28.08.2000

LITERATURInsider unter sich

Wie wäre es jetzt, da "Big Brother" gelaufen ist, mit einer neuen Reality-TV-Schau: Profi-Darsteller spielen Journalisten, die teils nach Drehbuch, teils nach realer Nachrichtenlage agieren. Ein Doku-Drama zwischen Reporterrealität und TV-Unterhaltung. Das Projekt "Real Time" hat sich der Fernsehmacher George ausgedacht, und er weiß, "viele Leute im Nachrichtengeschäft werden an die Decke gehen, keine Frage". Aber er weiß auch: Die Quote wäre fabelhaft.
"Real Time" ist eine der beängstigend einfachen (und einfach beängstigenden) Medienideen, die der US-Journalist Kurt Andersen, 46, in seinem Romandebüt "Tollhaus der Möglichkeiten" gratis verschleudert. Andersen nimmt - anhand von George und seiner Gattin Lizzie, einer aufstrebenden Software-Unternehmerin - die Allüren einer Babyboomer-Schickeria auf die Schippe, die sich zwischen New York und Los Angeles in Medien, Hightech oder Start-ups wichtig tut. Was George und Lizzie als Heldenpaar erträglich (und unterhaltsam) macht, ist ihre Neigung, ihren turbokapitalistischen Alltag laufend selbstkritisch zu kommentieren.
Mit seiner Schilderung verräterischer Lifestyle-Details gebärdet sich Andersen als ein Tom Wolfe des Dot.com-Zeitalters (worauf der deutsche Titel aufdringlich hinweist), und wie Wolfe verfasst auch Andersen keine hohe Literatur, sondern brillanten, belletristisch verbrämten Gesellschaftsjournalismus. In den USA avancierte "Turn of the Century" (Originaltitel) 1999 zum Couchtisch-Wälzer der Info-Elite, denn Andersen ist einer der Ihren, ein hyperaktiver New Yorker Insider: In den Achtzigern gründete er die Satire-Zeitschrift "Spy" mit, später war er Herausgeber des Wochenmagazins "New York" (und wurde wegen Unbotmäßigkeit gefeuert), und jetzt ist Andersen am Aufbau einer riesigen Medien-Website beteiligt. "Inside.com" (Abopreis 19,95 Dollar im Monat) liefert nichts anders als Medienklatsch über Medienmenschen. Das hätte sich George nicht besser ausdenken können.
Kurt Andersen: "Tollhaus der Möglichkeiten". Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Karl Blessing Verlag, München; 736 Seiten; 50 Mark.

DER SPIEGEL 35/2000
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