09.10.2000

Die Insel der Tränen

Ein Eiland im Aralsee ist mit Milzbrandsporen verseucht - tödliche und äußerst widerstandsfähige Bakterien, mit denen sowjetische Wissenschaftler den Biokrieg gegen den Westen planten. Die Gefahr rückt unaufhaltsam näher: ein Tschernobyl in Zeitlupe. Von Erich Follath
Merkwürdig, dass die Affen immer schon vorher etwas bemerkten - als hätten sie einen sechsten Sinn für die Gefahr, für den nahenden Tod.
Sie zerrten an den Ketten, mit denen sie an Pfähle festgebunden waren, je 50 Tiere in zwei parallelen Linien, aneinander gereiht wie Delinquenten an ihren Galgen. Sie kreischten. Sie versuchten den Kopf zwischen den Beinen zu vergraben. Sie schlugen die Hände vors Gesicht, um Mund und Nase zu schützen. Und als der giftige Staub dann auf sie niederregnete, als er in ihre Poren und ihre Atemwege eindrang und ihr Todeskampf begann, da tränten ihre Augen.
Ja, wirklich, die Affen weinten.
Kanatjan Alibekow, damals bei den Experimenten auf der Insel schon einer der führenden Biowissenschaftler der Sowjetunion, neigte nicht gerade zur Sentimentalität. Als Epidemiologe war er manches gewöhnt, seine Doktorarbeit handelte von Pestkampfstoffen. Und schließlich kam er Anfang der achtziger Jahre auf die Insel, um zu überprüfen, wie weit sie bei der Herstellung von Killerbakterien waren, dem Herzstück des geheimen BiokriegProgramms der Sowjetunion.
Denn darum ging es bei den Tests: Wie umfassend Affen, diese menschenähnlichsten aller Tiere, sich ansteckten, wie intensiv ihre lebenswichtigen inneren Organe von den Erregern befallen würden, wie schnell sie verreckten.
Manchmal rasend schnell, öfter lähmend langsam - das kam auf den Wind an, der die heimtückische Fracht verbreitete, und auf die Intensität des Bakterien-Cocktails. Die Experten schossen eine kleine Metallhülse ab, von dem Platz vor den Baracken der Militärs, mit denen sie sich die Schlafstätten und die Kantine teilen mussten. Das Aerosol verbreitete sich dann in einer senfgelben Wolke etwa 25 Meter über dem Boden. Aus der Ferne konnten die Wissenschaftler mit ihren starken Ferngläsern beobachten, wie die Affen reagierten.
Nach Stunden banden die Experten, in Schutzanzüge gekleidet, die infizierten Tiere los. Die Wissenschaftler analysierten nach dem späteren Exitus die inneren Organe - um das nächste Mal die Biokrieg-Stoffe effektiver hinzukriegen. Pest, Pocken, Milzbrand, Tularämie, Rotz, Brucellose: Sie testeten alles.
"Ich habe furchtbare Blutungen bei den Affen gesehen, ich habe sie stöhnen gehört und beim Sterben erlebt, so etwas ist man als Arzt gewöhnt", sagt Kanatjan Alibekow. Er ist 1987 zum Vizechef des geheimen sowjetischen Biokrieg-Programms aufgestiegen, 1992 in die USA geflohen. "Aber in meinen Erinnerungen als Schlimmstes übrig geblieben sind die Tränen der Affen."
Immer wenn ihn damals ein Hauch von Rührseligkeit überkam, ist der Wissenschaftler mit seinen Kollegen in Zynismus geflüchtet. Wieder eine Batterie von denen erledigt, die uns die Bananen wegfressen, sagten sie dann in der Kantine. Dort gab es nur Brot, fette Wurst und an Festtagen Kaviar und Wodka; keine Südfrüchte. Die waren abgezählt und registriert, und wehe einer der Ärzte hätte eine Banane genommen. Südfrüchte waren ausschließlich für die Affen da, damit bloß keines dieser aus Afrika importierten Versuchstiere starb. Vorzeitig starb.
Es ging um den "unvermeidlichen Krieg" gegen den Westen, hämmerten die Bosse aus dem Verteidigungsministerium ein, von denen die Vorgaben für ihre Bakterien-Programme kamen. Es ging um Massentötungswaffen, die nicht wie die Atombomben Vernichtungswaffen waren, sondern von der Welt etwas übrig ließen. Es ging darum, die amerikanischen Wissenschaftler zu schlagen, die würden - sagte Moskau - an ähnlichen Biowaffen forschen. Dafür gab es Geld und Orden und Beförderungen, und dafür nahmen die sowjetischen Forscher selbst Lebensbedingungen wie die auf der Insel im Aralsee in Kauf: brütende Hitze, trostlose Landschaft, Einsamkeit.
Wosroschdenije lautet übrigens der Name des Eilands, und alle haben das immer als bitteren Witz empfunden, denn das bedeutet "Wiedergeburt".
Kanatjan Alibekow gibt es nicht mehr, sagt der Mann, der einst in seinen Horrorfabriken 32 000 sowjetische Biologen, Ärzte und militärische Mitarbeiter unter sich hatte. Alibek ("just call me Ken") liebt heute alles Amerikanische: Apple Pie, Country-Music, Hollywood. Zu Hause hat er für sentimentale Rückfälle russisches Fernsehen über Satellit.
Er trägt einen blütenweißen Ärztemantel in einem blütenweißen Labor in einem blütenweißen neuen Gebäude. Er arbeitet jetzt als Chief Scientist für die Hadron Inc. im US-Staat Maryland, eine Autostunde von Washington entfernt. "Biohazard" steht auf den Türen seines Instituts, neben einem stilisierten Totenkopf. "Achtung, biologische Gefahren! In diesem Bereich nicht essen, trinken, rauchen oder Kontaktlinsen tragen!"
Ken Alibek, 50, ist zuständig für die Entwicklung von Stoffen - gegen die bakteriologischen Waffen, die er einst entwickelte. Zu dem Drei-Millionen-Dollar-Forschungsprogramm trägt auch das amerikanische Verteidigungsministerium bei; die Höhe der Pentagon-Geldspritze ist geheim. Aber Geheimnisse stören Alibekow alias Alibek nicht. An Deals im Schatten ist er gewöhnt. Meistens gelingt es ihm sogar, die Schatten der Vergangenheit zu verdrängen.
Warum hat sich niemand um die toxischen Überreste des Biowaffen-Programms auf der Insel im Aralsee gekümmert? Warum wurden noch 1988 Hunderte Tonnen von Milzbranderregern - genug, um Millionen Menschen auszulöschen - heimlich in Swerdlowsk im Ural in Stahlkanister verpackt, hierher transportiert und knapp unter der Bodenoberfläche verscharrt?
Das könnte etwas mit dem Unfall in Swerdlowsk zu tun gehabt haben, bei dem durch eine Unachtsamkeit eines Technikers eine Milzbrandepidemie ausbrach und mindestens 66 Menschen qualvoll starben, vermutet Alibek. Und mit der Angst vor der internationalen Entdeckung des sowjetischen Biowaffen-Programms. Er war damals nicht mit der Aktion betraut, und als die letzten Wissenschaftler 1992 hastig zusammenpackten und die Insel verließen, hatte er sich schon in die USA abgesetzt.
"Ich bin sicher, dass meine Kollegen dachten, sie hätten das Zeug hundertprozentig vernichtet", sagt der Mann, der Saulus war und nun so gern als Paulus gesehen würde. "Ich weiß, dass sie die Insel im Aralsee wegen ihrer Abgeschiedenheit für den letzten Ort hielten, von dem Gefahr ausgehen könnte."
Mag sein, dass die Wissenschaftler des Schreckens das wirklich geglaubt haben. Entscheidend ist etwas anderes: Sie haben sich geirrt.
Muinak im heutigen Usbekistan war einmal eine stolze Fischerstadt an einem großen Wasser. Die Belege dafür finden sich überall: im Stadtwappen, das auf einem riesigen Schild am Ortseingang prangt und einen dicken Fisch als Symbol zeigt. Am Marktplatz, wo inmitten der Häuser ein Kutter wie aufgebahrt als Wahrzeichen thront. In der Fabrik, wo riesige Waschanlagen und automatische Konservenbahnen darauf warten, Plötze und Karpfen und Wels zu verwerten.
Es ist alles da in Muinak, der Stadt der Fischer am Aralsee. Nur keine Fischer - und kein Wasser.
Salz liegt in der Luft, die in der brütenden Mittagshitze flimmert, und ein beißender Geruch von Pestiziden. Sand wirbelt hoch, schüttelt die klapprigen Marktstände, deren Planen davonfliegen. In der Ferne bildet sich eine Windhose und fegt wie ein Himmelsderwisch über das eiterfarbene, pockennarbige Wüstenland, das so weit reicht wie der Horizont.
Islam Utarbay ist hier zu Hause. Er war früher ein Kerl wie ein Bär, ein von allen in Muinak bewunderter Ringer, ein Medaillengewinner bei Bezirksmeisterschaften - vergilbte Fotos zeugen davon. Aber im Alter sind die Schultern eingefallen. Der Hüne ist geschrumpft, "ein bisschen wie der See da draußen", sagt er mit hilflosem Grinsen. Streicht sich über die Haut, die durch Trockenheit und Salz rissig geworden ist wie Schmirgelpapier.
Utarbay hat einmal auf den Feldern gearbeitet, damals, als in der Gegend hier noch Reis wuchs, als Aprikosen und Trauben gediehen. Heute lebt er von einer Rente, die vorne und hinten nicht reicht und die er als "Almosen" bezeichnet. Die meisten seiner Freunde waren Fischer. "Doch heute ist keiner von denen mehr da, und deshalb mache ich stellvertretend für sie meine tägliche Wallfahrt." Immer vor Sonnenuntergang stapft der Alte los. Startpunkt "Kinoteatr Berdach" am Stadtrand, wo sie nur noch einmal wöchentlich einen Film zeigen. Für wen auch; in seinen Blütezeiten hatte Muinak über 20 000 Einwohner, in diesen Tagen sind es noch 8000, und die haben kein Geld.
Utarbay geht über einen kaum noch erkennbaren Pfad hinunter zum einstigen Hafen. Dorthin, wo sie in seiner Jugendzeit vor 40 Jahren immer frühmorgens die Fangflotte erwarteten, wo sie am Strand übermütig in die Wellen sprangen. Wo die tägliche Fähre zum 400 Kilometer entfernten nördlichen Teil des Sees ablegte.
Die Menschen von Muinak haben den Platz an der einstigen Mole längst umgetauft. "Friedhof der Schiffe" heißt er jetzt.
Kähne liegen wie Gerippe in der Wüste. Ausgeschlachtet bis auf die Eingeweide: die Planken verheizt, kostbarer Stahl weggehämmert, Schiffsschrauben abmontiert. Und doch bleibt genug übrig für die Erinnerung. "Die Karakalpakija hier gehörte meinem besten Kumpel", sagt Utarbay. Er wirft liebevoll eine Hand voll Sand in Richtung des rostenden Fischkutters inmitten der Wüste, als wolle er ihm die letzte Ehre erweisen.
Auf einem anderen Trawler, vor dem Kamele dösen und abgemagerte Kühe zwischen den Disteln nach Resten von Grün suchen, hat ein Verzweifelter an die Schiffswand geschrieben: "Vergib uns, Aral, was wir dir angetan haben. Komm zurück!"
Doch das wird der Aral nicht tun. Das einst viertgrößte Binnenmeer der Welt, 120fach so groß wie der Bodensee, liegt im Sterben. Der Aral hat durch Austrocknung schon 55 Prozent seiner Fläche und über 80 Prozent seines Volumens verloren. Die Menschen von Muinak, die 1960 in einem Fischerort lebten, 1970 immerhin noch in Sichtweite des Sees, trennt nun schon fast 80 Kilometer Salzwüste von dem Leben spendenden Nass.
Das Wasser geht, die verseuchte Insel kommt. Sie ist gewachsen, von 200 Quadratkilometer auf über 2000. Rückt näher ans Festland, Meter um Meter. Ein Monster, drohend und unaufhaltsam.
Wissen die Einwohner von Muinak, dass sowjetische Wissenschaftler auf dem Eiland "Wiedergeburt" im Aralsee grausame Biokrieg-Experimente mit Affen durchführten und dort gefährliche Milzbrandsporen vergraben sind?
"Nie davon gehört", sagt Utarbay und kratzt sich am Kinn. "Aber wir sagen immer: Von der Insel da draußen kommt nichts Gutes."
Utarbay ist wie alle Muinaker viel zu sehr damit beschäftigt, das tägliche Überleben zu organisieren, als dass er sich um die nicht sichtbaren Gefahren kümmern könnte. Größte Sorge ist das Trinkwasser. Was aus den Leitungen kommt, ist eine giftige, ungenießbare Brühe; was aber französische Wissenschaftler bei Muinak in ihrer Entsalzungsanlage gewinnen, kostet Geld.
Für den Wassernotstand am Aralsee ist der Baumwoll-Wahn sowjetischer Planwirtschaftler verantwortlich, und der hat mit dem Biokrieg-Wahn der Kremlherren auf den ersten Blick nichts zu tun. Für das eine Projekt (Veränderung der Flussläufe) war das Ministerium für Wasserwirtschaft zuständig; für das andere (Manipulation der Bakterien) das Verteidigungsministerium. Und doch sind beide Projekte Ausdruck derselben Hybris, die Moskaus KP-Führer schon immer kennzeichnete. Stalin ließ diese Allmachtsphantasien so formulieren: "Wir planen die Umgestaltung der Natur."
Mitte der dreißiger Jahre befahl der Diktator in seinen mittelasiatischen Provinzen ein Bewässerungssystem von babylonischen Ausmaßen. Die mächtigen Ströme Amudarja und Syrdarja, die mit ihren Wassern aus dem niederschlagsreichen Pamir- und Tienschan-Gebirge den Aralsee speisten, wurden für riesige Felder angezapft, auf denen angebaut wurde, was jedem Sowjetbürger seine Kleidung verschaffen sollte: Baumwolle, das "Weiße Gold".
Stalins Nachfolger verschrieben sich verstärkt der Monokultur, das Ziel waren jährliche Rekordernten. Immer neue Baumwoll-Kolchosen entstanden, immer mehr Kanäle, darunter der 1959 in Betrieb genommene Karakum, mit 1300 Kilometern damals die mit Abstand längste künstliche Wasserstraße der Welt. Immer neue "Siege über die Natur".
Aber was für ein Preis musste dafür gezahlt werden: Die aberwitzig verschwenderischen Bewässerungstechniken ließen wegen der hohen Verdunstung den Salzgehalt der Böden gefährlich ansteigen. Den Baumwoll-Monokulturen mussten tonnenweise Pestizide zugeführt werden, um die Erträge zu halten. Gut die Hälfte des umgeleiteten Wassers versickerte.
Die Natur schlug zurück. Der Syrdarja ist in der Nähe des Aralsees zu einem Rinnsal verkümmert; der Amudarja, wegen seiner Wasserkraft einst der "Tollwütige" genannt, erreicht den Aralsee gar nicht mehr. Ohne seine Zuflüsse aber wird das Binnenmeer stranguliert - mit furchtbaren Folgen für die Trinkwasservorräte, für das Klima der Region. Die Sommer werden heißer, die Winter unerträglich kalt, Stürme fegen über das Land. Ganze Wirtschaftszweige wie die Landwirtschaft und die Fischerei sind verschwunden.
Immer wieder entwerfen die Uno und internationale Hilfsorganisationen neue - theoretische - Rettungsprogramme für den Aralsee; den Menschen an seinen nördlichen Ufern soll nun ein Damm Erleichterung bringen und wenigstens einen Teil des Wassers retten. Aber der Kampf ist "so gut wie hoffnungslos", sagt der usbekische Wissenschaftler Jussup Kamalow.
Die Führer der Sowjetunion haben eine ökologische Katastrophe ausgelöst, weil sie die Flüsse zu "bezwingen" glaubten - mit Folgen, die der Welt heute wenigstens einigermaßen bekannt sind. Die Führer der Sowjetunion haben auch versucht, hier am Aral Mikroorganismen zu Kriegszwecken zu manipulieren - mit bisher geheim gehaltenen und für die Zukunft womöglich noch gefährlicheren Auswirkungen.
Wieder war es Stalin, mit dem alles begann. Er nutzte die abgelegene Insel der Wiedergeburt zunächst als Gulag, ließ ab 1936 dann die Wissenschaftler des Medizinischen Instituts der Roten Armee unter Professor Iwan Welikanow Experimente mit Tularämiebakterien durchführen - ein Vorläufer des späteren Biokrieg-Programms der UdSSR. Doch Welikanow fiel in Ungnade. Er wurde verhaftet, das Projekt gestoppt, die Insel geräumt.
1952 ein neuer Versuch: Die Armeeführung stationierte auf Wosroschdenije ihre Einheit 25484, neue, geheime Versuchslabors entstanden. Der kleine Flughafen Barchan und der Hafen Udobnaja sicherten den regelmäßigen Transport aufs Festland. Die Biowissenschaftler und die involvierten Militärs erhielten Schutzimpfungen und Gefahrenzulagen; doch die Winde bliesen fast immer Richtung Süden, Richtung Muinak, auch als die Männer um Kanatjan Alibekow dann ihre Tierversuche durchführten. Auch als sie die Milzbranderreger so knapp unterm Boden vergruben.
1991 brach die Sowjetunion auseinander, Moskau musste auch seine muslimisch geprägten Südrepubliken in die Unabhängigkeit entlassen. Die Grenze zwischen den neuen Staaten verläuft heute quer durch den Aralsee, die südlichen zwei Drittel von Wosroschdenije gehören zu Usbekistan, der Norden ist Teil von Kasachstan; die nächstgelegene russische Stadt ist fast 700 Kilometer entfernt.
Ein Jahr später versprach Jelzin dem Westen, alle Biowaffen-Programme zu beenden, die letzten Wissenschaftler und Soldaten zogen von der Insel der Wiedergeburt ab. Der russische Präsident sagte zu, alle Einrichtungen vollständig abzubauen und die Insel zu dekontaminieren. Außerdem sollten die Regierungen in Taschkent und Almaty detaillierte Informationen über die angeblich nur "defensiven" Biowaffen-Experimente erhalten. Jelzin konnte sich gegenüber den Militärs offensichtlich nicht durchsetzen: Usbeken und Kasachen warteten vergebens auf die Unterlagen.
Die usbekische Regierung bat schließlich in Washington um Hilfe. Amerikanische Wissenschaftler flogen (auch mit der Genehmigung der Regierung Kasachstans) zum ersten Mal im August 1995 auf die Insel, seither gab es noch drei Inspektionen. "Wir hatten unsere Schutzanzüge an und sahen aus wie die Astronauten auf dem Mond", sagt einer, der dabei war. "Nur dass es für uns viel bedrohlicher war als für Armstrong und Co."
Die schreckliche Entdeckung: Auf der Insel der Wiedergeburt haben zumindest hochgiftige Milzbrandbakterien überlebt. Die Sporen fanden sich in sechs der elf Gruben, in denen die Sowjet-Wissenschaftler die Erreger, nur mit Bleichmittel versetzt, in Stahlbehältern verscharrt hatten. An einigen Stellen war der tödliche Stoff sogar schon an der Bodenoberfläche vorzufinden.
Die amerikanischen Experten versuchen die Gruben zu dekontaminieren, machen sich aber über ihre Erfolge keine Illusionen. Einer der US-Forscher sagt resigniert: "Das Teufelszeug wird sich auf Wosroschdenije verbreitet haben. Kleine Vögel, Ratten und Eidechsen können die Bakterien transportieren. Und wenn die Insel erst einmal aufgehört hat, eine Insel zu sein, wenn sie auf dem Festland freie Bahn haben ..."
Die Situation im Krankenhaus von Muinak ist schon heute verzweifelt. In kahlen Zimmern, erleuchtet nur von einer Glühbirne, sitzen auf Feldbetten Mütter mit ihren Babys. Es ist ruhig, nur ab und zu ein Wimmern. Die Kleinen haben nicht so viel Kraft, die meisten leiden unter Anämie, auch Tuberkulose ist verbreitet. Und die Muttermilch ist so vergiftet, dass sie den Babys eher schadet als hilft.
Sie brauchen Infusionen, Antibiotika, Vitamine. Von den usbekischen Behörden sei wenig Hilfe zu erwarten, in Taschkent habe man sie wohl vergessen, sagt Chefarzt Mambet Amanbay. Spenden kämen aus dem Ausland, auch aus Deutschland. "Uns fehlt es praktisch an allem. Es gibt in Muinak und Umgebung kein einziges gesundes Baby. Und die Krebsrate der Erwachsenen gehört sicher zu den höchsten der Welt."
In welcher Weise schon heute die Killerbakterien von Wosroschdenije zu diesen Krankheiten beitragen, lässt sich schwer feststellen. An einem Mai-Tag 1988 verendeten innerhalb weniger Stunden in der Turgay-Steppe nordwestlich des Aralsees Tausende Saiga-Antilopen; Todesursache unbekannt. 1991 wurden mehrere Pest-Epidemien gemeldet. Im letzten Jahr starb ein neunjähriger Junge bei Muinak an Pest. Im kasachischen Dschambul in Seenähe häuften sich in letzter Zeit Fälle von Milzbrand.
"Experten fragen sich zunehmend, ob es zwischen diesen extremen Gesundheitsproblemen und der Insel der Wiedergeburt einen Zusammenhang gibt", schreibt die angesehene "Jane's Intelligence Review". Auch der Arzt von Muinak hat da seinen Verdacht. "Uns ist sie unheimlich", sagt er. "Wir nennen sie nur noch Insel der Totgeburt."
Usbekistan ist ein Polizeistaat, Präsident Islam Karimow, 62, - zu Sowjetzeiten der führende KP-Boss - regiert mit eiserner Hand. Die halbautonome Republik Karakalpakien, in der Muinak liegt, zählt nicht zu den Regionen Usbekistans, denen der Herrscher normalerweise besonderes Interesse schenkt. Sie wurde bei Investitionen kaum berücksichtigt, ist die ärmste des Landes. Die Karakalpaken ("Schwarzhüte") haben ihre eigenen Traditionen und gelten als aufsässig; sie gehören nicht zum Mehrheits-Volksstamm der Usbeken. Rebellen im Untergrund propagieren die Unabhängigkeit.
Die Regierung in Taschkent ist auf die dramatische Situation am Aralsee erst aufmerksam geworden, als die Amerikaner sie von den lebenden Killerbakterien auf der Insel informierten. Unter der Hand erzählen hochrangige Usbeken in der Hauptstadt jetzt von ihrer Angst, Terroristen könnten sich Milzbrandsporen verschaffen und Politiker erpressen. Oder könnten die Keime gar mit Hilfe von angeheuerten Wissenschaftlern zu einer Biowaffe machen.
Die Amerikaner halten diese Gefahr durchaus für real. Zwar sagen auch sie, dass es für die komplizierte Umsetzung zum Biokampfstoff neben den "richtigen" Fachleuten erhebliche Finanzmittel braucht. Aber sie glauben eine Terroristentruppe zu kennen, die über genau diese Infrastruktur verfügt. Sie operiert von den unzugänglichen Berggebieten Tadschikistans aus, dem Nachbarstaat im Osten. Sie nennt sich "Islamische Bewegung für Usbekistan".
Die Untergrundorganisation wird angeführt von dem Muslim-Fundamentalisten Juma Namangani und hat beste Verbindungen zum US-Staatsfeind Nummer eins, dem Saudi Ussama Ibn Ladin. Sie soll für die Bombenattentate Anfang 1999 verantwortlich sein, bei denen in der Innenstadt von Taschkent 16 Menschen ums Leben kamen und der Präsident nur knapp dem Tod entging. In den letzten Wochen haben die Rebellen ihre Aktionen intensiviert. Sie drangen mehrfach auf usbekisches Gebiet und töteten zwölf Grenzsoldaten. Ziel der Radikalen ist der Sturz der usbekischen Regierung, die Destabilisierung der anderen zentralasiatischen Staaten.
Washington hat die "Islamische Bewegung für Usbekistan" jetzt auf die Liste der weltweit gefährlichsten Terroristen-Organisationen gesetzt. Jeder Amerikaner, der mit einer solchen Organisation Geschäfte macht oder auch nur für sie spendet, macht sich strafbar. Und jeder, der sich zu der Vereinigung bekennt, kann sofort ausgewiesen werden.
"Was für ein Glück, dass die Insel der Wiedergeburt mit ihren Killerbakterien absolutes Sperrgebiet ist, dass die Regierung Usbekistans den Luftraum penibel überwacht und nicht einmal Flugzeuge aus dem befreundeten Kasachstan dorthin fliegen lässt", sagt ein hochrangiger Vertreter der US-Botschaft in Taschkent. Gesichert werde die Insel vom Flughafen in Nukus aus, der größten Stadt im Einzugsbereich des Aralsees.
Noch einmal eine Fahrt durch Samarkand und Buchara, die großen alten Orte an der Seidenstraße, deren Namen allein schon Träume wecken. Vorbei an Chiwa, der dritten architektonischen Perle mit ihren Moscheen, Minaretten und Medressen aus alten Zeiten. Kaum 200 Kilometer sind es von hier bis Nukus, aber keine Touristengruppe kommt so weit. Verständlich, denn Nukus ist das Ende der Welt.
Breit angelegte Prachtstraßen, auf denen im Sandsturm kein Auto fährt und die sich wohl bald die Wüste holt. Gewaltige Parteigebäude, über denen zerbrochene rote Sterne hängen und verschlissene Fahnen wehen. Fensterlose Kneipen, aus denen Männer mit glasigen Augen torkeln, an ihrer Hand verschmierte, zerlumpte Kinder. Eine Kulisse wie für eine düstere Zukunftsvision der Menschheit, wie für den nächsten "Mad Max"-Film.
Im "Hotel Taschkent", dem größten der 180 000-Einwohner-Stadt, gibt es keine abschließbaren Zimmer und schon gleich gar kein fließendes Wasser. Die Krankenhäuser von Nukus sind voll, die Kaufhausregale sind leer. Überall schlägt dem Fremden Feindseligkeit entgegen. Die Menschen von Nukus haben gelernt, dass Fremde nur Unheil bringen.
Zum Beispiel die Russen, die sie hier immer als Besatzer empfanden. Die in Nukus - ganz nahe der Innenstadt, aber kaum einer der Ortsansässigen weiß genau, wo - ein Testlaboratorium für biologische und chemische Angriffswaffen (unter anderem für das Nervengas Novichok) betrieben. Amerikanische Experten dekontaminieren seit über einem Jahr das Gebäude, wollen es angeblich sogar sprengen. Aber keiner hält es für nötig, die einheimischen Karakalpaken über diese Vorgänge zu informieren - genauso wenig wie über die Gefahren von der Insel der Wiedergeburt. Und so trinken die Männer, die Frauen verzweifeln, die Kinder verwahrlosen.
Und doch gibt es auch Hoffnung in Nukus: Es sind die Menschen, die sich der Trostlosigkeit entgegenstemmen.
Zum Beispiel Oral Atanijasowa, 44. Sie stand als Ärztin vor einer brillanten Karriere, nachdem sie alle Prüfungen mit Auszeichnungen bestanden und für das angesehene Taschkenter Staatsinstitut zu arbeiten begonnen hatte. Aber dann fuhr sie immer häufiger nach Karakalpakien und sah, wie dramatisch sich die Gesundheitssituation vor allem der Frauen und Kinder am Aralsee verschlechterte. Ihre Eingaben um Regierungsunterstützung blieben unbeantwortet. So kündigte sie 1992 ihren Job, nahm in Kauf, dass ihr Mann sie verließ und ihre einzige Tochter wegzog, und startete in Nukus eine private Hilfsorganisation.
"Perzent" dokumentiert die Gefahr durch die Umweltgifte. Die Ärztin und ihre 25 ständigen Mitarbeiter bleiben bei der Erfassung von Krankheiten nicht stehen. Atanijasowa hat Betreuungsstationen in den Dörfern aufgebaut, berät bei der Gesundheitsfürsorge wie der Familienplanung und sogar beim Anbau widerstandsfähiger Gemüsesorten. "Es hat sich gelohnt", sagt die resolute Dame stolz. "Das Bewusstsein der Dörfler hat sich verändert."
Zum Beispiel Marinika Bobonasarowa, 43. Die Kunsthistorikerin leitet das Museum von Nukus und veranstaltet Führungen. Es ist eine verblüffende Sammlung hervorragender Gemälde, die da dicht an dicht aushängen, Werke der verlorenen Generation sowjetischer Avantgarde-Künstler, die in den zwanziger und dreißiger Jahren nicht ausstellen durften. Dass sie überdauert haben, ist dem Kunstsammler Igor Sawizki zu verdanken, der die Bilder unter großem persönlichem Risiko zusammengetragen und in Nukus aufbewahrt hat.
"Wie in einer Zeitkapsel verschlossen", sagt Kuratorin Bobonasarowa stolz. "So eine Sammlung konnten nur wir hier am Ende der Welt bewahren. Stalin hat viele dieser Maler in den Gulag geschickt, und Stalin hat ja auch unser Leben ruiniert. Was für ein Triumph, dass wir mit diesen Bildern über ihn siegen."
Der Flughafen von Nukus liegt nur einige Kilometer vom tristen Stadtzentrum entfernt. Statt scharfer Sicherheitsvorkehrungen demonstrieren die Zuständigen Teilnahmslosigkeit. Es ist nicht schwer, eine Maschine zu mieten. Der Doppeldecker, Baujahr 1946, schwebt bald, von Windböen gerüttelt, über Muinak und die Salzwüste. Hinaus Richtung Aralsee und Insel.
So weit das Auge reicht, geschundenes, vergewaltigtes Land. Kurz bevor das Wasser beginnt, mitten in der sandigen Einöde ein Ölturm - das dürften neue Probebohrungen sein. Wie schützen sich die Ölarbeiter, die noch näher an den Killerbakterien sind als die Menschen von Muinak?
Dann die Insel der Wiedergeburt. Noch ganze dreieinhalb Kilometer seichtes Wasser trennen sie jetzt vom Festland.
Schmutzig graue, zerfurchte Mondlandschaft. Dort unten müssen die Reste der Laboratorien sein. Die Häuser, von denen die amerikanischen Wissenschaftler erzählten, mit den zusammengestürzten Dächern, den eingedrückten Fenstern. Die Käfige, in denen die Wissenschaftler ihre Affen hielten. Die abgebrochenen Pfähle, an die sie gekettet waren. Dort unten ist kein Leben mehr - mal abgesehen von diesen kleinen, alles verwertenden Nagetieren.
Könnten wir auf dem kleinen Rollfeld landen, ein paar Bodenproben nehmen?
"Tausend Dollar mehr", sagt der Pilot grinsend, "und ich habe damit kein Problem."
Alles wird gut, jedenfalls für Ken Alibek. Seine amerikanische Firma Hadron hat ihm jetzt sogar einen Posten als Vizedirektor angetragen. Mehr Pflichten, ein höheres Gehalt, Sozialprestige.
Seine Forschungen entwickeln sich vielversprechend. Sein Englisch ist inzwischen idiomatisch, kaum eine Idee, kaum ein Wunsch, kein Bedauern, das er nicht angemessen ausdrücken könnte. "Ich kann mich nicht erinnern, in Sowjetzeiten auch nur einen Gedanken daran verschwendet zu haben, dass wir Waffen zur Ermordung von Millionen von Menschen produzierten", sagt Alibek.
Er liebe sein Gastland, fügt er höflich hinzu. Er wolle dem hippokratischen Eid, den er über so viele Jahre verraten habe, mit seiner neuen Arbeit jetzt als Arzt und Wissenschaftler endlich "die gebührende Reverenz erweisen". Was früher betrifft, sein anderes Leben, da gibt er sich pflichtschuldigst: Er bereut. Bereut wirklich, ja, ehrlich, und aus ganzem Herzen. BEREUT.
Alibek hat beim SPIEGEL-Interview im April letzten Jahres unter Tränen gesagt: "Ich hasse die Person, die ich war." Heute blitzt schon eine Spur Ostalgie auf. Es sei nicht alles schlecht in der Sowjetunion gewesen, lässt er durchblicken. Seine Männer waren den amerikanischen Biowissenschaftlern "25 Jahre voraus". Es gab so etwas wie Teamgeist.
"Wir waren jung, unbekümmert und hielten uns für unverwundbar", sagt Alibek. Sie fühlten sich als Elite. Kann irgendjemand im Westen ermessen, was das in der hierarchiebesessenen Sowjetunion damals hieß, als Twen schon an geheimen Milliardenprojekten mitzuarbeiten, mit Anfang 30 wegen "besonderer Verdienste" zum Oberst befördert zu werden, in Privilegien zu schwelgen?
Selbst die Schrecksekunden wie damals 1983 in Omutninsk, als Tularämie-Erreger austraten und milchig braun auf dem Fußboden schwammen, potenzielle Killer von Hunderttausenden, hatten etwas. Von Macht und Existenziellem. Von Größe, und wenn auch nur im Versagen.
Einige negative Spuren hinterließ die Biokrieg-Forschung auch bei Alibek. Die zahllosen Impfungen gegen Milzbrand, Pest und Tularämie haben sein Immunsystem angegriffen. Seinen Geruchssinn hat er fast ganz eingebüßt durch die vielen in den Biolabors ausgelösten Allergien und die vielen Tabletten, die er dagegen einnehmen muss. Deswegen ist es ihm gleichgültig, ob das Mittagessen im Labor von Pizza-Hut oder einem Feinschmeckerlokal angeliefert wird. Und dass Kaviar so viel knapper und teurer geworden ist, verglichen mit damals, am Aralsee. Alles in allem: Es hätte schlimmer kommen können, findet Alibek. Schiebt seine Sonnenbrille hoch, die er durchgehend trägt, wegen der empfindlichen Augen, die gelegentlich tränen. Unvermeidlich, dass die dunklen Gläser ihm etwas Sinistres geben, einen Hauch von Mafia-Boss.
Den Kindern Mira, Alan und Timur geht es gut. Zwar ist seine Ehe im letzten Jahr gescheitert, aber Alibek hat eine neue Lebensgefährtin, sie ist auch wissenschaftlich tätig. Er mag nicht über sein Privatleben sprechen. Ein Mitarbeiter erzählt, dass Alibek gerade wieder Vater wurde.
Das Baby ist in einer renommierten Privatklinik von Washington zur Welt gekommen. Dort, wo man sich auf ein keimfreies Ambiente verlassen kann. Jenseits aller Killerbakterien. Mehr als 10 000 Kilometer von den schäbigen Krankenhäusern Usbekistans entfernt - und Lichtjahre von einer Insel, die "Totgeburt" heißt.
Von Erich Follath

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Die Insel der Tränen

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