18.09.2000

ARZNEIMITTELWundsalbe aus Schafdung

Würzburger Wissenschaftler durchforsten mit Hilfe der Pharmaindustrie mittelalterliche Kräuterbücher. Die Forscher hoffen auf neue Medikamente aus dem Klostergarten.
Wer im Mittelalter krank wurde, brauchte starke Nerven: Ärzte verkochten gern Kröten, Schlangen und Würmer in ihren Heiltränken; vor Operationen verpasste der Medikus seinen Patienten mit Tollkirschen-Gebräu eine ordentliche Dröhnung.
Für äußerliche Blessuren hielt die mittelalterliche Medizin ähnlich unappetitliche Lösungen bereit: Gegen "Unterschenkelgeschwüre" empfiehlt etwa das um 800 geschriebene "Lorscher Arzneibuch" eine Mixtur aus Schafdung, Käseschimmel und Honig. Für 20 Tage auf der Wunde belassen, verspreche die stinkende Masse eine wundersame Heilung.
Die für heutige Begriffe exzentrisch anmutende Therapie war möglicherweise wirksamer, als es den Anschein haben mag. "Das Rezept könnte geholfen haben", glaubt der Medizinhistoriker Johannes Mayer.
Der Wissenschaftler gehört zur "Forschergruppe Klostermedizin" am Würzburger Institut für Geschichte der Medizin. Ärzte, Philologen, Chemiker und Pharmazeuten haben sich zu der Gruppe zusammengeschlossen, um die Überlieferungen der Mönche und Nonnen für die moderne Medizin nutzbar zu machen.
Bei ihren Studien stießen die Wissenschaftler auch auf das Lorscher Schafdung-
Rezept - und waren davon fasziniert. Der Käseschimmel könnte, angeregt von Bakterien im Schafmist, auf der Wunde antibiotische Wirkung entfaltet haben, spekuliert Mayer. Für diese Erklärung spricht auch die von den Mönchen empfohlene lange Anwendungsdauer: Moderne Antibiotika müssen ebenfalls mehrere Tage wirken, um die Bildung resistenter Keime zu verhindern.
Glaubt man den Wissenschaftlern, dann hält das von der Schulmedizin lange als "Dreckapotheke" geschmähte mittelalterliche Heilwissen noch viele ähnliche Überraschungen bereit. "Wir wissen sehr viel weniger über die mittelalterliche Medizin, als man bisher dachte", sagt Mayer.
Das ist mittlerweile auch der Industrie aufgegangen. Die Arzneimittelfirma Abtei, die seit 1995 zum Branchenriesen SmithKline Beecham gehört, unterstützt die Würzburger Gruppe mit jährlich rund 200 000 Mark.
Wertvolle Hinweise könnte die Bibliotheksarbeit für so genannte Screening-Tests geben, mit denen die Pharmaindustrie oft wahllos die Pflanzenwelt nach Wirkstoffen durchkämmt. "Historische Studien wie die unsere können helfen, diesen Prozess einzuengen", glaubt Mayer.
Bis jetzt haben die Forscher aus der mittelalterlichen Literatur Verweise auf rund 500 Heilpflanzen zusammengetragen und in einer Datenbank gespeichert. Mit 600 zumeist auf Mikrofilm archivierten Handschriften verfügen die Würzburger zudem über eine der größten Sammlungen von Arzneibüchern des Mittelalters.
Viele der Handschriften sind noch nicht medizinisch aufgearbeitet. Immer wieder tauchen Werke auf, die jahrhundertelang unzugänglich in privaten Bibliotheken verstaubten. 1995 etwa verblüffte ein Handschriftenhändler die Wissenschaftler mit einem zuvor unbekannten Prachtband, dem "Codex Brixiensis", in dem Hunderte von Heilpflanzen beschrieben sind.
Solche Handschriften waren auch früher kostbar: In ihnen überlebte das durch Völkerwanderung und Pestwellen verschüttete Heilwissen der Antike. Frühe Weltenbummler wie der nordafrikanische Gewürzhändler Constantinus Africanus, der um 1080 dem Benediktinerorden beitrat, übersetzten arabische Abschriften griechischer Werke.
Oft zwangen Kostengründe die Mönche, eigene Rezepte zu entwickeln. Gewürze waren teuer, der Handel wurde von den Arabern kontrolliert. Schon früh versuchten die Geistlichen deshalb, importierte Heilpflanzen auch im kalten Norden zu kultivieren - oder sie erprobten im Selbstversuch heimische Kräuter.
Die Entzifferung der alten Arzneibücher ist oft heikel: Nicht selten schmierten kurzsichtige Mönche die Rezepte nahezu unleserlich hin. Zudem versuchten sie, durch winzige Schrift und Abkürzungen Platz zu sparen. Denn Tierhäute, aus denen die Arzneibücher bestanden, waren kostspielig: "Für 100 große Seiten brauchte man etwa 50 Lämmer", erklärt Mayer, "das ging ins Geld."
Das Hauptproblem der Medizinhistoriker ist aber die genaue Bestimmung der Heilpflanzen, aus denen die Mönchsärzte ihre Salben und Elixiere zusammenrührten: In der vom Klassifizierungssystem Carl von Linnés noch unberührten mittelalterlichen Botanik herrschte eine geradezu babylonische Begriffsverwirrung.
So taucht sowohl die Ringelblume als auch der grundverschiedene Kapernstrauch unter dem lateinischen Namen "Caput monachi" auf. Unglückliche Verwechslungen führten dazu, dass über Jahrhunderte Rezepte mit Ringelblumen-Rinde kursierten.
Dennoch ist erstaunlich, wie nahe die Empfehlungen der Mönchsärzte denjenigen heutiger Naturheilkundler lagen. Pflanzen wie Fenchel, Thymian und Melisse zum Beispiel galten schon im Mittelalter als hilfreiche Mittel gegen Atemwegsbeschwerden und Verdauungsprobleme.
Um weiteren Entdeckungen der Klosterbrüder auf die Spur zu kommen, wollen die Forscher im Anschluss an die philologische Arbeit die biochemische Wirkung einiger Pflanzen überprüfen. Viel versprechend sind etwa Gurken und Kürbisse, deren gemahlene Kerne die Mönche bei Fieber empfahlen. "Wenn solche Rezepte über Jahrhunderte weitergegeben werden", glaubt Mayer, "dann muss etwas dran sein."
Dass sich das Wissen der Ordensleute als "wertvoller Pool" erweist, hofft auch Abtei. "Wir wollen zusammen mit der Forschergruppe Erkenntnisse für neue Produkte gewinnen", so Heribert Voß, der bei SmithKline Beecham für Abtei zuständig ist.
Die Arbeit der Forschergruppe soll außerdem helfen, Vorurteile auszuräumen: Oft wird das traditionelle Wissen vom Normalbürger in den Dunstkreis esoterischer Heilverfahren eingeordnet.
Schuld daran ist vor allem die Begeisterung für die Weisheiten der Hildegard von Bingen. Die berühmt-berüchtigte Äbtissin schrieb im 12. Jahrhundert das letzte große Werk der Klostermedizin - und vermengte dabei Medizinkenntnisse mit Liebeszauber und christlicher Mystik.
Im Mittelalter galt die von Visionen heimgesuchte Klosterfrau nicht unbedingt als fachliche Autorität. Weit größere Verbreitung fanden Werke der Klostermediziner, die ohne esoterisches Geläut auskamen. "Hildegards große Zeit", so Mayer, "ist die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts."
Angeregt durch ihre ganzheitlichen Theorien erproben moderne Kräuterhexen
mittelalterliche Flower-Power, Esoterik-Fans behängen sich mit Edelsteinen, denen Hildegard magische Kräfte zusprach, Internet-Shops bieten Hildegard-Kräutertrünke feil.
Doch nicht nur unter den Hildegard-Jüngern ist die Nachfrage nach grüner Medizin groß. Vor zehn Jahren interessierten sich nach Angaben des Bundesfachverbandes der Arzneimittel-Hersteller nur rund die Hälfte der Verbraucher für natürliche Arzneimittel. 1998 waren es bereits knapp 70 Prozent.
Heilpflanzen wie das Johanniskraut haben sich zu Modedrogen entwickelt: Wissenschaftliche Studien sprechen dem Gewächs bei leichten und mittelschweren Depressionen eine Wirkung zu, die der von Stimmungsmachern aus dem Pharmalabor entspricht - bei angeblich geringeren Nebenwirkungen.
Für die Industrie sind solche Studien eine willkommene Marketing-Hilfe: "Noch vor vier Jahren war Johanniskraut ein Nischenprodukt, das eher in Apotheken verkauft wurde", sagt Voß. "Mittlerweile verwenden dreimal so viele Kunden mild wirksame Johanniskraut-Präparate."
Ähnlich populär war die lange missachtete Pflanze bereits vor mehreren hundert Jahren. Mittelalterliche Ärzte nutzten das auch als "Teufelsflucht" bekannte Kraut, um Trübsinnige von stimmungsdrückenden Dämonen zu befreien.
Doch ausgerechnet Hildegard von Bingen konnte offenbar nur wenig mit der Wunderpflanze anfangen. In ihrem Werk "Physica" beschreibt die sonst selten um metaphysische Deutungen verlegene Äbtissin auch eine Johanniskrautart - und empfiehlt das Gewächs als Viehfutter: "Für die Medizin taugt es nicht viel, weil es ein verwildertes Kräutlein ist." MARTIN PAETSCH
* Auf der Insel Frauenchiemsee im Chiemsee. * Im niederösterreichischen Melk.
Von Martin Paetsch

DER SPIEGEL 38/2000
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