06.11.2000

POPSieger im großen Spiel

Mit Hits wie „Livin' la Vida Loca“ brachte es der Puertoricaner Ricky Martin zu Weltruhm - und wird nun nicht bloß als Sänger, sondern auch als Sexsymbol gefeiert.
Rhythmische Beckenbewegungen, glaubt Enrique José Martin Morales, sind mitunter ein Akt gesellschaftspolitischer Aufklärung. "Wir Lateinamerikaner müssen uns seit Jahrzehnten mit Vorurteilen und Klischees herumschlagen, die lange überholt sind", klagt der Mann, der unter dem Namen Ricky Martin Millionen von Pop-Fans begeistert. "Viele Menschen glauben, dass in einem Land wie Puerto Rico bis heute alle Kinder auf Eseln reiten und alle Männer Messer in den Stiefeln tragen. Damit muss endlich Schluss sein."
Martin, 28, ist selbst in Puerto Rico aufgewachsen, und er hält es für seine Mission, "der Welt zu zeigen, wie modern und reich unsere Kultur ist". Bei dieser Überzeugungsarbeit ist der Pop-Botschafter höchst erfolgreich - auch dank seines erotischen Beckenschwungs, den Kritiker sogar mit den Bewegungen von Elvis, seinerzeit "the pelvis" genannt, vergleichen.
In den vergangenen Jahren hat es Ricky Martin geschafft, mit Welthits wie "Maria" und "Livin' la Vida Loca" und seinem Sex-Appeal zur Symbolfigur des Latin-Booms im Musikgeschäft zu werden. Stars wie Madonna baten ihn zum Duett, der Brite George Michael besang in einem Lied Martins schöne Augen, und die jordanische Königin Rania bat darum, bei einem Galadiner neben dem Sänger sitzen zu dürfen.
In dieser Woche kommt nun Martins jüngstes Album "Sound Loaded" (Columbia/Sony) heraus, abermals eine Sammlung von sommerleichten Melodien, der in der Musikindustrie ein Millionenerfolg prognostiziert wird. Denn Latin-Pop, ein Mix aus lateinamerikanischer Folklore, europäischen Pop-Melodien und US-Rock, ist in den Hitparaden nach wie vor erfolgreich: Rock-Veteran Carlos Santana verdankt der Latin-Mode eine zweite Karriereblüte, und auch die Schauspielerin Jennifer Lopez feiert als Sängerin Triumphe.
Für Martin, der nicht bloß von weiblichen Fans, sondern auch von vielen Homosexuellen als Idol verehrt wird, ist Latin-Pop allerdings keineswegs bloß eine Mode. "Es geht um eine Lebenshaltung. Latin-Pop ist vor allem Wohlfühlmusik, sinnlich und leidenschaftlich", schwärmt Martin, "sie berührt alle sozialen Klassen und alle Generationen gleichermaßen."
In seiner Jugend, so berichtet der Sänger, sei der Musikgeschmack junger Puertoricaner am sozialen Status orientiert gewesen: "Wer wohlhabend und gebildet erscheinen wollte, hörte amerikanischen Rock, Salsa galt als Musik der Armen."
Martin, Sohn eines Psychologen und einer Buchhalterin, schwärmte für die Musik von David Bowie und Boston. Eines Tages aber habe seine Mutter ihn zu einem Konzert der Latin-Stars Celia Cruz und Tito Puente mitgenommen: "Das war das erste Mal, das ich die traditionelle Musik meiner Heimat bewusst hörte. Ich war begeistert."
Enrique, in seiner Familie "Kiki" genannt, wollte schon früh selbst auf einer Bühne stehen und bewundert werden. Seine Karriere hatte mit Werbespots für Limonade und Zahnpasta begonnen, im Alter von elf Jahren bewarb er sich bei der populären Latin-Boygroup Menudo - und wurde abgewiesen. Er sei zu klein, hieß es.
Aber Enrique gab nicht auf, bewarb sich immer wieder aufs Neue. Nach seinem zweiten erfolglosen Versuch riet ihm der Manager, einen Basketball zu kaufen. "Er meinte, ich würde damit schneller wachsen", erzählt Martin. Beim dritten Anlauf zeigte sich das Menudo-Management beeindruckt von so viel Hartnäckigkeit und engagierte ihn.
Damals, so Martin, erschien ihm das Popgeschäft als "ein großes, irrwitziges Spiel - ich war scharf auf Geld, Ruhm und Mädchen". Fünf Jahre dauerte der Menudo-Rummel, dann war Martin zu alt und verließ die Band. Er trieb sich in New York herum, genoss - nach dem streng reglementierten Boygroup-Leben - die neue Freiheit.
Nach seinem spanischsprachigen Solo-Debütalbum spielte er in der erfolgreichen TV-Serie "General Hospital" mit und bekam ein Engagement im Broadway-Musical "Les Misérables". Seinen Durchbruch zum Weltstar schaffte er allerdings als Popmusiker. Martins erstes englischsprachiges Album verkaufte sich weltweit rund 15 Millionen Mal, sein Auftritt bei der Verleihung der "Grammy"-Musikpreise geriet 1999 zum umjubelten Triumph.
Seit Martin ein Superstar ist, beschäftigen sich Boulevardblätter ausgiebig mit der Frage, ob er nun schwul oder hetero sei; auch wird er mitunter von Paparazzi gejagt: "Vor ein paar Monaten war ich mit dem Fahrrad unterwegs und wurde fast von einem der Typen totgefahren", klagt er. Ansonsten scheinen ihn Spekulationen über seine Sex-Vorlieben zu amüsieren. "Der Popstar Ricky Martin", sagt Martin, "ist nur eine Projektionsfläche für die Phantasie der Fans. Solange mir niemand zu nahe kommt, ist das völlig in Ordnung."
Anfang des Jahres empfing US-Präsident Bill Clinton den engagierten Sänger im Weißen Haus. Martin nutzte die Gelegenheit prompt zum Polit-Talk. "In meiner Heimat halten amerikanische Streitkräfte Militärübungen ab", berichtet er, "dabei kommen immer wieder Zivilisten zu Tode. Ein untragbarer Zustand." Clintons Mitarbeiter nahmen sich der Sache an. Rhythmische Beckenbewegungen, so scheint es, bringen mitunter selbst die große Politik in Schwung. JÖRG BÖCKEM
Von Jörg Böckem

DER SPIEGEL 45/2000
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