11.12.2000

PERSONENKULTSeid bereit

Helmut Kohl nimmt Rache an seinem Intimfeind Kurt Biedenkopf: Er will sich von den Dresdnern feiern lassen - wie im Dezember 1989.
Die Dresdner sind einiges gewöhnt. Im "Tal der Ahnungslosen", wo der Empfang des West-Fernsehens unmöglich war, ließ sich die Partei an Jahrestagen pompöser als sonstwo in der SED-Republik feiern. Und von einem Hochhausdach strahlte, einzigartig in Deutsch-Ost, ganzjährig eine Polit-Leuchtreklame mit dem Slogan "Der Sozialismus siegt" über Elbflorenz.
Am 19. Dezember dürfen die Dresdner wieder einmal öffentlich dankbar sein. Zu Tausenden sollen sie dem großen Staatsmann Helmut Kohl huldigen. Der Anlass dafür ist ähnlich kurios wie der so mancher SED-Feierstunde: Am Dienstag kommender Woche soll der elfte Jahrestag der legendären Rede Kohls vor der Ruine der Frauenkirche im Wende-Herbst gefeiert werden. Im Dezember '89 jubelten Zehntausende Sachsen mit schwarz-rot-goldenen Fahnen dem West-Kanzler zu. "Helmut Kohl, das tut wohl" schallte es damals über den Platz und "SED, das tut weh".
Ginge es nach den Organisatoren des Kohl-Events, würde der 19. Dezember dieses Jahres nicht viel anders verlaufen. Arnold Vaatz, Ex-Bürgerrechtler und bekennender Kohlianer, hat seine Landsleute aufgerufen, sich demonstrativ zum abgehalfterten Einheitskanzler zu bekennen. "Ganz Deutschland", so der Christdemokrat in einem Einladungsschreiben beschwörend, "erwartet von uns Dresdnern gerade in diesem Jahr ein klares und überzeugendes Wort, wie es nur von uns kommen kann."
Vaatz, einst scharfer Kritiker des Personenkults in der DDR, emphatisch: "Die Frauenkirche in Dresden ist für Helmut Kohls Einsatz für dieses Land ein Symbol. Um zu zeigen, dass er sich unserer Dankbarkeit dafür nicht nur in bequemen Zeiten sicher sein kann, sondern jederzeit - dafür ist der elfte Jahrestag seiner legendären Rede gerade der rechte Zeitpunkt."
Ähnlich wurden einst die DDR-Kinder auf Erich Honecker eingeschworen: "Seid bereit - immer bereit."
Entstanden ist die Idee bereits vor Monaten, als die Empörung über den Bimbes-Kanzler und dessen Weigerung, seine Millionenspender zu offenbaren, noch in der Union für Aufregung sorgte. Weil Helmut Kohl auf der offiziellen Einheitsfeier am 3. Oktober in der Dresdner Semperoper nicht erwünscht war, wollten seine Fans um Vaatz ihm ein eigenes Podium zimmern. Nach kurzem Zögern willigte Kohl ein: "Das machen wir."
Der Auftritt passt gut in den Rachefeldzug gegen seine einstigen Gegenspieler in der Union. In Dresden kann er es dem Intimfeind Kurt Biedenkopf heimzahlen, der als Gastgeber einen Kohl-Auftritt bei den Einheitsfeierlichkeiten im Oktober unpassend fand. Diesmal bleibt der sächsische Ministerpräsident außen vor. Er ist lediglich als Zuhörer geladen.
Beginnen wird der Kohl-Tag mit einer Signierstunde seines "Tagebuches". Darin stehen über Biedenkopf böse Sätze wie dieser: "Kurt Biedenkopf scheint im Lauf der Jahre immer mehr zu der Erkenntnis gelangt zu sein, dass es eine Schande sei, dass nicht der seiner Meinung nach in jeder Hinsicht qualifiziertere Kurt Biedenkopf Bundeskanzler geworden ist."
Am Abend wird sich dann eine illustre Schar von Biedenkopf-Gegnern vor der Frauenkirche versammeln. Vor Kohl wird Dieter Reinfried sprechen, Anfang des Jahres von Sachsens Ministerpräsident seines Amtes als Staatssekretär im Umwelt- und Landwirtschaftsministerium entbunden. Für Kohl, den Star des Abends, sind 60 Minuten vorgesehen. Das Schlusswort spricht der Bundestagsabgeordnete Vaatz, der jüngst Biedenkopf mit Russlands ehemaligem Präsidenten Boris Jelzin verglich.
Der Landesvater kann sich der Zeremonie kaum entziehen - so schwer es ihn ankommen mag. Veranstalter ist schließlich Biedenkopfs eigene Parteiorganisation, der Dresdner CDU-Kreisverband.
Während in der Staatskanzlei über das Ereignis gesprochen wird wie über eine nicht mehr abzuwendende Naturkatastrophe, retten sich etwas ferner stehende Parteifreunde wie der letzte DDR-Premier Lothar de Maizière in Hohn und Spott: "Da fehlt nur noch der ehemalige Dresdner SED-Chef Hans Modrow für den Mummenschanz."
STEFAN BERG,
ANDREAS WASSERMANN
Von Stefan Berg und Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 50/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PERSONENKULT:
Seid bereit

  • Webvideos der Woche: Tief gestürzt, weich gelandet
  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video
  • Mein Schottland: Zwischen Brexit und Unabhängigkeit