09.10.2000

„Das ist eine Provokation“

Nur 450 Kilometer von Belgrad entfernt klammerte sich schon einmal ein Diktator an die Macht.
D er alte Mann gab sich bockig. "Wir stehen nicht auf. Ich werde nicht Leuten antworten, die diesen Staatsstreich organisiert haben."
"Sag nichts", zischte seine Frau von der anderen Seite des Tisches her: "Seit ich 14 war, habe ich für die Menschen gekämpft, für unsere Menschen. Das ist eine Provokation."
Es war am Nachmittag des 25. Dezember 1989, als in der Kaserne von Tîrgoviste am Karpatenrand der letzte Akt eines neuntägigen Dramas begann. Schützenpanzer hatten Rumäniens Herrscherpaar zum Tribunal gebracht - den großen Conducator Nicolae Ceausescu, 71, fast ein Vierteljahrhundert lang Staats- und Parteichef in Bukarest, und Gattin Elena, 70, erster Vizepremier des Landes und Präsidentin der Akademie der Wissenschaften.
Einen Monat zuvor hatten 3308 Rumänen den "heiß geliebten Sohn der Nation" auf einem KP-Kongress erneut zum Generalsekretär gewählt, einstimmig. Jetzt hielten die eigenen Generäle über den bislang Unberührbaren und seine Einflüsterin Gericht:
"Sie hatten alles, und das Volk hat gelitten. Ich schlage vor", erklärte der Chef des Tribunals, "die Angeklagten zu verurteilen: für den Missbrauch der Volksarmee, für die Vernichtung der Wirtschaft, für den Wunsch, durch die Vernichtung aller Reichtümer sich selbst einen Vorteil zu schaffen."
Der Diktator, fassungslos, verstand die Welt nicht mehr. Sein Trost: Nur eine "Bande von Landesverrätern", unterstützt von ausländischen Mächten, könne den Putsch organisiert haben.
Eigentlich hätte er es besser wissen müssen. Als am 16. Dezember in Timisoara, Rumäniens westlichster Stadt an der Grenze zu Jugoslawien, der Funke zum Aufstand zündete, sammelten sich dort bereits Tausende. "Nieder mit Ceausescu", schrien sie und "Nieder mit der Diktatur". Das Militär schoss, es gab über hundert Tote.
Autismus und Realitätsferne führten den Herrscher binnen weniger Tage ins Verderben. "Strengstes Vorgehen" gegen die Demonstranten hatte der Bauernsohn und ehemalige Schusterlehrling von seinen Bütteln verlangt. Dann war er seelenruhig zum Staatsbesuch nach Iran gereist. Als er am 20. Dezember zurückkehrte, fand er sein Land im Chaos vor, die Protestwelle hatte Bukarest erreicht.
Um die "Faschisten und Ausländer" in die Schranken zu weisen, ersann Ceausescu eine Massenshow von 100 000 seiner Anhänger auf dem Platz der Republik. In der Nacht bastelten Sicherheitsleute Spruchbänder fürs "Volk". Das wurde am Vormittag aus Büros und Fabriken ins Zentrum gekarrt, um Loyalität zu demonstrieren.
Die gespenstische Aufführung führte direkt in die Katastrophe: Huldvoll winkt Ceausescu dem vermeintlichen Anhang zu, dann erstarrt sein Gesicht zur verblüfften Grimasse: Statt Beifall gibt es Pfiffe, Schreie und Pfuirufe.
"Schlag irgendwas vor", flüstert Gattin Elena. Und ihr Mann bietet - sein letzter Einfall - der Menge Geld: 100 Leu, sieben Dollar, mehr Lohn und 1000 Leu für werdende Mütter. Aber der Freikauf gelingt nicht mehr. Die Fernsehübertragung bricht ab.
Studenten errichten daraufhin Barrikaden, die Polizei eröffnet das Feuer, viele Tote bleiben zurück. Freiwillig, diesmal aus Protest, strömt das Volk nächsten Vormittag noch einmal zum Parteipalast. Abermals gibt Ceausescu Feuerbefehl. Vergebens, seine Offiziere hören nicht mehr auf ihn.
Dann geht alles sehr schnell. Der eben noch omnipotente Führer zeigt sich noch einmal zitternd auf dem Balkon, es sind die letzten Bilder vom Platz der Republik. Man hört Elena zum Aufbruch mahnen, dann sieht man einen Hubschrauber vom Dach des Gebäudes nach Norden entschwinden, unten aber skandiert das Volk "Armata e cu noi", "Die Armee ist mit uns".
Die Flucht der Ceausescus führt über ihre Snagover Residenz zu einem Flugplatz. Doch der Luftraum ist gesperrt, im Auto rettet sich das Diktatorenpaar ins Karpatenvorland. Dort wird es erkannt und von Militärs verhaftet.
Das Armeegericht verurteilt die beiden zum Tode, während draußen eine Schlacht mit Tausenden Opfern zwischen der Armee und Ceausescus Geheimpolizei tobt. "Warum tut ihr uns das an", fragt Elena einen Soldaten des Hinrichtungskommandos, "ich war wie eine Mutter zu euch." Die Gegenfrage kommt prompt: "Was für eine Mutter bist du gewesen, die du unsere Mütter umgebracht hast?"
Als das Paar erschossen ist, spielt Radio Bukarest das Lied der Revolution von 1848: "Erwache, Rumäne, aus dem Todesschlaf." CHRISTIAN NEEF
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 41/2000
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