30.10.2000

KULTURPOLITIKSchulaufsätze vom IM

Das Spitzel-Regime der DDR war auch in der Kunstszene allgegenwärtig. Es bestellte Bildanalysen und säte Misstrauen unter Freunden. Ein Buch deckt düstere und kuriose Umtriebe auf.
Der Späher war eingehend instruiert. "Im Rahmen der operativen Bearbeitung der Person Roloff, Ulrich" sollte er am 28. November 1978 bis zehn Uhr über den Bahnhof Friedrichstraße nach West-Berlin ausreisen. Er hatte, so gebot es die "Legende" seines Auftrags, eine oder mehrere Ausstellungen zu besuchen und dann, beim vereinbarten Gespräch, die Würdigung einer kommunistischen Künstlergruppe der Zeit um 1930 zu erörtern.
Der eigentliche Zweck des Treffens aber, auch das war schriftlich festgelegt, bestand darin, einen langfristigen "Erfahrungsaustausch" anzubahnen und dabei gleich schon mal ein paar prägnante Eindrücke zu sammeln. Beispielsweise: "Wie reagiert R. auf eine Einladung nach Dresden?"
Wild verschwörerisch ging es her hinter den Kulissen - als ob ein Ost-James-Bond aufbräche, sich beim kapitalistischen Goldfinger einzuschleichen. Dabei besuchte doch nur, ohne erkennbares Risiko, der Dresdner Museumsdirektor Joachim Uhlitzsch den Kunsthochschul-Präsidenten (und späteren Kultursenator) Ulrich Roloff-Momin an dessen Amtssitz in West-Berlin.
Als "ganz nett" hat Roloff-Momin diese Begegnung bis heute im Gedächtnis. Eine Ausstellung in Dresden von West-Berliner Hochschul-Professoren, mit der Uhlitzsch lockte, wäre ihm schon recht gewesen, doch bei weiteren Treffen versandete der Plan. Der Agent gab auch Versuche auf, seinen Gesprächspartner für Spitzeldienste anzuwerben, als er erfuhr, der habe sein städtisches Abgeordneten-Mandat niedergelegt. Schließlich wurde der Kontakt laut Akten, da unergiebig, eingestellt.
Ein großer Leerlauf, gespenstisch, wenn nicht einfach lachhaft: So muss die letztlich erfolglose Horch-und-Guck-Emsigkeit des DDR-Regimes im Rückblick weithin erscheinen. Doch als Westbürger war Roloff-Momin fein raus. SED-Untertanen hingegen sahen sich rigide kontrolliert und eingeschüchtert. Ein jetzt erschienener Sammelband untersucht dieses System geheimdienstlich gestützter "Parteiherrschaft" zum ersten Mal umfassend für den Bereich der schönen Künste - und dokumentiert dabei auch die Begegnung zwischen Roloff-Momin und Uhlitzsch**.
Mehr als zwei Jahre lang hat ein Zeit- und Kunst-historiker-Team des "Forschungsverbundes SED-Staat" an der Freien Universität Berlin vor allem Akten der "Gauck-Behörde" für Stasi-Unterlagen durchforstet, daneben auch Partei-, Künstlerverbands- und Akademie-Papiere. Aus Archivfunden und Interviews setzen die acht Autoren ein Puzzle jener Kunstlandschaft zusammen, die SED-Ideologen nach ihren Vorstellungen zu formen suchten - was freilich in der Spätphase der DDR immer weniger gelang. Devisenhunger und der Wunsch nach einem Schein von Weltläufigkeit öffneten manche Schlupflöcher. Junge Objektemacher und Performer beriefen sich keck auf das Honecker-Schlagwort, eine gewisse "Weite und Vielfalt" sei durchaus akzeptabel.
Stark irritiert wandte sich Willi Sitte, Präsident des Verbandes Bildender Künstler (VBK), 1988 an den zuständigen Sekretär des SED-Zentralkomitees, Kurt Hager: Im Lande werde eine "neue Kunst" proklamiert, die sich in seinen Augen nicht mehr von dem unterschied, "was wir in den letzten Jahrzehnten auf dem kapitalistischen Kunstmarkt verfolgen konnten".
Für solche Sorgen war Hager prinzipiell die richtige Adresse. Immer hatte die Partei für eine "exakte und straffe inhaltliche Leitung der kulturellen Prozesse" (so ein Politbüro-Dokument von 1979) gesorgt. "Um auftretenden Unklarheiten konkret begegnen zu können", empfahl Präsident Sitte aber noch einen anderen Kontakt: "enge Zusammenarbeit mit den Organen
des MfS". Das Ministerium für Staatssicherheit, kurz Stasi, spielte in der Kunstszene eine Hauptrolle.
Dass sich die DDR nach außen allmählich offener und rechtsstaatlicher gerierte, machte das MfS nervös. Kaum war 1975 die Akte von Helsinki ratifiziert, da erließ Stasi-Minister Erich Mielke neue Richtlinien für seine Leute. Erst recht auf Touren brachte er sie, als das Regime im Jahr darauf den Liedermacher Wolf Biermann ausbürgerte und zumeist Intellektuelle gegen diese Willkür protestierten. Nun richtete die Stasi ihr "operatives Interesse verstärkt auf die Kulturschaffenden des Landes" - so Hannelore Offner, Mit-Herausgeberin und -Verfasserin des Kunst-und-Partei-Wälzers.
Vermutete Regimegegner wurden durch zielstrebig gestreute Gerüchte diskreditiert und verunsichert. Wohldosiert gelangten Privilegien wie die Genehmigung von Westreisen nicht nur als Zuckerbrot an gefügige Vasallen. Sie dienten auch dazu, Argwohn gegen willkürlich Begünstigte zu säen. Mehr und mehr wurden Künstler, Museumsleute und Akademieprofessoren als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der Stasi angeworben.
Ein Altgedienter dieser Sparte (und bis kurz vor seinem Tod im Februar 1989 aktiv) war Joachim Uhlitzsch. Der einstige SS-Mann hatte bereits für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet, bevor er 1960 bei Mielke unterschrieb. Als Chef der Dresdner Gemäldegalerie Neue Meister aktualisierte er sinnig seinen Decknamen: Aus "Dürer" wurde "Liebermann".
Uhlitzsch schwärzte selbst so überzeugte Kommunisten an wie den Bildhauer-Berserker Fritz Cremer oder den jungen Willi Sitte, schickte Biermann-Texte ein und meldete unbotmäßige Künstler-Eintragungen aus dem Gästebuch seines Museums. Er verpetzte seinen Kollegen vom Kupferstichkabinett, Werner Schmidt, nach der Wende Generaldirektor der Dresdner Staatlichen Museen, so dass der 1970 eine umfassende Grafikschau von modernen Werken zwischen Klee und Rauschenberg säubern und den Katalogverkauf einstellen musste. Überraschend: Schmidt selber hatte keine dauerhaften Nachteile von der Kampagne und behielt seinen Job.
Hilfskräfte wie Uhlitzsch brauchte der Staat: "Experten-IM", die sich auch ein wenig auf die Kunst verstanden und sie zu deuten wussten. Der Leipziger Universitätsprofessor Karl Max Kober lieferte Analysen über ganze Kunstrichtungen, auch Gutachten zu Einzelwerken observierter Künstler. Ein Dresdner IM mit dem Decknamen "Jäger" entdeckte ein mit abgehackten Köpfen garniertes Ulbricht-Porträt auf dem Klosett des Malers Peter Graf - und dichtete dem Dargestellten aus eigener Eingebung noch blutige Hände an.
Dem Hallenser Künstler Wasja Götze widerfuhr die zwiespältige Ehre, dass seine Pop-Gemälde von einem MfS-Führungsoffizier zur Sicherheit gleich mehreren Deutern vorgelegt wurden. Die gaben brave Schulaufsätze ab und kritisierten etwa, durch das Götze-Werk "Zeitungslesender oder Bild im Bild vom Bild des Verlangens" werde "der reale Sozialismus als trist und düster, als gefängnishaftes Leben verunglimpft". Auch wenn der "Hersteller der Bilder" das möglicherweise bestreiten werde.
Fleißigen Mitarbeitern winkten schöne Belohnungen. Uhlitzsch wurde 1980 mit einer Goldmedaille und 200 Mark "Geldprämie" ausgezeichnet, was ihn laut Stasi-Aktenvermerk "sehr gefreut" hat. Als "Anerkennung" zum 60. Geburtstag des IM Günther Zimmermann, Sekretär der Dresdner Kunstausstellungen, plädierte sein Führungsoffizier 1986 auf "vorfristige Belieferung" mit einem Auto. Dabei wartete der Mann erst zehn Jahre auf das bestellte Fahrzeug.
Heikel und höchster Aufmerksamkeit sicher war allemal das Verhältnis zur Bundesrepublik. Als 1984 der SPIEGEL - auf dem vorgeschriebenen Dienstweg über das Außenministerium - um ein Gespräch mit dem Leipziger Maler-Star Bernhard Heisig nachsuchte, kam die Anfrage prompt auf den Tisch der zuständigen Abteilungsleiterin beim SED-Zentralkomitee. Die reichte sie befürwortend an Hager weiter - mit der Ankündigung, "über die Beachtung von angemessenen Proportionen" noch einmal mit Heisig zu reden. Das Gespräch fand statt (SPIEGEL 27/1984), und der Maler bekundete linientreu, sich "hier nicht künstlerisch bedrängt" zu fühlen.
Ärger war hingegen aufgekommen, als 1982 in Hamburg die DDR-Kunst-Ausstellung "Zeitvergleich" startete und Günter Grass im Katalog die "Mittelmäßigkeit" beider deutscher Staaten beklagte. Weil der Staatliche Kunsthandel der DDR als Mit-Organisator nicht aufgepasst und die Kritik verhindert habe, rüffelte Hager scharf den Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann. Schließlich war er selber, laut dem Hörensagen eines Insiders, auf dem Flur des ZK-Gebäudes von Erich Honecker "total runtergemacht" worden.
Diese oberste Instanz hatte es auch bereits genehmigen müssen, dass ein kompakter Werke-Block von vier Maler-Stars der DDR, darunter Heisig und Sitte, bei der Kasseler Documenta von 1977 gezeigt wurde. Der Kritiker und IM Lothar Lang (Deckname: "Schreiber"), der die Delegation leiten durfte, schwadronierte anschließend sogar von einem besonderen Triumph: Über einen - "verschmitzt lächelnden" - hessischen Parlamentarier habe er erreicht, dass die Bilder des damals noch in Dresden lebenden Dissidenten Ralf Winkler alias Penck aus der Ausstellung entfernt worden seien.
Was damals wirklich ablief, darüber gehen die Erinnerungen Beteiligter weit auseinander. Penck-Galerist Michael Werner aus Köln hält die Story Langs für absolut plausibel - Documenta-Leiter Manfred Schneckenburger hingegen kann sie sich nur mit der "üblichen Wichtigtuerei" erklären. Unbestrittene Tatsache: Penck war dann auf dieser Documenta nicht vertreten.
IM Lang setzte noch eins drauf: Im Plausch mit dem damaligen Kasseler Oberbürgermeister und heutigen Bundesfinanzminister Hans Eichel wollte er eine "völlig übereinstimmende Meinung" darüber erzielt haben, dass die DDR recht daran getan habe, Biermann vor die Tür zu setzen. An ein solches Gespräch kann Eichel sich, auf SPIEGEL-Anfrage, nicht erinnern. JÜRGEN HOHMEYER
* Staatschef Erich Honecker (vorn), VBK-Präsident Willi Sitte, Ministerpräsident Willi Stoph auf der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden 1987. ** Hannelore Offner, Klaus Schroeder (Hrsg.): "Eingegrenzt - Ausgegrenzt. Bildende Kunst und Parteiherrschaft in der DDR 1961-1989". Akademie Verlag, Berlin; 724 Seiten; 48 Mark.
Von Jürgen Hohmeyer

DER SPIEGEL 44/2000
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