30.10.2000

FUSSBALL„Den Sumpf trockenlegen“

Christoph Daums positiver Kokainbefund hat ein sorgsam gehütetes Betriebsgeheimnis der Bundesliga enttarnt. Doch schon bald kann zur Tagesordnung übergegangen werden: Hinter den Kulissen scheint Einigkeit erzielt über die Besetzung des Bundestraineramtes.
Kokain im Fußball? Christoph Daum verwies, einige Tage bevor er sechs Zentimeter Haar ließ, auf die Spielregeln seines Gewerbes: "Das ist ein Tabu!"
Ein verräterischer Satz. Über Drogen spricht man nicht. Wie man auch über Inzest nicht spricht. Ein Jahrzehnt lag eine omertà über der Bundesliga. Es gab Gerüchte. Aber dieser Typ mit der großen Klappe hatte Erfolg, diente als belebendes Element in der bisweilen tranigen Trainergilde. Er war gut fürs Geschäft.
Und für Bayer Leverkusen gar der Rettungsanker. Der Club, fast abgestiegen, brauchte einen starken Trainer. Die Gerüchte? "Sie spielten keine Rolle", sagte Manager Reiner Calmund vorige Woche. Es war eine Woche, die viel erzählt über Heuchelei und Egoismus in der Bundesliga, über das Krisenmanagement von Vereins- und Verbandsfürsten, und einen Mann, der viele Rätsel aufgibt.
KÖLN, 19. OKTOBER, DONNERSTAG
Daum empfängt seinen Freund Rolf Lövenich, der am Tag zuvor aus Mallorca zurückgekehrt ist, wo die gemeinsame Firma Dalokama Ferienwohnungen verkauft. Von der Staatsanwaltschaft Köln haben sie erfahren, dass die Ermittlungen wegen Betrugs eingestellt werden. "Noch 14 Tage, Rolf", macht sich Daum Mut, "dann ist der ganze Sumpf trockengelegt."
LEVERKUSEN, 20. OKTOBER, FREITAG
Calmund wird von Daum nach dem Ergebnis der Haarprobe gefragt. Als der ihm erklärt, das Institut für Rechtsmedizin sei erst am Montag fertig, bittet Daum, Druck zu machen. Er will das Testat am Sonntag mitnehmen, wenn sich Daum, Bayern-Manager Uli Hoeneß und DFB-Vize Gerhard Mayer-Vorfelder zum Friedensgipfel treffen. Er träumt von einem lauten Triumph.
Lövenich fährt in die BayArena, wo Daum das Abschlusstraining leitet. Es gilt, einiges Geschäftliche zu regeln. Der Kompagnon hat Sorge, dass Daum für so was jetzt den Kopf nicht frei haben könnte. Der Trainer besteht darauf, alles zu erledigen. Er ist voller Tatendrang und Optimismus.
Gegen 18 Uhr holt Calmund in Köln die Analyse ab. Sie ist doch noch vor dem Wochenende fertig geworden. Die Haarprobe weist Kokainkonsum nach. Calmund: "Ein Keulenschlag." Zurück in der BayArena, versammelt Calmund einen Krisenstab. Daum wird nicht geladen. Er soll erst die Mannschaftsbesprechung fürs morgige Spiel abhalten. Die Profis empfinden seinen Vortrag als den besten seit Wochen.
Danach, gegen 23 Uhr, lässt Calmund den Bayer-Coach zu sich rufen. Als ihm der Manager eröffnet, die Haaranalyse sei positiv ausgefallen, beginnt Daum zu lachen: "Wollt ihr mich verarschen?" Calmund, sehr ernst: "Die Probe ist positiv, Christoph." Daum wird totenbleich, fällt wimmernd auf die Knie. Er nehme kein Kokain, beteuert er: "Ich bin clean." Daum redet von Manipulation, Gerechtigkeit und dass man das Resultat bis zur Auswertung einer zweiten Probe geheim halten müsse. Calmund lehnt das ab. Stattdessen schlägt er vor, dass Daum direkt ins Ausland fliegt. "Aber nur mit meiner Frau", sagt Daum.
Ursula Daum trifft in Leverkusen ein. Sie hatte am Abend in kleinem Kreis in Köln ihren Geburtstag gefeiert. Christoph Daum geht in sein Trainerbüro, räumt den Schreibtisch auf. Als er zurückkommt, hat er seine Meinung schlagartig geändert. Jetzt soll seine Lebensgefährtin Angelika Camm ihn begleiten. Er ruft sie auf Mallorca an. Sie wird ihm nicht folgen.
FRANKFURT, 21. OKTOBER, SAMSTAG
Daum nimmt die Bordkarte von LH 462 in Empfang. First Class nach Miami. Calmund informiert um 15 Uhr im Presseraum der BayArena die Medien. Als Interimstrainer präsentiert er DFB-Teamchef Rudi Völler.
Deutschland hat plötzlich ein Thema, das so groß ist wie Bill Clintons Blow Job. Der Fußball steigert seinen Stellenwert durch eine Affäre, die nichts mit Fußball zu tun hat. Der vorgeblich saubere Sport ist im normalen Leben angekommen.
MÜNCHEN, 22. OKTOBER, SONNTAG
Eine Expertenrunde der DSF-Talksendung "Doppelpass" kommt überein, dass die Gerüchte um Daums Kokaingenuss schon seit Jahren in der Bundesliga kolportiert werden. Die Zahl derer, die wie Dortmunds Manager Michael Meier für Daum "die Hand ins Feuer legen", nimmt rapide ab. Es kommt zum kollektiven Tabubruch.
Calmund auf allen Kanälen. Er sagt, er habe nichts gewusst, nicht mal geahnt. Daum müsse krank sein. In seinen Verteidigungsreden dehnt er die Wahrheit in mehreren Fällen. Er behauptet, Rudi Völler sei innerhalb von 30 Sekunden bereit gewesen, Daum zu ersetzen. Er behauptet, Daums Werbepartner RWE habe keineswegs die Haarprobe verlangt. Beides stimmt nicht.
HÜRTH, 23. OKTOBER, MONTAG
Erstmals seit seiner Flucht meldet sich Daum bei seinem Freund Lövenich. Er ist entschlossen, seine Unschuld zu beweisen. Lövenich: "Er redet überhaupt nicht wie einer, der nicht bei Sinnen ist oder unter Realitätsverlust leidet." Aber er entwirft Verschwörungstheorien. Daum: "Alle Sachen kamen aus München."
Hauptfiguren der Fußballszene positionieren sich neu. Die bekannten Bilder stimmen nicht mehr. Der charmante Beckenbauer faselt zynisch von einer "menschlichen Tragödie" (um die er seit zehn Jahren weiß) und rät zur Entziehungskur. Der Polit-Profi Mayer-Vorfelder distanziert sich "persönlich enttäuscht", um nur ja sein letztes Karriereziel als DFB-Boss nicht aufs Spiel zu setzen. Und das leutselige Cleverle Calmund kämpft längst nicht mehr für Daum. Er kämpft für Bayer. Und für sich.
FRANKFURT, 24. OKTOBER, DIENSTAG
In der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes bekämpft die "Task Force" das Chaos. Man spricht sich aus, man gibt sich kameragerecht die Hand. Und man entwickelt einen Plan: Völler/Skibbe verlängern bis zur WM 2002, dann übernimmt Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld die Nationalelf. Um Leverkusen Zeit zu geben, die personellen Konsequenzen vorzubereiten, soll der Plan vorerst geheim bleiben.
Der Redakteur einer Münchner Zeitschrift verhandelt im Haus der Freifrau von Quernheim in Santa Ponça/Mallorca mit einer Dame namens Margareta Ballesta. Sie ist Spanierin, 39 Jahre jung und bietet sich als Kronzeugin an. Sie habe ihr Wissen über Daum in einem 16-seitigen Dossier niedergeschrieben. Zwar hat sie sich bereits dem "Stern" offenbart, aber die Señora glaubt, dass auch die Zweitverwertungsrechte 4000 Mark wert seien. Niedere Motive seien es nicht, die sie treiben. "Es geht ihr nur um die Wahrheit", übersetzt von Quernheim. Der Journalist verzichtet dennoch.
Angelika Camm hat derweil die Insel gen Köln verlassen. Dass "Marga B." über Camm und Daum herzieht, bestärkt sie nur in ihrem Urteil: "Marga ist eine frustrierte ehemalige Prostituierte." Kranker als die Person, um die es geht, ist der Wettlauf der Medien um Einblicke in die Privatsphäre der Gefallenen. Hemmungslos werden gescheiterte Existenzen ans Licht gezerrt, um eine gescheiterte Existenz zu erklären.
KÖLN, 25. OKTOBER, MITTWOCH
Dietmar Artzinger-Bolten, ehemals Präsident des 1. FC Köln, nimmt die Berichte "mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis". Der Anwalt hatte Daum 1990 gefeuert, die Gründe blieben unklar. "Ich fühle mich bestätigt", sagt er jetzt, "daraus können Sie Ihre Schlüsse ziehen."
Daums Immobiliengeschäfte sind praktisch zum Erliegen gekommen. Ein Voyeurtourismus in die Anlage hat eingesetzt. Einige Besucher täuschen Interesse vor, um eine Führung durchs Gelände zu bekommen. Verkäufer Detlef Hein: "Das gibt Punkte zu Hause an den Stammtischen."
LEVERKUSEN, 26. OKTOBER, DONNERSTAG
Die Häufigkeit von Daums Telefonaten mit Calmund nimmt ab. Er verrät, dass er in den USA eine weitere Analyse vornehmen lassen werde. Er fühlt sich von Calmund schlecht beraten. Das sei nun der Dank, dass er ein Angebot von Dortmund ausgeschlagen hat. Und dann habe man ihm nach der EM verwehrt, sofort Bundestrainer zu werden. Seinen Traumjob. Bislang war der Feind in München, allmählich bezieht er in seine Komplottideen auch Leverkusen ein.
Bei Bayer macht eine Vermutung die Runde: Daum hat angeblich vor der offiziellen Haarprobe eine heimliche Analyse erstellen lassen - ihr Resultat: negativ. Calmund: "Das würde sein Verhalten erklären."
MÜNCHEN, 27. OKTOBER, FREITAG
In allen Zeitungen wird die Lösung der Task Force in der Bundestrainerfrage dementiert, in München werden Nebelkerzen gezündet: Der Vertrag mit Hitzfeld soll über 2003 hinaus verlängert werden. Der Lebensentwurf des Meistertrainers (siehe Interview) sieht indes anderes vor.
GEORG BOENISCH, JÖRG KRAMER,
ALFRED WEINZIERL, MICHAEL WULZINGER
Von Georg Boenisch, Jörg Kramer, Alfred Weinzierl und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 44/2000
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