11.12.2000

Grüne Armee

Mit einer Einheitstracht wollen Eltern und Lehrer einer Hamburger Schulklasse den Markenwahn der Kids brechen. Der Erfolg überrascht sie selbst.
Egal, wie sich Jan-Erik jeden Morgen ins Zeug legte - Spaß hat die Schule dem Zehnjährigen nicht gemacht: "Die anderen haben mich gepiesackt und ausgelacht", sogar verprügelt wurde der Junge. Einziger Grund: Weil er "mit Aldi-Klamotten" ohne Nobel-Label in die Klasse kam.
Jetzt aber ist der Gemobbte nicht länger Außenseiter und kann es selbst kaum glauben. "Alles bloß wegen eines grünen Pullovers."
Der 35-Mark-Pulli, der Jan-Eriks Schultag erträglicher gemacht hat, ist Pflicht für die Schüler der Klasse 5 b der Haupt- und Realschule Sinstorf am Südrand von Hamburg. Alle Eltern haben zugestimmt, ihre Kinder nur noch in diesem Sweatshirt mit Schulemblem zum Unterricht zu schicken - ein beherzter Versuch, sich nicht länger von "Nike", "Adidas" und "Helly Hansen" zum Klassenkampf treiben zu lassen.
Das Projekt könnte auch bundesweit zum Modell werden. Denn was auf den Pausenhöfen deutscher Schulen passiert, "kann man sich als normaler Mensch gar nicht vorstellen", klagt Karin Brose, Klassenlehrerin der 5 b. Wer beim Prestige-Wettbewerb mit In-Klamotten nicht mitbalzen könne, werde konsequent ausgeschlossen.
Kinder setzen deshalb ihre Eltern unter massiven Druck: "Ich hatte hier schon einen hilflosen Vater, dem die Tochter immer neue Sachen abpresste. Für sie kaufte er 190-Mark-Treter, selbst hatte er noch nie so teure Schuhe besessen", erzählt Schulleiter Klaus Damian. "Die Kinder nutzen die Schule als Bühne, sind nur damit beschäftigt, sich selbst zu präsentieren", sagt die Lehrerin. Show-now statt Know-how: Die neuesten Buffalo-Schuhe, die angesagteste Fishbone-Jacke, das trendigste Handy. Brose: "Ich hatte es satt."
Seit der Einführung des Schulshirts hat sich nicht nur das Showlaufen in den Pausen gelegt, die Schüler konzentrieren sich mehr auf den Unterricht und sind ruhiger geworden. "Wir streiten uns auch weniger", gibt Klassensprecherin Melina zu.
Zuerst waren die Kids vom Beschluss der Erwachsenen entsetzt. "Ich fand es blöd, weil ich doch meine schönen Sachen anziehen wollte. Und die Großen haben immer ,Grüne Armee' zu uns gesagt", erinnert sich Sumir. Mittlerweile aber sind viele so überzeugt wie Buruc: "Das müssten alle tragen", meint sie. "Am besten noch eine Hose dazu, dass alles zusammenpasst."
Mit ihrer Initiative haben die Sinstorfer die Debatte um Schuluniformen neu angestoßen. "Ganz fabelhaft" findet Ernst Rösner vom Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund den Versuch. Gerade weil Schulen immer stärker ein eigenes Profil entwickelten, könne mit der Einheitskleidung auch der Stolz auf die Schule wachsen. So wie in der Elite-Lehranstalt Schloss Salem am Bodensee, deren Unterstufenschüler von jeher Schulpullover tragen. "An die Stelle der Marke soll die gemeinschaftliche Identität der ganzen Schule treten. Eine richtige Corporate Identity", hofft auch der Sinstorfer Elternratsvorsitzende Peter Reber. Der Vater verspricht sich noch mehr Vorteile: "Es wird sich wohl kaum einer vormittags im Schulshirt in die Daddelhalle trauen."
Sie wollten etwas gegen die Konsumzwänge tun, sagen die Eltern, anstatt sie hinzunehmen wie das Oberverwaltungsgericht Lüneburg. Das verpflichtete die Stadt Delmenhorst, dem Kind einer Sozialhilfeempfängerin einen teuren Scout-Ranzen zu bezahlen: Es gehöre zur Würde des Menschen, nicht mit einem Billigprodukt aus dem Rahmen fallen zu müssen.
Der Hamburger CDU-Politiker Klaus-Peter Hesse will mit der flächendeckenden Einführung von Schuluniformen die Protzspirale brechen. Mit diesem Schritt ließe sich auch das "Abziehen" eindämmen, den unter Jugendlichen weit verbreiteten Klau teurer Kleidung, argumentiert er. Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen von 1998 belegt: Ein Drittel aller Neuntklässler in Hamburg hat Angst vor dem Abziehen. 35 Prozent gaben an, bereits Opfer von Übergriffen im Raum der Schule geworden zu sein.
Doch trotz der Probleme an den Schulen sind Uniformen für viele Kultusminister kein Thema. "In Schuluniformen hat man uns nicht mal in den Schulen in der DDR gesteckt", sagt Sachsens Kultusminister Matthias Rößler (CDU). Wer meine, einheitliche Kleidung beseitige den Gruppendruck, mache es sich zu einfach. Seine nordrheinwestfälische Amtskollegin Gabriele Behler (SPD) will das Outfit nicht von Staats wegen vorschreiben. Und Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) hält die Einführung von Uniformen schlicht für "absurd".
Dagegen haben die USA die Tradition der Einheitstracht in vielen Schulbezirken wiederbelebt. Im vergangenen Jahr führte auch die Schulbehörde von New York Uniformen für Grundschüler ein. In Großbritannien und Japan gehören die uniformen Pennäler zum alltäglichen Straßenbild. Das allerdings wäre der Sinstorfer 5 b wohl auch nicht ganz recht. Die Steppkes genießen den Rummel um ihre Klasse. Manuel ist überzeugt: Mit dem Pulli "sind wir berühmter als Helmut Kohl". CORDULA MEYER
Von Cordula Meyer

DER SPIEGEL 50/2000
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