28.08.2000

KINOMutierte Gene verleihen Flügel

Der Kinofilm „X-Men“, der nun in Deutschland anläuft, erweckt die Helden eines Science-Fiction-Comicstrips zum Leben - und wurde in den USA zum Sommerhit.
Der Regisseur hat ein verblüffend einfaches Erfolgsrezept: Engagiere eine schöne junge Frau und zeige sie möglichst unbekleidet. "Allein dafür, ein Supermodel nackt zu sehen, wäre ich als Teenager in jeden Film gegangen", sagt Bryan Singer.
Also hat Singer, 34, in seinem jüngsten Werk "X-Men" das amerikanische Topmodel Rebecca Romijn-Stamos mitspielen lassen - und das nur notdürftig verhüllt. "Natürlich kriegt man ihren blanken Busen zu sehen", sagt Singer, "eigentlich ist sie komplett nackt."
Tatsächlich war "X-Men" mit einem Einspielergebnis von bislang knapp 150 Millionen Dollar in den USA einer der Tophits des Sommers. Was die Zuschauer ins Kino lockte, waren allerdings nicht bloß die Reize von Romijn-Stamos: In Amerika sind die "X-Men" seit fast 40 Jahren die Helden einer bekannten Comicserie. Die Protagonisten verfügen dank mutierter Gene über außerordentliche Fähigkeiten: Sie können Energiestrahlen aussenden, das Wetter verändern, Gedanken lesen, manche können sogar fliegen. Sie tragen bunte Kostüme und wollen ihren Mitmenschen entweder Gutes tun oder sie unterjochen.
1995 gelang Singer mit dem kunstvoll verschachtelten Krimi "Die üblichen Verdächtigen" ein cleveres kleines Wunderwerk - und fortan galt der Regisseur als große Hollywood-Hoffnung. Dann landete er mit "Apt Pupil", der Verfilmung einer Stephen-King-Geschichte, einen Flop; Singers Junggenie-Nimbus war erst mal beim Teufel.
Also vertiefte er sich mit großem Eifer in die Welt der "X-Men", die ihm selbst fremd war. Aus den rund 50 Figuren der Vorlage wählte er 10 aus. "Ich habe die Namen wie Vokabeln gepaukt und mir vor wichtigen Drehtagen Notizen auf Servietten gemacht", berichtet Singer, "zum Beispiel einen Namen wie Toad - und dessen besonderes Merkmal: Er hat eine meterlange gefährliche Zunge."
Die Verfilmung erzählt von alltäglichen Gewissenskämpfen und der Sehnsucht nach Seelenfrieden: Der Herr der Mutanten heißt Professor Charles Xavier und wird von Patrick Stewart dargestellt, der Rädelsführer der Schurken heißt Magneto, gespielt von Sir Ian McKellen. "Zwei Shakespeare-Darsteller - das gibt jedem Comic Tiefe, oder?", sagt Singer kokett.
Einerseits fühlt sich der Regisseur durch den Konflikt seiner beiden Helden an die Rivalität zwischen Martin Luther King und Malcolm X erinnert, andererseits thematisiere sein Film auch die aktuelle Diskussion um Genmanipulation. "Natürlich ist ,X-Men' ein Action- und Popcorn-Film", so Singer, "aber er handelt auch von den Problemen der Gegenwart."
Trotzdem spricht der Filmemacher merklich distanziert über sein Werk. Schon gut, die Comichefte seien weltweit rund 400 Millionen Mal verkauft worden, "aber Comicverfilmungen sind nicht unbedingt das, worauf man als junger Regisseur wartet".
Singers gebremste Begeisterung ist dem Film anzusehen - und macht es den vom Riesenwerberummel angelockten Kinobesuchern ohne Comicvorkenntnisse womöglich schwer, sich mit den Kino-Mutanten einzulassen. Für verschwafelte Dialoge, matte Tricks und viele konventionelle Actionbilder entschädigt Singer immerhin dadurch, dass er die bunten Mutanten-Kostüme der Comics gegen schwarze Lederkluft austauschte: Rein äußerlich haben die "X-Men" so das Zeug dazu, als coole Ikonen des Genom-Zeitalters in die Kinogeschichte einzugehen.
CHRISTOPH DALLACH
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 35/2000
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