28.08.2000

AUTORENKrankenakte B.

Mit Abenteuerberichten aus dem Alltag von Presse-, TV- und Pophelden wurde er zum Teenie-Star. Jetzt versucht sich Benjamin von Stuckrad-Barre als Literat.
Vielleicht ist es passiert zwischen dem Auftritt in einer Talkshow und dem Anruf von der "Bunten", die wissen wollte, ob er nun mit der Fernsehhumoristin Anke Engelke ein Verhältnis habe oder nicht. Spätestens seit dieser Zeit, seit Herbst letzten Jahres, darf der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre sicher sein, dass die Welt wissen will, ob er nun gerade Liebeskummer hat, einen Pickel oder ein neues Buch fertig. Oder, wie meistens, alles gleichzeitig.
Diese Woche ist es mal wieder so weit: Stuckrad-Barre, 25, stellt bei einer Lesung in Berlin sein neues Werk vor: "Blackbox" ist stilistisch eine bunte Mischung aus Kurzgeschichten, Protokollen, Gedichten und Dialogen; inhaltlich kreist das Buch dagegen vorwiegend um ein einziges Thema: den Autor selbst**.
Tatsächlich hat Stuckrad-Barre für einen 25-Jährigen schon viel erlebt: Als Mitarbeiter einer Plattenfirma schnüffelte und schniefte er sich durch die Niederungen des Popgeschäfts, als Gagschreiber belieferte er Harald Schmidt mit Zotenstoff, als Journalist schrieb er für die "taz" und andere Blätter allerlei freche Geschichten.
Meist ging es in diesen - manchmal recht komischen - Storys um alternde deutsche Musiker und debile Fernsehmoderatoren. Dass diese so genannten Stars mit jedem Schwachsinn in den Medien präsent sind, muss Benjamin von Stuckrad-Barre sehr beeindruckt haben; umso mehr wunderte es ihn, wenn einige ihren Ruhm nicht mit
letzter Konsequenz ausquetschen. "Auf
Lesereise geht sie nicht", tadelte er die RTL-Frau Birgit Schrowange, nachdem diese ihre Autobiografie veröffentlicht hatte.
Zum Ruhm aber drängte es Stuckrad-Barre bald selbst, und weil der Brite Nick Hornby ("High Fidelity") und in Deutschland Christian Kracht ("Faserland") gerade ein diffuses Genre namens "Pop-Roman" etabliert hatten, schrieb auch er ein Pop-Abenteuerbuch. "Soloalbum" erschien im Spätsommer 1998.
Das Debüt war eine Mischung aus Hasstiraden auf Moden und Menschen, die ohnehin fast jeder verachtete, aus Liebesnöten ("Ich mit Erektion im Nebenzimmer") und Lobeshymnen auf die Britpop-Band Oasis. Zwar fand die "Frankfurter Allgemeine" das alles wie die meisten Kritiker "wenig aufregend", doch bescherte es Stuckrad-Barre einen schönen Auflagenerfolg, jede Menge jugendliche Fans und dazu Talkshow-Auftritte und Interview-Anfragen en masse.
Schon damals drohte der Autor im "Stern": "Jetzt muss man halt Schriftsteller werden und aufhören, Protokollant zu sein." Von wegen: In "Livealbum" (1999) schrieb Stuckrad-Barre wieder nur über sich selbst, diesmal am Beispiel seiner Lesereise für "Soloalbum". Nach dieser Tour stand für Beobachter fest: Stuckrad-Barre kann eigene Texte recht flüssig vom Blatt lesen und damit ein überwiegend minderjähriges Publikum glänzend unterhalten.
Ein paar erwachsene Freunde hatte er inzwischen auch: "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher etwa, der ihn für ein paar Monate zum Redakteur der "Berliner Seiten" seines Blatts beförderte; Christian Kracht, mit dem er für Peek & Cloppenburg als Anzug-Model posierte; Anke Engelke (damals "Wochenshow"), mit der er sich auf Partys amüsierte. Oder lief noch mehr zwischen den beiden?
Die interessierte Fachpresse jedenfalls grübelte bald über die Widmung in "Livealbum" ("Dies - wie ohnehin alles - für Anke") und das Verhältnis zwischen dem aufstrebenden Autor B. und der Sat.1-Komikerin. Doch über die Beziehung oder Nichtbeziehung des Traumpaars Stuckrad-Barre/Engelke hatte nicht nur "Bild am Sonntag" und die "Bunte" etwas zu schreiben, sondern vor allem der Autor selbst - fast hundert Seiten von "Blackbox" füllt allein das Kapitel "Krankenakte Dankeanke".
Die "Blackbox"-Beziehungskiste öffnet sich für eine fiktive Gerichtsverhandlung in eigener Sache. "Die Angeklagten, die Comedyqueen und der Popautor, bestreiten vehement den Vorwurf, ein Verhältnis miteinander zu haben", lässt Stuckrad-Barre die Sat.1-Richterin Barbara Salesch sagen; die Kritikerin Barbara Sichtermann darf Stichworte liefern ("Sichtie, was halten wir von der Wochenshow?"), die Fernsehanwälte Robert Liebling (ARD) und Ally McBeal (Vox) müssen die zwei verteidigen.
Außerdem treten auf: Helmut Dietl, Rainald Goetz, Harry Rowohlt, ein Haufen echte und noch mehr erfundene Journalisten und, und, und - Stuckrad-Barre hat offenbar jede Medien-Nase, von der er schon mal gehört hat, in sein Buch hineingeschrieben. Wenn auch nur die Hälfte dieser Promis "Blackbox" kauft, wird die Startauflage (40 000 Stück) bald vergriffen sein.
Damit dürften Autor und Verlag ihr Ziel erreicht haben - dass jemand "Blackbox" auch noch liest, können sie im Ernst nicht wollen. Denn egal, ob sich Stuckrad-Barre "der junge Mann" nennt, "Popautor" oder, wenn er in bestem "Brigitte"-Stil Heißhunger-Attacken beichtet, schlicht "S", ob er vom Umzug in eine neue Stadt berichtet oder von Drogenphantasien: Amüsant und von erhabener Größe sind nur die zahlreichen unfreiwillig komischen Stellen. "Ein neuer Pickel", postuliert Stuckrad-Barre etwa, "ist immer größer oder kleiner als irgendein bisher gehabter."
Wer so schreibt, hat nicht nur ein Problem mit der Haut. MARTIN WOLF
* Mit Susan Stahnke (l.) in Bettina Böttingers WDR-Sendung "B. trifft ..." im November 1999. ** Benjamin von Stuckrad-Barre: "Blackbox". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 352 Seiten; 19,90 Mark.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 35/2000
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