28.08.2000

KLIMADer schwimmende Nordpol

Verschwindet der arktische Eispanzer? Hat die Klimakatastrophe schon begonnen? Berichte über ein plötzliches Tauwetter im ewigen Eis haben einen Gelehrtenstreit entfacht. Satellitendaten sollen nun klären, ob die Polkappen tatsächlich schrumpfen - oder sogar noch wachsen.
Sie wollte in 80 Sekunden um die Welt spazieren. Sich mit den anderen andächtig an den Händen halten und einen Kreis bilden. Doch der Ringelpiez um den Nordpol fiel für Rita Schutt, 34, ins Wasser.
Als der russische Kapitän die Berlinerin gemeinsam mit 100 weiteren Abenteuertouristen auf die Brücke des atomgetriebenen Eisbrechers "Jamal" rief, traute sie "ihren eigenen Augen nicht". Am 11. August um 9.02 Uhr zeigte das Navigationssystem exakt 90 Grad Nord an. "Doch dort, wo jeder normale Mensch meterdickes Packeis erwartet, erstreckte sich fast bis zum Horizont knallblaues Wasser", erzählt die Volkswirtin, deren Bruder ihr die 30 000 Mark teure Reise geschenkt hatte.
"Das wird die Erfahrung Ihres Lebens", versprach der Urlaubsprospekt. Eine glatte Untertreibung: Heraus kam ein Weltereignis, das die Titelseiten von "New York Times" bis "Bild" ("Nordpol weg?") füllte. Denn mit an Bord befand sich wissenschaftlicher Beistand, unter anderem der Harvard-Professor James McCarthy. Der US-Ozeanograf meldete die Hiobsbotschaft von den abschmelzenden Polkappen gleich an die Heimat: "Für uns war die globale Klimaerwärmung plötzlich ganz konkret."
Dazu schickte McCarthy ein Foto, was so überhaupt nicht übereinstimmt mit der verklärten Vorstellung vom Nordpol als Ort des ewigen Eises: Die Aufnahme dokumentierte frühlingshaftes Tauwetter und muss ein Schock für Millionen amerikanischer Kleinkinder gewesen sein. Für sie kommt der Weihnachtsmann im Rentierschlitten vom Nordpol gefahren.
Plötzlich schien Eile zur Rettung des kippenden Klimas geboten. Prompt forderte der Hamburger Klimatologe Mojib Latif, "möglichst schnell etwas gegen den Treibhauseffekt" zu tun. Helmut Röscheisen, Generalsekretär des Deutschen Naturschutzrings, mahnte, augenblicklich mit der "Verprasserei der Ressourcen" aufzuhören. Und SPD-Fraktionsvize Michael Müller versprach, endlich "alles zu versuchen, um den Kohlendioxidausstoß zu senken".
Die vermeintlich einleuchtende Begründung: Schon seit 50 Millionen Jahren, so hieß es gleich lautend in den Berichten,
sei keine Pfütze mehr am oberen Ende der Erde anzutreffen gewesen.
Genau diese Behauptung aber wird von Polarforschern als Mythos entlarvt. Johannes Freitag, Glaziologe vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven, hat gerade erst vor vier Jahren selbst schon eine eisfreie Polgegend gesehen. Im Sommer 1996 fuhr er auf dem schwedischen Eisbrecher "Oden" Richtung Nordpol, als sich "besonders große Rinnen im Eis auftaten". Rund um den 90. Grad nördlicher Breite klafften immer wieder Lücken im Eis. Freitag: "Auf den Eisschollen funkelten azurblaue Tümpel."
Für Polarforscher ist das Naturschauspiel leicht erklärbar. Das Meereis über dem Pol befindet sich in ständiger Bewegung. Es driftet von seinen Entstehungsgebieten in den Meeren vor Sibirien über die Polkappe, bis es zwischen Spitzbergen und Grönland langsam schmilzt. "Für diese Reise braucht das Eis rund drei Jahre", erläutert Freitag. Zerrt der Wind dabei in die eine Richtung und die Strömung in die andere, bricht der Eispanzer auseinander.
Schon der norwegische Arktispionier Fridtjof Nansen wusste von dieser Drift und ließ sich 1893 mit seinem Holzsegler "Fram" einfrieren. Nach zweieinhalb Jahren spuckte ihn das Abstell-Eis in der Nähe von Spitzbergen wieder aus. Nansen fürchtete jedoch die gewaltigen Kräfte des Packeises: Die Schollen hätten aufbrechen und mächtige Wasserkanäle bilden, sich aber auch zu meterhohen Eisgebilden verkeilen können. Sein Schiff wäre zermalmt worden.
Risse und Rinnen treten in manchen Jahren häufiger auf. Denn im Gegensatz zum Südpol, wo ein bis zu vier Kilometer mächtiger Eispanzer starr auf felsigem Grund liegt, bedecken den nördlichsten Zipfel der Erde über 4000 Meter Wasser. Im Arktischen Ozean gefriert mal mehr, mal weniger Oberflächenwasser. Im Sommer kann diese Fläche um mehr als eine Million Quadratkilometer variieren (siehe Grafik). So war es auch 1996, als Polarforscher Freitag über den Nordpol schipperte.
Hinter diesen natürlichen Schwankungen wollen einige Wissenschaftler nun einen Besorgnis erregenden Trend erkannt haben: Das nordpolare Meereis nehme - in seiner Fläche wie in seiner Dicke - rapide ab.
Zu dieser Erkenntnis verhalf ihnen ein Erbe des Kalten Krieges. Damals hatten amerikanische U-Boote auf Patrouillenfahrten unter dem Polareis mit einem Sonar die Dicke gemessen. "Das war ein Routinevorgang, um im Notfall zu wissen, ob das Boot durch das Eis hätte durchbrechen können", erklärt Andrew Rothrock von der University of Washington in Seattle, dem die U. S. Navy die einst streng gehüteten Daten kürzlich zur Auswertung übergeben hat. Sein vorläufiges Ergebnis: Seit Ende der fünfziger Jahre ist die arktische Meereisschicht im Schnitt um 1,3 Meter geschrumpft. Das entspricht einem Rückgang von 40 Prozent - oder 10 000 Kubikmetern Schmelzwasser pro Sekunde.
Zu einem ähnlichen Befund kam auch Ola Johannessen von der Universität im norwegischen Bergen. Der Geophysiker wertete Satellitendaten der letzten 20 Jahre aus. Einige dieser Flugkörper messen, wie viel kurzwelliges Licht von der weißen Meereisoberfläche zurückgestrahlt wird. Daraus lässt sich die Eisfläche errechnen. "Mehrjähriges Eis hat zwischen 1978 und 1998 um 14 Prozent abgenommen", konstatierte der Forscher Ende vergangenen Jahres in "Science".
"Was für die Bergleute einst der Kanarienvogel, ist die Arktis für die Wissenschaft: ein Frühwarnsystem klimatischer Veränderungen", kommentierte das Wissenschaftsmagazin die Bedeutung dieser Studie. Doch über die Interpretation der vermeintlichen Alarmsignale tobt ein Gelehrtenstreit.
Haben die Propheten des Klimakollapses wirklich Recht? Wirkt sich die von Treibhausgasen wie Kohlendioxid aufgeheizte Atmosphäre besonders katastrophal an den Polen aus und lässt diese wie Butter in der Sonne zerfließen? Oder bewegt sich die Betriebstemperatur der Erde noch im Rahmen normaler Variation?
Klimamodellierer wie Hartmut Graßl, Leiter des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie , fühlen sich bestätigt: "Das ist ein wertvoller Mosaikstein in unseren Modellen." Die Erde heize sich kontinuierlich auf, bislang um 0,8 Grad Celsius. "Und die Eiskappe wird langsam verschwinden", prophezeit Graßl. Sein Kollege Stefan Rahmstorf, 40, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, glaubt sogar, diesen für ihn "spirituellen Verlust" noch selbst zu erleben.
Polarforscher wie Heinz Miller vom Bremerhavener AWI warnen hingegen vor "solch voreiligen Schlüssen". Das Polareis habe zwar tatsächlich in den letzten Jahrzehnten abgenommen. "Auch unsere Berechnungen legen das nahe." Miller schränkt aber ein: "Auf Grund natürlicher Prozesse könnte es genauso gut wieder zunehmen."
Für die Verkündung von Gewissheiten sei die Datenlage "noch viel zu dünn", schimpft Miller. So hat Andrew Rothrock bislang nur U-Boot-Messdaten aus wenigen Jahren und von einigen ausgesuchten Stellen analysiert, was der Forscher aus Seattle auch unumwunden zugibt: "In unseren Archiven schlummern noch 1000 Rollen, jede 24 Meter lang, mit handschriftlichen Aufzeichnungen aus den sechziger und siebziger Jahren - unmöglich, die alle in den Computer zu tippen." In den nächsten Monaten sollen die Papierberge eingescannt werden.
Rothrock zögert folglich, aus seinen Daten einen Beweis für den beginnenden Klimawandel herauszulesen. Schuld an der Polarschmelze könnte auch ein altbekanntes Klimaphänomen über dem Nordpol sein: die so genannte Arktische Oszillation. Wie eine Wippschaukel lässt sie den Luftdruck in der Atmosphäre in die Höhe schießen oder abstürzen. "So pumpt sie mal mehr und mal weniger Wärme in die Arktis." Rothrock hält es für "gut möglich", dass die momentan extrem kräftige Oszillation wieder von selbst ins Lot kommt.
Ein Unsicherheitsfaktor haftet auch den Untersuchungen der norwegischen Wissenschaftler an: Die Satelliten halten Wasserpfützen auf den Eisschollen für Meerwasser. Das darunter liegende Eis erkennen sie nicht. Es fällt aus den Berechnungen deshalb heraus. Miller: "Wir brauchen einfach bessere Messverfahren."
AWI-Forscher entwickeln derzeit mit Hochdruck eine Messsonde, die von einem Hubschrauber über das Polareis geflogen werden soll und mit einem elektromagnetischen Verfahren die Eismächtigkeit bestimmt. "Auf diese Weise könnten wir auch große Gebiete verlässlich untersuchen", sagt Miller.
In drei Jahren soll die großräumige Vermessung des Polareises noch viel leichter möglich sein. Dann schießt die Esa, die Europäische Raumfahrt Organisation, den Forschungssatelliten "Cryosat" ins All, der mit einem speziellen Radarsystem an Bord das gesamte Eisgebiet erfassen könnte. "Spätestens in fünf Jahren sind wir schlauer", hofft Miller.
Derweil spekulieren die Klimaforscher bereits, welche Folgen ein mögliches Schmelzen des Poleises haben würde. Lukrativer Nebeneffekt für die Schifffahrt, so Stefan Rahmstorf: "Die Nordpassage von Europa über die Arktis Richtung Asien wäre frei." Containerschiffe könnten eine Woche Fahrtzeit sparen. "Leiden würden aber die arktischen Tiere", fürchtet Rahmstorf. Der Eisbär werde ohne Eisschollen nicht mehr auf Beutejagd gehen, sondern sich "in den Mülltonnen arktischer Siedlungen bedienen". Schon in diesem Frühjahr starben im kanadischen Sankt-Lorenz-Golf Tausende Robbenbabys. Statt der üblichen Eisdecke, auf der die Robbenmütter ihre Babys gebären, gähnte eine große Fläche offenen Wassers.
Die mittelfristigen Folgen für das Klima seien ungleich bedeutender für die Menschheit, glaubt Max-Planck-Forscher Graßl. "Momentan reflektiert das Eis noch 80 Prozent der einfallenden Sonnenstrahlen zurück ins All und reguliert die Erdtemperatur auf erträgliches Maß." Wäre das Eis weg, würde das Polarmeer 80 Prozent der Lichtenergie schlucken und die Atmosphäre aufheizen.
Damit nicht genug. Durch die Erwärmung würde mehr Feuchtigkeit aufsteigen und zu stärkeren Niederschlägen auf der Nordhalbkugel führen. "Die Gletscher Norwegens und der Eispanzer Grönlands könnten dadurch wieder wachsen", mutmaßt Graßl - und widerspricht damit der von vielen Klimapropheten verkündeten Tauzeit der grönländischen Gletschereisdepots.
Das viele Frischwasser aus dem aufgetauten Nordpolareis, so befürchten amerikanische Wissenschaftler, könnte allerdings zugleich eine klimatische Kettenreaktion auslösen. Das leichtere Süßwasser würde demnach die nordatlantische Zirkulation zum Erliegen bringen - jenen riesigen Wärmemotor, der Europa mit warmem Wasser aus der heißen Äquatorialgegend versorgt. Klimamodellierer Rahmstorf, der als Erster diesen Vorgang am Computer simuliert hat, hält die Frischwassermenge aus dem Polarmeereis zum Auslösen einer solchen Katastrophe allerdings "für viel zu gering".
Der Streit zeigt, dass das Dickicht widersprüchlicher Klimamodelle kaum noch durchschaubar ist. Die Modelle drohen an den subtilen Wechselwirkungen zwischen Luft, Land und Wasser zu scheitern. "Je mehr Daten", gesteht Modellierer Graßl, "desto komplexer die Probleme."
Weitgehend einig sind sich die Forscher immerhin, dass der Anstieg des Meeresspiegels ein Horrormärchen bleiben wird. Abtauendes Meereis lässt den Wasserpegel nicht steigen - schließlich schwimmt es bereits im Ozean.
Der Weltuntergang fände allenfalls statt, wenn das Festlandseis der Antarktis abschmelzen würde. Doch nach AWI-Modellen, "gegen die bislang noch kein Wissenschaftler protestiert hat" (Miller), würde abtauendes Eis der Arktis wiederum zu mehr Schneefall in der ohnehin viel kälteren südpolaren Antarktis (Durchschnittstemperatur minus 30 Grad) führen - mit der Folge, dass der südpolare Eispanzer sogar wächst.
Vielleicht hätte diese beruhigende Nachricht auch die Stimmung an Bord der "Jamal" etwas gehoben. Die Passagiere seien angesichts des vermeintlichen Treibhauseffekts schon "ein wenig bedrückt gewesen", berichtet Touristin Schutt.
Bei Temperaturen um den Nullpunkt dümpelte der 75 000 PS starke Eisbrecher zu einer benachbarten Ausweichscholle. Der vermeintlich eingetretenen Klimakatastrophe zum Trotz feierte man in "Titanic"-Manier. Schutt: "Erst gab es Sekt, dann Kaviarhäppchen." GERALD TRAUFETTER
* Aufgenommen an Bord der "Jamal" am 11. August.
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 35/2000
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