11.09.2000

SPORTMODERATORENTabu beim Interview

Schwimmkolleginnen bezeugen, wie Kristin Otto einst Dopingpillen bekommen hat. Die ZDF-Reporterin wird zur Belastung für die Berichterstattung über Olympia.
Die Kripo-Beamten waren eigens aus Berlin angereist. Doch die Befragung wurde schnell zum Ärgernis: Die ehemalige Schwimmerin offenbarte erstaunliche Erinnerungslücken. Sie habe einst so viele Pillen schlucken müssen, "kunterbunt in allen verschiedenen Farben und Formen", berichtete Kristin Otto am 25. November 1997 den Fahndern. Sie könne nicht ausschließen, dass blaue Tabletten darunter gewesen seien, wie sie ihr die Polizisten nun vorhielten. Auch wisse sie nicht, ob in dem Medikamenten-Mix Anabolika gewesen seien.
Als Belastungszeugin war Kristin Otto, 34, eine Pleite. Ihr ehemaliger Trainer Stefan Hetzer wurde später dennoch wegen Körperverletzung per Strafbefehl ohne Verhandlung verurteilt - unter anderem, weil er die sechsmalige Schwimm-Olympiasiegerin aus Leipzig mit männlichen Hormonen gedopt hatte.
Als das Urteil am vorigen Dienstag bekannt wurde, reagierte Kristin Otto fuchtig wie immer in den vergangenen Jahren, wenn Belege sie als Doperin enttarnten. Die jetzt beim ZDF angestellte Sportmoderatorin witterte eine "unverständliche Kampagne" der Medien, die zum Ziel habe, ihre berufliche Karriere zu zerstören.
Dabei sprang Ottos Arbeitgeber ihr ausdrücklich wieder einmal bei. "Ich vertraue Frau Otto", bekundete Chefredakteur Nikolaus Brender. Man sei vielmehr empört, ergänzte ein ZDF-Sprecher, wie hier "ein Opfer des DDR-Sports zum Täter gestempelt wird".
So kurz vor Beginn der Olympischen Spiele können die Mainzer eine neue Diskussion über ihre Vorzeige-Moderatorin überhaupt nicht brauchen. Die blonde Journalistin soll wesentliche Teile des Programms aus Sydney gestalten. Und die Glaubwürdigkeit der ZDF-Berichterstattung ist besonders deshalb betroffen, weil Otto vornehmlich ihr eigenes Metier kommentieren soll: die notorisch dopingbelasteten Schwimmwettbewerbe.
Zweifellos hätte sich die ZDF-Dame die neuerliche Debatte ersparen können - hätte sie frühzeitig die Pilleneinnahme eingestanden. Doch um die Aufarbeitung ihrer Dopingkarriere hat sich Otto niemals ernsthaft bemüht. Nach den ersten Enthüllungen 1989 hatte die siebenmalige Weltmeisterin vehement abgestritten, gedopt zu haben. Schriftlich bestätigte sie ihre Reinheit auch dem ZDF.
Später, als neue Dokumente auftauchten und sie die Kanzlei des Hamburger Prominentenanwalts Matthias Prinz konsultierte, formulierte Kristin Otto vorsichtiger: Sie habe "bewusst" keine verbotenen leistungsstimulierenden Medikamente "selbst eingenommen" und niemandem die Erlaubnis erteilt, ihr solche Mittel zu verabreichen.
Anders als die neunmalige Europameisterin bisher glauben machen wollte, ist es jedoch nicht der schwelende Ost-West-Konflikt, der die "Diffamierung ohne Ende" (Otto) wieder in die Schlagzeilen gehoben hat. Dass die TV-Frontfrau nach dem Urteil über ihren ehemaligen Trainer Hetzer erneut in ein schiefes Licht gerät, basiert allein auf den Aussagen ihrer ehemaligen Schwimmkolleginnen aus Leipzig und Berlin. Und die lassen wohl nur zwei Schlüsse zu: Entweder war die einstige Parade-Athletin der DDR während ihrer Zeit als Leistungssportlerin außergewöhnlich arglos - oder sie lügt.
Gegenüber der Kriminalpolizei sagte etwa Peggy Jähnichen, 30, sie sei sich "hundertprozentig sicher", dass Otto wie sie alle die blauen Pillen erhalten habe. Auch Christiane Sievert, 28, und Ilka Schwarz, 30, konnten sich in ihren Vernehmungen gut erinnern, dass Kristin Otto mit den einschlägigen Pillen versorgt worden sei. Schwarz ist sich auch deshalb "hundertprozentig sicher, da unterschiedliche Meinungen zu der Einnahme unter den Sportlerinnen vorherrschten".
Karen König, Kollegin aus der DDR-Nationalmannschaft, wusste den Kommissaren sogar detailliert zu berichten, dass Kristin Otto zur Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften 1986 in Madrid die Oral-Turinabol-Tabletten von Hetzer "genau wie ich in die Hand bekommen hat".
Die Schwimmer der deutschen Nationalmannschaft machen sich derweil ihre eigenen Gedanken über die Reporterin. "Sie kann gar nicht glaubwürdig übers Schwimmen berichten", sagt Chris-Carol Bremer, der auch Mitglied der Anti-Doping-Kommission ist. Das Thema Betrug durch Medikamente sei bei Olympia unausweichlich, und deshalb sei es "ein Riesenproblem, dass ZDF-Sportchef Wolf-Dieter Poschmann ausgerechnet sie zu den Schwimmwettbewerben schicken will".
So sehr den Wassersportlern die Dopingdiskussion auch unter den Nägeln brenne, sagt Aktivensprecher Mark Warnecke, in Interviews mit Otto sei dieser Bereich tabu: "Da ist sie ja auch eine schlechte Gesprächspartnerin." UDO LUDWIG,
MICHAEL WULZINGER
DREI ERKLÄRUNGEN
ZU DOPINGVORWÜRFEN
"Junge Welt", 30. 6. 1989:
"Neue Siege. Das ist meine Antwort auf solchen Schmutz."
Sachsenradio, 29. 11. 1990:
"Ich habe nie verbotene Mittel genommen. Ich habe nur Erlaubtes gemacht, etwas anderes kann ich nicht sagen."
Erklärung, 13. 10. 1997:
"Wissentlich habe ich keine verbotenen leistungsstimulierenden Medikamente bewusst selbst eingenommen."
Von Udo Ludwig und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 37/2000
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