28.08.2000

„Frank Sinatra war der Größte“

Der britische Popsänger Robbie Williams über die goldenen Regeln des Entertainments, Boxkämpfe mit Musikerkollegen und sein Image als böser Bube des Showgeschäfts
SPIEGEL: Mr. Williams, Sie sind vor zehn Jahren als einer der Stars der anfangs heftig verspotteten Teenie-Band Take That im Musikgeschäft angetreten und haben in den letzten Jahren als Solosänger durch allerlei Exzesse Schlagzeilen gemacht. Wie kommt es, dass Sie nun international als großer Entertainer gefeiert werden nach der Devise: Er ist nicht der originellste Popstar unserer Zeit, aber mit Sicherheit der unterhaltsamste?
Williams: Ich glaube, das stimmt einfach. Es ist wahr, dass ich viele Songs singe, die andere für mich schreiben. Aber eine ähnliche Euphorie im Publikum wie bei meinen Auftritten habe ich woanders noch nie erlebt.
SPIEGEL: Was macht für Sie einen guten Entertainer aus?
Williams: Als Kind habe ich mir alle Filme mit Bob Hope und Bing Crosby angesehen, und ich liebte Musicals wie "The Sound of Music" und "Grease". Aber mit Abstand am tiefsten beeindruckt hat mich das so genannte Rat Pack, die Gang von Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Junior. Mit deren Musik und ihren Fernsehauftritten bin ich aufgewachsen. Hätte ich mich mehr für The Who, die Kinks und die Beatles interessiert, wäre ich sicher bei einer Band wie Oasis gelandet. Aber mein Ideal ist nun mal bis heute die klassische Las-Vegas-Schule: Sieh zu, dass du wirklich jeden amüsierst.
SPIEGEL: Was hat Sie am Rat Pack besonders beeindruckt?
Williams: Die Kunst, einen Drink zu halten. Da hatten Sinatra und seine Jungs wirklich den perfekten Stil heraus. Ich habe fast alles über sie gelesen: Die Kameradschaft muss sensationell gewesen sein, auch wenn Sinatra der Boss war. Den hätte auch ich jederzeit als Chef akzeptiert. Er war der Größte, er war sensationell. Er konnte eine Stunde lang auf der Bühne auf- und abgehen, ein bisschen schwatzen, scherzen und sein Publikum trotzdem im Bann halten. Entertainment ist eine Kunst. Und ich glaube, ein wenig davon habe auch ich im Blut. Das mag sehr eitel klingen, aber ich bin in allen Dingen des Lebens so schlecht, dass es beruhigend ist zu wissen, dass ich immerhin diesen Job anständig beherrsche.
SPIEGEL: Obwohl Sie so fürs klassische Entertainment schwärmen, spielen Sie gern den Lad, den britischen Proll. Sie posieren auf dem Cover Ihres neuen Albums "Sing When You''re Winning" als Fußball-Verrückter und stürmten mit einem Brüll-Song namens "Rock DJ" gerade in halb Europa die Hitlisten. Widerspricht das nicht Ihrer Liebe zum klassischen Stil?
Williams: Der Erfolg von "Rock DJ" ist ein Sieg, den ich nicht feiern mag. Es ist einfach ein zu simpler Nummer-eins-Hit, billig und am Reißbrett entworfen. Natürlich ist es schön zu sehen, dass das funktioniert; dumm ist nur, dass ich dieses Langweiler-Lied nun bis ans Ende meines Lebens auf Konzerten singen muss. Es passt einfach nicht zu meinem, äh ... Penis.
SPIEGEL: Sie meinen: zu Ihrem Charakter? Williams: Genau. Aber was soll''s? Viele Menschen werden sich nun mein neues Album anschaffen und eine Menge wirklich grandioser Robbie-Williams-Lieder mit nach Hause nehmen.
SPIEGEL: Zum Song "Rock DJ" gibt es einen üblen Horror-Videoclip - in dem reißen Sie sich Haut von den Knochen, und Frauen lecken Ihr Blut vom Boden. Einige Musiksender weigerten sich, den Clip ungekürzt oder tagsüber auszustrahlen. Halten Sie auch das für einen gelungenen Werbegag?
Williams: Klar. Viele Journalisten haben mich gelöchert, was ich mir bloß dabei gedacht hätte, so etwas Geschmackloses zu drehen. Andere haben mich bedauert, dass meine Kunst zensiert wird. Ich habe gesagt: Die Antwort ist ganz einfach, ihr Trottel - es ist Super-Werbung für meine Platte!
SPIEGEL: Hat es mit Verehrung für Mick Jagger zu tun, dass dessen Tochter Elizabeth in dem Video mitspielt?
Williams: Ach was, das ist reiner Zufall. Obwohl, ich glaube, ich wollte damit sagen: Danke, Mick, für dieses Paar wunderschöner Brüste.
SPIEGEL: Jetzt spielen Sie wieder den Mistkerl Robbie Williams, den die britischen Boulevardblätter gern auf ihre Titelseiten heben. Singen Sie deshalb auch auf Ihrem neuen Album in einem Duett mit Kylie Minogue, dass Sie nichts gegen Sex unter Männern hätten?
Williams: Das ist nun mal mein Image: Robbie "Bad Boy" Williams. Ich ziehe Ärger magisch an, und ich will mich hier nicht darüber beschweren - immerhin habe ich genug dazu beigetragen. Das ist okay, die Menschen scheinen Bad Boys zu lieben. Und weil mich dauernd alle fragen, ob ich eigentlich schwul bin, mache ich mich mit dieser Liedzeile darüber lustig.
SPIEGEL: In einem anderen Song des Albums veräppeln Sie das Liebesleben der Popstars. Sie selbst waren mit der Sängerin Nicole Appleton von der Popband All Saints liiert und wurden gerade beim Baden mit dem Ex-Spice-Girl Geri Halliwell fotografiert. Verarbeiten Sie in dem Song eigene Erfahrungen?
Williams: Natürlich geht es auch um mich in dem Lied. Sehen Sie, ich fahre mit einer Freundin nach Südfrankreich in den Urlaub. Diese Freundin arbeitet zufällig im selben Beruf, aber müssen wir deshalb gleich eine wüste Affäre haben? Können wir nicht einfach nett am Pool sitzen, uns einen hinter die Binde gießen und nur gute Freunde sein? Aber ich will mich nicht beklagen, vielleicht nur ein wenig erklären.
SPIEGEL: Den letzten großen Krawall produzierten Sie, als Sie vor ein paar Monaten Ihrem Kollegen Liam Gallagher, dem Sänger von Oasis, Prügel androhten und ihn zum Boxkampf herausforderten. War das Ihr Ernst oder nur für die Medien inszeniert?
Williams: Eigentlich tut er mir Leid. Aber er hat mich beschimpft, vermutlich weil sich kein Mensch mehr für Oasis interessiert. Und er ist verzweifelt, weil seine Frau weg ist und er den Druck, ein Popstar zu sein, kaum aushalten kann. Wir sollten uns vertragen. Aber wenn er möchte, können wir die Sache auch anders klären.
SPIEGEL: Überrascht Sie der Absturz der einstigen Superstars von Oasis?
Williams: Ja, sogar sehr. Sie schienen so unverwundbar. Aber nun erleben Oasis den Kater nach dem großen, wilden Britpop-Rausch. Das ganze Land schien euphorisiert, weil die so lange brachliegende Tradition britischer Popmusik endlich fortgesetzt zu werden schien. Wir hatten Punks, Mods, Rocker und Teddy-Boys. Wir haben wirklich eine erstaunliche Menge Popideen um die Welt geschickt - vor allem, wenn man bedenkt, was für eine kleine Insel wir sind. Aber das ist Geschichte. Oasis ist es gelungen, noch mal den Stolz einer ganzen Nation zu mobilisieren. Sie wollten die neuen Beatles sein, haben aber leider übersehen, dass die Beatles immer wieder einen Gang hoch schalteten, während Oasis nicht in der Lage waren, das Tempo zu erhöhen. Sie haben weder die musikalische noch die charakterliche Substanz einer wirklich bedeutenden Rockband. Deswegen sind sie auf der Strecke geblieben.
SPIEGEL: Sie selber haben vor ein paar Tagen quasi zur Eröffnung der Popkomm-Messe in Köln auf dem Dach eines Gebäudes gespielt und mit diesem Konzert ein paar hundert Zuhörer auf der Straße angelockt. Knüpft das nicht auch sehr deutlich an die Tradition der Beatles an, deren Film "Let It Be" das berühmteste aller Dachkonzerte zeigt?
Williams: Keine Ahnung. Ich kann nur sagen, dass ich der Tradition eine total heisere Stimme hinzugefügt habe, weil ich vor Aufregung in den Wochen vor diesem Autritt viel zu viel geraucht habe. Und im Verursachen von Verkehrschaos bin ich ein alter Profi. Zum Beispiel hatte ich neulich Sex mitten auf dem Piccadilly Circus in London ... ach Quatsch. Im Ernst: Vor einiger Zeit habe ich eines Nachts die halbe Londoner Innenstadt lahm gelegt. Zwei Paparazzi verfolgten mich, und ich rannte einfach zu ihren Autos, zog die Schlüssel und warf sie in den Gully. Danach war die Straße für Stunden blockiert.
SPIEGEL: Sie sind bekannt für Ihr enges Verhältnis zu Ihrer Mutter. Hält die Sie eigentlich manchmal für verrückt?
Williams: Sie weiß, dass ich irre bin. Aber Familien sind etwas Magisches. Sie bilden einen Schutzwall gegen alles, was in Zeitungen über mich so Böses geschrieben wird. Bei meiner Mutter prallt alles ab. Steht da "Robbie hat nonstop Sex": Boing, schon abgeprallt. "Robbie nimmt Drogen": Boing, abgeprallt. "Robbie hat jemanden verprügelt": Ach was, mein Sohn tut so was nicht. Eltern sind einfach wunderbar.
SPIEGEL: Wann haben Sie Ihre Mutter das letzte Mal wirklich schockiert?
Williams: Mit meiner ersten Tätowierung.
Damals bettelte sie: "Robert, tu das bitte nie wieder!" Bei jeder weiteren gab es denselben Ärger. Aber dann habe ich mir
dieses wunderschöne katholische Kreuz auf den Unterarm tätowieren lassen und da rein den Namen ihres Vaters, meines Großvaters: Jack Farrell. Sie war wirklich gerührt.
SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie Ihre ersten Auftritte schon als Kleinkind im Pub Ihrer Mutter absolvierten?
Williams: Ich bin fast im Pub aufgewachsen. Meine Mutter hat mir von klein auf klargemacht, höflich zu den Gästen zu sein. Sie sagte: "Robert, mach die Tür auf, wenn du jemanden kommen siehst, sag ,guten Tag'', ,vielen Dank'' und ,auf Wiedersehen''." Und genau das habe ich gemacht. Rund um die Uhr. Mit vier Jahren fing ich dann an, vor der Jukebox zu Olivia Newton-Johns Hit "Summer Nights" zu tanzen. Und ich habe genau registriert, wenn die Leute sagten: "Ach, ist der süß, was für ein niedlicher Junge." Damals habe ich gelernt, mit Charme eine Art von Aufmerksamkeit zu erzeugen, die süchtig machen kann. Wenn du singst, bewundern sie dich. Wenn du einen Witz erzählst, lachen sie. Also egal, was du tust, wenn du es nur richtig anstellst, findest du ein Publikum. Ich glaube, seit ich vier bin, bin ich mir meiner Wirkung voll bewusst.
SPIEGEL: Und dann galten Sie sehr schnell als eine Art Wunderkind?
Williams: Ja, ich komme aus Stoke-on-Trent, einem grauen Kaff im Norden, da ist es nicht schwer, ein bisschen berühmt zu werden. Ich habe in einer "Oliver Twist"-Aufführung gespielt und den Saal zum Toben gebracht. Da merkte ich, dass ich im Entertainment wirklich gut bin.
SPIEGEL: Und für einen Termin mit dem Manager von Take That meldete Sie dann Ihre Mutter an?
Williams: Ja, damals war ich 15. Sie hatte davon im Radio gehört, ich habe mich vorgestellt und den Job bekommen. Wissen Sie, trotz all der schmutzigen Wäsche, die seitdem gewaschen wurde, weiß ich wirklich, was ich meiner Zeit mit Take That zu verdanken habe. Ich weiß, dass ich meine Anlagen dort perfektionieren konnte. Ich mache das nun seit zehn Jahren professionell. Ich habe drei Soloalben veröffentlicht und arbeite wie ein Besessener.
SPIEGEL: Was treibt Sie?
Williams: Die Sehnsucht nach Perfektion.
SPIEGEL: Und das Bemühen, Ihre Take-That-Teenie-Star-Vergangenheit möglichst weit hinter sich zu lassen?
Williams: Wahrscheinlich.
SPIEGEL: Der Druck, den Ruhm mit sich bringt, scheint Ihnen immer wieder zuzu-
setzen. Haben die Take-That-Jahre da nicht abgehärtet?
Williams: Im Gegenteil. Es war ja nie nötig, Verantwortung zu übernehmen. Wenn was schief ging, konnte man die Schuld bequem auf die anderen schieben. Auf einmal war ich allein - und ich brauchte jemanden, dem ich den ganzen Dreck anhängen konnte.
SPIEGEL: Sie haben Ihre Probleme auch mit Alkohol und Drogen bekämpft. Glauben Sie, das lag am harten Musikgeschäft?
Williams: Menschen wie ich würden in jedem Beruf Probleme bekommen, auch als Arzt, Taxifahrer oder Polizist. Der Druck hat nichts mit dem Popgeschäft zu tun. Der Druck ist in meinen Kopf.
SPIEGEL: Nach eigenem Bekunden verachten Sie die gepflegte Trinkerei. Stimmt es, dass Sie nur trinken, um sich gründlich wegzuknallen?
Williams: Natürlich. Gibt es andere Gründe, Alkohol zu trinken? Was soll das, wenn man sich nicht richtig besaufen will?
SPIEGEL: Obwohl Sie sich gern als Bad Boy aufführen, engagieren Sie sich für Unicef und haben gerade erst den Erlös aus einem Werbevertrag mit Pepsi, über sechs Millionen Mark, für wohltätige Zwecke gespendet. Wollen Sie Ihr Image doch loswerden?
Williams: Es ist eben nur ein Image. Ich bin kein harter Rocker, sondern soft wie Matsch. Aber ich rede ungern darüber.
SPIEGEL: Ist es wahr, dass Sie sich vor einiger Zeit einen roten Ferrari bestellt haben, dann Gewissensbisse bekamen und den Wagen einfach zurückbrachten?
Williams: Ja, ich habe das Ding bestellt, weil ein Ferrari ein Traum ist, den du als Junge hast. Ich musste zwei Monate warten, und in der Zeit habe ich mich plötzlich geschämt und überlegt, wie ich da wieder rauskomme. Ein Ferrari ist einfach ein so vulgäres Zurschaustellen von Reichtum, dass ich kotzen könnte. Ich hatte mir schon ein Nummernschild anfertigen lassen, auf dem "Sorry" stand. Aber zum Glück haben sie ihn zurückgenommen.
SPIEGEL: Mr. Williams, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit Kim Novak und Rita Hayworth im Musical "Pal Joey" (1957). * Mit Redakteur Wolfgang Höbel und SPIEGEL-Mitarbeiter Christoph Dallach.
Von Wolfgang Höbel und Christoph Dallach

DER SPIEGEL 35/2000
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