25.09.2000

LUFTHANSALegale Bestechung

Der Streit um das Bonusprogramm der Lufthansa eskaliert. Große Firmen wollen die Meilen ihrer Vielflieger jetzt einziehen.
Der Donnerstag vergangener Woche sollte für Ralf Teckentrup der vorläufige Höhepunkt seiner Lufthansa-Karriere werden. In zähen Verhandlungen war es dem Vertrauten von Lufthansa-Chef Jürgen Weber gelungen, den Einstieg bei der drittgrößten deutschen Fluggesellschaft Eurowings einzufädeln.
Doch statt seinen Erfolg zu feiern, musste der ehrgeizige Manager sich mit erbosten Firmenkunden herumschlagen. Und das Schlimme ist: Den Ärger hat Teckentrup sich selbst eingebrockt.
Ende August verkündete der Lufthansa-Marketingchef neue Bedingungen für das Vielfliegerprogramm "Miles & More". Seit Anfang September dürfen Inhaber der Frequent-Traveller- oder Senator-Card ihre angesammelten Meilen erstmals auch an Dritte übertragen. Bislang musste der Karteninhaber selbst mitfliegen. "Wir wollen es unseren Status-Kunden leichter machen, ihre Prämien an Freunde oder Bekannte weiterzugeben", erläutert Teckentrup das Bonbon für Vielflieger.
Doch Reisemanager großer Firmen wie Siemens, MG Technologies oder die Deutsche Telekom interpretieren die Neuregelung anders. Die Großkonzerne überlegen bereits, wie sie die Guthaben verwalten und für Dienstreisen nutzen können.
Der Zoff um die neue Bonusregelung hat einen alten Streit neu entfacht, der seit Jahren zwischen der Lufthansa und ihren Großkunden schwelt. Um ihre Reisekosten zu senken, versuchen international tätige Firmen, für ihre Mitarbeiter auf Dienstreisen den jeweils günstigsten Anbieter zu buchen. Doch das wird immer schwieriger, seit die Lufthansa 1993 ihr "Miles & More"-Bonussystem einführte.
Mit fadenscheinigen Vorwänden versuchen viele Angestellte, die Sparpläne zu unterlaufen. "Manche Mitarbeiter", stöhnt Willi Säuberlich vom Berliner Pharmahersteller Schering, "kaufen auf eigene Faust im Ausland Tickets der Lufthansa, um ihr Meilenkonto aufzubessern."
Der Verlockung, auf Kosten der Firma ein attraktives Zubrot zum Gehalt einzuheimsen, können nur wenige Angestellte widerstehen. Schon für 15 000 Meilen, dem Gegenwert von vier innerdeutschen Hinund Rückflügen in der Business-Class, lockt ein attraktives Präsent mit sechs Weinflaschen. Ein europäisches Return-Ticket ist schon für 20 000 Meilen zu haben. Wer 80 000 Meilen investiert, darf sogar samt Ehefrau bei Starkoch Heinz Winkler in Aschau dinieren. Das Nachsehen haben die Firmen, die für die verkappten Bestechungsgeschenke an ihre Mitarbeiter bezahlen.
Umso erfreuter reagierten die Reisemanager deshalb, als sie erfuhren, dass ihre Vielflieger Prämien neuerdings auch an Dritte - also auch in der eigenen Firma - weitergeben dürfen. Das bislang raffinierteste Modell hat Siemens-Travelmanager Lutz Stammnitz ausgetüftelt.
Die Karteninhaber sollen ihr Bonusguthaben demnächst in eine zentrale Meilendatenbank einspeisen, auf die alle Abteilungen Zugriff haben. Wird der Freiflug an einen anderen Geschäftsbereich abgegeben, bekommt die Kostenstelle des Spenders eine interne Gutschrift.
Lufthansa-Manager Teckentrup passt die Kreativität der Konzern-Reisemanager überhaupt nicht. Immerhin beschert das "Miles & More"-Programm seinem Unternehmen pro Jahr Mehrerträge im hohen dreistelligen Millionenbereich. Deshalb will Teckentrup verhindern, dass das Siemens-Beispiel Schule macht. "Deren Modell", sagt er, "entspricht nicht den 'Miles & More'-Regeln." Sollten andere Firmen nachziehen, meint er, "müssen wir neu nachdenken". DINAH DECKSTEIN
Von Dinah Deckstein

DER SPIEGEL 39/2000
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