20.11.2000

„Meine Leitkultur war jüdisch“

Rudolf Augstein über eine unwürdige Debatte
Geht es um Wählerfang, so ist der CDU/CSU seit Adenauer und Strauß noch immer jedes Mittel recht, das Gemeinwesen zu Gunsten der eigenen Portokasse zu schädigen.
Diesmal spekuliert man - wie bereits vor der Wahl in Hessen, wo der klebrige Roland Koch immer noch im Sattel sitzt - auf ein im Inland brisantes und vom Ausland mit Wachsamkeit beobachtetes Thema. Friedrich Merz brachte die Diskussion im Oktober auf Hochtouren, indem er ankündigte, in den nächsten Wahlkämpfen die Zuwanderung von Ausländern zu einem zentralen Thema zu machen. Es gehe dabei vor allem darum, den ausländischen Mitbürgern die Anpassung an eine "deutsche Leitkultur" zu verordnen.
Dieser Begriff, den es noch nicht einmal in Nazi-Deutschland gegeben hat, geistert seitdem durch alle Diskussionsrunden. Paul Spiegel, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht inzwischen schon von der "Fremdenfeindlichkeit politischer Eliten". Mir selbst wurde und wird gelegentlich Antisemitismus vorgeworfen.
Was mich persönlich betrifft, so konnte ich, wenn ich den Debatten zuhörte, feststellen: Meine "Leitkultur" war jüdisch. Warum?
Als Soldat an der Ostfront wurde ich dazu ausersehen, als Truppenbetreuer die so genannten Bunten Abende unter meine Fittiche zu nehmen. Ich hatte einen kräftigen Bariton, ein Begleitinstrument fand sich immer. Eines der Lieblingslieder war damals "Es steht ein Soldat am Wolgastrand" (Schluss des Wolgaliedes: "Du hast im Himmel viel Engel bei dir! Schick doch einen davon zu mir.").
Die deutschen Wehrmachtstruppen standen dort, am Wolgastrand, auf Befehl des unseligen Führers Adolf Hitler. Auf Anweisung mussten wir statt "Wolgastrand" "Waldesrand" singen, was ich aber missachtete. Das schwülstige Lied ist 1927 uraufgeführt worden, und zwar in der Operette "Der Zarewitsch" von Franz Lehár.
Der Saal raste, wenn der jüdische Sänger Richard Tauber (Geburtsname: Richard Denemy) das Macho-Lied sang: "Gern hab ich die Frau''n geküsst, hab nie gefragt, ob es gestattet ist. Dachte mir, nimm sie dir, küss sie nur, dazu sind sie ja hier." Mindestens fünfmal musste er das Lied als Zugabe singen. Diesen Text hatte ein jüdischer Librettist geschrieben.
Wer wusste damals schon, dass "Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren" ebenfalls von einem Juden stammte, von Fritz Löhner-Beda. Und viele andere heute noch bekannte Lieder stammen auch von ihm: "O Mädchen, mein Mädchen", "Was machst du mit dem Knie, lieber Hans" und auch "Oh, du lieber Augustin, alles ist hin"; auch das von uns jungen Soldaten am häufigsten gesungene Lied: "Dein ist mein ganzes Herz! Wo du nicht bist, kann ich nicht sein. So, wie die Blume welkt, wenn sie nicht küsst der Sonnenschein", kam von ihm.
Dass diese Lieder nicht zur Hochkultur zählen, versteht sich von selbst. Aber das Schicksal der jüdischen Unterhaltungskünstler bewegt mich bis heute.
Denn das Leben vieler dieser Leute, die den deutschen Operetten den richtigen Schmelz gegeben hatten, endete in den Konzentrationslagern der Nazis. Trotz Todesdrohung und Folter erwiesen sie sich dort auch als lyrische Dichter. Unter Todesgefahr gestalteten sie Kabarettabende und halfen damit sich selbst und ermutigten ihre Leidensgenossen, so lange am Leben festzuhalten, wie es nur eben ging.
Draußen an der Front war das Singen dieser Schlager für uns ein Stück Heimat, und natürlich flossen Tränen.
Der Komponist Franz Lehár selbst war kein Jude, wohl aber mit einer jüdischen Frau verheiratet. Lehár, ein echter Gesinnungslump, hatte die Lieblingsoperette des Führers komponiert: "Die lustige Witwe".
Franz Lehár war vor allem auch durch Löhner-Bedas Texte reich und berühmt geworden. Fritz Löhner-Beda glaubte daher, die Gunst des Führers werde sich auch auf ihn erstrecken. Lehár dachte aber nicht im Traum daran, sich bei Hitler für seinen jüdischen Mitarbeiter zu verwenden. Der war schon 1938 ins KZ Dachau eingeliefert worden, wurde dann nach Auschwitz geschafft, wo er seine Lieder zufällig hörte - gespielt vom Häftlingsorchester - und wo er 1942 erschlagen wurde. Alles nachzulesen in einer neuen Biografie meines Altersgenossen und Kollegen Günther Schwarberg über den "weltberühmten Unbekannten" Fritz Löhner-Beda*.
Jemanden wie mich, der damals schon erwachsen war, erfasst heute noch das Gefühl der Beschämung und einer unsäglichen Ohnmacht, denn ich war Teil einer Gesellschaft, die solcher Verbrechen fähig war. Und immer wieder stellt man sich die Frage, wie es zu all dem kommen konnte.
Wahr ist, die westliche Völkergemeinschaft hat die Juden schmählich im Stich gelassen. Allen voran die großen christlichen Kirchen, aber auch die damals ja wirtschaftlich schon sehr starken Amerikaner.
Unter deren Führung trat im Juli 1938 in Evian am Genfer See eine internationale Flüchtlingskonferenz zusammen. Das Treffen war eine Reaktion auf die rigorose Vertreibung jüdischer Bürger aus Österreich und Deutschland. Vertreter aus 32 Ländern versuchten sich über eine Quote zu einigen, um die Anzahl der jüdischen Einwanderer in ihre Länder zu erhöhen. Daraus wurde nichts.
Viele Juden und Antinazis schafften es nach dem "Anschluss" 1938 nicht, gleich aus Österreich zu fliehen, wurden verhaftet und kamen ins KZ. Der Wiener Gauleiter und Reichsstatthalter Baldur von Schirach war einer jener willigen Vollstrecker, der in vorauseilendem Gehorsam "dem Führer entgegenarbeiten" (Hitler-Biograf Ian Kershaw) und Wien "judenfrei" machen wollte.
Bis zum Ersten Weltkrieg hatte der unbekannte Kunstmaler Hitler gegen Juden nichts, die in seiner Wiener Zeit fast sein einziger Umgang gewesen waren. Sein Hauptfeind waren damals die Tschechen, die aus Wien eine zweisprachige Stadt zu machen bestrebt waren. Und auch in einer Anweisung an seinen neuen Gauleiter erwähnte er dessen selbstgestellte Aufgabe mit keinem Wort. Vielmehr sollte Schirach weiterhin "für die Deutsche Jugendbewegung" zuständig bleiben.
Die in der Nazi-Zeit geschundenen Überlebenden rasch und großzügig zu entschädigen, die Zwangsarbeiter beispielsweise, war den früheren Bundeskanzlern von Konrad Adenauer bis Helmut Schmidt kein Gedanke wert. Zwar wurden von 1953 bis heute über 100 Milliarden Mark Wiedergutmachung an Israel und andere NS-Verfolgte gezahlt. Aber die einzelnen Opfer mussten in der Regel umständliche bürokratische Prozeduren über sich ergehen lassen, und einige haben deshalb auf eine Entschädigung verzichtet.
Von wegen also "deutsche Leitkultur". Eine ziemliche Blamage leistet sich damals wie heute die deutsche Wirtschaft in der Behandlung ehemaliger Zwangsarbeiter. Nur einer bemüht sich, das Verspätete halbwegs wieder gutzumachen: Otto Graf Lambsdorff unter Einsatz seiner Gesundheit.
* Günther Schwarberg: "Dein ist mein ganzes Herz". Steidl Verlag, Göttingen; 224 Seiten; 29,80 Mark.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 47/2000
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