23.10.2000

LANDWIRTSCHAFTKoteletts aus dem vierten Stock

In den Niederlanden macht ein kühner Vorschlag Furore: Agrar-Visionäre planen, im Hafen von Rotterdam ein Hochhaus für Schweine, Hühner und Champignons zu bauen. Der Landwirtschaftsminister hält das Projekt für ökologisch vorbildhaft.
Im Hafen von Rotterdam, dem größten der Welt, soll eine Fabrik entstehen, wie es auf Erden keine zweite gibt. Falls sich die Initiatoren durchsetzen, dann wird zwischen den Lagerhallen, Raffinerien und Frachtterminals ein Industriekomplex hochgezogen, der alles Bestehende überragt. Er wird nach den bisherigen Ideen mindestens sechs Stockwerke hoch sein, 400 Meter breit und einen Kilometer lang; wer um den Klotz herumlaufen will, ist eine halbe Stunde unterwegs.
Aber es ist nicht sein Äußeres, was den "Deltapark" so einzigartig macht. Das Besondere - oder je nach Vorlieben: das Schreckliche - wird sein Inneres sein. Der Hafen-Koloss ist geplant als weitgehend automatisierte Fertigungsanlage für Grundnahrungsmittel - als ein Werk, das so industriell arbeitet wie eine Autofabrik, aber Fleisch, Fisch, Eier, Gemüse und Obst ausspuckt.
Der Deltapark soll, so verkündet es der niederländische Landwirtschaftsminister Laurens Jan Brinkhorst, ein "Agroproduktionspark" werden - eine Sättigungsmaschine für die Bevölkerung von Rotterdam und Umland. Hier soll eine beispiellose Hightech-Landwirtschaft einziehen: ohne Acker, ohne Bauer und bar jeder Romantik; seelenlos, aber hoch effizient.
Die Massentierhaltung erreicht in diesem Bau horrorfilmtaugliche Dimensionen. 300 000 Schweine sollen hier hinein, verteilt auf viele Stockwerke wie im Hochhaus, dazu 250 000 Legehennen und 1 000 000 Masthähnchen. Im Keller schwimmen Lachse in Bassins. In Zwischengeschossen zirpen Heuschrecken, kriechen bestimmte Maden und krabbeln andere sich schnell vermehrende Insekten. Sie liefern hochwertige Proteine und sollen dereinst als Fleischersatz herhalten, zumindest als Viehfutter.
Und das ist längst nicht alles. In einem Geschoss völliger Dunkelheit gedeihen Champignons und Chicorée. Darüber stehen zwei oder drei Etagen hochmoderner Gewächshäuser, voneinander getrennt durch Glasböden. Hier wachsen dicht an dicht Salat, Tomaten, Paprikas, Gurken oder Radieschen. Auch Schlachtereien und Verpackungsunternehmen sind in der Biofabrik untergebracht. Deshalb verlässt kein Ferkel und kein Hähnchen lebend die Fabrik, sondern säuberlich in supermarktgerechte Stücke zerschnitten, tiefgefroren oder in Plastikfolie verschweißt.
Ein Agrarautomat von über 200 Hektar mitten im naturlosen Industriegebiet: Sind die Niederländer verrückt geworden?
Landwirtschaftsminister Brinkhorst meint es ernst. Anfang Oktober hat sich der streitbare Minister von der linksliberalen Partei D66 im Hafen von Rotterdam umgesehen und schon einen geeigneten Bauplatz für seine Agropolis ausgemacht. Tosender Protest aus den Reihen von Landwirten und Verbrauchern schlägt ihm entgegen. Abgeordnete werfen ihm vor, er betreibe die "Amerikanisierung der Nahrungsproduktion".
Das scheint Brinkhorst nicht zu schrecken. Er ist entschlossen, die Landwirtschaft der Niederlande ohne Rücksicht auf Traditionen und Besitzstände auf den Kopf zu stellen - er will modernisieren, "auch wenn täglich Dreck über mich ausgeschüttet wird".
Wann immer Brinkhorst den Mund aufmacht, fährt den Bauern die Angst in den Leib. Der Mann macht keinen Hehl daraus, dass er sie wirtschaftlich und ökologisch für eine Last hält - und für unfähig, sich selbst zu erneuern. Vor allem den Schweinen trachtet Brinkhorst nach dem Leben: Mit den knapp 16 Millionen Niederländern leben über 13 Millionen Stück Borstenvieh, und sie haben dem kleinen Land ein gewaltiges Gülle-Problem eingetragen: zu viel Ammoniak, Phosphate und Nitrate. In Kürze drohen für solch einen Umweltfrevel EU-Strafen in Millionenhöhe.
Auf drei Säulen will der Sanierer die künftige Landwirtschaft stellen: auf ökologischen Anbau, auf herkömmliche, aber modernisierte Vieh- und Pflanzenwirtschaft, und drittens auf Agroproduktionsparks. Der Deltapark im Rotterdamer Hafen soll nur der erste von ihnen sein.
Ausgeheckt haben das Konzept Forscher mehrerer Disziplinen unter der Leitung der Agraringenieure Jan de Wilt, 43, und Henk van Oosten, 57. Sie sitzen im Haager Landwirtschaftsministerium in einer unabhängigen Abteilung, die sich "Innovationsnetzwerk Grüner Raum" nennt. Deren Mitarbeiter sind eine Art Think Tank: Sie sollen kühne, unkonventionelle Ideen entwickeln. Der Deltapark ist ihr Paradestück.
"Wir sind uns schon bewusst, dass dieser Vorschlag auf viele Leute abstoßend wirkt", sagt de Wilt. "Aber wir glauben, dass er sehr viel Sinn macht."
Sein Kollege van Oosten sieht schon Deltaparks niederländischer Machart hervorsprießen in aller Welt: vor Singapur und Hongkong, in Mexiko und in Lagos. Dicht besiedelte Länder und Ballungsgebiete kämen um solche Fabriken kaum herum, sagt de Wilt; für die Niederlande seien sie unausweichlich. Das kleine Land werde binnen weniger Jahre zu einer einzigen Megacity verschmelzen. Die Ackerflächen von heute wären dann vollkommen von Siedlungen umschlossen - und nicht ländlicher als der New Yorker Central Park.
Auf diesen grünen Inseln, so de Wilt, werden die letzten Bauern ausharren. Sie könnten frei laufende Kühe halten, Ackerbau betreiben und im Übrigen die Landschaft pflegen, damit sie den Städtern als Erholungsidyll zur Verfügung steht. Aber stinkende Schweineställe und Geflügelmastanlagen hätten in diesen Parks nichts verloren. Die müssten dorthin abwandern, wo sie von ihrer Produktionsweise her schon heute hingehörten: in Industriegebiete. Und weil der Boden auch dort kostbar sei, sollten sie sich aufeinander niederlassen, nicht nebeneinander.
"Wie soll schon ein Kotelett aus dem vierten Stock schmecken?", höhnte ein Abgeordneter in Den Haag. Andere meinten, Tierhaltung im Hochhaus sei tierquälerisch. Dem entgegnet de Wilt, dass Menschen ja auch aufeinander gestapelt wohnen müssen und sich trotzdem wohl fühlen; bei Schweinen sei das nicht anders.
"Viele Verbraucher glauben nach wie vor, dass Schweine lustig im Dreck suhlen, bevor sie in der Pfanne enden", sagt de Wilt. Kaum jemand traue sich, den Menschen zu sagen, wie ihre Nahrung wirklich entsteht. Denn ob Agroproduktionspark oder nicht: Das normale Schwein sieht die Sonne selten oder überhaupt niemals.
Entscheidend für den Erfolg des Deltaparks wird laut de Wilt sein, ob die Gesellschaft die Idee akzeptiert. "Noch sind die Leute nicht so weit." Aber er weiß: Die Zeit arbeitet für ihn. Die herkömmlichen Bauern geraten immer stärker unter Druck der Umweltgesetze, außerdem haben sie längst das Vertrauen der Gesellschaft verspielt. Skandale um Hormone, Antibiotika und Dioxine im Fleisch, Schweinepest und BSE haben einen tiefen Keil zwischen Produzenten und Verbraucher getrieben.
Um den Menschen ihr schlechtes Gewissen zu nehmen, haben sich die Leute vom Think Tank Besonderes ausgedacht: Balkons für die Hochhaus-Schweine, die sich dann frei zwischen drinnen und draußen entscheiden könnten. Jedes Schwein soll im Innenraum 1,5 bis 2 Quadratmeter Platz haben - "sehr großzügig verglichen mit der heutigen Situation", findet de Wilt. Selbst das soziale Wohl der Tiere haben die Vordenker bedacht, um damit tierlieben Menschen zu schmeicheln: Sie erwägen, Schweinefamilien so lange wie möglich intakt zu halten; einzelne Hängebauchschweine in der Gruppe sollen gar der Monotonie einer Monokultur vorbeugen.
Vor allem aber sollen Agroproduktionsparks helfen, die riesigen Umweltprobleme der modernen Landwirtschaft zu lösen - ihren hohen Verbrauch von Energie, Dünger, Chemikalien und Fläche. In Rotterdams Deltapark könnten Kreisläufe im Produktionsprozess vernetzt werden: Weil sich alle Teile der Produktion auf nur einem Gelände befinden, entfallen vielerlei Transporte von Vieh, Düngemitteln und Ernten. Es mutet widersinnig an, aber Rotterdams Riesenfleischmaschine könnte sich unter ökologischen Gesichtspunkten als vorbildlich erweisen.
Nichts soll verloren gehen im Deltapark; gearbeitet wird nicht nach alten Bauernweisheiten, sondern nach den Regeln der "industriellen Ökologie" und dem Gebot der Nachhaltigkeit. Die warme und kohlendioxidreiche Luft aus den Schweineunterkünften wird gesäubert und dann in die Gewächshäuser geleitet, wo sie Heizkosten sparen soll. 600 000 Gigajoule - das entspricht dem jährlichen Energieverbrauch von 4500 Durchschnittshaushalten - lassen sich nach Angaben der Forscher damit einsparen, und daneben viele tausend Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2).
Schweinegülle und Hühnermist werden vergoren zum Biogas Methan oder zu Pflanzendünger aufgearbeitet. Ein Teil davon wird im Gewächshaus eingesetzt, der Rest vom Hafen aus exportiert. Die Schweine, von Natur aus Allesfresser, werden organischen Abfall vertilgen. Durch Windkraftanlagen auf dem Dach und Biogas soll sich das Werk mit Energie vollkommen selbst versorgen können.
Und doch: Vielen Menschen bleibt ein Gefühl des Widersinns wegen der schieren Gigantomanie des Projekts. Wo mehr als eine viertel Million Schweine gehalten werden, da könne, Energiebilanz hin oder her, nichts entstehen, was sich ohne Ekel essen lasse.
Solche Gefühligkeiten versteht de Wilt durchaus, aber er fragt: "Was ist eine ethisch verantwortbare Produktionsweise?" Biologisch arbeitende Kleinbetriebe könnten zwar Luxusmenschen mit hochpreisigem Qualitätsfleisch versorgen. Alle anderen jedoch seien angewiesen auf eine Fleischproduktion, die gleichermaßen bezahlbar, sicher und ökologisch unbedenklich sein müsse. Das gelte für Niederländer wie für Deutsche, ganz besonders aber für Menschen aus Schwellenländern wie China. Wollten alle Chinesen Bio-Schwein, dann müsste sich China in einen einzigen Suhlplatz für glückliches Borstenvieh verwandeln.
Viele Fragen sind noch ungeklärt - zum Beispiel wie sich Massenerkrankungen in der Tierfabrik verhindern lassen; auch die ökonomische Gesamtrechnung steht noch aus. Aber schon melden erste Unternehmer bei de Wilt und van Oosten Interesse an. Van Oosten ist sich sicher: "Im Agrarsektor gibt es schon jetzt einen ganz neuen Typus von Unternehmer."
Ein Agroproduktionspark wie der, über den die Holländer diskutieren, mag gruselig wirken. Aber unmerklich für das Publikum sind längst große Teile der Landwirtschaft voll industrialisiert. Die Agrarproduktion entspricht in den westlichen Ländern längst nicht mehr jenem romantischen Bild, das die Werbung zeigt.
Ein Beispiel liefert das Gewächshaus Nr. 3 der Firma Bunnik Plants in der Nähe von Rotterdam. Drei Brüder stellen hier mit 80 Mitarbeitern auf 40 000 Quadratmetern Topfpflanzen her. Sie beziehen Stecklinge aus Dänemark und Belgien, die per Hand in kleine Töpfe gesetzt werden. Alles andere erledigen Maschinen. Roboter packen die Töpfe auf große Stahlpaletten und fahren sie ein Stockwerk höher auf ihren Platz unter Glas. Nach Tagen und Wochen kontrollierten Wachstums mit vollautomatischer Düngung und Wässerung werden sie von Robotern nach Größe selektiert und wieder auf Paletten verfrachtet. Jedes Töpfchen wird vom Computer verwaltet, bis es groß genug ist für den Export. Hauptabnehmer ist Deutschland.
Die Leute, die hier die Arbeit erledigen, heißen nicht Gärtner, sondern "Produktmanager". Die Firma beweist dennoch, dass sich selbst eine großindustrielle Produktionsweise mit schonenden Techniken umweltfreundlich organisieren lässt. Das 1997 gebaute Gewächshaus bezieht Wärme und Kohlendioxid per Pipeline aus einem Kraftwerk in Rotterdam. Alles Wasser wird aufgefangen, sterilisiert und wieder verwendet. "Ich erfülle heute schon die Umweltstandards von 2010", erzählt einer der Bunnik-Brüder stolz.
Wird 2010 auch Rotterdams Fleischmaschine stehen? Wenig optimistisch sagt de Wilt: "Manche Prozesse dauern eine ganze Generation." Landwirtschaftsminister Brinkhorst hingegen freut sich über die hitzige Debatte, die er jetzt losgetreten hat. Er will gleich nachlegen: Die nächste Machbarkeitsstudie zu den neuartigen Nahrungsfabriken ist schon in Auftrag gegeben. MARCO EVERS
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 43/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 43/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LANDWIRTSCHAFT:
Koteletts aus dem vierten Stock

  • Mögliches Impeachment gegen Trump: "Die Sache ist längst nicht gelaufen"
  • Nancy Pelosi zu Impeachment-Anhörung: "Trump hat seinen Amtseid verletzt"
  • Skydiving: Tanz im freien Fall
  • Friedrich Merz auf dem CDU-Parteitag: "Ich bin dabei!"