20.11.2000

ENERGIEPipeline aus dem Stall

Über 1000 Anlagen in Deutschland produzieren Strom aus Biogas. Jetzt wollen Landwirte die Ausdünstung aus Gülle und Mist auch direkt ins Erdgasnetz einspeisen.
Martin Barth macht Geld aus Mist, und das schon seit Jahren. Der Landwirt aus dem bayerischen Erding pumpt die Exkremente seiner 60 Kühe aus dem Stall in einen Gärtank, wo Bakterien das stinkende Gebräu in wertvolles Biogas verwandeln.
Dieses wiederum wird auf Barths Hof in einem kleinen Gaskraftwerk verbrannt, der so produzierte Strom ins öffentliche Elektrizitätsnetz eingespeist. Das ist ökologisch sinnvoll und macht aus dem Land- zusätzlich einen Energiewirt. Mit 20 Pfennig honoriert der zuständige Stromnetzbetreiber die Kilowattstunde Biogasstrom.
Das Geschäft kommt richtig in Gang, seit die Bundesregierung im letzten Frühjahr das "Erneuerbare-Energien-Gesetz" beschlossen hat. Auf 1250 Anlagen mit einer durchschnittlichen Leistung von 60 Kilowatt schätzt der "Fachverband Biogas" mittlerweile die Zahl der auf deutschen Höfen betriebenen Kleinkraftwerke. Täglich kommt ein neues hinzu. Theoretisch, so rechnet der Fachverband vor, könnten mit der heute verfügbaren Technik aus Biogas sogar "jährlich 60 Milliarden Kilowattstunden bereitgestellt werden" - rund elf Prozent des in Deutschland pro Jahr erzeugten Stroms.
Rundum zufrieden sind Barth und viele seiner Mitstreiter dennoch nicht. Denn nur etwa ein Drittel der eingesetzten Bioenergie wird in den Kleinkraftwerken in Strom verwandelt, über 60 Prozent enden als Abwärme. Mit dieser heizt Barth zwar Haus, Kälberstall und Swimmingpool. Im Sommer aber verpufft überschüssige Energie nutzlos in die Atmosphäre.
Um diese Verschwendung zu stoppen, würde Barth sein Biogas künftig lieber direkt ins konventionelle Erdgasnetz speisen. Immerhin verläuft eine Pipeline unmittelbar am Hof vorbei.
Bisher allerdings geht das nicht. Zwar müsste der EU-Gasrichtlinie zufolge jeder Gaslieferant Zugang zum Netz erhalten. Und auch die großen Gasversorger geben zu, dass "im Prinzip" eine Einspeisung möglich wäre. Doch faktisch ist trotzdem vieles ungeklärt: Anders als für Ökostrom aus Sonne, Wind, Wasser oder auch Biogas existieren für Gas privater Erzeuger weder Einspeisegesetz noch Vergütungssätze. Vor allem aber ist die Frage nach der Gasqualität nicht geklärt: Welchen Aufwand müssten Barth und seine Mitstreiter betreiben, um das Biogas netzkompatibel zu machen?
"Wir brauchen endlich ein Gaseinspeisegesetz", fordert Wolfgang Tentscher vom Fachverband Biogas. Denn ohne gesetzlichen Rahmen lasse sich kein Landwirt auf ohnehin fast aussichtslose Verhandlungen mit den Gaskonzernen ein.
Ökologisch liegen die Vorteile der Gaseinspeisung auf der Hand: "Die Energieausbeute ist um 40 Prozent höher als bei der Stromeinspeisung", sagt Tentscher. Gasherde oder -boiler nutzen direkt die Verbrennungshitze, was erheblich effizienter ist als der Umweg über die lokale Verstromung.
Die Verbraucher werden am Ende nicht unterscheiden können, ob Biogas vom Bauern die Suppe köcheln lässt oder konventionelles Erdgas. Das Rohgas aus dem Gärreaktor, das zumeist rund 65 Prozent Methan enthält, kann bis auf Erdgasqualität veredelt werden. Dazu müssen Feuchtigkeit und Schwefelwasserstoff aus dem Gärgas herausgefiltert werden. Das Kohlendioxid im Biogas ist weitgehend unschädlich. Es senkt aber, entsprechend seinem Anteil, den Brennwert bis um ein Drittel - ein Abrechnungsproblem.
Wie auch immer die konkreten Qualitätsanforderungen künftig aussehen - die Biogasbranche beteuert, alle Auflagen erfüllen zu können. "Wir haben die Anlagen", sagt Ulrich Schmack, Geschäftsführer der Schmack Biogas im bayerischen Burglengenfeld. Bisher allerdings sei die Gasaufbereitung aus wirtschaftlichen Gründen nur für größere Projekte interessant. So errichtete Schmack im bayerischen Ettling eine Anlage, die 700 Haushalte mit Gas versorgen kann: "Eine ideale Größe für ein Pilotprojekt."
Auch in Samstagern im Kanton Zürich läuft seit 1997 eine kommerzielle Anlage, die Grünabfälle aus der Biotonne vergärt. Das erzeugte Rohgas wird so lange gereinigt, bis es sich von konventionellem Erdgas chemisch praktisch nicht mehr unterscheiden und ins Verteilnetz der Gasversorgung Zürich einspeisen lässt.
Mit Gas aus Kläranlagen liegen sogar schon langfristigere Erfahrungen vor. Zwischen 1985 und 1997 etwa speiste eine Kläranlage im Stuttgarter Stadtteil Mühlhausen Gas ins konventionelle Netz. Das Verfahren, heißt es in einem Projektbericht über das von der EU geförderte Vorhaben, sei nun "reif für weitere Anwendungen".
Bisher vereitelten nicht zuletzt die lange Zeit sehr niedrigen Öl- und Erdgaspreise den Durchbruch der Technik. Der jüngste Energiepreisschock entfacht nun das Interesse an der Biogaseinspeisung. Uwe Klaas von der Deutschen Vereinigung des Gas- und Wasserfaches wird derzeit von Anfragen überhäuft. "Das ist für Landwirtschaftsverbände und Ingenieurbüros offenbar ein großes Thema."
Nicht nur für die. Nach der Jahreswende will die grüne Energiepolitikerin Michaela Hustedt die Biogaseinspeisung in Berlin mit Fachleuten erörtern. Vor allem mit Blick auf die Zukunft scheint ihr die Freigabe des Gasnetzes für regenerierbare Energien neue Perspektiven zu eröffnen.
Denn wenn in einigen Jahren die Brennstoffzelle als strom- und wärmeproduzierendes Powerpack in die Ein- und Mehrfamilienhäuser einzieht, wird zunächst Erdgas als Brennstoff dienen. Erst vor Ort verwandelt ein so genannter Reformer das Gas in Wasserstoff, den eigentlichen Treibstoff für die Zelle.
Ökologisch vollendet wäre diese Technik erst, wenn aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugtes Methan allmählich Erdgas aus den fossilen Vorräten der Erde ersetzen würde. Denn dann würde der Atmosphäre zunächst das Kohlendioxid entzogen, das bei der Umwandlung im Reformer wieder frei wird - ein klimaneutraler Kreislauf wäre geschlossen. BERNWARD JANZING
Von Bernward Janzing

DER SPIEGEL 47/2000
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