11.12.2000

„Ausgeschlafen und glücklich“

Der brandenburgische Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) über den Schulbeginn am frühen Morgen
SPIEGEL: Herr Reiche, bleiben die Schüler in Deutschland unter ihren Leistungsmöglichkeiten, weil sie mitten in der Nacht zum Unterricht gejagt werden?
Reiche: Die Anfangszeit ist sicherlich nur begrenzt für den Lernerfolg erheblich. Grundsätzlich sollte aber der Unterrichtsbeginn mit den leistungsstarken Phasen der Schüler in Einklang gebracht werden. Und die bestimmt der natürliche Biorhythmus.
SPIEGEL: Sie schließen sich also der Forderung von Schlafforschern und Lernpsychologen an, dass die Schule erst um neun Uhr beginnen sollte?
Reiche: Im Augenblick arbeiten wir in Brandenburg erst einmal daran, dass der Schulanfang um acht Uhr zum Regelfall wird. Noch ist die Anreise der Schüler zu ihren Schulen leider vielerorts so organisiert, dass der Unterricht schon um 7.15 Uhr losgehen muss. Ich habe jetzt eine Vorschrift erlassen, nach der die erste Stunde zwischen 7.30 und 8.40 Uhr beginnen muss, empfehle aber einen Schulbeginn gegen 8 Uhr. Davon sollte es dann keine Abweichungen mehr geben - die Organisation muss jedoch der Selbständigkeit der Schulen überlassen werden. Ich halte nichts davon, hier allzu starre Vorgaben zu machen.
SPIEGEL: Gerade im Winter müssen viele Kinder im Dunkeln zur Schule fahren oder laufen. Sehen Sie darin eine Gefahr für deren Sicherheit?
Reiche: Das wird immer ein Problem sein, gerade wenn die Kinder mit dem Rad fahren. Ich kann den Schulen nur empfehlen, im Winter eventuell eine Stunde später zu beginnen. Entschieden werden muss darüber aber vor Ort.
SPIEGEL: In den meisten anderen europäischen Ländern beginnt die Schule gegen halb neun. Warum nimmt Deutschland hier eine Sonderrolle ein?
Reiche: Der Hang zum frühen Aufstehen scheint mir eine deutsche Eigenheit zu sein - eine, die ich nicht besonders schätze. Ich persönlich bin ausgeschlafen wesentlich glücklicher.
SPIEGEL: Wenn die Schule später am Morgen anfinge, müsste zwangsläufig nachmittags mehr Unterricht stattfinden. Glauben Sie, die Ganztagsschule ist das Modell der Zukunft?
Reiche: Ich halte das System der Ganztagsschulen für sinnvoll und entwicklungsfähig, vor allem in einem Flächenland wie Brandenburg mit seinen weiten Anfahrtswegen. Wir haben bereits das dichteste Netz von Ganztagsschulen in der Bundesrepublik - knapp ein Fünftel aller weiterführenden Schulen verfügt über Ganztagsangebote. Darüber hinaus gibt es nachmittags viele Arbeitsgemeinschaften, die die Lehrer zum Teil in ihrer Freizeit organisieren.
SPIEGEL: Ebenso entscheidend wie der spätere Schulbeginn ist für Lernforscher eine geregelte Mittagspause. Können Ihre Ganztagsschulen die gewährleisten?
Reiche: Die Schulträger sind sicherlich gut beraten, wenn sie neben einer dem Biorhythmus angepassten Anfangszeit auch eine Pausenbetreuung und ein Mittagessen anbieten. An vielen Schulen gibt es schon Mittagessen. Das wird von den Kommunen subventioniert, ist allerdings ohne finanzielle Beteiligung der Eltern nicht zu machen.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass sich das Modell Ganztagsschule - mit späterem Unterrichtsbeginn - bundesweit durchsetzen wird?
Reiche: Zumindest sollte das Angebot an Ganztagsbetreuung überall bedarfsgerecht sein. Allen Schülern und Eltern, die eine Ganztagsschule wünschen, sollte diese Möglichkeit gegeben werden.
SPIEGEL: Wie kommen Ihre eigenen Kinder mit dem frühen Aufstehen zurecht?
Reiche: Meine 16-jährige Tochter geht im Moment in England zur Schule. Die findet es toll, dass sie erst um neun da sein muss. INTERVIEW: JULIA KOCH
Von Julia Koch

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