Wir hatten unglaubliches Glück", sagt der Winzer, der als Kind an Polio erkrankte und sich auf Krücken durch den Weinberg bewegt: "Die Trauben, das Wetter und ein stetig expandierender Weinabsatz". Sein "Laurel Glen" wurde geschmacklich wie geschäftlich zum Riesenerfolg - mehr als hundert Jahre nachdem hier deutsche Winzer Wein angebaut hatten.
Campbell sieht sich in der Tradition dieser Pioniere: Denn den Anfang des Weinanbaus machten um 1779 Franziskanermönche, die die amerikanische Westküste missionierten. Zuerst im Süden Kaliforniens fanden sie den richtigen Boden und das geeignete Klima für den Anbau von Trauben - nötig für die Herstellung des sonntäglichen Messweins.
Als Urvater der Napa-Winzer gilt Charles Krug, ein kurhessischer Einwanderer, der 1861 mit der Herstellung von Rebensaft begann; Jacob und Frederick Beringer, Brüder aus Mainz, gründeten ihr Gut 1876 und bauten das "Rhein-Haus" - eine aufwendige 17-Zimmer-Burg aus Fels und Fachwerk. Und Familien wie Simi, Gallo oder Mondavi zählen noch immer zur italo-amerikanischen Winzer-Aristokratie.
Doch anders als in Europa, klagt Phyllis Turner, PR-Direktorin von Beringer, gebe es in den USA keine Weinkultur: "Wir müssen unseren Kunden das Wissen und den Geschmack für Wein erst beibringen."
Da bleibt noch viel zu tun. Beim Pro-Kopf-Verbrauch liegt Wein mit rund 7,5 Litern abgeschlagen in der Getränkestatistik; zugleich trinkt der Durchschnittsamerikaner jährlich 113 Liter Kaffee und zudem 204 Liter Limonade. Denn das Faible für Rebsorten, Lagen und Jahrgänge wuchs erst in den sechziger und siebziger Jahren mit dem Interesse für feinere Küche.
Da begann eine Renaissance der kleinen, feinen Weingüter. Idealistische Hobbyweinmacher und Seiteneinsteiger entdeckten die Kunst des Kelterns, übernahmen alte, heruntergewirtschaftete Güter. Die neuen Winzer reisten nach Frankreich, ließen sich in die Geheimnisse des Weinmachens einweihen und experimentierten mit Rebsorten. Binnen weniger Jahre schufen die Amerikaner mit Cabernet Sauvignon und Chardonnay Spitzenweine, die heute mit den besten Jahrgängen des alten Kontinents konkurrieren.
Napa und Sonoma sind Anbaugebiete von Weltklasse, selbst Sekt nach traditionellem Champagnerverfahren wird hergestellt. Kaliforniens 847 Güter, meist Familienbetriebe, produzieren rund 91 Prozent der US-Weine - nach Frankreich, Italien und Spanien ist die Region der Welt viertgrößtes Anbaugebiet. Jedes Jahr kommen mehr als zehn Millionen Touristen hierher - nach Disneyland sind die Weingüter das zweitwichtigste Reiseziel Kaliforniens.
Das hat abgefärbt. Die Kellereien belassen es nicht nur bei Verkostung und Verkauf oder Führungen durch Felsstollen, wo in Eichenfässern die Spitzenjahrgänge lagern. Zur Vermarktung gehören Gläser und Korkenzieher mit dem Firmenlogo, T-Shirts, Hüte und Hemden sind mit dem Emblem der großen Güter geziert. Souvenirläden bieten Kochbücher, Picknickkörbe und Thermo-Rucksäcke für den Transport der teuren Tropfen.
Der Boom hat noch andere Schattenseiten. Er trieb die Preise für Grundstücke und Wein in die Höhe, bald kauften sich Lebensmittelmultis wie Nestlé und Seagram bei den renommiertesten Firmen ein; Umsatzriesen wie Beringer und Mondavi sind mittlerweile Aktiengesellschaften, die an der New Yorker Börse gehandelt werden.
Weinanbau hat unterdessen geradezu Kultstatus erreicht. Für die Glitterati aus Hollywood oder die neureichen Millionäre aus dem Silicon Valley gehört es beinahe schon zum guten Ton, in Napa oder Sonoma "Weinbauer" zu sein. Ihren Erfolg zieren sie mit fragwürdigen architektonischen Aushängeschildern - Prunkbauten im Stil französischer Loire-Schlösser oder mexikanischer Trutzburgen.
Diese Luxuswinzer zahlen Millionenbeträge für bescheidene Randlagen, lassen sie von anderen Unternehmen bewirtschaften und überraschen ihre Freunde und Geschäftspartner dann mit einem Wein, der den eigenen Namen im Etikett trägt. Es ist der ultimative Schick - nach Penthouse, Yacht und Modellfrau.
Campbell hat der Ruhm nicht besoffen gemacht. Sein "Laurel Glen" gehört zu den Top Ten der kalifornischen Cabernets, Weinkenner rühmen das "Aroma aus schwarzen Beeren mit exotisch gewürzter Spitze". Doch über dem Profit vergaß er seine Wurzeln nicht. "Mein Ehrgeiz", so Campbell, "war es stets, neben einem Spitzenprodukt auch einen vollmundigen, opulenten Wein zu machen, der für wirklich jedermann noch erschwinglich ist."
So entstand vor vier Jahren "Reds": ein Wein aus kalifornischem Zinfandel, Petite Sirah, Mourvèdre, Carignan und Grenache, ein preiswerter Renner in Läden und Bistros der Westküste. "Ein echter Wein für das Volk", freut sich Campbell.
Als er diese Botschaft auf die Korken drucken ließ, wollte er sie auch optisch untermauern: So zieren neben Lenin auch Marx, Mao und Chruschtschow den Verschluss. Das brachte "Reds" ins Gerede. Und aus dem "Bibelgürtel", dem tief konservativen Süden der USA, gab es wütenden Protest.
Campbell reagierte mit einer Abfüllung, die eigens auf diese Klientel abgestimmt war. Die nächsten Korken trugen das Bild von Edgar Hoover. Und unter der Silhouette des legendären FBI-Chefs, der stets Verrat witterte, die Mahnung: "Findet den Roten und bringt ihn ans Licht." STEFAN SIMONS
* Korken mit Lenin-Bild.
Von Stefan Simons

DER SPIEGEL 35/2000
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