04.12.2000

Bernsteinzimmer (II)Operation Puschkin

Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer (II) / Von Erich Wiedemann
Das Bernsteinzimmer und die Stasi, la belle et la bête. Was wäre passiert, wenn die Operation Puschkin erfolgreich gewesen wäre, wenn die ostdeutsche Staatssicherheit das Bernsteinzimmer gefunden hätte? Dann hätte es sich der KoKo-Hai- fisch Alexander Schalck-Golodkowski geschnappt, um damit Devisen zu beschaffen - wie mit vielen anderen von der Stasi aufgefundenen Raubkunstgütern, die nicht ihren alten Eigentümern zurückgegeben, sondern für Dollar und Westmark an vermögende Schattenmänner im Westen verscherbelt wurden. Die Stasi hatte ständig den Schalck im Nacken, weil der für seine Westgeschäfte gar nicht genug antike Handelsware kriegen konnte.
Die Frage stellte sich aber nicht. Das Stasi- Kommando Puschkin hat in über 20 Jahren die entlegensten Winkel der Arbeiterund- Bauern-Republik ausgeleuchtet. Es gab Phasen, da hatte Projektleiter Paul Enke ganze Hundertschaften von Hilfskräften im Einsatz. Insgesamt hat er "130 mögliche Verbringungsorte" besichtigt und an 30 Stellen graben lassen. Alles umsonst.
Enkes Adjutant, Uwe Geißler, der in den achtziger Jahren den größten Teil der Feldforschung besorgte, hat auf der Suche nach dem Bernsteinzimmer in der gar nicht mal so großen DDR über eine Million Kilometer abgespult. Trotzdem: MfS-Aktenzeichen AV 14/79 blieb ungelöst.
Sie haben in der Barbarossa-Höhle im Kyffhäusergebirge gesucht, in Klöstern, Schlössern und Burgen, in den Katakomben unter dem ehemaligen Gauforum mitten in Weimar, in stillgelegten Bergwerksstollen und in Flüssen und Teichen. Nichts.
Die Berliner Gauck-Behörde bekam im November 1999 30 Ordner mit 10865 Blatt Info-Material vom Koblenzer Bundesarchiv, die bis dahin dort zurückgehalten worden waren. Der Rest ist verschollen.
Der verbliebene Aktenberg gibt immer noch gute Einblicke in die oberlehrerhafte Akkuratesse, mit der Enkes Bernstein-Detektive den Vorgang AV 14/79 abarbeiteten. Er gibt auch Anlass zu der Frage, ob sie das Bernsteinzimmer denn wirklich finden wollten.
Sie hatten Spesen, Privilegien und Freiheiten, die andere nicht hatten. Geißler bekam alle zwei Jahre einen neuen Dienst- Wartburg de luxe. Normalerweise musste man darauf 15 Jahre warten.
Paul Enke brauchte sich nicht die Finger schmutzig zu machen. In seiner Abteilung wurde nicht erpresst oder gefoltert. Der ganze Betrieb hatte eher ABM-Charakter. Bei so einer prima Stasi-Dienststelle hätten viele gern gearbeitet.
Weil das Bernsteinzimmer Chefsache war, mussten sie für MfS-Vormann Erich Mielke immer neue Hoffnungen produzieren. Mielke ließ sich von Enke, dem Genossen Bernstein, wie er ihn nannte, über den Stand der Ermittlungen ständig auf dem Laufenden halten.
So, wie die Abhängigkeiten waren, mussten die Rechercheure mehr Interesse am Wohlgefallen ihrer Obrigkeit als an einer erfolgreichen Recherche haben. Deshalb setzten sie auch konstruierte Gerüchte über das Bernsteinzimmer in Umlauf. Mielke hatte Spaß daran, die westliche Konkurrenz irrezuführen. Weniger aus Kalkül als aus der Lust an der Desinformation. Der Sinn war für die Stasi-Exekutive im Einzelnen nicht immer abzusehen. Aber bei der Stasi stellte man keine Sinnfragen - weil sich das für sozialistische Amtspersonen nicht gehörte.
Paul Enke hat seine Erfahrungen im"Bernsteinzimmer-Report" niedergeschrieben. Der Bericht ist ordentlich recherchiert. Doch der Konsensmief und die ranschmeißerische Ergebenheitshudelei rücken ihn trotzdem in die Nähe einer Agitprop- Broschüre. Tenor: Heil euch, ihr Sowjetsoldaten, die ihr das deutsche Volk den Klauen der faschistischen Bestie entrissen habt! Die Abteilung Puschkin wird sich bemühen, durch Auffinden des Bernsteinzimmers Dank abzustatten.
Andererseits fuhren die Sowjets den deutschen Genossen stets nach Lust und Laune in die Parade. Geißler weiß noch gut, wie sie ihm in Dresden mit ihren tollpatschigen stalinistischen Allüren eine ganz heiße Spur kaputtmachten. Auf Befehl eines gewissen Wladimir Putin, der damals KGB-Major in Dresden war.
Schatzsucher müssen gegen alle Striche denken und sich streiten dürfen. Doch das war in der notorisch schlecht gelüfteten DDR nicht erwünscht. Enke recherchierte mit ehernen Scheuklappen auf ein virtuelles Ziel zu und selektierte alles weg, was nicht in sein Schema passte. Seine Hiwis hatten den gleichen politisch-mentalen Horizont wie die Stasi-Lodenmänner, die Dissidentenunterhosen in Einmachgläsern bunkerten, um den Sozialismus zu verteidigen. Und deshalb suchten sie im Nirwana.
Die Operation Puschkin hat an die sechs Millionen Mark verschlungen. Geldwerte Leistungen von Volksarmee und Volkspolizei nicht gerechnet. Allein für die Suche im Bergwerk "Weiße Erde" bei Aue verpulverten sie vom Herbst 1985 bis zum Frühjahr 1987 zwei Millionen. Der Schweizer Spezialbagger kostete 5000 Mark die Woche. Nach anderthalb Jahren stellte sich dann heraus, dass der Stollen, an dem sie herumgedoktert hatten, schon lange vor Kriegsende eingebrochen war, so dass man dort gar nichts mehr hatte unterbringen können. Enke hätte das wissen können, wenn er die Akten des Bergamtes zu Ende gelesen hätte.
Die wichtigste Schlüsselfigur haben sie jahrelang vernachlässigt: Albert Popp, den Mann, der die Kunstsammlung des Gauleiters von Ostpreußen, Erich Koch, in Weimar abgeliefert und wieder abgeholt hatte und der auch das Geheimnis des Bernsteinzimmers gekannt haben müsste. Als Enke ihn endlich ins Visier nahm, war es zu spät. Da war Albert Popp gerade zwei Jahre tot.
In einem Kohlenkeller in Popps Heimatort Elsterberg lag auch unter einem Berg feuchter Braunkohle die lederne Meldetasche mit den Dokumenten, auf die sich die halbe Bernsteinzimmer-Forschung stützt - eben jene Hälfte, die davon ausgeht, dass das Objekt nicht in Ostpreußen geblieben ist, sondern nach Westen gebracht wurde.
Das Geheimnis im Kohlenkeller: Jahrelang muss die Tasche da vor sich hin gemodert haben, als Rudi Wyst, der Sohn des mutmaßlichen Popp-Vertrauten Gustav Wyst, sie dort fand. Die äußeren Blätter seien zusammengepappt und schon ganz weggefault gewesen. Nur das Papier dazwischen habe man noch lesen können. Darunter waren auch ein paar Blatt, die sich auf das Bernsteinzimmer bezogen: Befehle, Quittungen, Ausweise, einer davon mit der Unterschrift des Reichsführers SS Heinrich Himmler. Außerdem Glasscherben, die so aussahen wie die Reste von Morphiumampullen.
Eines der Schreiben war an Sturmbannführer Gustav Wyst gerichtet. Das Reichssicherheitshauptamt teilte darin mit, dass Wyst 40 Kisten, darunter die mit dem Bernsteinzimmer, auszulagern habe, wenn der Fall Grün eintrete, also der Angriff der Roten Armee auf Königsberg.
Rudi Wyst las die Papiere aus der Meldetasche durch, so weit sie noch lesbar waren. Dann stopfte er sie wieder in die Tasche und versteckte sie im Wäscheschrank. Eine Woche oder vielleicht anderthalb Wochen danach warf er sie in den Ofen. Alles, was übrig blieb, sei das Schloss gewesen, eine Nachbildung der heiligen indischen Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen.
Rudi Wyst kam erst gut zehn Jahre später mit seiner Geschichte heraus. Er erinnerte sich im Gespräch mit Paul Enke noch ziemlich genau an den Wortlaut des Funkspruchs, den er in der Meldetasche gefunden hatte: "An Reichssicherheitshauptamt. Befehl ausgeführt. Aktion Bernsteinzimmer beendet. Einlagerung in B III. Zugänge befehlsgemäß getarnt. Sprengung erfolgt. Opfer durch Feindeinwirkung. Melde mich zurück. Gustav Wyst."
So stand es auch in der Aussage, die Rudi Wyst 1959 beim sowjetischen Geheimdienst KGB gemacht hatte. Die russische Stenotypistin hatte das Ortskürzel, das Wyst ihr nannte, korrekt in die kyrillische Schreibmaschine getippt: B III. Der Übersetzer - sagt Enkes Lektor Günter Wermusch - habe dann aber offenbar bei der Übertragung des Textes ins Deutsche die römische III als den russischen Buchstaben "Scha" gelesen, dem sie zum Verwechseln ähnlich sieht. Daraus wurde dann ein deutsches "Sch" wie in Schule.
Für Paul Enke die Grundlage für seine Bad-Schlema-Theorie. Bad Schlema ist ein Ort im Sächsischen, und zwar genau in der Gegend, die für Enke immer das Zielgebiet Nummer eins gewesen war. Schlema liegt nahe bei Crimmitschau, dem damaligen Wohnort der Familie Wyst, und bei Elsterberg, dem Heimatort von Albert Popp.
Wenn es aber "B III" und nicht "B SCH" hieß, dann war die These plausibler, dass der Bunker III am Steindamm in Königsberg gemeint war, den auch die Sowjets viele Jahre lang als Bernsteinzimmer- Versteck in Verdacht hatten. Dann war das Bernsteinzimmer wohl nicht in Thüringen, sondern noch in Ostpreußen. Dann konnte Enke alle seine Parameter wegwerfen. Weil dies das Ende seiner Hoffnungen bedeutet hätte, blieb er bei Bad Schlema.
Für das Zielgebiet Elsterberg, Crimmitschau, Bad Schlema sprach auch das merkwürdige Verhalten von Gustav Wyst nach dem Krieg. Sein Sohn Rudi musste 1946 in einem Reformhaus in Elsterberg Zettel mit merkwürdigen Botschaften aushängen: "Biete Fleisch und Fett, suche Brot und Nährmittel. Chiffre." Eine Woche später holte er dann Briefe ab. Er kann sich aber nicht erinnern, dass sein Vater über Fleisch und Fett zum Tauschen verfügt hätte.
Waren die Zettel Positionsmeldungen für den untergetauchten Gauleiter Koch, zu dem Wyst nach dem Fall von Königsberg am 9. April den Kontakt verloren hatte? Tauschte Gustav Wyst, wie sein Sohn Rudi meint, verschlüsselte Botschaften mit einer Organisation aus, die das Geheimnis des Bernsteinzimmers schützen wollte?
Und wenn ja, war das dieselbe Organisation, die Gustav Wyst mit einem Dollar- Guthaben versehen hatte und die ihm bis zu seinem Tod Fresspakete schickte und eine monatliche Pension von 750 Mark überwies?
Gustav Wyst starb am 14. Oktober 1947, angeblich an den Spätfolgen eines Lungensteckschusses im Krankenhaus von Greiz. Sein Ableben kam für die Angehörigen völlig überraschend. Sein Sohn und seine Ehefrau hatten ihn nur wenige Stunden vorher noch in guter Kondition vorgefunden. Und mit dem Lungenleiden hatte er schon vier Jahre lang ganz leidlich gelebt. "Sein Tod hatte nichts mit seiner Krankheit zu tun", sagt Rudi Wyst. Womit denn dann?
Eine Krankenschwester erzählte, kurz nach dem Besuch seiner Familie seien ein paar alte Kameraden bei Wyst zu Besuch gewesen. Es müssen dieselben unbekannten Männer gewesen sein, die kurz darauf im Hause Wyst einen Rosenholzkasten mit einliegender Stahlkassette aus dem Nachlass des Verstorbenen abholten.
Weil die Krankenakten verschwunden sind, ist über die Todesursache nichts mehr zu erfahren. Das Grab auf dem Elsterberger Friedhof lässt sich auch nicht mehr lokalisieren. Im Friedhofsbuch gibt es nicht einmal eine Eintragung, obwohl der Tote dort nachweislich begraben wurde. Hat ein Bernsteinzimmer-Schutzbund Gustav Wyst liquidiert, um Spuren zu verwischen?
Das Bernsteinzimmer - eine unendliche Geschichte. Sie beginnt im Jahr 1716. Der preußische Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. lässt das teure Stück nach St. Petersburg schaffen. Dafür soll ihm Zar Peter der Große helfen, seine von Schwedenkönig Karl XII. besetzte Provinz Vorpommern schwedenfrei zu machen.
Das Bernsteinzimmer wird erst im alten Winterhaus, später dann im neuen Winterpalais und schließlich im Katharinenpalais in Zarskoje Selo bei St. Petersburg installiert. Weil der Saal viel größer ist als das Tabakskabinett im Berliner Schloss, muss Hofarchitekt Bartolomeo Francesco Rastrelli von seinen ostpreußischen Bernsteinmeistern noch tüchtig was dazuschnitzen und fabrizieren lassen.
Das Kabinett im Sommerschloss mit seiner bonbonfarbenen Melange aus Barock und Rokoko war bis zu ihrem Tod Kaiserin Katharinas Lieblingsplatz. Im warmen Schimmer der edlen Bernsteinpaneele, so berichteten die Hofhistoriker, hätten sich Majestät gern am Kartenspiel delektiert. Bernstein erinnert an Marmor, er ist nur nicht so kalt. Er macht den Eindruck, als halte er die Sonne gefangen.
Von den anderen Delikatessen, denen sich die Kaiserin hier hingab, wird nur in dumpfen Andeutungen berichtet. Die Zarin galt als mannstoll. Angeblich hatte sie so viele Affären, dass schon statistisch gesehen einige davon auch im Bern- steinzimmer zum Vollzug gelangt sein müssen.
Im Katharinenpalais blieb das Bernsteinzimmer bis zum Kriegsherbst 1941. Beim deutschen Sturm auf den Speckgürtel Leningrads wurde Zarskoje Selo, nach der Oktoberrevolution genannt "Puschkin", von der 1. Panzer-Division und von der SS-Polizei-Division der Heeresgruppe Nord besetzt.
Die Deutschen waren damals noch dem Blitzsiegtrip. Es ging alles rasend schnell. Auch die Evakuierung der Schätze von Zarskoje Selo. Das russische Museumspersonal hatte in Tag- und Nachtarbeit 20000 Artefakte verpackt und in die Gewölbe der Isaak-Kathedrale in Leningrad gebracht. Nur das Bernsteinzimmer blieb, wo es war. Abertausende dünner Plättchen im Daumennagelformat in ein paar Tagen einigermaßen geordnet abzulösen, das war unmöglich. Deshalb wurden die Paneele nur provisorisch mit einem Splitterschutz aus dickem Packpapier abgedeckt. Vielleicht würden sich die Deutschen daran ja nicht vergreifen.
Der Krieg war noch nicht mal ein Vierteljahr alt, und die Russen hatten noch die Hoffnung, der Feind werde sich an die Haager Landkriegsordnung halten, die nationale Kulturgüter unter einen besonderen Schutz stellt. Das war eine trügerische Hoffnung, wie sich nach der Besetzung des Schlosses durch die Deutschen zeigte. Die höheren Chargen bezogen in den Prunksälen des Katharinenpalais Quartier. Weil sie keine Gebrauchsmöbel hatten, kochten sie ihren Eintopf und ihren Muckefuck auf Rokokotischen und Renaissance-Kommoden. Mit teilweise verheerenden Folgen.
Der Gefreite Hans Hundsdörfer aus Göppingen schrieb ganz entsetzt in einem Feldpostbrief an seine Lieben: "Ich sah zwei Landser, wie sie sich mühten, aus Neugierde die Verkleidung herunterzureißen. Zutage kamen wunderbar leuchtende Bernsteinschnitzereien. Als die beiden ihre Seitengewehre zückten, um sich Erinnerungsstücke herauszubrechen, schritt ich ein. Anderntags sah das Bernsteinzimmer schon einigermaßen wüst aus."
Im Oktober 1941 begannen Rittmeister Ernstotto Graf zu Solms-Laubach und Hauptmann Georg Pönsgen mit der geordneten Demontage des Bernsteinzimmers. Was in Königsberg ankam, war eine stark gerupfte Fassung des Jahrtausendkunstwerks.
Königsberg galt Anfang 1944 noch als einigermaßen bombensicher, weil für die bri- tischen und amerikanischen Luftflotten die Distanz von England nach Ostpreußen zu groß war und die Sowjets keine passenden Flugzeuge hatten.
Die Situation änderte sich im Juni, bald nach der Landung der Alliierten in der Normandie. Die Straßen füllten sich mit Flüchtlingen aus dem Baltikum, in der Niederung des Pregels standen vieltausendköpfige herrenlose Viehherden, die aus ihren Gattern ausgebrochen waren. Jeder ahnte: Die Apokalypse war nicht mehr weit. Ende Juli wies Ernst Gall, der Direktor der "Staatlichen Schlösser und Gärten" in Berlin, seinen Königsberger Statthalter, Direktor Alfred Rohde, an, das Bernsteinzimmer wegen der bedrohlicher werdenden Lage nach Schloss Wilhelmshöhe in Kassel auszulagern.
Die Kisten standen schon auf den Lastwagen, als Gauleiter Koch davon erfuhr. Es kam, was kommen musste: höchstinstanzlicher Wutanfall, alles musste wieder abgeladen werden.
Volkspädagogisch gesehen hatte Koch ja auch Recht. Wenn es rauskam, dass die Führung schon anfing, das Tafelsilber wegzuschaffen, dann war es aus mit der ostpreußischen Widerstandskraft. Das wäre hochgradig wehrkraftzersetzend gewesen. Das Bernsteinzimmer sollte selbstverständlich geschützt werden, aber es sollte in Ostpreußen bleiben.
Kunstwerke der ersten Wahl, die aus mehreren Teilen bestanden, mussten ab 1944 zur Vermeidung von Totalverlusten an zwei verschiedenen Stellen gelagert werden. Deshalb ließ Rohde den kleineren Teil des Bernsteinzimmers, hauptsächlich in Russland hergestelltes Dekor, vorübergehend in einen Tiefkeller im Südteil des Schlosses bringen. Die Original- Paneele aus Berlin kamen vermutlich in den Hochbunker am Botanischen Garten, wo auch bibliophile Raritäten lagerten, darunter Handschriften von Martin Luther und Immanuel Kant.
Königsberg war mit Kunstschätzen überladen. Zum Kunsterbe seiner 700-jährigen Geschichte als kultureller Mittelpunkt Ostpreußens kamen die Schätze, die der "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" (ERR) in den besetzten Gebieten geraubt und hier deponiert hatte.
Koch, in Personalunion ostpreußischer Gauleiter und "Reichskommissar für die Ukraine", hatte zusätzlich aus Kiew ganze Güterzüge mit Kunstgütern nach Königsberg bringen lassen.
Dass Koch schon im Frühsommer 1944 vorsorglich Anweisung gegeben hatte, das Bernsteinzimmer einpacken zu lassen, das war eine gute Entscheidung. In der Nacht vom 26. auf den 27. August brach vollkommen unerwartet ein britisches Stahlund Phosphorgewitter über die Stadt herein. Luftmarschall Sir Arthur Harris ließ das Stadtgebiet zwischen Cranzer Allee und Herzog-Albrecht-Allee von 200 Bombenflugzeugen in Schutt legen. Dann wartete er drei Tage, bis die Königsberger aus dem Wochenende am Haff zurück waren und schlug noch mal zu. In der Nacht zum 30. August griff er mit 189 fliegenden Festungen die Innenstadt um das Schloss und die Universität an.
Vom Schloss blieb nur eine rauchende Ruine. Liesel Amm aus Berlin, eine Freundin von Rohdes Tochter Lotti, sagt, sie habe am Morgen nach der Bombennacht Rohde im Schlosshof getroffen. Er sei sehr verstört gewesen und habe auf ihre Frage nach dem Bernsteinzimmer gemurmelt: "Alles ist hin." Dann habe er sie in ein Kellergewölbe geführt, damit sie die Katastrophe selbst besichtigen konnte. Sie sagt, sie habe "eine honigähnliche Masse (gesehen), die von verkohlten Holzstücken durchsetzt war". Das war schon aus physikalischen Gründen unglaubhaft. Bernstein ist gehärtetes Harz und leichter entflammbar als fast alle Holzarten. Wenn Holz verkohlt, ist Bernstein schon verbrannt. Und zwar so gut wie rückstandslos. Börnstein nannten es die alten Deutschen, auf Hochdeutsch: Brennstein. Im Mittelalter, als es noch in dicken Klumpen am Strand lag, wurde es auch zum Feueranzünden benutzt. Ob Liesel Amm zu ihren Beobachtungen etwas hinzugedichtet hat oder ob Alfred Rohde log, weil er glaubte, er könne sein geliebtes Bernsteinzimmer am besten schützen, indem er es für tot erklärte - wer weiß? Nur, wenn es wirklich eine Schutzbehauptung von Rohde war, warum hat er sie dann nicht durchgehalten? Ganz entgegen der überprüfbaren Faktenlage hielt sich jedenfalls viele Jahre lang die These, das Bernsteinzimmer sei verbrannt, und man brauche nicht mehr danach zu suchen.
Tatsächlich wurden die unversehrten Paneele Anfang September in den Keller des Nordflügels neben der Gaststätte "Blutgericht" gebracht, einer Schankstube aus dem Mittelalter, in der früher die Ordensritter ihre Dissidenten zu foltern und hinzurichten pflegten. Der Nordflügel lag zwar nicht so tief wie der Südflügel, aber er war trotzdem sicherer, weil er die dickeren Decken hatte.
Das "Blutgericht" war in jenen Tagen ein Dorado für Zombies und Desperados der nationalsozialistischen Elite. Die Führungskräfte der ostdeutschen Frontprovinz trafen sich in den letzten Kriegsmonaten hier zu ihren Kameradschaftsabenden. Sie hockten dann da bei Schönbuscher Bier und (weil Fleisch knapp war) gebratenen Krähen an alten Eichentischen, sangen vaterländische Lieder und träumten von dem Endsieg, der nicht mehr kommen konnte. Es war ein Ort von höllischer Heiterkeit.
Der Schlosskeller war für das Bernsteinzimmer nur ein Zwischenlager. Feuerwehrmann Wil- helm Stolzke hat 1989 ausgesagt, Kollegen hätten im Sommer 1944 auf Kochs Befehl den Transport des Bernsteinzimmers von Königsberg nach der alten Ordensburg Lochstädt an der Samländer Bernsteinküste begleitet.
Im Oktober, als die Angriffsspitzen der Roten Armee bei Gumbinnen und Goldap die Grenze überschritten, war es vorbei mit der ostpreußischen Gemütlichkeit. Bei Ostwind konnte man jetzt die Front deutlich hören. Langsam wurden sogar die Krähen knapp.
Die sowjetische Feuerwalze rollte schneller auf Königsberg zu, als die deutschen Strategen kalkuliert hatten. Es blieb kaum noch Zeit, alle Wertsachen planmäßig in die dafür vorgesehenen Verstecke zu schaffen. Deshalb mussten in eiligen Last-Minute-Operationen passende Ersatzverstecke gefunden werden. Jetzt brauchte auch Alfred Rohde ganz dringend ein Endlager für sein Bernsteinzimmer.
Wahrscheinlich hat Rohde seine Pläne mehrmals geändert. Solange die Russen noch nicht in Sicht waren, hatte er nur nach Schutzräumen in Ostpreußen gesucht, in denen seine Kunst vor Kriegseinwirkungen geschützt war. Am 6. September 1944, also eine Woche nach dem britischen Bombenangriff, hatte er noch bei Alexander Fürst zu Dohna-Schlobitten angefragt, ob der in seinem Herrensitz bei Elbing diverse Kunstgüter, "u. a. das Bern- steinzimmer", unterbringen könne. Doch Fürst Schlobitten hatte das Haus schon voll - mit Kulturgut, das ihm die Wehrmacht zur Aufbewahrung überlassen hatte. Im Oktober kam Rohde in Wildenhoff, dem Gut des Grafen Schwerin, wo Koch seine Charkower Ikonensammlung lagerte, um Asyl für die Kunstwerke aus dem Schloss ein. Mit welchem Erfolg, ist unbekannt. Polnische Kriegsgefangene bezeugten später, dass 1944 in Wildenhoff eine Waggonladung Kisten eingemauert worden sei. Esther Gräfin Schwerin erklärte dagegen, bis zum 21. Januar 1945, dem Tag, an dem sie die Flucht nach Westen antrat, sei das Bernsteinzimmer in Wildenhoff nicht angekommen.
Als Verstecke kamen ferner die Schlösser und Herrenhäuser rings um Königsberg in Frage. Unter anderem Burg Lochstädt natürlich. Wenn es stimmte, dass eh schon die Hälfte des Bernsteinzimmers in Lochstädt war, dann hätte Rohde sie dort lassen und eventuell auch die zweite Hälfte dort hinschaffen können.
1989 wurde in Lochstädt zum ersten Mal gesucht. Marinepioniere aus Pillau rückten mit schweren Bergepanzern und mit Hacke und Spaten an, um erst mal 40 Jahre alten Baumbestand, dann einen Meter Humus und dann eine Menge Mauerwerk zu beseitigen. Sie fanden auch das "Bernsteinzimmer". Aber nicht das von Meister Rastrelli, sondern jenes Zimmer, in dem die Burgherren seinerzeit ihren Bernstein aufbewahrt hatten.
Auch in Königsberg gab es reichlich Stauraum: Gruften, Gewölbe, die Kasematten der alten Befestigungsanlagen. Die Stadt war umgeben von 16 Festungswerken aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, die insgesamt 1242 Räume umfassten. Die Nazis hatten noch ein paar Dutzend Bunker dazugebaut.
Als auch Rohde klar wurde, dass Ostpreußen nicht zu halten war, stellte sich die Alternative so: entweder eine riskante Evakuierung in Richtung Westen mit der vagen Aussicht, das Bernsteinzimmer langfristig für Deutschland zu retten, oder ein Versteck in Ostpreußen mit der Aussicht, dass die Sowjets es nicht finden würden, dass es aber auf lange Zeit, wenn nicht für immer, verloren war.
Ende 1944 standen die Zeichen auf Westauslagerung. Regierungsdirektor Arthur Graefe vom sächsischen Ministerium für Volksbildung kündigte am 23. November in einem Bericht an seinen Gauleiter Martin Mutschmann die bevorstehende Ankunft einer Sendung "unersetzlicher Kunstschätze von hohem Denkmalwert aus der Provinz Ostpreußen (z. B. das berühmte Bernsteinzimmer)" an. Sie sollten in der Burg Kriebstein, in Wechselburg oder auf der Sachsenburg - alles nicht weiter als 30 Kilometer nördlich von Chemnitz - sowie im Herrenhaus Großgrabe bei Kamenz in Ostsachsen eingelagert werden.
Wenige Tage vor Weihnachten traf dann auch Fracht aus Königsberg in zwei Eisenbahnwaggons in Kriebstein ein. Das Bernsteinzimmer war aber nicht dabei.
Am 12. Januar meldete Rohde dem Städtischen Kulturamt schriftlich, er sei nunmehr dabei, die Paneele zu verpacken. Er gedenke, sie nach Sachsen zu bringen. Am selben Tag trat die Rote Armee mit 2,2 Millionen Soldaten und 32 000 Geschützen auf einer Frontbreite von 900 Kilometern zur Großoffensive an. Götterdämmerung für Königsberg. Alles sollte jetzt möglichst auf einmal raus.
Nach dem Krieg fanden sich Zeugen, die gesehen haben wollen, wie die Kisten mit dem Bernsteinzimmer auf Kochs Gut in Groß Friedrichsberg bei Metgethen vergraben wurden. Ein SS-Kommando sei Mitte Februar 1945 angerückt und habe im Park der Wellerschen Mühle, einem Anwesen Kochs, von ukrainischen Fremdarbeitern eine Grube ausheben lassen. Dann seien von zwei Lastwagen bisher im Königsberger Schloss aufbewahrte Kisten mit der Aufschrift Bernstein gehievt und verbuddelt worden.
Kann sein. Aber Lotti Rohde, die spätere Lotti Elias, hat es anders in Erinnerung. Sie hat ausgesagt, dass die 25 Kisten, die das Bernsteinzimmer enthielten, Mitte Januar zum Königsberger Hauptbahnhof gebracht worden seien. Weil der Vorstoß der Russen nach Elbing die Bahnverbindung nach Westen am 23. Januar abgeschnitten habe, so Lotti Elias, seien sie aber zurückgeblieben.
Die Landverbindung mit dem Reich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz unterbrochen. Der Weg durchs Samland, eine Art Bypass zur alten Reichsstraße 1, war noch ein paar Tage passierbar, bevor ihn die Sowjets besetzten. Am 19. Februar wur- de der nördliche Zugang zur Nehrung und damit die Landverbindung zwischen Königsberg und Pillau von deutschen Truppen wieder freigekämpft. Danach gab es sogar wieder einen begrenzten Eisenbahnverkehr zwischen Königsberg und Pillau. Erst am 9. April ging Königsberg verloren. Rohde hatte theoretisch also noch mehr als sechs Wochen Zeit, um seinen Schatz aus Ostpreußen herauszuschaffen. Wenn er nicht schon längst raus war.
In den Stasi-Akten findet sich die Aussage des polnischen Kraftfahrers Alfons Kairis, der damals in Diensten des Kaiser- Friedrich-Museums in Posen stand. Er hat erzählt, um die Jahreswende 1944/45 seien mehrere Militärlaster vom Typ Opel-Blitz vor dem Museum aufgefahren. Die Ladung sei mit Segeltuchplanen fest verschnürt gewesen. Er sei dann mit Museumsleiter Siegfried Rühle und einem Major nach Paradies gefahren, einem kleinen Ort mit Bahnanschluss in der Nähe von Posen. Unterwegs hätten sich die zwei Herren darüber uner terhalten, ob man die "Bernsteinkapelle" nicht auch in einem Salzbergwerk lagern könne. In Paradies sei die Ladung - etliche bis zu zwei Meter lange Holzkisten, die die Aufschrift "Königsberg" trugen - auf einen Eisenbahnwaggon geladen worden.
Kairis lud zusätzlich eine Münzsammlung und zwei Kisten mit dem Dom-Schatz von Gnesen auf den Waggon. Kurz darauf beobachtete die Rot-Kreuz-Schwester Ilse Gudden im Bahnhof Stettin mehrere Eisenbahnwaggons, die mit hölzernen Kisten, Gemälden und Büchern beladen waren. Sie hat es deshalb nicht vergessen, weil es ein so bizarres Bild war: endlose Züge mit Toten und Verwundeten und zu Tode erschöpften Flüchtlingen und mitten in dem apokalyptischen Elend ein Zug voll schöner Kunst.
Museumsleiter Alfred Rohde muss schreckliche Qualen erlitten haben, als er sich von seinem liebsten Stück trennte. Er war dem Bernsteinzimmer verfallen. Mitarbeiter, die ihm nahe standen, sagten, er habe eine Beziehung zur Kunst gehabt, wie sie ein guter Liebhaber zu seiner Liebsten hat.
Seine Freunde und seine engsten Vertrauten waren davon überzeugt, dass Alfred Rohde das Bernsteinzimmer nie allein gelassen hätte. Der Königsberger Oberbürgermeister Hellmuth Will hat später ausgesagt: "Der Bernstein und das Bernsteinzimmer waren für Rohde das Wichtigste auf der Welt. Wenn es fortgebracht worden wäre, wer anders als Rohde hätte es begleitet."
Nachdem die Sowjets die Kontrolle über Königsberg übernommen hatten, wurde Rohde dem Archäologieprofessor Alexander Jakowlewitsch Brjussow unterstellt, der von Stalin nach Ostpreußen geschickt worden war, um nach verschwundenen Kunstschätzen zu fahnden.
Als Brjussow mit seinem Stab in Ostpreußen eintraf, war die Stadt schon sechs Wochen lang besetzt. Sechs Wochen Mord, Folter, Sadismus, Anarchie. Jeder durfte mitnehmen, was er tragen oder transportieren konnte. Es wäre wohl auch niemand daran gehindert worden, sich das Bernsteinzimmer einzupacken, wenn er die Mittel gehabt hätte, es abzutransportieren.
Offenbar genoss das Bernsteinzimmer zunächst nicht die bevorzugte Aufmerksamkeit der sowjetischen Kunstkommissare, die seinem kulturgeschichtlichen Rang entsprach. Sie wurden erst wach, als Rohde sich nachts in seinem Arbeitszimmer dabei erwischen ließ, wie er Papiere verbrannte.
Unter den Papieren, die nicht mehr in Flammen aufgingen, war die Kopie eines von Rohde verfassten Berichts, in dem es heißt, er habe die aus sowjetischen Museen stammenden Kunstschätze, darunter Bernsteinsammlungen, auf Anweisung aus Berlin verpackt und "an sichere Stellen gebracht - Güter in Ostpreußen und auch in Sachsen".
Kurz vor Weihnachten 1945 war Alfred Rohde tot. Der Arzt Paul Erdmann, der den Totenschein ausgestellt hatte, verschwand kurz darauf aus der Stadt und wurde nie wieder gesehen.
War Rohde, wie die Moskauer Regierungszeitung "Iswestija" vermutete, von Werwölfen umgebracht worden, weil er wusste, wo das Bernsteinzimmer war?
In Rohdes Nachlass fand sich auch sein Tagebuch. Die letzten Seiten waren herausgerissen. Was stand auf diesen Seiten? Ilse Rohde konnte es auch nicht mehr erzählen, als man sich dafür interessierte. Sie starb zwei Wochen nach ihrem Mann.
Um die Todesursachen zu klären, ließ die sowjetische Militärverwaltung ein paar Wochen später das Doppelgrab der Rohdes auf dem I. Luisenfriedhof am Hammerweg öffnen. Es war leer.
Alexander Jakowlewitsch Brjussow will die geretteten Blätter der Akte, die Rohde nicht mehr hatte verbrennen können, erst später noch mal gründlich durchgesehen haben. Mit großer Überraschung, wie er schreibt. Bei den Papieren seien auch drei Briefe Adolf Hitlers sowie die Antwortbriefe Rohdes an seinen Führer gewesen. Hitler habe Rohde und danach noch einmal Gauleiter Koch angewiesen, das Bernsteinzimmer nach Berlin bringen zu lassen. Rohde habe erklärt, das Bernsteinzimmer sei "an einem völlig sicheren Ort & in einem Bunker auf dem dritten Deck" versteckt und im Übrigen gut "maskiert".
Der Häftling Erich Koch hat dagegen in seiner Todeszelle in Barczewo (Wartenburg) ausgesagt, das Bernsteinzimmer sei seines Wissens auf den Flüchtlingsdampfer "Wilhelm Gustloff" verladen worden und mit ihm untergegangen. Er war 1949 in Schleswig-Holstein, wo er inkognito als Landarbeiter lebte, festgenommen und an Polen ausgeliefert worden. Er kassierte 1959 die unvermeidliche Todesstrafe. Doch die Polen ließen ihn leben, in der Hoffnung, er würde irgendwann das Bernsteinzimmer- Geheimnis preisgeben.
Über 25 Jahre lang hat Koch die Polen und Sowjets mit immer neuen Geschichten Flüchtlingsschiff gefoppt. Einmal wurde er sogar zu einer Ortsbesichtigung nach Kaliningrad geflogen. Er starb 1986, im Alter von 90 Jahren, friedlich auf seiner Pritsche.
Die unbewaffnete "Wilhelm Gustloff" wurde am 30. Januar um 21.16 Uhr, dem Tag, an dem die Rote Armee auf Pillau vorstieß und Ostpreußen vom Reich abschnitt, vor der pommerschen Küste von drei sowjetischen Torpedos getroffen. Sie riss nach neuesten Schätzungen 9000 Menschen mit sich in die Tiefe, sechsmal so viele, wie beim Untergang der "Titanic" starben. Es war die größte Schiffskatastrophe der Menschheitsgeschichte.
Alexander Marinesco, der Kommandant des U-Boots S 13, das die tödliche Salve abfeuerte, wurde dafür am 8. Mai 1990 postum zum "Helden der Sowjetunion" ernannt. In Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, erinnern noch heute Denkmäler an die "beispiellose Heldentat" (so Flot- tenadmiral S. G. Gorschkow, der Oberkommandierende der sowjetischen Seestreitkräfte).
Es war wirklich eine fulminante Idee von Erich Koch, zwei so hochkarätige historische Mythen zu einer Story aneinander zu koppeln. Bernsteinzimmer war spannend, "Wilhelm Gustloff" war spannend. Wie spannend musste erst das Bernsteinzimmer auf der "Wilhelm Gustloff" sein?
Nur, wenn die Kisten wirklich aus Königsberg kamen, warum sollen sie dann 160 Kilometer weiter westlich verladen worden sein? Die Häfen Königsberg und Pillau lagen doch viel näher. Den langen, gefährlichen Weg über die umkämpfte Nehrung hätte man sich sparen können.
Der pensionierte Herforder Fremdenverkehrsdirektor Heinz Schön, ehemaliger Zahlmeisteranwärter auf der "Wilhelm Gustloff" und einer von gut tausend Überlebenden, hat mehrere Lademeister des Schiffs zur Sache einvernommen. Aber keiner konnte sich an Kisten aus Königsberg erinnern. Davon stand auch nichts in den Ladepapieren. Und deutsche Kapitäne nahmen es im Allgemeinen mit ihren Papieren auch in turbulenten Zeiten sehr genau.
Die polnischen Froschmänner, die 1963 im Auftrag der Seebehörde Gdingen zu dem 50 Meter tief gelegenen Wrack auf 55 Grad, 7,5 Minuten Nord und 17 Grad, 42 Minuten Ost hinabtauchten, berichteten von großen Löchern im Rumpf. In dem Bericht, den der Einsatzleiter später verfasste, hieß es: "Uns hat sehr überrascht, wie brutal und stümperhaft das Wrack zugerichtet war. Vermutlich waren es die Russen, die das getan haben, um das Schiffsinnere nach den Kisten mit dem Bernsteinzimmer zu durchsuchen, dafür waren die Öffnungen groß genug."
Die Polen sagen, es sei mit Sicherheit nichts dran an der "Gustloff"-Theorie. Was sie nicht wissen: Am 30. Januar 1945 war noch ein zweiter Dampfer namens "Gustloff" von Ostpreußen unterwegs nach Westen. Er kam direkt aus Königsberg. Die "W. Gustloff" hatte eine größere Menge von nicht identifizierten Kisten an Bord. Sie ist in keinem deutschen Hafen angekommen. Kann sein, dass sie torpediert wurde und absoff. Es kann aber auch sein, dass sie mit ihrer Fracht einen schwedischen Hafen anlief und dort umgetauft wurde, damit niemand ihre Spur verfolgen konnte.
Die Theorie ist nicht völlig unplausibel. Ein Versteck im neutralen Ausland hätte gut zum so genannten Schickedanz-Plan gepasst. Danach sollte das Bernsteinzimmer zusammen mit anderem Kunstgut erster Güte als Pokermasse in die Verhandlungen mit den Alliierten eingebracht werden. Der Plan konnte natürlich nur funktionieren, wenn die Faustpfänder im späteren Einflussbereich der westlichen Alliierten oder, besser noch, im neutralen Ausland versteckt waren, jedenfalls da, wo man gegebenenfalls schnellen Zugriff darauf hatte.
Es gibt zwar keinen Hinweis darauf, dass die Amerikaner die Absicht gehabt hätten, den Deutschen für die Überlassung des Bernsteinzimmers irgendwelche Konzessionen zu machen. Entscheidend ist aber, dass die deutsche Führung das annahm und dass sie auf ihrer Annahme eine Strategie aufbaute.
Die Amerikaner nahmen sich sowieso, was sie wollten. Das milliardenschwere Kunstlager in der Salzmine von Grasleben bei Helmstedt etwa wurde von Mitgliedern des "Counter Intelligence Corps" systematisch geplündert. Der Schatz von Gnesen, den der Kraftfahrer Alfons Kairis im brandenburgischen Ort Paradies in einen Güterwaggon lud, fand sich nach Kriegsende in Grasleben wieder. Es ist keine verwegene Theorie, dass die Kisten mit der Aufschrift "Königsberg", die ebenfalls in dem Waggon waren, auch dort hingebracht Boris Jelzin wollte das Bernsteinzimmer gegen den Schatz des Priamos tauschen. worden waren und dass sie dann ebenfalls in die USA entführt wurden. Für die Annahme, dass das Bernsteinzimmer in Amerika ist, gibt es noch eine zweite Stütze: Die Geschichte, die der Moskauer Historiker Wladimir Lapski dazu präsentiert, ist abenteuerlich, aber nicht absurd. Jedenfalls nicht absurder als andere Theorien, an denen sich die Forschung aufgerieben hat.
Das Bernsteinzimmer, so behauptete Lapski in einem Zeitungsartikel am 7. März 1997 in der regierungsnahen Zeitung "Rossiskaja Gaseta", sei nach dem Einmarsch der Deutschen in die Vereinigten Staaten ausgeflogen worden. Und zwar als Geschenk für den amerikanischen Milliardär Armand Hammer aus Los Angeles. Eine Kopie davon lagere in einem Keller in Zarskoje Selo. Und das Bernsteinzimmer, nach dem seit einem halben Jahrhundert gefahndet werde, sei eine Kopie.
Die Hammer-Theorie hat den Vorteil, dass die anderen Bernsteinzimmer-Theorien so bleiben können, wie sie sind. Mit der Einschränkung, dass sie dann nicht mehr um das Original-Bernsteinzimmer kreisen würden, sondern um eine Zweitanfertigung. Was gegen die Theorie spricht: Das 1941 in Zarskoje Selo gestohlene Bernsteinzimmer- Mosaik "Geruchsinn und Tastsinn", das im Mai 1997 in der Kanzlei des Bremer Notars Manhard Kaiser beschlagnahmt wurde, ist nach dem Urteil von Experten italienischen Ursprungs und damit echt. Wenn sie sich nicht irren, dann muss das Bernsteinzimmer, aus dem es stammt, nämlich dem, das die deutschen Kunstschutzoffiziere aus Zarskoje Selo abtransportierten, ebenfalls echt gewesen sein.
Das 55 mal 70 Zentimeter große Tableau aus Halbedelsteinen, eines der vier florentinischen Mosaike, die in Zarskoje Selo in die Wände eingearbeitet worden waren, war nämlich schon in Puschkin abhanden gekommen. Irgendwie war es in den Besitz des Oberleutnants Wilhelm Achtermann gelangt, der es dann seinem Sohn Hans vererbte. Dann hingen "Geruchsinn und Tastsinn" viele Jahre lang über dem Sofa in Hans Achtermanns Wohnzimmer in Bremen.
Im Frühjahr 1997 wurde Notar Kaiser dabei erwischt, wie er das Mosaik unter der Hand verkaufen wollte. Den Tipp hatte der SPIEGEL aus dem Stasi-Milieu erhalten.
Das Mosaik wurde Russlands Präsident Wladimir Putin Ende April in St. Petersburg zurückgegeben. Kulturstaatsminister Michael Naumann und Bremens Bürgermeister Henning Scherff durften im Austausch dafür 101 von einem russischen Of- fizier geraubte Grafiken mit nach Hause nehmen, die sieben Jahre lang in der deutschen Botschaft in Moskau auf eine Ausfuhrgenehmigung gewartet hatten.
Für die Spurensuche blieb das Mosaik belanglos - weil es verschwunden war, lange bevor das Bernsteinzimmer selbst verschwand.
Der damalige russische Präsident Boris Jelzin hat die Gerüchteküche um den Verbleib des Bernsteinzimmers 1991 beim Staatsbesuch in Deutschland noch mal tüchtig unter Dampf gesetzt. Am 22. November erklärte er dem Auswärtigen Ausschuss des Bonner Bundestags strahlend, er kenne das Versteck des verschwundenen Schatzes. Jawoll, es sei auf deutschem Boden. Wenn die Deutschen für eine Rückführung sorgen würden, so versprach er, dann werde er dafür sorgen, dass sie den Schatz des Priamos zurückbekämen, der im Moskauer Puschkin-Museum verwahrt wird.
Jelzin stützte sich offenbar auf einen Artikel, der ein paar Tage zuvor in der Moskauer "Rabotschaja Tribuna" erschienen war. Überschrift: "Bernsteinzimmer gefunden." Er konnte nicht ahnen, dass das von der Redaktion verhängte Fragezeichen entfallen war, weil der Setzer es vergessen hatte.
Im Text stand es genauer. Den hatte Jelzin aber nicht gelesen. Die russischen Chronisten hielten unbeschadet widriger Sachverhalte an ihrer vorgefassten These fest: Staatschef Jelzin macht ein historisches Angebot, und die Deutschen, arrogant, wie sie sind, reagieren nicht darauf.
Das Bernsteinzimmer ist immer noch verschwunden. Kein einziger Königsweg zu seiner Wiederentdeckung deutet sich an. Also noch mal zurück nach Königsberg.
Nach seinem Tod tauchte ein Brief des Königsberger Kunstsammlungsdirektors Rohde auf, in dem es über ein Versteck für ausgelagerte Kunstwerke hieß: "Es ist ein neuzeitlicher Hochbunker mit Heizungsund Entlüftungsanlage, in dem meine größten Kostbarkeiten liegen." Das könnte bedeuten, dass die eine Hälfte des Bernsteinzimmers die ganze Zeit im Hochbunker am Botanischen Garten geblieben war, in die Rohde sie nach dem alliierten Bomberangriff hatte auslagern lassen. Und möglicherweise, dass er auch die zweite Hälfte aus dem Schlosskeller in diesen Bunker hatte bringen lassen.
Der Rundfunk-Kriegsberichterstatter Hanns Joachim Paris aus Murnau in Bayern hat dem SPIEGEL erklärt, er habe am 5. April 1945 gesehen, wie zwei Arbeiter aus dem Untergeschoss des Königsberger Schlosses große Kisten nach draußen brachten. Die Kisten hätten - laut Auskunft der Arbeiter - das Bernsteinzimmer enthalten. Sie sollten am 6. April abtransportiert werden. Wohin, das sagten sie nicht.
Am nächsten Morgen gegen 7 Uhr traten die Sowjets zum Sturm auf die Festung Königsberg an. Es war das Ende aller Hoffnungen. Drei Tage darauf musste Königsberg kapitulieren. Paris gelang es, in Begleitung von zwei Mitarbeitern des Abwässeramts durch die Kanalisation aus dem Inferno zu flüchten.
Wenn die Arbeiter den Reporter nicht belogen haben, dann ist das Bernsteinzimmer oder zumindest eine zurückgebliebeden Hälfte davon tatsächlich nicht mehr aus der Stadt herausgekommen. Denn wenn Alfred Rohde in den sechs voraufgegangenen Wochen seinen Schatz nicht hatte wegschaffen können, dann ist ihm das in den letzten vier Tagen ganz sicher auch nicht mehr gelungen.
Zum Schluss kamen nur noch wenige Verstecke in Frage: an erster Stelle natürlich das Schloss. Oberbürgermeister Hellmuth Will war bis zu seinem Tod ganz sicher, dass das Bernsteinzimmer nur im Schlosskeller gewesen sein konnte. In dem Inferno habe Rohde keine andere Wahl gehabt. "Ich habe vom Stadthaus bis zum Bunker am Paradeplatz drei bis vier Stun- den gebraucht. Wie sollten da erst Kraftfahrzeuge durch die Stadt fahren?"
Beim "Ostpreußenblatt" hat sich 1967 ein Mitarbeiter der Königsberger Stadtverwaltung gemeldet, der nach der Kapitulation im Schlosshof war. Die Kellereingänge, so sagte er, seien von einer Sprengung verschüttet gewesen. Einige Tage zuvor habe man noch hineingehen können. Rohdes Sohn Wolfgang glaubt auch, dass das Bernsteinzimmer in Königsberg geblieben ist. "Sonst hätte mein Vater mir was davon gesagt."
Auch die stillgelegte Schönbusch-Brauerei im Stadtteil Ponarth westlich der Bahnlinie Königsberg-Berlin kommt als Ver steck in Frage. Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete hatte dort jede Menge Kunstbeute aus Osteuropa gelagert. Ein Flüchtling aus Ponarth hatte Stasi-Ermittler Paul Enke erzählt, er habe als Zwölfjähriger beobachtet, wie auf dem Brauereigelände von sowjetischen Kriegsgefangenen schwarze Kisten vergraben worden seien.
Nach Ponarth führt noch eine weitere Spur. Erich Koch hat viel später erzählt, die Kisten seien in den Gewölben unter der Ruine der römisch-katholischen Kirche von Ponarth versteckt. Um die Spuren zu verwischen, hätten sie in der Kirche mehrere Bomben gezündet. Aber die Kirche in Ponarth gehörte nicht der katholischen, sondern der evangelischen Kirchengemeinde.
Eher hätte es die katholische Kirche am Steindamm sein können. Sie wurde in den ersten Apriltagen völlig zerstört. Aber nicht durch Bomben oder Artilleriegranaten, sondern durch Sprengladungen. Ponarth wurde erst 1987 wieder interessant. Nach der Veröffentlichung seines "Bernsteinzimmer-Reports" meldete sich bei Enke eine Zeugin namens Ruth Drescher. Sie erklärte, das Bernsteinzimmer sei im Februar auf sechs Militärlastwagen weggebracht worden. Der Konvoi habe aber nach einem Angriff von sowjetischen Tieffliegern bei Elbing umkehren müssen.
In Ponarth, so erklärte Ruth Drescher, hätten SS-Männer die Laster angehalten, die Ladung beschlagnahmt und sie an Ort und Stelle versteckt. Das deckte sich zum Teil mit der Aussage des ehemaligen polnischen Hiwis Jerzy Jastrzebski, die Kisten mit dem Bernsteinzimmer seien Anfang Februar 1945 auf dem Rücktransport von Elbing von der SS beschlagnahmt und in ein Kellergewölbe gebracht worden. Also vielleicht doch die Brauerei.
Nur, warum war denn da nichts gefunden worden?
"Weil in der falschen Brauerei gesucht wurde", sagt Ruth Drescher. Und zwar in der Brauerei Schönbusch statt in der Ponarther Brauerei, wo es mehr Sinn gemacht hätte. Im Februar 1988 trat ein 60 Mann starker Suchtrupp, den eine Zeitung in der lettischen Hauptstadt Riga organisiert hatte, dann zur Suche in der Ponarther Brauerei an. Das Unternehmen wurde nach einem halben Jahr ergebnislos abgebrochen. Die Rechercheure konnten auch nichts finden. Einfach weil sie im Untergrund gesucht hatten. Der "Eiskeller" war aber gar kein Keller, sondern der rote Turm auf dem Brauereigelände, in dem noch im 19. Jahrhundert das aus dem nahen Hubertusteich herausgehackte Eis, mit Sägespänen vermischt, gespeichert wurde. Das wussten die Letten nicht.
Warum die sowjetischen Suchtrupps nichts gefunden haben, die in Ostpreußen recherchierten, das lässt unter anderem der Augenzeugenbericht von Alexander Maximow erahnen: "Sie gingen hin und her, zuckten mit den Schultern, ruderten mit den Armen und befahlen, an drei Stellen flache Gräben auszuheben. Damit endete das Unternehmen."
Ja, ja, die Recherchen seien stets etwas zu bürokratisch oder zu wenig investigativ gewesen, bestätigt auch Oberst Awenir Owsjanow, der Gebietsbeauftragte für die Suche nach kulturellen Gütern. Owsjanow kam über die Armee zur Archäologie. Er war 1968 Angehöriger der Pioniereinheit, die den Befehl hatte, die Königsberger Schlossruine einzureißen. Es war ein Riesenspaß, das weiß er noch. Sie kariolten mit ihren Baggern in den Trümmern herum und machten platt, was ihnen unter die Ketten kam. Von Suche konnte natürlich nicht die Rede sein. Owsjanow sieht ein, dass er selbst dazu beigetragen hat, die wichtigste Spur zu verschütten. Das Schloss war nach dem Krieg nicht so total zerstört, wie es auf den Fotos vom April 1945 aussieht. Der Leiter des Schlossbauamts, Architekt Hans Gerlach, schrieb in seinen Erinnerungen: "Zu diesem Zeitpunkt (10. April 1945) waren sowohl die ehemaligen Blutgerichtsräume wie auch der große Keller unter der Schlosskirche und die Luftschutzräume unter dem Unfried-Bau weitgehend intakt." Ebenso der östliche Teil des Südflügels, wo die Kisten mit dem Bernsteinzimmer gestanden hatten. Pionier Owsjanow und seine Plattmacher haben der Ruine dann den Rest gegeben. Allerdings, sie zerstörten nur die Gebäude, aber nicht die darunter liegenden Hohlräume.
Heute stehen auf dem Terrain am Moskowski Prospekt, wo früher das Schloss stand, eine Trinkhalle, eine Imbissbude und ein Pissoir. Nebenan reckt sich ein verwitterter 20-stöckiger Betontorso in den Himmel: Er sollte mal das "Haus der Räte" (Dom sowjetow) werden. Als der Rohbau fertig war, stellten die Statiker fest, dass der Untergrund viel zu weich war für so viel Beton.
Awenir Owsjanow würde die Schlosskeller gern noch mal aufmachen. Aber er hat kein Geld. Außerdem mauert die Stadtverwaltung, weil sie fürchtet, dass das marode Rätehaus einstürzen könne.
Ostpreußen steckt noch voll archäologischer Überraschungen. Awenir Owsjanow fand im Dezember letzten Jahres tief in den Kasematten von Fort Quednau, einem knorrigen Backsteinbollwerk an der Alexander- Newski-Straße (früher Cranzer Allee) aus der Zeit der Deutschen Ordensritter, 16000 Kunstobjekte aus der berühmten "Prussia-Sammlung". Die Kriegsmarine hatte die alte Zitadelle Ende der vierziger Jahre als Munitionsdepot requiriert und erst 1998 wieder freigegeben.
Awenir Owsjanow ist nicht der Einzige, der in Königsberg nach dem Bernsteinzimmer sucht. In seinem Büro hat er eine Kartei von "freien Mitarbeitern", die ihn - meist unaufgefordert - beraten. Er teilt sie in vier Kategorien: die Losowiki, jene Rutengänger, die verborgene Schätze mit der Wünschelrute suchen; die Katschalschtschiki, die zur Suche einen Stab mit einem daran befestigten magischen Pendelball benutzen; die Korpusniki, bei denen es im Bauch oder sonstwo im Korpus kribbelt, wenn etwas Wertvolles in der Nähe ist; und die Rutschniki, die verlorene Werte dadurch aufspüren, dass sie mit dem Daumen über die Landkarte fahren.
Alles Quatsch, sagt der Pensionär Günter Wermusch, der jahrelang für die Stasi mitgesucht hat. Die Rote Armee, so sagt er heute, habe die Schlossruine am 9. April in Brand gesteckt. Dabei sei auch das Bernsteinzimmer verbrannt.
Wermusch hatte ein Indiz für seine These, aber kein besonders starkes, wie sich inzwischen herausgestellt hat: Stalins Kunstkommissar in Königsberg, Alexander Jakowlewitsch Brjussow, hatte am 10. Juni nach einem Gespräch mit "irgendeinem Obersten" in sein Tagebuch geschrieben: "Er (der Oberst) erzählte: Als er das Schloss betreten hatte, sah er ausgerechnet in diesem großen Saal des Nordflügels große Kisten stehen. Die Kisten, die in der vorderen Reihe standen, waren zerbrochen. Und darin waren irgendwelche Möbel zu sehen. Daraus konnte man schließen, dass das Bernsteinzimmer verloren war." Den Kremlherren sei das bewusst gewesen. Sie hätten nur weiter suchen lassen, weil sie das Bernsteinzimmer als virtuelles Propaganda- Instrument für den Kalten Krieg benötigten. Irgendein Oberst, irgendwelche Möbel. Das war alles sehr vage. Brjussows Annahme, die Rote Armee habe die Schlossruine in Brand gesetzt, passt natürlich gut zu dem Höllenszenario, das sie nach der Eroberung in Königsberg entfesselte. Nirgendwo sonst in Deutschland, nicht mal in Berlin, haben Sowjetsoldaten ihre Rache an dem "faschistischen Tier", wie Ilja Ehrenburg es nannte, so animalisch ausgetobt wie in Ostpreußen. Der Arzt Hans Graf Lehndorff notierte am 9. April 1945 entsetzt über die Sieger in seinem "Ostpreußischen Tagebuch": "Das ist der Mensch ohne Gott, die Fratze des Menschen."
Ja, natürlich kann man sich gut vorstellen, dass die Rotarmisten, die brunftig und besoffen in Krankenhäuser einfielen und frisch operierte Frauen vergewaltigten, das nötige Brachialpotenzial hatten, um aus alter Kunst Kleinholz zu machen. Gut möglich, dass das Bernsteinzimmer dabei untergegangen ist. Aber keiner hat es untergehen sehen. Die Zeugenaussagen, die es belegen sollten, sind nicht haltbar. Und von einer Sache, die es nachweislich gab und die nicht nachweislich liquidiert wurde, muss man bis auf weiteres annehmen, dass sie noch existiert.
"Lasst uns Schluss machen mit dem Streit und mit dem Hass", sagt Soja Agalzewa, die Museumswärterin in dem Saal des Katharinenschlosses in Zarskoje Selo, wo früher das alte Bernsteinzimmer untergebracht war und wo jetzt ein neues heranwächst. "In ein paar Jahren werden wir ein neues Bernsteinzimmer haben, und das wird schöner als das alte."
Soja Agalzewa ist eine Veteranin. Sie hat bei Murmansk gegen die Deutschen gekämpft. Aber sie hat nichts gegen die Deutschen. Sie hat bloß nie verstehen können, dass eine Nation, die so wunderbare Kunst hervorgebracht hat, in ihrer russischen Heimat so barbarisch habe wüten können. "So ist das, wenn der Krieg in der Seele des Menschen wohnt, ist dort für nichts Schönes mehr Platz."
1999 stellte die Essener Ruhrgas AG, der größte deutsche Importeur von Russengas, der auch an dem Moskauer Konzern Gasprom beteiligt ist, gut sechs Millionen Mark für die Nachbildung zur Verfügung. Jetzt geht plötzlich alles viel schneller. Das neue Kabinett soll in drei Jahren komplett sein, wenn St. Petersburg seinen 300. Geburtstag und Ruhrgas sein 77. Firmenjubiläum feiert. Vorausgesetzt, das Material reicht.
Der tranquilisierende Charme des noblen Werkstoffs lebt vom wechselhaften Zauber des Ensembles. Kein Stück ist wie das andere. Um die Farben richtig zu intonieren, haben Chefrestaurator Boris Igdalow und seine Leute hellgelben Bernstein in Honig gekocht. Das gab ihm den rötlichen Schimmer, den sie für die Intarsien an den Kristallspiegeln brauchten.
Ein guter Bernsteinschnitzer hat 80 Prozent Verschnitt. Deshalb wird für das Gesamtkunstwerk die enorme Menge von sechs Tonnen benötigt. Aber für die laufenden Arbeiten in diesem Jahr wird es wohl noch reichen. Das Kilo Rohbernstein kostet bis zu 1700 Mark. Geld ist aber nicht das Problem. Ruhrgas zahlt alles. Und fragt auch nicht, wo der Verschnitt bleibt.
Der Wert des Bernsteinzimmers ist nicht quantifizierbar. Aber es ist ein Objekt, für das man schon mal ein paar tausend Baggerstunden investieren könnte. Doch der Gegenwert wäre gegebenenfalls kaum zu liquidieren. In dem Moment, in dem es auftauchen würde, wäre es auch schon beschlagnahmt. Als Eigentum der Russischen Republik oder als Faustpfand der Regierung in Berlin für deutsch-russische Beutekunstverhandlungen. Es gibt nicht mal einen Rechtsanspruch auf Finderlohn. Und deswegen ist es unwirtschaftlich, das Bernsteinzimmer zu suchen.
Und wenn die enigmatische Geschichte niemals endet, wenn das Bernsteinzimmer nicht gefunden wird, dann ist es auch nicht schlimm. Ein Schatz, der so viele schöne Träume und Aufregungen an sich bindet, ist doch auch schon eine ganze Menge. Selbst wenn es ihn nur noch in der Phantasie seiner Verehrer gibt.
Ende
Eine erweiterte Fassung der Serie ist bei SPIEGEL ONLINE unter www.spiegel.de zu lesen. * Farbpostkarte von 1912. * 1958 vor Gericht in Warschau. * Nach der Beschlagnahme in Bremen im Mai 1997.
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 49/2000
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