02.10.2000

SEXUALITÄTTragödie als Schurkenstück

Mann ist Mann, Frau ist Frau? Ein Buch des US-Autors John Colapinto stellt alte Fragen neu. Die Gewissheiten in der Geschlechterordnung täuschen. Von Gunter Schmidt
Schmidt, 62, ist Professor für Sexualwissenschaften an der Universität Hamburg.
Ende der fünfziger Jahre formulierte der Sexualforscher John Money im amerikanischen Baltimore auf Grund seiner Studien an intersexuellen Kindern und Erwachsenen eine radikale geschlechtertheoretische Position: Die Entwicklung der Geschlechtsidentität, also der inneren Gewissheit, ein Mann beziehungsweise eine Frau zu sein, sei vor allem ein Ergebnis psychosozialer Erfahrungen. In der Regel bestimme die konsequente Erziehung als Junge oder Mädchen die Geschlechtsidentität, und zwar unabhängig davon, ob die körperlichen Geschlechtsmerkmale männlich oder weiblich sind.
Moneys Geschlechterkonzept leitete in den sechziger Jahren eine Veränderung der medizinischen und psychosozialen Behandlung intersexueller Kinder ein. Die Geschlechtszuweisung sollte nun danach erfolgen, was unter den gegebenen somatischen Bedingungen am ehesten zu einer stabilen Geschlechtsidentität, zu einem glücklichen Leben als Geschlechts- und Sexualwesen führen könnte, egal ob als Mann oder Frau.
Dagegen zieht nun US-Autor John Colapinto in einem Buch, das gerade auch auf Deutsch erschienen ist, zu Felde*. Nach ihm ist alles so, wie wir immer schon dachten: Wir sind und bleiben, wie die Natur uns schuf, auch geschlechtsmäßig. Als Beweis gilt ihm die bewegende Geschichte eines ehemals von Money behandelten Jungen (siehe SPIEGEL 18/2000).
Bruce und sein eineiiger Zwillingsbruder Brian wurden 1965 in Winnipeg geboren. Im Alter von sieben Monaten verlor Bruce bei einer Operation wegen einer vermeintlichen Vorhautverengung durch ärztliches Versagen seinen Penis. Zehn Monate später war Money der Erste, der den Eltern ein klares Behandlungskonzept offerierte und Hoffnung weckte: Da eine Re-
konstruktion des Penis damals chirurgisch nicht möglich war und das Aufwachsen als penisloser Junge unendlich traumatisch sei, empfahl er, den Jungen als Mädchen aufzuziehen, dazu entsprechende operative und hormonelle Eingriffe. Eile tat Not, da eine Geschlechtsneuzuweisung spätestens bis zum 24. Monat möglich sei. Im Alter von 22 Monaten wurde Bruce, der nun Brenda hieß, kastriert, und die äußeren Geschlechtsteile wurden dem eines Mädchen chirurgisch angepasst.
Money sah Brenda, ihre Eltern und Brian bei jährlichen Therapiesitzungen. In seinem letzten veröffentlichten Bericht beschreibt er die damals neunjährige Brenda als ein Mädchen mit einer etablierten weiblichen Geschlechtsidentität. In der Pubertät wurde sie mit Hormonen behandelt und bekam Brüste. Dem Drängen Moneys, eine Neovagina anlegen zu lassen, widersetzte sie sich vehement. Sie fühlte sich restlos unglücklich. Erst als der Vater ihr auf Drängen einer Psychotherapeutin ihre Geschichte erzählte, begriff sie, was sie so quälte. Im Alter von 14 Jahren beschloss Brenda, als Mann zu leben und sich David zu nennen. Es folgte eine Behandlung mit männlichen Hormonen, später wurden die Brüste operativ entfernt und ein Neopenis angelegt. Mit 25 heiratete David und adoptierte die Kinder seiner Frau.
Sechs Jahre später lernte Colapinto den Mann mit der ungewöhnlichen Geschichte kennen. Er führte lange Gespräche mit David, dessen Eltern, dem Bruder, der Frau, den Therapeuten und Freunden.
Money, von seinem früheren Patienten heftig attackiert, verteidigte sein Konzept der Geschlechtsneuzuweisung: Die Behandelnden seien in einem solchen Fall in ein unauflösbares Dilemma verstrickt. Dagegen wird aus den Reihen intersexueller Menschen heftig protestiert: Mit einschneidenden Behandlungsmethoden sei so lange zu warten, bis der oder die Betroffene selbst darüber ein Urteil fällen könne.
Colapinto erliegt der Versuchung, die Tragödie, die er so beklemmend dokumentiert, immer wieder in ein Schurkenstück abgleiten zu lassen: Money als kalter Karrierist, ein Frankenstein der Sexualwissenschaft, der Geschlechtsmonster schafft. Grelle Schwarz-Weiß-Kontraste aber werden einer Tragödie nie gerecht, sie nehmen ihr etwas von ihrer Würde.
Doch es geht dem Autor um mehr. Der englische Titel seines Buchs, "As Nature Made Him", ist ihm Programm und Botschaft. Er führt einen ideologischen Kreuzzug für eine verlockend naive Geschlechterordnung: Mann ist Mann, Frau ist Frau, wie die Natur es fügt.
Doch geschlechtertheoretisch beweist Davids Geschichte gar nichts. Kanadische Forscher beispielsweise berichten über einen vergleichbaren Fall: Penisverlust bei Beschneidung mit zwei Monaten, Geschlechtsneuzuweisung im Alter von schon sieben Monaten. Die Frau - heute 26-jährig - ist eine Frau. Sie hat einen eher als männlich geltenden Beruf und ist bisexuell.
In Colapintos Augen ist sie gar keine Frau, sie bräuchte nur noch etwas Zeit, um ihrer inneren Stimme zu folgen. Solche Gewissheit schützt Colapinto vor verstörenden Fragen. Was wäre aus Bruce geworden, wäre er als penisloser Junge neben seinem unbeschädigten Bruder groß geworden? Wer vermag auszuschließen, dass ein Mensch mit einem solchen Schicksal in der Pubertät ein Mädchen hätte werden wollen?
* John Colapinto: "Der Junge, der als Mädchen aufwuchs". Walter Verlag, Düsseldorf und Zürich; 290 Seiten; 39,80 Mark.
Von Gunter Schmidt

DER SPIEGEL 40/2000
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