25.09.2000

MEDIKAMENTEViagra aus Kerkrade

Internet-Apotheken locken die Patienten mit Billig-Angeboten. Die Apothekerverbände protestieren.
Das Geschäft sieht ganz altmodisch aus: Für gewöhnlich lächelt der Mann hinter dem Tresen freundlich, reicht Schmerztabletten oder Venensalben über die Theke. Wenn genug Zeit ist, hält Jacques Waterval den Kundinnen in seiner 70 Jahre alten "Apotheek van Wersch" im niederländischen Kerkrade an der deutschen Grenze auch die Tür auf.
Zeit hat der Niederländer allerdings immer seltener: Der 37-jährige Apotheker und seine Geschäftspartner, die Hamburger Venture-Kapital-Firma Techno-Nord, sind angetreten, das deutsche Gesundheitssystem umzukrempeln: mit ihrer europaweit arbeitenden Internet-Apotheke "0800DocMorris". Krankenversicherer wie Apotheker beobachten das Experiment gleichermaßen gespannt - die Kassen rechnen sich für teure Medikamente sinkende Preise aus, die Pillenhändler fürchten um ihr Geschäft.
Watervals Idee ist simpel: Seit drei Monaten können Patienten per Mausklick bei DocMorris bestellen. Die Medikamente kommen aus einem Versandlager in Kerkrade, die Rechnung ist bis zu 50 Prozent niedriger als in der deutschen Apotheke. Bei verschreibungspflichtigen Arzneien müssen die Kunden ein Rezept per Post hinterherschicken. Erst dann wird geliefert. Watervals Renner sind Lifestyle-Pillen: Viagra, Schlankheits- oder Rauchentwöhnungsmittel. Die Dreimonatspackung der Antibabypille "Diane" ist für 38 statt für 57 Mark zu haben. Eine Packung Viagra kostet bei DocMorris 220 Mark, bei der Apotheke um die Ecke zahlt der Hilfesuchende 312 Mark - scheele Blicke inklusive.
Die Krankenkassen wittern ein riesiges Sparpotenzial. "Wir haben keine Probleme damit, die Kosten zu erstatten, wenn Verbraucher bei zuverlässigen Anbietern über das Internet bestellen", sagt Wolfgang Gerstenhöfer, Sprecher der Deutschen Krankenversicherung, in der Branche die Nummer eins: "Wir halten das für eine sinnvolle Sache." Der Deutsche Ring weist seine Versicherten seit vergangener Woche auf Internet-Apotheken wie DocMorris hin. Geht es nach den Plänen von DocMorris, sollen die Privatversicherer chronisch kranken und damit teuren Patienten besondere Anreize bieten: Wer im Internet bestellt, soll etwa die Arzneikosten nicht mehr auslegen müssen. Die Kasse könnte direkt mit der Apotheke abrechnen.
Nach den Privaten sind jetzt auch die gesetzlichen Kassen angesichts notorisch überzogener Arzneimittelbudgets hellhörig geworden: Waterval und sein Marketing-Direktor Jens Apermann reden mit mehreren gesetzlichen Versicherern über das Internet-Angebot. "Das sind zum Teil erhebliche Preisvorteile", sagt etwa Johannes Wittkamp, Stellvertreter des Vorstands bei der Hanseatischen Krankenkasse. Auch die Techniker Krankenkasse ist angetan: "Denkbar wäre, dass DocMorris die Versorgung unserer Diabetiker übernimmt", so Pressereferentin Sylvia Knittel. Die Betriebskrankenkasse der Post will hingegen über einen Partner selbst eine Internet-Apotheke aufbauen - möglicherweise mit Rabatten für die eigenen Versicherten. DocMorris will bei einer Kooperation mit den gesetzlichen Kassen auf Zuzahlungen der Patienten verzichten. Die Gebühren von acht bis zehn Mark pro Rezept entfielen.
Rechtlich bewegt sich die Netzapotheke allerdings in einer dunkelgrauen Zone. Zwar behauptet Apermann: "Das ist alles gesetzlich vollkommen korrekt", und beruft sich auf die europäische Richtlinie für E-Commerce, den Handel im Internet. Danach gilt das Recht des Landes, in dem die Firma sitzt - und in den Niederlanden ist der Medikamentenversand erlaubt. Außerdem gestatte das Arzneimittelgesetz die Einzeleinfuhr von Pillen nach Deutschland, sofern sie in der EU zugelassen sind und nur zum Eigenverbrauch dienen.
Deutsche Apotheker argumentieren anders. Ihnen ist die Internet-Apotheke ein "Anschlag auf Verbraucherschutz und Arzneimittelsicherheit", so Hans-Günter Friese, Präsident der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände. Nach Ansicht des Deutschen Apothekerverbandes (DAV) verstößt die Netzapotheke gegen das Versandhandelsverbot von Medikamenten. Der DAV versuchte schon, DocMorris mit einer einstweiligen Verfügung den Stecker herauszuziehen. "Man muss den Anfängen wehren", sagt Volker Dinnendahl, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Apotheker. Ende Oktober soll das Landgericht Frankfurt über den Antrag verhandeln.
Dinnendahl argumentiert, dem Kunden könne letztlich "der Preis egal sein", schließlich zahle die Kasse - als würde die sich das Geld nicht über die Beiträge wiederholen.
Und das reichlich: Im vergangenen Jahr gaben die deutschen gesetzlichen Kassen nach Angaben des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen rund 36,1 Milliarden Mark für Arzneien aus. Davon ließen sich mehrere Milliarden sparen, wenn die Vorteile eines europäischen Versandhandels konsequent genutzt würden, hofft Norbert Schleert vom Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen.
Ein Horrorszenario für Apothekenmann Dinnendahl: "Dann kommt das große Apothekensterben, und Patienten auf dem Land müssen 50 Kilometer zur nächsten Apotheke fahren." CORDULA MEYER
Von Cordula Meyer

DER SPIEGEL 39/2000
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