28.08.2000

THEATER„Gestottert wird nicht“

Dieter Hildebrandt, 73, und Werner Schneyder, 63, über ihre ersten großen Theaterrollen in „Sonny Boys“, Gedächtnisverlust im Alter und das politische Kabarett
SPIEGEL: Herr Hildebrandt, Herr Schneyder, Sie traten bis 1982 als Kabarettistenduo auf und stehen von Mittwoch dieser Woche an in München zum ersten Mal in den Hauptrollen eines richtigen Theaterstücks auf der Bühne - ausgerechnet in Neil Simons "Sonny Boys", der Geschichte zweier gealteter Komiker-Haudegen, die sich dauernd zanken, an ihren längst vergangenen Ruhm anknüpfen wollen und dabei kläglich scheitern. Macht Ihnen diese Geschichte keine Angst?
Hildebrandt: Sicher macht sie mir Angst. Die "Sonny Boys" zeigen, wie es auch hätte kommen können mit uns - und wie es immer noch kommen kann. Wissen Sie, wenn ein Otto Schily morgen sagt, er kann nicht mehr, er hört auf, dann muss sich keiner von uns um ihn sorgen. Er war Minister und bekommt eine stattliche Pension. Wir waren nie Minister, wir haben keine Pension, keine Rente, ich habe tatsächlich Angst, was geschieht, wenn ich morgen aufwache und die Texte mir nicht mehr einfallen - darum geht es ja auch in dem Stück. Schneyder spielt einen Künstler, dem die Namen nicht mehr einfallen. Bei mir ist es tatsächlich oft schon so: Ich rede von dem Herrn Dings, der damals mit dem Dings...
Schneyder: Ja, das war damals, nach der Vorstellung von dem, äh, Dings, die so gut war ...
Hildebrandt: ... ja, er war nicht schlecht, er hat ja diesen Sohn, der hat gespielt in Dings.
Schneyder: Ich habe gewusst wo, aber mir fällt es nicht mehr ein ...
Hildebrandt: Sie sehen, zunehmend verdingst sich die Welt, und man fragt sich, wie es weitergehen soll.
SPIEGEL: Machen Sie diese kleinen Gedächtnisverluste bei Ihren Auftritten nervös?
Hildebrandt: Im Moment noch nicht. Durch die Sendung "Scheibenwischer" bin ich im Training. Ich muss achtmal im Jahr eine halbe Stunde Text auswendig können, und das ist gut fürs Gehirn. Ich merke, wie sich Altersgenossen von mir, die diesen Druck nicht haben, noch viel schwerer tun.
Schneyder: Außerdem lernen wir die Texte für "Sonny Boys" ja zusammen. Wie in jeder Partnerbeziehung konkurrieren wir miteinander. Jeder will den anderen besiegen, schneller und besser sein - das spornt an.
SPIEGEL: Heißt das, zwischen Ihnen beiden herrscht ein ähnliches Hassliebe-Verhältnis wie zwischen den Figuren des Theaterstücks?
Hildebrandt: Nein, wir haben uns in den acht Jahren unserer gemeinsamen Auftritte nie gezankt ...
Schneyder: ... aber wir kennen alle unsere Tricks.
Hildebrandt: Und die Figuren in "Sonny Boys" zerbrechen ja gerade an den immer wiederkehrenden Ritualen und den Eigenheiten des anderen. Auch wir kennen natürlich unsere Berufslügen, kennen die Lage des anderen ziemlich genau.
SPIEGEL: Sie sind beide Symbolfiguren eines politischen Kabaretts, das in Zeiten des Comedy-Booms im Fernsehen vielen plötzlich als altmodisch gilt. Ist es da ein Akt der Kapitulation, dass Sie jetzt die Hauptrollen in einer Theaterkomödie spielen?
Schneyder: Im Gegenteil: Es ist ein furioses Finale, und zwar ein lange geplantes. Vor 20 Jahren, als wir noch gemeinsam als Kabarettduo auftraten, haben wir im Tourneebus gesessen und gesagt, wenn wir einmal alt genug sind, müssen wir die "Sonny Boys" spielen.
Hildebrandt: Und wie Sie sehen: Das Altern ist uns gelungen.
SPIEGEL: Ist das politische Kabarett so tot, wie heutzutage oft behauptet wird?
Hildebrandt: Natürlich nicht. Es wurde nur von ein paar Feuilletonisten für tot erklärt. Das Kabarett hat aber leider nicht gehorcht - es ist am Leben geblieben.
Schneyder: Ich bin nicht ganz deiner Meinung.
Hildebrandt: Aha?
Schneyder: Ich glaube, es ist schon so, dass sich ein gewisser Artikulationsstil totgelaufen hat, diese kämpferische Stellung gegenüber der Politik. Auf die Politikverdrossenheit folgte eine Politikkritikverdrossenheit - und damit war das politische Kabarett in der Schusslinie der deutschen Feuilletonisten. Die erklärten die Humoristen schön amerikanisch zu Comedians und spielten die Sparten gegeneinander aus, um auf das Kabarett draufzuhauen.
Hildebrandt: Was heute Comedy heißt, nannten wir früher Klamotte.
SPIEGEL: Sind Sie nicht grundsätzlich verschiedener Meinung über die Zukunftschancen des politischen Kabaretts? Während Herr Hildebrandt unermüdlich in der ARD-Sendung "Scheibenwischer" auftritt, haben Sie, Herr Schneyder, vor drei Jahren per Abschiedstournee mit dem Kabarett Schluss gemacht.
Schneyder: Ich habe immer gesagt, mit 60 ist Schluss. Ich schrei mir meinen Hals nicht für Dreißigjährige heiser. Jetzt sind die dran, wenn etwas schief läuft in unserer Gesellschaft. Da sind Hildebrandt und ich tatsächlich nicht einer Meinung.
SPIEGEL: Heißt das, Hildebrandt ist der unverbesserliche Starrkopf und Sie altersweise?
Schneyder: Nein, so meine ich es nicht. Sie brauchen sich doch den Hildebrandt nur anzuschauen, und Sie wissen, wie er ist. Der ist ein Indianer. Der wankt und weicht nicht. Der sitzt vor seinem Wigwam, bis es aus ist.
SPIEGEL: Und Sie? Sie sind der Cowboy, der nach dem Gefecht cool von dannen zieht?
Schneyder: Nicht ganz. Ich sehe mich eher als Minnesänger, der von Hof zu Hof zieht. Im Moment macht mir das Bücherschreiben Spaß und eben das Theaterspielen.
Hildebrandt: Bei mir ist es anders, die aktuellen Überraschungen packen mich immer wieder, die Politik bereitet mir nach wie vor den größten Spaß. Heute zum Beispiel wurde ich konfrontiert mit der Mitteilung der Sozialdemokraten, sie seien gegen das Schmelzen der Pole. Da muss ich sagen: Das finde ich toll, das ist endlich mal eine mutige Äußerung ...
Schneyder: ... eine wunderbare Äußerung. Auch die "Sonny Boys" beginnen ja mit der Zeitungslektüre und werden bei jeder Aufführung etwas vom Tage aufgreifen und karikieren. Heute habe ich die Probe begonnen mit der Schlagzeile "Kanzler Schröder ist gegen das Schmelzen der Pole". Hildebrandt kam zu mir und sagte: "Genau darüber habe ich heute gelacht." Sie sehen also: Auch wenn Hildebrandt noch aktiver Kabarettist ist und ich nicht - der Zugriff auf die Themen ist immer noch ähnlich.
SPIEGEL: "Sonny Boys" handelt unter anderem davon, dass sich im Alter schlechte Eigenschaften verstärken. Beobachten Sie bei sich Ähnliches?
Schneyder: Allerdings. Ich bemerke bei mir einen Hang zum Zynismus - und ich hasse Zynismus. Es ist eine destruktive, hoffnungslose Tonart.
Hildebrandt: Oh, dann fühle ich mich - obwohl ich zehn Jahre älter bin als du -
noch nicht so alt. Der Zynismus hat mich nicht am Kragen. Eine Kritikerin hat neulich mal geschrieben, mir fehle der postmoderne Zynismus. Ich rätsele zwar immer noch, was sie damit genau meinte - aber immerhin: Sie hat mir bestätigt, dass mir der Zynismus fehlt.
Schneyder: Na ja, ich könnte dir etwas abgeben von meinem - aber ich denke nicht daran.
SPIEGEL: Als Kabarettduo haben Sie Ihre Texte selbst verfasst und haben auch selbst Regie geführt. Wie schwer fällt es Ihnen, sich für die "Sonny Boys" nun dem Diktat von Text und Regisseur zu unterwerfen?
Hildebrandt: Sehr schwer. Als Kabarettist setzt man Pointen so, dass sie sofort im Publikum ankommen. Im Theater muss aber die Pointe die Seele des Stücks transportieren, man darf die Figuren nicht durch die Lacher verraten. Sich da zurückzunehmen, das fällt uns gar nicht so leicht.
Schneyder: Unser Kabarettduo lebte von unserem unterschiedlichen Sprachduktus. Bei mir mochten die Leute dieses singende Österreichische und bei Hildebrandt das schnelle, gestotterte Hochdeutsche. Ich schätze die direkte Pointe, Hildebrandt den verschränkten Witz. Dies alles müssen wir für die "Sonny Boys" vergessen. Gestottert wird nicht und auch nicht gesungen. Wir müssen völlig neue Figuren erfinden.
SPIEGEL: Haben Sie sich gezankt, wer welche Figur spielen darf?
Schneyder: Nein, gar nicht. Es war völlig klar: Ich bin Willie, der große Choleriker, der rumschreit, wenn er nicht bekommt, was er will. Diese Rolle liegt Hildebrandt eigentlich nicht. Er ist zu stoisch - ein Indianer halt.
SPIEGEL: Im Finale der "Sonny Boys" überlegen die beiden Protagonisten, ob sie nicht ihren Lebensabend gemeinsam in einem Künstleraltersheim verbringen sollen. Wäre das für Sie beide eine reizvolle Idee?
Hildebrandt: Oh nein, die Altersheime in Deutschland sind in der Regel schrecklich, es ist unfassbar, wie man mit den Leuten dort umgeht ...
Schneyder: ... außerdem würden wir uns dort ganz schlecht benehmen. Wir würden sofort anfangen, Kabarett gegen die Heimleitung zu machen - und das würde denen gar nicht gefallen. INTERVIEW: SUSANNE BEYER
* Oben: bei den Proben für Jörg Hubes Inszenierung im Münchner Cuvilliéstheater; unten: mit George Burns und Walter Matthau (1975).
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 35/2000
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