09.10.2000

FUSSBALLZeit für alte Rechnungen

Wer weiß Abschätziges über Christoph Daum? Die Nachfrage ist groß dieser Tage, denn der Leverkusener soll als Bundestrainer verhindert werden. Auch Daums Werbepartner, der Energiekonzern RWE, geht auf Distanz. Eine Haaranalyse scheint seine letzte Rettung.
Knapp eine Stunde dauert die Autofahrt von der Inselhauptstadt Palma de Mallorca Richtung Ostküste. Dann tauchen, in der Gemeinde Son Servera, die ersten Holzschilder am Straßenrand auf: Sie werben für "Sea Green", eine 10 000 Quadratmeter große Wohnanlage mit 70 Appartements.
Der überwachsene Laubengang hinter dem Hauptportal führt in einen hufeisenförmigen Garten mit zwei Swimmingpools und Zitronenbäumen, eine Mauer trennt den Komplex vom grünlich schimmernden Meer an der Costa de los Pinos. Zwölf Wohnungen zum Quadratmeterpreis von rund 4500 Mark sind noch zu haben, erfahren Interessenten im Maklerbüro - alle mit Kamin, Doppelverglasung, Klimaanlage und Einbauküche.
Die Firma Dalokama erwarb das Domizil 1998 für elf Millionen Mark von der spanischen Bank Banesto. Wer hinter der Dalokama steckt, wird vom Verkäufer Detlef Hein wie ein Gütesiegel hinausposaunt: "Die Anlage gehört unserem neuen Bundestrainer."
Mit dem Renommee des wichtigsten Amts zu protzen, das es im deutschen Sport gibt, scheint dieser Tage reichlich kühn. Nicht nur, dass Dalokama-Gesellschafter Christoph Daum erst vom 1. Juni 2001 an die Nationalelf trainieren will. Seit voriger Woche ist sogar höchst fraglich, ob er den Job jemals antreten wird.
Denn Daum, der vermeintliche Retter des deutschen Fußballs, ist angeschlagen: Von Drogen ist die Rede, vom Rotlicht-Milieu und von dubiosen Immobilien-Deals.
Das Geraune über private Abgründe hat Wirkung gezeigt. Längst ist nicht mehr bedeutend, ob Daum tatsächlich Kokain geschnupft oder Umgang mit Prostituierten gepflegt hat. Auch die von ehemaligen Geschäftspartnern erstatteten Strafanzeigen wegen Betrugs mögen haltlos sein: Entscheidend ist, wie mit den Gerüchten umgegangen wird.
Sie dienen als Munition in einem Intrigenspiel, wie es der deutsche Profisport noch nicht erlebt hat. Die Demontage findet nach jenen Mustern statt, nach denen in der Politik unliebsame Personen aus dem Verkehr gezogen werden.
Dass Daum womöglich zwielichtige Freunde hat, ist nur ein Teil seines Problems. Schwerer wiegt, dass der Coach in der Bundesliga nicht viele Freunde hinter sich weiß. Den starken, souveränen Trainern war der aggressive Daum zu unseriös. Den schwachen, unsicheren Trainern war der beredte Daum zu überlegen.
Als DFB-Vizepräsident Gerhard Mayer-Vorfelder, ein Spezi aus erfolgreichen Tagen beim VfB Stuttgart, nach der blamablen Europameisterschaft Daum als Nationalcoach vorschlug, war der FC Bayern zunächst dagegen. Weil die Situation ausweglos erschien, stimmten die Münchner dann doch zu. Angesichts der Alternative, Meistertrainer Ottmar Hitzfeld zum DFB ziehen lassen zu müssen, galt die Daum-Inthronisierung ab 2001 als akzeptables Opfer. Insgeheim hofften Hoeneß & Co., dass aus dem Interimstrainer Rudi Völler eine Dauerlösung werde. Irgendwie.
Die Strategie könnte aufgehen. Daums Pech ist, dass die größte Not gelindert scheint, bevor er seinen Vertrag unterzeichnet hat - von einem Rudi Völler, der alles mitbringt, was Daum abgeht: Bescheidenheit, leises Auftreten und eine hohe Reputation als Fußballspieler. Ein Sympathieträger, eine Identifikationsfigur.
Daum hingegen drehte, kaum dass er zum Bundestrainer in spe erkoren war, am ganz großen Medien-Rad: Er gab tiefgründelnde Interviews, in denen er bekannte, "Anhänger von Machiavelli" zu sein, schmiss mit indianischen Weisheiten um sich und gab Sprüche aus Motivationsratgebern zum Besten. "Alles Denkbare ist auch machbar", sagt er gern. Der Satz stammt von Albert Einstein.
Zum Saisonauftakt trug Daum einen Anzug in Mittelblau, "der Farbe von Avanza", wie er stolz verkündete, dem neuen Clubsponsor. Die unverhohlene Anbiederung an den Geschäftspartner von Bayer Leverkusen hatte immerhin Erfolg.
Dietmar Kuhnt, Chef der Avanza-Mutter RWE, lud Daum in die Vorstandsetage des Essener Energiekonzerns ein - zum gemeinsamen Fernsehen des Länderspiels Deutschland gegen Spanien. Als Damen in gestärkten weißen Blusen Häppchen und Champagner reichen wollten, gab der designierte Bundestrainer dem Golf-Fan Kuhnt zu verstehen, wie ein zünftiger Fußballabend auszusehen habe: Statt des Kribbelwassers sollten die Serviererinnen doch lieber "ein ordentliches Bier" besorgen.
Nachdem Daum in der Halbzeitpause dann noch mit Tricks aus seinem Psycho-Repertoire auftrumpfte ("Die hoch bezahlten Profis packt man sich am besten, wenn sie nackt unter der Dusche stehen und sie nicht auf ihre Statussymbole zurückgreifen können"), war der RWE-Chef von der "offenen und überzeugenden Art" des Fußballlehrers restlos begeistert. Er bot ihm einen Werbevertrag über eine Million Mark per annum an, Laufzeit drei Jahre, plus Option bis zur WM 2006.
Was folgte, war ganz nach Daums Selbstverständnis. Die Werbeagentur BBDO peppte seine Motivationssprüche ("Das Denken hat die Richtung geändert") auf, präsentierte den Trainer in Plakat-Aktionen sowie Zeitschriftenannoncen als menschgewordene Innovation und führte ihn RWE-Mitarbeitern auf Seminaren vor - zuletzt in der Dortmunder Westfalenhalle vor rund 900 Führungskräften.
Inzwischen ist beim Essener Stromprimus die Euphorie um sein neues Werbemaskottchen verflogen. Denn was die RWE-Manager seit Tagen in den Sportteilen über ihren freien Mitarbeiter lesen, kann sie wenig begeistern.
Dabei waren die Gerüchte um unsaubere Immobiliengeschäfte und Drogenverstrickungen auch bei RWE angekommen. "Die Tatsache, dass hinter dem Verein und dem Trainer seit Jahren ein so renommiertes Unternehmen wie Bayer steht, zu dessen Chef wir freundschaftliche Beziehungen pflegen", so ein verantwortlicher RWE-Manager, "war uns Garantie genug, dass Daum ein sauberer und ehrlicher Kerl ist."
Ende voriger Woche wollten es die Vorstände genauer wissen. Sie baten Daum zur Telefonkonferenz. Die Manager legten dem Fußballcoach nahe, auf den etwas perfiden Vorschlag aus München einzugehen und die Kokaingerüchte mit Hilfe einer Haaranalyse auszuräumen. Daum verständigte sich mit RWE, "den Werbevertrag ruhen zu lassen, bis alle Vorwürfe restlos aufgeklärt sind".
Unter Freunden ließ er durchblicken, auch zur Haaranalyse bereit zu sein. Selbst Krankenakten wie die seiner vier Nasenoperationen in einer Innsbrucker Spezialklinik gedenkt er öffentlich zu machen.
Ein Befreiungsschlag mit ungewissem Ausgang. Denn auch Daum dürfte zu Ohren gekommen sein, was in Stuttgart kolportiert wird: dass Hoeneß Mayer-Vorfelder dazu bewegen wollte, den Vertrag mit Daum einstweilen nicht zu unterschreiben. MV soll abgelehnt haben, weshalb Hoeneß daraufhin öffentlich über Daums private Probleme herzog.
Tragisch für Daum, dass all die, die ihn als Bundestrainer verhindern wollen, ein zufälliges Bündnis mit jenen eingehen können, die mit ihm als Privatier noch Rechnungen zu begleichen haben. Die jüngsten Gerüchte um Orgien und Drogenpartys, glauben mallorquinische Szenekenner zu wissen, seien aus dem Knast im bayerischen Landsberg am Lech lanciert worden. Dort sitzt der Immobilienmakler Joachim Kress, 48, seit Februar wegen Steuerhinterziehung und Konkursverschleppung ein. Er ist der Ex-Ehemann von Daums Lebensgefährtin Angelika Camm.
Im Frühjahr 1997 wurde der ehemalige Präsident des FC Starnberg auf dem Marktplatz von Santa Ponsa auf Mallorca verhaftet. Gegen eine Kaution kam er nach der Auslieferung zunächst frei. Die Haftstrafe von zwei Jahren wurde vom Münchner Landgericht im Mai 1998 dank einer Bürgschaft zur Bewährung ausgesetzt. Die Bürgschaft kam von Daum.
Weil Kress die fälligen Geldauflagen - er sollte den Steuerschaden von 645 000 Mark in Raten bereinigen - nicht bezahlte, musste er erneut ins Gefängnis. Dort bittet er jetzt Besucher, ihm Schokolade aus dem Automaten zu spendieren.
Ende August vernahm ihn die Polizei in Fürstenfeldbruck und leitete die Protokolle weiter an die Staatsanwaltschaft in Köln. Dort wurde letzte Woche ein Ermittlungsverfahren gegen Daum eingeleitet. Der Vorwurf: Unterschlagung und Betrug.
Daum soll Kress um Provisionen geprellt haben, die Rede ist von vier Millionen Mark. Rolf Lövenich, Daum-Freund und Dalokama-Geschäftsführer, bestreitet das: Kress habe Käufer für die Wohnungen besorgen sollen, doch "er hat keinen Einzigen gebracht, er war mittags schon betrunken".
Dass Daum nicht ganz schuldlos an seiner Malaise ist, räumt Partner Lövenich ein: Weil der Trainer vor zwei Wochen die Enthüllungen einer Illustrierten fürchtete, ging er fix in die Offensive, sprach nebulös von "Erpressungsversuchen" und dachte öffentlich darüber nach, auf den Job als Bundestrainer zu verzichten. Seitdem dürfen sich die Daum-Gegner aus der Fußballbranche hinter der Feststellung verschanzen, der Leverkusener habe den Wirbel selbst entfacht, als er ungefragt Wortmeldungen "aus dem Jenseits, dem Knast und dem Milieu" anprangerte.
Auch das wenig einträgliche Mallorca-Projekt, bekennt Lövenich, hätte man sich "besser schenken sollen". Denn jetzt lauere die Gefahr "aus allen Ecken". Zu viele halbseidene Gestalten tummeln sich auf der Insel.
So klagen die Makler Jaime Fernández Abad und Fernando Cobián Cifrián vor dem Zivilgericht in Palma gegen Daums Firma auf Zahlung von 380 000 Mark Provision. Sie hätten für Dalokama in Verhandlungen mit dem Banesto-Immobilienableger Gedinver den Kaufpreis für "Sea Green" um drei Millionen Mark gedrückt.
Beim Kläger Cobián ("Daum spielt mit dem Brot meiner Kinder") schließt sich der Personenkreis der Gegner: Er lebt in Santa Ponsa mit der Österreicherin Monika Freifrau von Quernheim zusammen, auch sie eine Ex-Freundin von Joachim Kress. Die Baronin ist auf ihre Vorgängerin nicht gut zu sprechen. "Die Camm ist ein Pulverfass", lässt sie Daum ausrichten. Dann entschuldigt sie sich, dass ihr am Tisch die Brust aus dem Dekolleté rutscht. "Verzeihung, ich trage ein Stehkleid."
Wer die Gerüchte um Koks in die Welt gesetzt haben könnte, kann sich die Adelige angeblich nicht erklären. Baronin von Quernheim deutet nur dunkel an: "Das Geld, das ihn der Anwalt Prinz jetzt kostet, hätte Daum sparen können, wenn er unsere Provision gezahlt hätte."
Jüngst legte ihr Jugendfreund Michael Waldmann juristisch nach. Der Immobilienmakler zeigte Daum, Camm, Lövenich und drei Vertriebspartner wegen Steuerhinterziehung und Anlagebetrug in Sachen "Sea Green" bei der Münchner Staatsanwaltschaft an. Er will Hinweise haben, wonach mit Schwarzgeld gedealt worden sei. Die Behörde prüfe, so Leiter Manfred Wick, "ob Anlass besteht, zu ermitteln".
Das Bild des Mannes, der den deutschen Fußball erlösen sollte, verfinstert sich täglich. Von Lövenich hat Daum erfahren, dass ein TV-Sender seinem Kumpel eine sechsstellige Summe geboten habe, "damit ich über den Christoph schimpfe".
Auch Trittbrettfahrer wittern ein Geschäft. Gegen Zahlung von 30 000 Mark wurden "belastende Unterlagen gegen Herrn Daum" in der Medienlandschaft offeriert. Andere sind gleich zu eidesstattlichen Versicherungen bereit. Es besteht Nachfrage, also gibt es Angebote.
Was als Nächstes kommt, meint Daum-Freund Lövenich zu ahnen: "Morgen erzählt einer, wir seien schwul. Und übermorgen, wir seien Kinderschänder."
So weit muss es vielleicht gar nicht mehr kommen. Karl-Heinz Rummenigge, Supervisor der Nationalelf, lobt Völlers "erstklassige Arbeit". Längst sind in DFB-Kreisen Pläne entworfen, wie der populäre Statthalter zum Bleiben überredet werden könne. Die Chancen, heißt es, stehen gut. FRANK DOHMEN, JÖRG KRAMER,
MICHAEL WULZINGER
Von Frank Dohmen, Jörg Kramer und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 41/2000
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