28.08.2000

GESTORBENGustav Scholz

Gustav ("Bubi") Scholz, 70. In seinen jungen Jahren war der Berliner Faustkämpfer Deutscher Meister, Europameister und beinahe sogar Weltmeister. Er lebte für die feste Überzeugung, dass es sich lohnt, auszuteilen und notfalls auch mal was einzustecken. Als 18-Jähriger kletterte Bubi Scholz, Sohn eines Schmieds aus dem Arbeiterviertel Prenzlauer Berg, zum ersten Mal in den Ring, gleich als Profi. 96 Kämpfe hat er zwischen 1948 und 1964 bestanden, 88-mal gewann er. Seine Kämpfe waren immer gesellschaftliche Großereignisse, oft mit Zehntausenden von Zuschauern. Sattelnase und Blumenkohlohren blieben dem eleganten Rechtsausleger erspart, die dauerhafte "Schlagtrunkenheit" nicht. Der beliebte Sportler, in Berlin so populär wie Hildegard Knef und Harald Juhnke, schüttete seinen Brummschädel mit Alkohol zu. Im Wiegeschritt eines alternden Tanzbären kam Bubi Scholz zu Partys und Senatsempfängen - überall war er gern gesehen. Zu Hause trug er auch tagsüber den weißen Bademantel des Champions. Hochmut war nie seine Art. 1984 erschoss er trunken seine strenge Ehefrau Helga, durch die geschlossene Tür der Gästetoilette. Das Urteil - drei Jahre Gefängnis - akzeptierte Bubi Scholz klaglos. Auch nach seiner Entlassung blieb er den Berlinern Hoffnungsträger und Symbol zugleich. Die ihm eigene gute Laune und Zuversicht konnte er in den letzten Jahren jedoch nicht mehr verbreiten, der durch die zahlreichen Kopftreffer bedingte Hirnabbau schritt unaufhaltsam voran. Gustav Scholz starb, weil er sich beim Frühstück verschluckte und niemand bei ihm war, am 21. August in Berlin.

DER SPIEGEL 35/2000
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Gustav Scholz