28.08.2000

KUNSTRaunen im Letternwald

Viel Lärm um leere Sprüche? In der Kunstszene floriert das Spiel mit Schrift und Wort. Bisweilen poetische, oft aber haarsträubend banale Parolen werden an die Wand gemalt oder in Stein gemeißelt. Der Trend-Pionier Lawrence Weiner stellt jetzt in Berlin und Köln aus.
Vorsicht, Kunstfreunde, haltet an euch. Wer bei dem folgenden Satz zusammenzuckt, kassiert einen Banausen-Strafpunkt: Nach alles, was man so hört und liest, ist Sprache als Bildthema auf dem Vormarsch.
"Nach alles"? Nein, kein Schreibfehler, auch kein Fragment einer kühn aus dem Japanischen übersetzten Gebrauchsanweisung. "Nach alles" ist Teil und Titel einer Ausstellung, die der Amerikaner Lawrence Weiner bis 8. Oktober bei der Deutschen Guggenheim in Berlin zeigt. Eisern erklären die Veranstalter, die "ungewöhnlichere" statt der "gebräuchlicheren" Deklination solle "Bedeutungsnuancen hervorheben". Und zwar "subtil".
Okay, Weiner, 58, zählt zu den Gründern der Concept Art, jener modernen Schaffensrichtung, die schon gut drei Jahrzehnte lang Ernst macht mit dem Gedanken, auch bildende Kunst finde vornehmlich im Kopf statt und könne deswegen durchaus einmal aus einer blanken Idee oder einem aufgeschriebenen Satzfetzen bestehen.
Wer die Szene durchstreift, stößt an allen Ecken auf derlei verbalen Bild-Ersatz. Wenige hundert Meter vom Guggenheim-Schauraum Unter den Linden entfernt lässt Weiners Landsmännin Jenny Holzer im Reichstagstreppenhaus Leuchtschrift-Texte aus historischen Parlamentarierreden an den vier Seiten einer hohen Stele herunterperlen. Im nahen Hamburger Bahnhof, einer Dependance der Nationalgalerie, hat Lothar Baumgarten zwei Aufgänge mit den Vokabel-Girlanden einer "Feuilleton-Klimax" geschmückt. Beim Kunstverein Hannover reserviert Gerhard Merz einen eigenen Raum für einen Ausspruch über den Astronomen Kopernikus (SPIEGEL 21/ 2000). Dem Neuen Museum in Nürnberg hat Rémy Zaugg lakonische Wortreihen eingemeißelt. Und so weiter.
Selbst das heiß umkämpfte Reichstags-Opus Hans Haackes, der damit einen Innenhof des Hohen Hauses "Der Bevölkerung" statt "Dem deutschen Volke" weiht, folgt ein Stück weit dem Trend, jedenfalls im derzeitigen Rohzustand. Erst vom 12. September an sollen Abgeordnete die Wanne rings um die nun endlich installierte Leuchtschrift sackweise mit ihrem Wahlkreis-Humus auffüllen. Dann wird die - untypische - Befrachtung des Werks durch politische Allegorien noch deutlicher.
Für sich genommen, hat die Doktrin der asketischen Schrift-Kunst eine eigene, unanfechtbare Logik, doch zumindest in Berlin läuft ihr bärtiger Prophet Weiner gnadenlos Amok. Muss sich seine "Sprachskulptur", wie Eingeweihte sagen, unbedingt noch vor jeder näheren Betrachtung durch einen Grammatikschnitzer bloßstellen, der überdies von Plakaten und Inseraten unabsehbar multipliziert wird?
Das ganze Werk ist eine vielteilige, zweisprachige Wände-Beschriftung aus kapitalen Druckbuchstaben, die nach genauer Anweisung des Künstlers von Hilfskräften ausgeführt sind - gerade oder schräg, frei in die Fläche gesetzt oder von unregelmäßigen Vierecken eingekastelt. Englisch und in (oft holpriger) deutscher Übersetzung liest der Ausstellungsbesucher von schlichten Gegensätzen, die jeweils gleichen Bedingungen unterworfen seien: "Etwas Klares" und "etwas Dichtes" beispielsweise "reflektieren dasselbe Licht". "Etwas von formaler Substanz" und "etwas von formloser Substanz" wiederum "stehen im Regen". Nach alles klar?
Mit seinen Begriffskontrasten will der Künstler auf den Berliner Naturforscher Alexander von Humboldt anspielen, der die fremde Erscheinungswelt Südamerikas in ein wissenschaftliches System zu bringen suchte. Weiner aber, so schwadronieren nun die Kuratorinnen Lisa Dennison und Nancy Spector, betreibe eine "offene" Untersuchung, für die der englische Titel "After all" nicht nur "schließlich" bedeuten könne, sondern auch so etwas wie "jenseits der Ansammlung der Dinge".
Auf bloße Addition bedacht, hat der Künstler trotzig insistiert, sogar das grammatische Gefüge aufzubrechen - nicht gerade im eigenen, weithin endungslosen Idiom, wohl aber in der Übersetzung. Denn angeblich nimmt "Nach alles" die Wörter wörtlicher als ein korrektes "Nach allem". Man muss wohl Sprach-Bildhauer sein, und kein übertrieben sensibler, um auf solche Rabulistik zu verfallen.
Nüchtern betrachtet, gibt die Berliner Ausstellung weder abgründigen Tiefsinn her noch steilen Höhenflug. "Etwas von Gewicht - etwas von weniger Gewicht - etwas anderes - etwas - stehen am selben Ort": Ist das etwa aufschlussreich, ist es gar poetisch? Entfaltet die Typo-Grafik der beschriebenen Wand ästhetische Reize? Oder bringt das Zusammenspiel von Text und Raum einen eigenen Sinn hervor?
Hier steckt ein allgemeines Handicap konzeptueller Schrift-Kunst, nicht nur der Weinerschen: Selten besitzt der Wortlaut so viel Eigengewicht, dass man ihn auch zwischen Buchdeckeln oder in der Zeitung lesen möchte; sonst stände er ja wohl dort. Mit größerem Recht, als ihr lieb sein kann, hat Jenny Holzer einen Teil ihrer Proklamationen selber ganz offenherzig "Binsenwahrheiten" ("Truisms") genannt. "Machtmissbrauch kommt nicht überraschend", "Tätigkeit macht mehr Ärger als Nachdenken", na so was. Einsichten dieses Kalibers haben es nötig, durch öffentliche Plakatierung oder den Glitzer bewegter Leuchtschrift mit Spannung aufgeladen zu werden.
Auf andere Art macht Baumgarten Banalität zum Thema: Seine "Feuilleton-Klimax" besetzt zwei einander symmetrisch entsprechende Zwischen-Räume im Hamburger Bahnhof mit schönem, dezent farbigem Schriftdesign. Zitiert wird da eine Blütenlese von Füll- und Übergangswörtern, die der Künstler über Jahre aus Zeitungen aufgepickt hat, weil er sie charakteristisch fand, und die er gern auch laut liest: "Obgleich - ursächlich - durchweg - naturgemäß - sowieso - immerdar - geradewegs - nahezu ..."
Doch nicht als Partitur konkreter Poesie soll der Besucher die Liste verstehen, sondern als Dokumentation, die, laut einem Faltblatt des Museums, "mehr über den Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft aussagt, als so mancher auf den ersten Blick vermuten würde". Nur: Was denn sagt sie aus? Konsequent aus dem jeweiligen Zusammenhang gerissen (ja "befreit", wie es einem anderen Schrift-Werk Baumgartens nachgerühmt worden ist), büßen die Floskeln jede Beweiskraft ein. Der Künstler ringt mit Papierkameraden.
Aus der Isolation raunen die Wörter besonders prätentiös. Und eine zusätzliche Würde fordern sie ein, wenn sie nicht bloß übertünchbar an die Wand gemalt, sondern dauerhaft ins Mauerwerk gefräst sind - so, wie sich der Schweizer Konzeptualist Rémy Zaugg am und im neu eröffneten Nürnberger Museum verewigt hat. "Ein Haus, ein Wort, eine Bibliothek" steht da beispielsweise, eine buchstäblich vertiefte Inhaltsangabe, am entsprechenden Bau-Block. Als Programm eines Museumsbesuchs schlechthin ist angeschrieben: "Ein Werk, ein Mensch, ein Wahrnehmen."
Fiele es auf, wenn dort stattdessen zu lesen wäre: "Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm"? Oder, was in der Stadt der Reichsparteitage auch schon erörtert worden ist: "Ein Volk, ein Reich, ein Führer"?
Das sei ja nun ganz was anderes, kontert Zaugg - und zwar deswegen, weil sein eigener Satz im Unterschied zur "Fatalität" der Nazi-Parole das "dialektische Moment" einer "unabschließbaren" Handlung bezeichne. Ein Wort, eine Wand, ein Künstler: Je dürrer der Text ausfällt, umso heftiger muss sich der Interpret ins Zeug legen; sei es der Schrift-Artist in Person, sei es ein einfühlsamer Partner.
In Hamburg, wo Zaugg dem Publikum schon seit Jahren in großen Neon-Lettern an einer Hafenbrücke verklickert, was da in der Umgebung so alles vorkommt ("Kanäle, Lagerhäuser, Schiff, Wolken, Himmel, Wind"), können Bahn-Passagiere auch an drei Stellen neben den Geleisen zwölf Meter lang den Schriftzug "die eigene Geschichte" lesen.
Es handelt sich um eine 1994 installierte, nun stellenweise schon von Schlingpflanzen überrankte Arbeit der Künstlerin Barbara Schmidt Heins. Gerade das Vakuum der Formulierung soll die Betrachter "in eine offene Reflexion ihrer selbst" verwickeln. "Ja, ist das nicht wunderbar?", predigte im NDR ein Radio-Pastor, der sich vorstellte, Zugreisende besprächen im Vorüberfahren die Zweifelsfrage "Und das soll Kunst sein?"
Was Kunst ist und was nur leeres Gerede, muss allerdings von Einzelfall zu Einzelfall entschieden werden. Im Kölnischen Kunstverein wird das Problem seit dem vorletzten Wochenende neu aufgeworfen.
Da spannt - schon wieder! - Lawrence Weiner einen virtuellen Bogen über den 50 Meter langen Ausstellungsraum und reizt damit, wie unbestimmt auch immer, Raumgefühl und visuelle Phantasie. An beide Stirnwände hat er jeweils das Satzfragment schreiben lassen: "As far as the eye can see".
Glück gehabt: So weit das Auge reicht, keine deutsche Übersetzung. JÜRGEN HOHMEYER
Von Jürgen Hohmeyer

DER SPIEGEL 35/2000
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