06.11.2000

DIGITAL-TVKabulske im Datenstau

Medienkonzerne wie Bertelsmann arbeiten am TV der Zukunft: Bessere Übertragungsmöglichkeiten sollen Fernseher und Internet miteinander verbinden. Doch erste Tests sind ernüchternd.
Die Zukunft ist eine Dose. Bei Jörg Rohn hängt sie an der Wand. Das kleine, unscheinbare Ding, in dem ein Breitbandkabelmodem steckt, hat den Frankfurter Raumausstatter an die Spitze des medialen Fortschritts katapultiert - ausgerechnet ihn, der zwar einige Dutzend Fantasy-Romane, aber bis vor kurzem weder Computer noch Fernseher besaß.
Doch diese Zeiten sind vorbei. Rohn, der bei der Arbeit gern die "Bild"-Zeitung liest, hat jetzt eine neue und großartige Aufgabe: Er soll nichts weniger als die Zukunft des Fernsehens testen. Oder das, was die Manager der Bertelsmann Broadband Group (BBG) dafür halten.
Nach über einem Jahr der Vorbereitung will der Ableger des Gütersloher Medienkonzerns seine neuen Fernsehkonzepte endlich in der Praxis erproben - an "Beta-Testern" wie Rohn, die man kostenlos mit der notwendigen Ausrüstung ausgestattet hat: der Dose mit dem Breitbandkabelmodem, einem Computer und einem Hochgeschwindigkeits-Internet-Zugang. Testseher Rohn kann die neue TV-Welt bisher nur auf seinem Rechner genießen - noch fehlen die notwendigen Decoder, um über den Fernseher an die BBG-Angebote heranzukommen: ein virtuelles Filmarchiv zum Beispiel, in dem er die "Die Hits der Busenqueen" abrufen kann, den "Ratgeber Lust" oder aber "Rennschwein Rudi Rüssel".
Doch nachmittags, wenn noch andere Tester in der Nachbarschaft an ihren Computern sitzen, bleibt der TV-Genuss oft genug begrenzt: Die Bilder ruckeln, weil der Verteil-Rechner überlastet ist.
Der Internet-Zugang und die abrufbaren Musikvideos dagegen sind so schnell, dass das Navigationsmenü Mühe hat, mit ihnen Schritt zu halten. Während Rohn durch die Angebote des Musikkanals surft, behauptet die Programmübersicht ("Wo bin ich?") unverdrossen: "Unterhaltung/ Spielfilm/ Moviechannel". Rohn wird seiner Bertelsmann-Betreuerin einiges berichten können - telefonisch, denn die Chat-Funktion ist noch nicht aktiviert.
Mit Testern wie dem Frankfurter Raumausstatter versucht BBG-Geschäftsführer Werner Lauff festzustellen, ob es den angepeilten Kunden Kabulske tatsächlich gibt. Kabulske wohnt in Glabotki, einem Ort "zwischen Gladbeck, Bottrop und Gelsenkirchen" und: "Er ist unsere Zielgruppe." Doch die ist bisher genau so virtuell wie Kabulske.
Lauff benutzt die proletarische Namensschöpfung, um das Massenpublikum zu beschreiben, das die Bertelsmann Broadband Group bei dem Versuch anpeilt, den deutschen Fernsehmarkt zu revolutionieren. In Zukunft - so die kühne Vision - sollen Millionen von Zuschauern vor ihren internetkompatiblen Fernsehern sitzen, Reisen oder Pizza ordern, sich in Programm-Chats einmischen und sich jederzeit Pop, Politik und Pornos auf den Bildschirm laden.
Etwa 125 so genannte Inhaltepartner - von RTL bis zur Deutschen Welle - will die BBG dafür bereits gewonnen haben. Aus "Bertelsmann-Playout-Centern" sollen unbegrenzt viele Abruf-Filme und Texte ins System fließen - theoretisch.
Denn noch ist die Technik nicht so weit. Herkömmliche Telefon- oder ISDN-Kabel können die großen Datenmengen nicht bewältigen, die dann durch das Netz gepumpt werden müssen. Schon der Versuch, online Mini-Videos im Format einer Briefmarke auf den Bildschirm zu holen, führt oft genug zum Datenstau.
Bertelsmann setzt auf neue Breitband-Übertragungssysteme, die um ein Vielfaches leistungsstärker sind als die bisher gebräuchlichen Kabelsysteme: auf moderne Kupfer-Koaxialkabel, ADSL-Telefonnetze oder drahtlose Richtfunkverbindungen. Damit aber ist die Republik zur Zeit noch unterversorgt. Vor allem die Telekom habe die Datenrate bei ihrem ADSL-Produkt T-DSL "auf ein Zehntel des Möglichen künstlich reduziert", kritisiert Lauff. Dafür seien die Preise "prohibitiv hoch". Unermüdlich wirbt er daher um weitere Netzanbieter für eine "Breitband-Allianz".
Doch der Fernsehkonsument der Zukunft braucht auch eine so genannte Settop-Box, also einen Decoder wie die d-box, mit deren Hilfe das Bezahl-TV-Angebot Premiere World entschlüsselt wird. Die d-Box kommt für Bertelsmann allerdings nicht in Frage. Sie ist bisher nicht "rückkanalfähig", das heißt, sie kann Daten nur vom Sender zum Empfänger, aber nicht umgekehrt transportieren.
Lauffs Programmangebot benötigt einen Decoder, der sehr viel mehr können muss: Er soll die Internet-Sprache verstehen, mit einem eingebauten Hochleistungsprozessor den Heim-PC ersetzen sowie über ein Kabelmodem und eine Zugangskontrolle verfügen. Doch an diesem Wunderapparat muss noch gearbeitet werden.
Die BBG hat daher in den einigen hundert Testhaushalten nur eine abgespeckte Version ihres Angebots installiert. So kann Beta-Tester Toni Canov aus Köln bisher nur eingeschränkt online einkaufen, obwohl der Mazedonier keine Berührungsängste hat: "Ich hab ja schon meinen letzten Urlaub übers Netz gebucht."
Der Unternehmensberater wohnt mit seiner Freundin in einer Genossenschaftssiedlung im rechtsrheinischen Ortsteil Höhenberg. Die ganze Nachbarschaft hängt am neuen Hochleistungsnetz des lokalen Kabelanbieters Netcologne.
Der TV-Pionier genießt es, einen Film einfach unterbrechen oder zurückfahren zu können wie an einem DVD-Recorder. Doch auch er hat den Frust mit der Hightech-Glotze erlebt: "Einen alten Science-Fiction-Film konnte ich nur bis zur Hälfte sehen, dann war der Server überlastet. Und danach hatte ich keine Lust mehr." Auch Canov nutzt den für Tester kostenlosen Hochgeschwindigkeits-Internet-Zugang. Doch für Reportagen und Filme ist der PC nur bedingt geeignet: "Es reicht, wenn ich meine Arbeitszeit davor verbringe. Und meine Freundin setzt sich da nicht dran, weil ihr so nah vor dem Schirm leicht schwindlig wird."
Der fiktive Prolo-Kunde Kabulske würde solche Mühen der Pionierphase wohl kaum auf sich nehmen. Für den hannoverschen Medienpsychologen Peter Vorderer gehören Beta-Tester wie Rohn und Canov zum jüngeren, flexibleren Teil der Bevölkerung, der mit der interaktiven Revolution Schritt halten kann: "Die Altersgrenze verläuft etwa bei 30, 35 Jahren."
Solche so genannten Smart Watchers könnten schon bald nicht nur ihr Programm beliebig zusammenstellen, sondern auch den Fortgang der Handlung eines Films beeinflussen. Doch wer will das schon? Vorderer befragte in einer Psychostudie über 400 Testpersonen aller Altersstufen. Die zunächst wenig überraschende Erkenntnis: Ein 30-minütiger Spielfilm wurde nicht dadurch spannender, dass die Tester an drei Stellen der Handlung den weiteren Verlauf einer Sequenz per Knopfdruck bestimmen konnten ("Er soll sie küssen", "Er soll ihr Geld geben", "Es soll so weitergehen, wie der Regisseur es wollte").
Doch aufgeschlüsselt nach Gruppenmerkmalen ergab sich ein anderes Bild: "Die Jüngeren, schneller Denkenden, medienerfahrenen und höher Gebildeten bewerteten den Film positiver und spannender, je interaktiver er war."
Doch die Erkenntnisse des hannoverschen Psychologen halten einige der Anbieter der neuen interaktiven Fernsehdienste nicht davon ab, auch die sprichwörtliche "Oma von nebenan" ins Visier zu nehmen. So will die Potsdamer Artemedia AG 16 000 Kabelhaushalte im brandenburgischen Cottbus an ihr breitbandiges System mit dem programmatischen Namen "Tve-Commerce" anschließen.
"Wenn die Oma Essen auf Rädern bestellen möchte, bekommt sie das Menü vom Laden bei ihr um die Ecke gezeigt", sagt Artemedia-Vorstand Nicholas Denissen. Und wenn ein Autofahrer die Online-Werbung für ein Motorrad auch nach der 15. Einblendung ungesehen wegklickt, soll das System sein Desinteresse an Motorrädern registrieren und es lieber mit dem neuen Pkw-Spot versuchen. Lernfähige Benutzerprofile könnten das möglich machen, meint Denissen: "Je mehr ich fernsehe, desto passender ist das Programm."
Mit heftigem Werben und Verkaufen wollen alle Anbieter interaktiver Programme die geplanten günstigen Nutzungstarife wieder reinspielen. So soll das Bertelsmann-Modell wahrscheinlich etwa zehn Mark Grundgebühr im Monat kosten, mit Zuschlägen für Blockbuster, Erotikfilme oder Special-Interest-Angebote.
Doch noch ist vieles Phantasie. Während das Bertelsmann-System bislang nicht wirklich "wie Fernsehen aussieht, aber wie Internet funktioniert" (Eigenwerbung), setzt die konkurrierende Kirch-Gruppe mit ihrer Online-Tochter Kirch New Media voll auf den Computer, da in Deutschland erst 80 000 Haushalte an rückkanalfähige Breitbandnetze angeschlossen sind. Dagegen soll es bis zum Jahresende über 20 Millionen Internet-Nutzer geben.
Ein "völlig neuartiges Online-Erlebnis" verspricht Rainer Hüther, Vorstandschef der Kirch New Media: "Hochklassige bewegte Unterhaltung in Bild und Ton, kombiniert mit der Informationstiefe des Internet." Kirch-Sender wie ProSieben und Sat.1 sollen integriert werden.
Hüther will auch eher träge und schlichte Gemüter nicht überfordern: Stets bestehe "die Möglichkeit, sehr schnell zwischen interaktiver und passiver Unterhaltung zu wechseln". Auch bei Kirch wird man auf Kabulske achten. OLIVER DRIESEN
Von Oliver Driesen

DER SPIEGEL 45/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DIGITAL-TV:
Kabulske im Datenstau

Video 00:50

Größer geht nicht Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth

  • Video "Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt" Video 00:56
    Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt
  • Video "Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch" Video 05:57
    Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch
  • Video "Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören" Video 01:23
    Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören
  • Video "Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt" Video 04:00
    Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt
  • Video "Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen" Video 07:46
    Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen
  • Video "Lady Liberty: Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong" Video 01:13
    "Lady Liberty": Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong
  • Video "Filmstarts: Man kriegt, was man verdient hat." Video 07:02
    Filmstarts: "Man kriegt, was man verdient hat."
  • Video "Webvideos der Woche: Kajakfahrer entgehen Felssturz knapp" Video 03:31
    Webvideos der Woche: Kajakfahrer entgehen Felssturz knapp
  • Video "Abenteurer-Hotspot: Mysteriöser Autofriedhof in walisischer Höhle" Video 01:54
    Abenteurer-Hotspot: Mysteriöser Autofriedhof in walisischer Höhle
  • Video "Türkische Offensive in Syrien: Die Menschen wissen nicht, wohin sie fliehen könnten" Video 02:10
    Türkische Offensive in Syrien: "Die Menschen wissen nicht, wohin sie fliehen könnten"
  • Video "Extreme Regenmengen erwartet: Japan rüstet sich für den Supertaifun" Video 00:51
    Extreme Regenmengen erwartet: Japan rüstet sich für den Supertaifun
  • Video "Neuer Rover: Auf Spinnenbeinen über den Mond" Video 01:47
    Neuer Rover: Auf Spinnenbeinen über den Mond
  • Video "Trump über Biden: Er hat es verstanden, Obama den Arsch zu küssen" Video 01:55
    Trump über Biden: "Er hat es verstanden, Obama den Arsch zu küssen"
  • Video "Halle am Tag danach: Ihr Leben ist leider in Gefahr" Video 02:33
    Halle am Tag danach: "Ihr Leben ist leider in Gefahr"
  • Video "Nach dem antisemitischen Attentat in Halle: Die Gefahr des rechten Terrors" Video 03:05
    Nach dem antisemitischen Attentat in Halle: Die Gefahr des rechten Terrors
  • Video "Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth" Video 00:50
    Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth