11.12.2000

SCHULENFalscher Rhythmus

Beginnt der Unterricht an deutschen Schulen zu früh? Ein späterer Anfang und längerer Schlaf versprechen mehr Erfolg beim Lernen.
In der Schule muss jeder morgens pünktlich sein, das lernen Abc-Schützen schon am ersten Tag. Also stand der siebenjährige Grundschüler aus Nieder-Olm bei Mainz auch am Dienstag vergangener Woche brav auf, als der Wecker klingelte, zog sich an, schnallte den Schulranzen um und machte sich auf den Weg zum Unterricht.
Der Kleine wunderte sich zwar, keine anderen Kinder und nur wenige Autos zu sehen. Aber er musste ja auch sonst oft früh los. Kurz nach drei Uhr in der Nacht griff ihn ein Zeitungsausträger auf und übergab ihn der Polizei. Die brachte ihn zurück zu seinen Eltern - der Wecker war versehentlich zu früh gestellt worden.
Pünktlichkeit ist eine Tugend - aber frühes Aufstehen auch? In Deutschland ist ein Streit um den morgendlichen Schulbeginn entflammt. Denn in kaum einem anderen europäischen Land werden Kinder und Jugendliche so früh in die Lehranstalten gejagt wie in der Bundesrepublik.
Während in Frankreich, England oder Spanien das Büffeln normalerweise zwischen 8.30 und 9 Uhr beginnt, müssen deutsche Schüler meist schon in aller Herrgottsfrühe, zwischen 7.30 und 8 Uhr, in der Penne antreten. An vielen Schulen drohen sogar so genannte Frühstunden, die bereits gegen 7 Uhr beginnen.
Selbst den Kleinsten in den ersten Klassen wird häufig kein Pardon gegeben. Offenbar glauben viele Pädagogen: Frühes Aufstehen hilft beim Lernen - oder zumindest schadet es nicht.
Doch Forscher widersprechen dieser Ansicht. Jürgen Zulley, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Universität Regensburg, sagt: "Neun Uhr wäre ein sinnvollerer Schulbeginn. Die Zeit würde viel besser zum biologischen Rhythmus der Kinder passen." So sei etwa der Höhepunkt der Kreativität bei einem normalen Tages-Nacht-Ablauf erst zwischen zehn und elf Uhr morgens.
In der Dezemberausgabe der Fachzeitschrift "Nature Neuroscience" dokumentieren Forschungsberichte, welche große Rolle der Schlaf beim Lernen des Menschen spielt. So zeigt eine Untersuchung von Schlafforschern um Jan Born von der Medizinischen Universität in Lübeck, dass der Tiefschlaf in der ersten Nachthälfte als auch die leichtere, von heftigen Augenbewegungen begleitete Schlafphase in der zweiten Hälfte entscheidend sind, um am Tag Gelerntes zu verarbeiten. Unstrittig ist: Wer wenig schläft, vergisst viel.
Grundschüler benötigen mindestens zehn bis zwölf Stunden Schlaf, in der Pubertät geht das Ruhebedürfnis dann auf achteinhalb bis neun Stunden zurück. Doch eine große Zahl der Schüler schläft zu wenig. Am Abend wird lange ferngesehen, am Computer gespielt oder auch gelesen - viele Kinder und Jugendliche gehen erst eine oder zwei Stunden vor Mitternacht ins Bett. Und sind dann unruhig durch die mediale Reizüberflutung. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass rund 20 Prozent der deutschen Kinder Schlafschwierigkeiten haben.
"Der Hang zum frühen Aufstehen scheint mir eine deutsche Eigenheit zu sein", sagt der brandenburgische Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) und hätte nichts gegen einen späteren Schulbeginn einzuwenden (siehe Interview). Auch Gabriele Behler, Schulministerin in Nordrhein-Westfalen, könnte sich vorstellen, die Spielräume bei den Schulanfangszeiten auszuweiten. Das müssten allerdings die Kommunen entscheiden. Doch gibt die Sozialdemokratin zu bedenken: "Die Arbeitswelt ist darauf nicht eingestellt."
Der frühe Schulbeginn kommt berufstätigen Eltern, die selbst früh anfangen müssen, entgegen - Handwerkern und Fabrikarbeitern etwa. Die wachsende Service-Gesellschaft beginnt jedoch oft später mit der Arbeit.
Ilka Wirdemann zum Beispiel kommt in die Redaktion einer Hamburger Architekturzeitschrift erst zwischen 9 und 10 Uhr. Ihre Töchter Rieke, 14, und Janne, 12, müssen um 6.30 Uhr aus den Federn, die Schule startet um 8 Uhr. Wirdemann: "Gerade im Winter, bei Dunkelheit und Kälte, ist es eine Zumutung, die Kinder so früh loszuschicken."
Inga Grundmann dagegen, Röntgenassistentin in der Hansestadt, muss um 8 Uhr im Job sein, um 7.30 Uhr verlässt sie das Haus, ihr Mann bereits eine halbe Stunde früher. Für ihre elfjährige Tochter müsste sie, würde die Schule erst um 9 Uhr beginnen, eine Betreuung organisieren. Außerdem gilt natürlich: Wer später anfängt, hat mehr Unterricht am Nachmittag.
Wie immer mehr Eltern fordern auch die beiden Mütter: feste Schulzeiten, unabhängig von den Unterrichtsstunden, etwa von 8 bis 15 oder 16 Uhr. Dann könnte der Unterricht später beginnen, und Schüler, die schon früher kommen, könnten noch mit anderen spielen oder lesen.
Eva-Maria Stange, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, warnt allerdings: "Die Schüler dürfen in der freien Zeit nicht nur verwahrt, sondern müssen sinnvoll beschäftigt werden." Dazu gehöre auch eine gemeinsame Mittagspause mit einem Essensangebot.
Doch Ganztagsschulen mit voller Betreuung sind in der Bundesrepublik die Ausnahme. Nach einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln bieten von insgesamt 35 000 allgemein bildenden Lehranstalten nur rund tausend eine ganztägige Rundumversorgung, die gerade einmal 4,5 Prozent aller deutschen Schüler genießen. Lediglich im Osten gibt es aus DDR-Zeiten noch viele Schulen mit angeschlossenem Hort und Mittagstisch.
Ursache der geringen Verbreitung sind die höheren Kosten für die Schulträger und auch der Widerwille vieler Lehrer, ihren Nachmittag der Schule zu opfern. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, behauptet denn auch, die Vorschläge gingen "total an den Wünschen der Schüler vorbei". Jahrzehntelang bekämpften zudem konservative Bildungspolitiker die Ganztagsschule als Gefahr für die heilige Institution der Familie.
Ende November hat die CDU nun einen radikalen Schwenk vollzogen. In ihren neuen bildungspolitischen Leitsätzen steht Revolutionäres: "Ganztagesangebote" und "Ganztagsschulen" sollen demnach "schrittweise und bedarfsgerecht ausgeweitet werden". Dies sei unter anderem eine Chance für "mehr Familienfreundlichkeit". JOACHIM MOHR
* In der Grundschule in Jork bei Hamburg.
Von Joachim Mohr

DER SPIEGEL 50/2000
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