06.11.2000

* 8. Die Zukunft der Kultur * 8.2. Technik und ÄsthetikNIE MEHR VERGRIFFEN

Was wird, wenn alle „drin“ sind, aus den Büchern? „E-Books“ und „Books on demand“, über das Netz verbreitet, verändern die Verlagslandschaft. Aber es gibt auch Ansätze zu einer eigenständigen Internet-Literatur.
Als gelte es, ein Menschenrecht auf Veröffentlichung durchzusetzen, tummeln sich im Internet die Hobby-Autoren. Ein eilig Volk von Möchtegern-Dichtern entleert seine Poesiealben ins Netz und verfasst Romane über Befindlichkeiten und Reminiszenzen.
Das Buch, in den letzten Jahren schon als Schwundprodukt abgeschrieben, erlebt seine Renaissance - auch wenn es in seiner klassischen Form schwarz auf weiß zwischen zwei Deckel gepresst, an Bedeutung verlieren wird. Dank dem Internet werden Werke nie mehr vergriffen sein: In der unendlichen Bibliothek der Zukunft steht das vergessen geglaubte Traktat aus dem 19. Jahrhundert neben den erotischen Phantasien der Hausfrau beim Staubsaugen.
Die Verlage, die sich starr auf den nächsten Bestseller oder auf den Kampf um die Buchpreisbindung konzentrieren, hätten diese Entwicklung, die sie um ihre Großmachtansprüche bringen kann, beinahe verschlafen.
Ein Mann ganz allein schreckte die Verleger auf. Als er im März, damals noch mit Unterstützung seines Verlags Simon & Schuster, die Erzählung "Riding the Bullet" im Internet veröffentlichte und gleich am ersten Tag 400 000 Downloads registrierte, hatte Stephen King die Printwelt das Fürchten gelehrt.
Ein halbes Jahr später wagte er den Großangriff, indem er den Roman "The Plant" von der Schublade ins Netz und, gegen einen Dollar pro Kapitel, auf die Bildschirme seiner Fangemeinde beförderte - mit dem fast altmodischen Appell an die Ehre und Ehrlichkeit der Leser, sein Copyright als Autor zu respektieren: "Das ist alles, was ich habe als ein Schreiber." Eine Fortsetzung der Geschichte sollte es nur geben, wenn mindestens 75 Prozent von ihnen den Tribut an ihn entrichten würden: "If you pay, the story rolls. If you don''t, the story folds." Über 110 000 Fans bezahlten. Inzwischen ist die vierte Lieferung von "The Plant" online.
"Es erheitert und befriedigt mich", sagt Kings deutscher Verleger Lothar Menne (Ullstein), "dass nicht einer der Konzernstrategen das Thema des elektronischen Verlegens weithin hörbar zur Sprache gebracht hat, sondern ein Autor."
"Ihr handelt nicht mit Papier, ihr handelt mit Sprache und Ideen", so empfindet Menne Stephen Kings Botschaft an das Verlagsgewerbe - auch wenn er es für höchst unwahrscheinlich hält, dass die gedruckten Seiten jemals aufgegeben werden.
Dennoch beeilen sich nunmehr die Verlage, ihren Autoren die elektronischen Fesseln anzulegen. Hektisch streiten in New York und inzwischen auch in Deutschland Verleger und Agenten um die E-Rights, die Rechte auf digitale Vermarktung.
Schon im Mai gründete Time Warner eine Tochterfirma, i-Publish, die vor allem kürzere Werke bekannter Autoren wie Nicholas Sparks - die Rosamunde Pilcher der US-Literatur -, aber auch die von Debütanten online, als E-Book veröffentlicht. Anfang nächsten Jahres folgt der zum Bertelsmann-Konzern gehörende Traditionsverlag Random House mit seinem digitalen Imprint @random. Die Schönwetterpropheten in eigener Sache sagen bereits Wachstumsraten in zweistelliger Höhe voraus.
Noch allerdings verkauft sich das E-Book eher schleppend, selbst die PC-Kids interessieren sich kaum für das allzu schwere, benutzerunfreundliche und nicht gerade billige Lesegerät.
Vielversprechender erscheint derzeit noch das "Book on demand", nicht nur für die Bibliomanen, sondern vor allem für Autoren, die niemals hoffen dürfen, das Klassenziel einer Auflage von 10 000 Exemplaren zu erreichen. Ihre Werke werden, in Deutschland zumeist bei Libri, auf einem Server gespeichert und können in der Buchhandlung um die Ecke oder im Netz angefordert werden, in fünf Minuten ist das Buch fertig und geht in den Versand; noch sind die Druckmaschinen allerdings sehr teuer.
Seit März kann man so zum Beispiel beim "Verlag der Criminale" vergriffene Werke von Felix Huby oder Jörg Fauser wieder ordern. Im Herbst ist "on demand" die vom Literaturkritiker Heinz Ludwig Arnold betreute "Lyrikedition 2000" verfügbar, deutsche Gedichte aus den letzten 50 Jahren.
"Vielleicht schlägt die Stunde der kleinen und mittleren Häuser", meint der Verleger Michael Klett, die sich, ohne die bürokratische Schwerfälligkeit der Konzerne, sorgfältig um Lektorat und Marketing selbst kümmern und Herstellung und Vertrieb Spezialfirmen überlassen. Immer häufiger aber, so Klett, würden Autoren zu Selbstverlegern und Verlage zu "medienneutralen Contentagenturen".
Oder, umgekehrtes Szenario, es werden ganz neue Konglomerate entstehen, in denen Bücher nur eine elektronische Ware neben anderen sind. Buchideen könnten vorab im Netz auf ihren Verkaufswert getestet werden, die Preise sich gleich Börsenkursen der Nachfrage anpassen.
Während die Encyclopaedia Britannica nur noch auf CD-Rom oder im Netz zu haben ist, vollzieht sich der Vormarsch der Literatur in den neuen Medien eher zögerlich.
Wo immer Schriftsteller sich ins Internet wagen, tun sie das am liebsten hordenweise. Seit Rainald Goetz seinen "Abfall für alle" ein Jahr lang ins Netz entsorgte, kommt es nun immer häufiger vor, dass Autoren virtuelle Wohngemeinschaften und Selbsthilfegruppen gründen, in denen sie sich über die Schwierigkeiten beim Verfertigen der Gedanken im Internet austauschen oder über die Wetterbedingungen in Südostasien und manchmal sogar über ihre Texte; nur sollte bloß keiner dabei an die Gruppe 47 denken.
Das ambitionierteste und strengste dieser Mitschreibprogramme, "Null", lässt sich inzwischen bei Dumont in Buchform - beziehungsweise auf losen Bögen - studieren: eine nahezu klassische Anthologie (www.dumontverlag.de/null).
Am "Pool", wo unter der Oberaufsicht von Elke Naters ("Königinnen") und Sven Lager ("Phosphor") Pop-Literaten, Journalisten und Künstler baden gehen können, plätschert es manchmal ganz munter vor sich hin (www.ampool.de); derweil das "Forum der 13" sich eher als Literaturbetriebsrat versteht, der ebenjenen, den Fräuleinwundern und Armani-Autoren und ihren Propagandisten, ein wenig auf die Finger sehen will (www.forum-der-13.de).
"Wir sind jung, wir sind auf Draht", das ist schon fast die ganze Idee dieses literarischen Gesamtdatenwerks. "Das Netz selbst ist das Dokument eines Generationenbruchs", schrieb der "Null"-Projektleiter und -herausgeber Thomas Hettche über die etablierten und halbetablierten Autoren, für die erstmals die "Rituale des Bleistifts" nicht mehr gelten.
Der "Pool" hingegen sollte, so Elke Naters, mehr ein "Schreibbüro" sein - für die jugendlichen Medienarbeiter und Imagepfleger, die ihre dem Alltäglichen abgetrotzten Werke zu Markte tragen müssen; für ihr neues Projekt "The Buch", das im nächsten Jahr erscheinen soll, werden sie ihre Texte noch einmal bearbeiten, online, aber nicht öffentlich.
Die Literatur im Netz lebt von ihrer Aura der Unmittelbarkeit und Authentizität; doch solange Schnelligkeit, Kürze und Flüchtigkeit noch keine literarischen Kategorien sind, sind neue Ausdrucksformen oder gar Genres aus dem Internet nicht zu erwarten. Es geht, wie der Dumont-Lektor Christian Döring sagt, hier mehr um "soziale Experimente" als um ästhetische. Er habe herausfinden wollen, wie es ist, "mit mehreren Schriftstellern in einen - virtuellen - Raum eingesperrt zu sein", sagt der Münchner Autor Georg M. Oswald, der in allen drei Projekten mitgeschrieben hat; "man kann nicht so leise sein wie in der Literatur". Wer das Fenster seines Arbeitszimmers sperrangelweit öffnete wie Matthias Politicky mit seinem "Marietta-Projekt", an dem die Leser im Internet mitarbeiten durften, der hat danach alles hübsch noch mal mit dem Füller neu geschrieben.
In der online-Publikation "dichtungdigital" erscheinen, herausgegeben von Roberto Simanowski, alle zwei Monate Theorien und Rezensionen zur Netzliteratur. "Echte digitale Literatur kann gar nicht gedruckt werden", meint der Literaturwissenschaftler. Im Gegensatz zur Literatur im Netz, dieser "Schmuggelware", ist bei der Netzliteratur das Medium eine Voraussetzung für ihre Entstehung. In dieses Genre gehören kollaborativ verfasste Werke nach dem Vorbild der Chat-Groups und MUDs (Multi-User-Dungeons) mit ihren Rollenspielen, aber auch die nicht linearen, verlinkten, labyrinthischen, jedenfalls nicht mehr druckbaren Texte der Hyper-Fiction, die auch multimedial, mit Animation und Soundeffekten, daherkommen können und bei denen die Leser selbst zu (Mit-)Autoren werden. "Zettels Traum digital", nennt Kiepenheuer&Witsch-Lektor Martin Hielscher diese jüngsten elektronischen Abschweifungen.
So tummeln sich auf dem digitalen Spielplatz häufiger die Text-Ingenieure als die Literaten. Am Ende könnte das Spektakel wichtiger werden als die Inhalte, warnt sogar Simanowski. Manche der Verfasser linken ihre Leser oder User nicht bloß mit einem Fensterchen hier und einem Mausklick da, sondern können, statt sich nur in Java Script zu üben, wirklich schreiben - wie die Münchnerin Susanne Berkenheger ("Hilfe!" und "Zeit für die Bombe"), "Zeit"-Internet-Literaturpreisträgerin von 1997.
Doch auch in solchen Fällen scheitert die Lektüre oft an schlichten Widerständen: am Überdruss oder am Absturz des Systems. ANNETTE MEYHÖFER
IM NÄCHSTEN HEFT: * 8.3. Die Zukunft der Weltreligionen Weltethos: Ist eine friedliche Koexistenz der Glaubensrichtungen möglich? Fundamentalismus: Die Ohnmacht der Politiker im Nahen Osten Esoterik: Die bunte Vielfalt im Supermarkt der Designer-Religionen DIE KAPITEL IN DER ÜBERSICHT: 1. Medizin von morgen 2. Bevölkerungswachstum und knappe Ressourcen 3. Das Informationszeitalter 4. Planet Erde - gefährdeter Reichtum 5. Die Zukunft der Wirtschaft 6. Technik: Werkstätten der Zukunft 7. Globale Politik 8. Die Zukunft der Kultur 9. Künftige Lebenswelten 10. Die Grenzen der Erkenntnis
Von Annette Meyhöfer

DER SPIEGEL 45/2000
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