06.11.2000

SCHREIBKULTURAmors Zettelchen

Die Züricher Germanistin Eva Lia Wyss, 38, über Liebesbriefe im Wandel der Zeit
SPIEGEL: Frau Wyss, im Rahmen Ihres Forschungsprojekts haben Sie mehr als 4000 Liebesbriefe archiviert und untersucht. Warum erklären sich Menschen überhaupt schriftlich ihre Zuneigung?
Wyss: Mal soll jemand umgarnt werden, mal möchte der Autor seine eigenen Gefühle beschreiben. Mit manchen Briefen soll ein Missverständnis geklärt werden. Jüngere Menschen greifen zum Füller, um eine Situation nicht von Angesicht zu Angesicht meistern zu müssen.
SPIEGEL: Schreiben Ältere aus anderen Anlässen als Junge?
Wyss: Jedes Lebensalter hat seine eigene Liebeskultur. Ein Anlass für einen Brief im Alter kann der nahe Tod sein. Junge Paare schreiben dagegen aus dem Grund, den man allgemein mit solchen Briefen verbindet: dem Verliebtsein als solchem.
SPIEGEL: Haben Liebesbriefe im Zeitalter von E-Mails und Handy-Kurzmitteilungen noch eine Zukunft?
Wyss: Sicher. Der Liebesbrief erhält dadurch sogar eine ganz neue Bedeutung. E-Mails sind oft für Paare, die eine Fernbeziehung führen, der Regelfall. Der handgeschriebene Brief stellt für sie daher etwas ganz Bedeutendes dar.
SPIEGEL: Was hat sich mit der Zeit noch verändert?
Wyss: Ein Phänomen der letzten 20 Jahre sind die Liebeszettelchen. Das sind kleine Notizen, die man dem Partner hinterlässt. Sie kamen auf, weil sich die Formen des Zusammenlebens verändert haben: Es gibt Paare, die zwar zusammen schlafen, aber nicht zusammen wohnen; andere stehen zumindest nicht mehr gleichzeitig auf. Trotzdem möchten sich die Liebenden verabschieden. Auch wurden Männer früher nicht mit zärtlichen Kosenamen angesprochen. Erst seit den siebziger Jahren finden sich in den Briefen auch niedliche Namen für die Herren - wie Schubbel, Amor oder Götterfunke.

DER SPIEGEL 45/2000
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