11.12.2000

LANDWIRTSCHAFTWie vor dem Krieg

Für Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke geriet die BSE-Hysterie zu einem persönlichen Debakel. Er sieht sich in der aufgeputschten Stimmung völlig verkannt.
Die Opfer des Rinderwahns in der Bundesrepublik schienen alle bekannt: zwei infizierte Rinder, eine unter Verdacht geratene Herde sowie die deutschen Bauern mitsamt ihrer Fleischproduktion. Jetzt hat sich noch einer als Opfer der BSE-Krise geoutet - Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke, 54.
Gestern noch auf stolzen Rossen, wie der gebildete Niedersachse sagen würde, heute durch die Brust geschossen. So fühlt er sich: "Dann kam diese Diskussion, wo ich teilweise den Eindruck hatte: Da braucht man ein Opfer. Wie es bei Wilhelm Tell heißt: 'Da rast der See und will sein Opfer haben.'"
Das Volk, sein Kanzler und auch seine Bauern - alle wollen, was er nicht bieten kann: absolute Sicherheit. Bildungsbauer Funke, der mit Vorliebe die Zweifler Friedrich Nietzsche und Immanuel Kant zitiert, sah sich plötzlich von einer "Stimmung" gepeinigt, die er in "dieser extrem kollektiven Form nicht für möglich gehalten" hatte. Er kapitulierte: "Man kommt auch mit Informationen nicht mehr rüber." Dass er selbst Tiermehl erst als sicher pries, dann als Teufelszeug per Eilverordnung bannen wollte, verdrängt er.
Aus der BSE-Krise wurde seine eigene. Der praktizierende Protestant - als versierter Grabredner geübt, mit dem Schlimmsten umzugehen - sah sich inmitten einer Raserei, "in der sich niemand mehr dafür interessiert, was wirklich ist". Hatte nicht er als einer der Ersten die Massentierhaltung bekämpft? Hatte nicht er, Funke, das wüste Treiben des Hühnerbarons Anton Pohlmann beendet? War es nicht tatsächlich er, der gegen die Aufhebung des Importverbots für britisches Rindfleisch gestimmt hatte?
Karl-Heinz Funke sieht müde aus. Mehr als zehneinhalb Stunden hat er von Montag bis Freitag vorletzter Woche nicht geschlafen, die vergangenen Tage waren auch nicht viel besser. Dem Klischee vom fidelen Bauern aus dem Oldenburgischen ähnelt er derzeit so wenig wie das Rindvieh in den deutschen Ställen den glücklichen Kühen im Werbespot.
Mit dem Lebendgewicht von 120 Kilo, den rosig schimmernden Wangen und der Entschlossenheit, jederzeit seine Trinkfestigkeit zu beweisen, hatte Funke wie der Erfinder der "Grünen Woche" gewirkt. Die Tatsache, dass er eine Vorliebe für zweideutige Witze hat, war dem SPD-Mann bisher weder bei den Bauern auf dem flachen Land noch bei den Journalisten in der Hauptstadt zum Nachteil geworden.
Das ist vorbei. Plötzlich kam alles wieder frisch auf den Tisch, was sich aus Funkes Vergangenheit an Dubiosem ausgraben ließ: dass er einmal unter Betrugsverdacht stand, weil er angeblich eine Spesenrechnung gefälscht hatte. Dass er, schon Minister, sein Dach ohne Baugenehmigung und von Schwarzarbeitern habe bauen lassen, dass er Polizisten beschimpft und an eine Kaimauer gepinkelt habe. Sein Kalauer-Klassiker fehlte so gut wie nie: "Oldenburger Butter hilft dir auf die Mutter."
Die Enttäuschung über die öffentliche "Einseitigkeit" gegen ihn versuchte er jetzt mit der Weisheit des Landwirts in der Fremde zu überwinden: "Menschen laufen viel schneller weg als Tiere." Funke tauchte vorsichtshalber selbst ab.
Er versteht die Welt nicht mehr. Verbraucherangst? Ja. Medienschelte? Klar. Aber diese schrille Aufgeregtheit? Den Minister erinnert die Stimmung bereits an die "Formen der Kriegsbegeisterung" und an die "Formen der Irreleitung wie vor 1914".
Auch stehen ihm wieder die TV-Bilder von Margaret Thatcher vor Augen, als sie ihre Marine zu den Falklandinseln schickte "und die Mütter und Frauen der Soldaten jubelnd die Söhne und Männer verabschiedeten". Bilder einer Massenpsychose, die sich ihm als Analogie zur Aktualität aufdrängten: statt Nachdenklichkeit Emotion. Statt reiner Vernunft pure Hysterie.
Weit weg müssen Funke heute die schönen Momente erscheinen, als sein Kanzler eigens seinetwegen ins Bundestagsplenum eilte, um einer seiner beschwingten Reden zu lauschen. Gerhard Schröder war es auch, der den gelernten Diplom-Handelslehrer nach der gewonnen Bundestagswahl 1998 mit viel Überredungskunst ins Kabinett schleifte. "Bei der dritten Aufforderung hat er gesagt: Es kommt nicht darauf an, was du willst, sondern du musst!"
"Kalle", wie der Kanzler den einstigen Schützenkönig und langjährigen Weggefährten kumpelhaft nennt, sollte ihm den Rücken freihalten und verhindern, dass "französische Verhältnisse" Einkehr halten und die Bauern mit Treckern oder Mistkarren gen Hauptstadt rollen. Denn acht Jahre lang, von 1990 bis 1998, hatte er als Landwirtschaftsminister Niedersachsens für den Ministerpräsidenten Schröder die Bauernfront ruhig gehalten - trotz Höfesterbens, trotz sinkender Einkommen.
Bis zur BSE-Krise hatte das auch auf Bundesebene geklappt. Der "fanatische Anhänger des Kleinbauerntums", wie sich Funke sieht, hatte selbst zum Bauernpräsidenten und scheinbaren Paradegegner Gerd Sonnleitner ein fast freundschaftliches Verhältnis. "Um so bitterer ist es jetzt für ihn, wenn ausgerechnet die bayerischen und baden-württembergischen Bauernverbände ihn kritisieren. Für die hat er doch alles getan", schätzt ein Amtskollege.
Aus seiner Enttäuschung macht er keinen Hehl, aber von Rücktritt will der gebeutelte Minister nichts hören, obwohl er wohl der Letzte wäre, den eine endgültige Heimkehr nach Friesland traurig stimmen würde. Da er kein Abgeordnetenmandat hat, wäre Funke die ihm fremd gebliebene Hauptstadt endlich los. Zu Hause warten neben der Familie eine Rinderherde und drei Dutzend Pferde auf den Landwirt - und ein Campingplatz für Sommergäste.
Trotzdem -"bei mir hat es nicht den Moment gegeben, wo ich gedacht habe, jetzt schmeißt du das hin". So ist der erdverwachsene Niedersachse nicht. Der steht wie eine Eiche. Mit seinem "Begriff von Tapferkeit", sagt Karl-Heinz Funke, kann er einen Rücktritt nicht vereinbaren. RÜDIGER SCHEIDGES
Von Rüdiger Scheidges

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